Zu "Die Produktion des Geldes. Ein Plädoyer wider die Macht der Banken" von Ann Pettifor.

Zusammenhang zwischen Geld, Kredit und einer möglichen wirtschaftlichen Krise


Essay, 2020

5 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

In diesem Essay wird das zweite Kapitel des auf Deutsch übersetzten Buches „Die Produktion des Geldes. Ein Plädoyer wider die Macht der Banken“ von Ann Pettifor thematisiert. Es soll erläutert werden, wie das Geldsystem funktioniert und welcher Zusammenhang zwischen Geld, Kredit und einer möglichen wirtschaftlichen Krise besteht.

In Kapitel 2 widmet sich die Autorin dem Thema, wie Geld überhaupt entsteht bzw. von Banken geschöpft wird. Die Ökonomin Ann Pettifor geht zunächst auf die zwei gegenläufigen Ansätze zur Erklärung des Finanzsystems ein. Dies sind auf der einen Seite die orthodoxen bzw. neoklassischen Theorien und auf der anderen Seite die modernen keynesianischen oder minskyschen Theorien. Laut den Vertreterinnen und Vertretern der orthodoxen oder neoklassischen Schule kann Geld selbst als eine Ware angesehen werden, welches analog zu anderen Gütern getauscht und verliehen werden kann. Diese Transaktion läuft über Banken, die, den klassischen Ansätzen folgend, als reine Vermittler zwischen Sparerinnen und Sparern und Kreditnehmerinnen und Kreditnehmern fungieren (vgl. Pettifor 2018, S. 41). Der Finanzmarkt verhält sich laut den neoklassischen Ökonominnen und Ökonomen also genau wie ein Gütermarkt. Durch Angebot und Nachfrage kommt ein Preis für das Verleihen von Geld zustande, der sogenannte Zinssatz (vgl. Pettifor 2018, S. 41). Konträr zu der Ansicht, dass Geld ein knappes Gut ist, beschreiben die modernen keynesianischen oder minskyschen Ansätze, dass Geld immer ausreichend vorhanden ist und quasi unbegrenzt geschöpft werden kann (vgl. Pettifor 2018, S. 42). Der entscheidendste Unterschied ist, dass das Geld (den modernen Theorien folgend) nicht als Ware angesehen wird (vgl. Pettifor 2018, S. 44). Der Zinssatz, also der Preis für das Verleihen von Geld, wird als ein soziales Konstrukt angesehen (vgl. Pettifor 2018, S. 43). Gemeint ist, dass das Verleihen von Geld immer eine soziale Beziehung zwischen mindestens zwei Teilnehmerinnen bzw. Teilnehmern ist, die auf dem Vertrauen beruht, dass das verliehene Geld in der Zukunft zurückgezahlt wird. Je größer das Vertrauen der Gläubigerin oder des Gläubigers ist, desto niedriger wird der Zinssatz festgeschrieben und umgekehrt. Ohne ein derartiges Vertrauen würde also das gesamte Geldsystem nicht funktionieren (vgl. Pettifor 2018, S. 44). Ein wichtiger Aspekt der Geldwirtschaft ist, dass das Ersparte nicht notwendig ist, um Investitionen (Kredite) zu finanzieren. Dies scheint im ersten Moment vielleicht etwas kontraintuitiv. Geld muss also nicht erst vorhanden sein, um dieses weiterverleihen zu können. Doch wie genau funktioniert dieser Geldschöpfungsprozess aus dem Nichts? Pettifor (2018) beschreibt, dass „jedem gesparten Penny eine Schuld in gleicher Höhe gegenüberstehen muss“ (vgl. Pettifor 2018, S. 46). Die Erklärung dafür ist, dass jedes Unternehmen und somit auch jede Bank eine ausgeglichene Bilanz haben muss. Dies soll im Folgenden kurz konkretisiert werden: der Kredit, den ein Kreditnehmer oder eine Kreditnehmerin von einer Geschäftsbank erhält, taucht auf beiden Seiten der Bilanz auf. Die erhaltene Summe ist durch den Darlehensvertrag die Forderung der Kreditnehmer / Kreditnehmerinnen und zugleich eine Verbindlichkeit, da der Kredit mitsamt Zinsen an die Bank zurückgezahlt werden muss. Die Bilanz der Bank muss ebenfalls immer ausgeglichen sein: Die ausgestellte Summe an den Kreditnehmer bzw. an die Kreditnehmerin ist die Verbindlichkeit der Bank und das zurückzuzahlende Geld mitsamt Zinsen die Forderung. Die Einlage der Bank bei der Zentralbank ist zugleich eine Verbindlichkeit der Bank und so weiter. Diese finanziellen Beziehungen, die durch Kreditverträge oder Einlagen zustande kommen, sind also elementar für das bestehende Geldsystem. Neues Geld kann nur geschöpft werden, wenn stets neue Kredite vergeben werden. Werden im Umkehrschluss also weniger Kredite aufgenommen, führt dies dazu, dass weniger Geld geschöpft wird und somit im Umlauf ist (vgl. Pettifor 2018, S. 48), was gleichermaßen bedeuten würde, dass durch das schrumpfende Kapital auch Preise, Löhne und Einkommen sinken. Sinkende Preise schmälern den Gewinn von Unternehmern und Unternehmerinnen, weshalb diese vermutlich Arbeitsplätze kürzen würden (vgl. Pettifor 2018, S. 48). Durch eine erhöhte Arbeitslosigkeit würde weniger Geld für Konsum zur Verfügung stehen und die Kreditnachfrage würde noch weiter zurück gehen, was schließlich zu einer wirtschaftlichen Depression führen würde (vgl. Pettifor 2018, S. 49). Ein funktionierendes Geldsystem ist also fundamental für wirtschaftliche Stabilität und wirtschaftliches Wachstum. Große Projekte, wie zum Beispiel kostenloste Bildungsangebote und ein kostenloses Gesundheitssystem für die Bevölkerung, können also mit einem funktionierenden Geldsystem durch Finanzierung realisiert werden, obwohl das vorhandene Ersparte der gesamten Volkswirtschaft für diese Ausgaben gar nicht ausreichen würde (vgl. Pettifor 2018, S. 49). Auf den bisherigen Feststellungen aufbauend, könnte man nun also die Frage stellen, wie es überhaupt zu Finanzkrisen und Bankrotten kommen kann, wenn Banken ihr Geld doch stets neu schöpfen können. Dies kann vor allem dann passieren, wenn die Bank ihre jeweiligen Verbindlichkeiten nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt haben (vgl. Pettifor 2018, S. 55). Die Verbindlichkeit der Bank sind unter anderem die Spareinlagen der Kundinnen und Kunden (vgl. Pettifor 2018, S. 56). An dieser Stelle ist es von Relevanz zu betonen, dass es sich bei neu geschöpftem Geld durch Kredite in den meisten Fällen um reines Buchgeld handelt, also vereinfacht ausgedrückt: um Zahlen, die in einen Computer eingegeben werden (vgl. Pettifor 2018, S. 52). Wenn nun aber eine Kundin oder ein Kunde physisches Geld abheben möchte, steht die Bank in der Verpflichtung dieses Geld zur Verfügung zu stellen. Allerdings können nur die zuständigen Zentralbanken Banknoten und Münzen in physischer Form herausgeben (vgl. Pettifor 2018, S. 52). Diese stellen den Geschäftsbanken Reserven zur Verfügung und belasten gleichermaßen die Konten der Banken, die Zahlungen tätigen (vgl. Pettifor 2018, S. 56). Solange die Bilanz ausgeglichen ist, funktioniert das Bankensystem. Sollten nun aber die Verbindlichkeiten der jeweiligen Bank die Vermögenswerte übersteigen, kommt es zu einer Kettenreaktion: Wenn die Öffentlichkeit erfährt, dass eine Bank finanzielle Schwierigkeiten hat, würde dies dazu führen, dass alle Sparerinnen und Sparer ihr Guthaben schnellstmöglich abheben möchten (vgl. Pettifor 2018, S. 57). Da dies weitere Verbindlichkeiten für die Bank sind und es schlicht und einfach nicht genügend physisches Geld als Reserve gibt, um zeitgleich das gesamte Guthaben auszuzahlen, steht die Bank vor ihrem Bankrott. Pettifor (2018) spricht von einem „deregulierten Finanzsystem“ (Pettifor 2018, S. 58), welches es Banken ermöglicht, stets neue Kredite und damit neues Geld zu schöpfen, unabhängig von dem Verwendungszweck des verliehenen Geldes (zweckmäßige, einkommenserzeugenden Tätigkeiten vs. Spekulationen). Das Resultat von unkontrollierter Kreditneuschöpfung ist die Inflation von Vermögenswerten, Preisen und Löhnen, die Anhäufung von neuen Schulden und folglich ein weitreichender Zusammenbruch des Finanzsystems (vgl. Pettifor 2018, S. 60-61). Der Finanzsektor könnte sich also potenziell in zwei katastrophale Richtungen entwickeln, die den Zusammenbruch des Finanzsystems mit sich bringen würden: zum einen in eine stetige Inflation, wenn die ungebremste Kreditaufnahme von Kreditnehmerinnen und Kreditnehmern zu einer überhöhtem Geldmenge führt, die sich auf verhältnismäßig wenige Waren und Dienstleistungen erstrecken kann; und zum anderen die stetige Deflation, wenn aus Angst vor der Zukunft niemand mehr Kredite aufnehmen möchte (vgl. Pettifor 2018, S. 63). Eine der Hauptaufgaben der Zentralbanken besteht also darin, für eine Geldwertstabilität zu sorgen. Diese komplexe Verantwortung kann durch einen geregelten Prozess von Kreditneuvergabe und eine Festsetzung der Zinssätze realisiert werden (vgl. Pettifor 2018, S. 64).

Bisher lag der Hauptfokus der Analysen auf dem Kreditsystem, vom dem hauptsächlich die Banken profitieren. Allerdings ist die ständige Kreditaufnahmemöglichkeit gleichermaßen wichtig für die Wirtschaft, was im Folgenden näher erläutert werden soll. Wie bereits erwähnt sind Kredite notwendig, um große Investitionen zu tätigen. Unternehmerinnen und Unternehmer nehmen also Kapitalschulden auf, um ihre Kreativität und Innovationen in der Wirtschaft umsetzen zu können. Durch die umgesetzten Innovationen ergeben sich für Unternehmerinnen und Unternehmer wiederum neue Anreize, weitere Kredite aufzunehmen, um sich gegen die Konkurrenz auf dem Markt durchsetzen zu können, was dazu führt, dass diese einen (langfristigen) Wettbewerbsvorteil genießen.

Aufgrund dessen lässt sich festhalten, dass das bestehende Kreditsystem also äußerst dynamisierend wirkt und Unternehmerinnen und Unternehmer systembedingt stets neue Kredite aufnehmen, um eine neue, innovative Produktion umzusetzen und diese auf den Markt zu bringen. Darüber hinaus ist es Unternehmerinnen und Unternehmern durch Kreditaufnahme möglich, auf bereits produzierte Ressourcen oder Produkte zuzugreifen und die jeweilige Konkurrentin oder den jeweiligen Konkurrenten durch innovative Modernisierung eine gewisse Entwertung ihrer Fähigkeiten bzw. ihres Eigentums anzudrohen.

Durch diesen Effekt ist es auch für Unternehmerinnen und Unternehmer von sehr hohem Interesse stets neue Kapitalschulden aufzunehmen, um Innovationen hervorzubringen und sich durch einen Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz durchzusetzen.

Zusammenfassend lässt sich nun also festhalten, dass Geld dann entsteht, wenn Kredite und somit Schulden geschaffen werden. Die Vergabe von neuen Krediten ist sowohl für die Banken als auch für Unternehmerinnen und Unternehmer von fundamentaler Wichtigkeit. Ohne ein funktionierendes Geldsystem, welches große Investitionen ermöglicht, würde es zu einer volkswirtschaftlichen Depression kommen. Problematisch ist die Geldschöpfung durch Kredite aber dann, wenn die Banken ihre Verbindlichkeiten aus den Augen verlieren: sobald die Öffentlichkeit erfährt, wie es um die finanzielle Situation der jeweiligen Bank steht, würden alle Sparerinnen und Sparer versuchen, sich ihr Geld auszahlen zu lassen, was schließlich zu noch größeren Verbindlichkeiten der Bank und ihrem Bankrott führen würde. Zentralbanken stehen also vor der Aufgabe, für Geldwertstabilität zu sorgen und somit sowohl inflationären als auch deflationären Entwicklungen entgegen zu wirken. Die Expansion des Geldsystems erfordert also eine ständige Neuvergabe von Krediten an Privatpersonen und Unternehmerinnen bzw. Unternehmer.

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Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Zu "Die Produktion des Geldes. Ein Plädoyer wider die Macht der Banken" von Ann Pettifor.
Untertitel
Zusammenhang zwischen Geld, Kredit und einer möglichen wirtschaftlichen Krise
Hochschule
Universität Kassel
Note
2,0
Jahr
2020
Seiten
5
Katalognummer
V899721
ISBN (eBook)
9783346191823
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Essay, Die Produktion des Geldes. Ein Plädoyer wider die Macht der Banken, Ann Pettifor, Geldsystem, Geld, Kredit, Krise, Wirtschaft, Soziologie, Soziologie des Geldes
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Zu "Die Produktion des Geldes. Ein Plädoyer wider die Macht der Banken" von Ann Pettifor., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/899721

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