Gesellschaftliche Beschleunigung nach Hartmut Rosa als Ursache von Demokratiekrisen. Herausforderungen moderner Demokratien


Hausarbeit, 2020

27 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Exposé

Einleitung
Die Beschleunigung der Gesellschaft (nach Rosa)
Die drei Dimensionen der Beschleunigung
Das Problem der Desynchronisation (nach Rosa)
Die Desynchronisation zwischen technologiebasierten und politischen Teilsystemen
Die Beschleunigungs- und Desynchronisationstheorie als Erklärung für eine ,Krise der Demokratie‘
Rosas Demokratiekonzeption
Rosas Krisendiagnose
Infragestellung der Krisendiagnose und alternative Deutungsansätze
Die Unmöglichkeit einer einheitlichen Definition
Die Demokratiekrise im öffentlichen, empirischen und wissenschaftlichen Diskurs
Das Konzept der ,eingebetteten Demokratie‘ (nach Merkel)
Die Herausforderungen der ,eingebetteten Demokratie‘ (nach Merkel)

Schluss
Einordnung: Keine Krise, aber massive Herausforderungen

Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Exposé

Die vorliegende Arbeit behandelt die von dem Soziologen Hartmut Rosa aufgestellte Theorie der gesellschaftlichen Beschleunigung, wobei ein besonderes Augenmerk auf seine Thesen zur Desynchronisation zwischen technologiebasierten Prozessen und Systemen und der Politik gelegt wird. Anschließend wird geprüft, inwiefern diese Theorien zur Erklärung einer möglichen ‚Demokratiekrise‘ geeignet sind, oder aber eine solche – entgegen Rosas Thesen – gar nicht existent ist. In diesem Zusammenhang wird sowohl auf den öffentlichen und wissenschaftlichen Diskurs zu diesem Thema als auch auf die empirische Demokratieforschung eingegangen. Unter anderem durch die Hinzuziehung von Wolfgang Merkels Konzeption der ‚eingebetteten Demokratie‘ ergibt sich sodann der Schluss, moderne Demokratien seien zwar auf diversen Ebenen herausgefordert, nicht jedoch in ihrem grundsätzlichen Bestehen gefährdet.

Damit reiht sich das Ergebnis dieser Arbeit in eine Vielzahl von aktuellen wissenschaftlichen Publikationen ein, welche die empirische Ausprägung moderner Demokratien für defizitär halten, gleichzeitig aber Weiterentwicklungs- und Verbesserungspotenziale sehen, die zukünftig erschlossen werden könnten und sollten. Interpretiert man die Demokratie als von kritischen und partizipierenden Bürger*innen getragene Gesellschafts- und Regierungsform, werden der Nutzen besagter Forschungen und die Wichtigkeit der weiten Verbreitung ihrer Ergebnisse ersichtlich.

Einleitung

Zeit – eine Dimension, die unser aller Leben täglich prägt, wenn nicht gar bestimmt, der sich niemand entziehen und die kaum jemand greifen kann.

In unserem Jahrhundert scheint diese Ressource Vielen zu einer Mangelware geworden zu sein. Die Zeit vergeht wie im Flug und läuft uns davon, sie drängt und wird knapp, lässt sich weder anhalten noch zurückdrehen. Stattdessen scheint sie sich über die Jahrhunderte und besonders stark seit Beginn der Moderne immer stärker zu beschleunigen bzw. zu verdichten: Die heutige Vielfalt an Optionen geht einher mit einem nie dagewesenen Druck, möglichst viele dieser Möglichkeiten auch (aus-) zu nutzen. Steigerungslogik und Wachstumsdrang wirken als Triebkräfte menschlicher Innovationskraft, sodass insbesondere im technologischen Bereich eine Erfindung die Nächste jagt. Viele davon ermöglichen eine Zeiteinsparung, die jedoch aufgrund eines ebenso raschen Wandels von Werten, Ansprüchen, Verhaltensmustern und Lebensstilen nicht zum Tragen kommen kann (vgl. Rosa 2012b: 190–200). Unter Berücksichtigung all dieser Entwicklungen, lässt sich der beherrschende Trend unserer Zeit mit Thomas H. Eriksons Worten auf den Punkt bringen: “Modernity is speed“ (Erikson 2001: 159; Herv.i.O.).

Im Verbund miteinander führen technische und soziale Beschleunigung zu einer radikalen Akzeleration des gesamten Lebenstempos, wodurch moderne Gesellschaften in Beschleunigungsgesellschaften verwandelt werden – so die Theorie des Soziologen Hartmut Rosa (vgl. Rosa 2012a ; vgl. Rosa 2012b ; vgl. Rosa 2013 ; vgl. Rosa 2016), die ich im ersten Teil dieser Arbeit vorstellen möchte.

Im Anschluss daran folgen seine Thesen zur sogenannten Desynchronisation der Gesellschaft, welche durch die nähere Betrachtung des Verhältnisses zwischen technologiebasierten, sich rasch beschleunigenden Systemen und der langsameren, beschleunigungsresistenten Politik konkretisiert werden.

Das anschließende Kapitel wird sich mit den daraus resultierenden – laut Rosa krisenhaften – Konsequenzen für die Politik und insbesondere für die europäischen Demokratien der Gegenwart beschäftigen.

Da eine solche Diagnose einer ‚Krise der Demokratie‘ keineswegs unumstritten ist, folgt ein kurzer Überblick über drei Diskursstränge bezüglich ihrer Existenz und Ausgestaltung, die vom Politikwissenschaftler Wolfgang Merkel identifiziert wurden. Auf der Grundlage seines Konzepts der ,eingebetteten Demokratie‘ wird anschließend argumentiert, dass die aktuellen Entwicklungen vielmehr als Herausforderungen, denn als Krise(n) moderner Demokratien verstanden werden können und zudem nicht allein durch das beschleunigte Lebenstempo moderner Gesellschaften zu erklären sind.

Zusammengefasst interessiert sich diese Arbeit folglich für Rosas Theorien zur Beschleunigung der Gesellschaft und Desynchronisation der Systeme und fragt nach der Stichhaltigkeit seiner, auf moderne Demokratien bezogenen Krisendiagnose. Sind die zu beobachtenden politischen und gesellschaftlichen Phänomene Symptome einer solchen Krise oder lediglich Herausforderungen eines an sich funktionierenden Systems? Existieren neben Rosas Theorien alternative Ansätze, um besagte Entwicklungen zu erklären und zu deuten?

Hauptteil

Die Beschleunigung der Gesellschaft (nach Rosa)

Laut Rosa wird das menschliche Selbstverständnis und Handeln maßgeblich durch die zeitlichen Strukturen der Gesellschaft, in welcher wir aufwachsen und leben, beeinflusst (vgl. Rosa 2016: 42–44). Demnach würde unser aller Lebensstil eng mit der Art und Weise der individuellen Zeitgestaltung zusammenhängen, wobei die Entscheidungen über Letztere nur bis zu einem gewissen Grad in unserer Macht lägen. Ursache dafür sei der kollektive Charakter von Temporalstrukturen, denn diese bezögen sich nicht nur auf einzelne Individuen, sondern auf die gesamte Gesellschaft. Mit Blick auf marktwirtschaftliche Gegenwartsgesellschaften diagnostiziert Rosa nun eine fortschreitende Akzeleration vieler (wenn auch nicht aller) Lebensbereiche (vgl. Rosa 2012a: 112–138). In diesem Sinne sei die „Geschichte der Moderne mehr als alles andere eine Beschleunigungsgeschichte “ (Rosa 2012b: 197; Herv.i.O.), was bedeutet, dass die Strukturen in modernen Gesellschaften in vielerlei Hinsicht durch besagte Akzelerationserfahrungen geformt wurden und geprägt sind.

Solche Beschleunigungsprozesse seien keineswegs ausschließlich moderne Erscheinungen, sondern würden ein Phänomen bezeichnen, das bereits im 18. Jahrhundert begonnen und sich phasenweise unterschiedlich stark ausprägt habe (vgl. Rosa 2013: 25f.). Alle vorhergehenden Beschleunigungsprozesse würden jedoch im Angesicht der exponentiellen Steigerungstendenzen, die sich in modernen Gesellschaften beobachten ließen, verblassen. Als besonders eindrückliche Beispiele führt Rosa das beschleunigte Wachstum der Weltbevölkerung an (vgl. Rosa 2012a: 116f.) und bezieht sich zudem auf Geißler, der eine Beschleunigung des Personenverkehrs um den Faktor 102, der Datenverarbeitung um 106 und der Kommunikation um 107 konstatiert (vgl. Geißler 1999: 89). Ganz besonders eindrücklich seien die, in immer kürzeren Zeitabschnitten erfolgenden Innovationen im technologischen Bereich: Während das Rundfunkgerät noch ganze 38 Jahre benötigte, um 50 Millionen Verbraucher zu erreichen, habe sich das gut 25 Jahre später eingeführte Fernsehen dieselbe Nutzerschaft in 13, das Internet in lediglich vier Jahren erschlossen (vgl. Rosa 2012b: 192). Vor diesem Hintergrund erscheint die Prognose von Raymond Kurzweil, Director of Engineering bei Google, keineswegs abwegig: Er geht für das 21. Jahrhundert von einer Zunahme technischer Fortschritte, welche jenen der Menschheit in den vergangenen 20.000 Jahren entspricht, aus (vgl. Kurzweil 2001).

In seiner abstrakten, extensiven Definition von Beschleunigung spricht Rosa von einer „ Mengenzunahme pro Zeiteinheit“ (Rosa 2012a: 115; Herv.i.O.). Als ‚Menge‘ gelten hierbei alle Dinge, die sich in irgendeiner Art und Weise quantifizieren lassen, beispielsweise die Häufigkeit und der Umfang von Kommunikation, die Menge an hergestellten Waren, die Dauer der Erwerbstätigkeit oder auch die Anzahl an Handlungen und zwischenmenschlichen Kontakten innerhalb einer bestimmten temporalen Episode (vgl. Rosa 2012a: 115).

Die drei Dimensionen der Beschleunigung

Zentral für das kategoriale Grundgerüst von Rosas Theorie ist seine Unterscheidung zwischen drei Beschleunigungsdimensionen, die gemeinsam den von ihm so bezeichneten „Beschleunigungszirkel“ konstituieren: Die „Technische Beschleunigung“ und die „Beschleunigung des sozialen Wandels“ würden demnach im Verbund miteinander eine „Beschleunigung des Lebenstempos“ (Rosa 2013: 44) bedingen.

Als am deutlichsten messbare, erste Dimension nennt Rosa die zunehmende technologische Beschleunigung, welche er definiert als „die intentionale Steigerung der Geschwindigkeit zielgerichteter Transport-, Kommunikations- und Produktionsprozesse“ (Rosa 2013: 20; Herv.i.O.). Diese Beschleunigung wirke sich nicht ausschließlich, aber besonders stark auf das ökonomische Teilsystem aus, wobei der Logik „Zeit ist Geld“ (Rosa 2012a: 309) gefolgt werden würde1: Beschleunigte (Arbeits-) Prozesse wirkten sich demnach günstig auf die Umsatz- und Gewinnentwicklung aus.

Diese Dimension allein könne jedoch nicht zufriedenstellend erklären, warum moderne Industriegesellschaften zunehmend unter kollektiver Zeitnot und Hektik zu leiden scheinen, da technische Innovationen grundsätzlich erst einmal Zeitgewinne ermöglichten (vgl. Rosa 2012a: 116–118). Beispiele hierfür sind Erfindungen wie die Eisenbahn (bzw. die Dampfmaschine), Personenkraftfahrzeuge und Flugzeuge, welche die Überwindung von Distanzen beschleunigen. Ebenso zählen die durch Mailverkehr und Telefonie erleichterte Informationsübermittlung sowie die mithilfe computergestützter Systeme beschleunigte (parallele) Ausführung mehrerer Arbeitsprozesse dazu.

Aus diesem Grund müsse eine zweite Beschleunigungsdimension definiert werden, die – auch wenn sie in der Vergangenheit häufig mit technologischen Wandlungsprozessen einherging – strikt von diesen zu trennen ist: Die Beschleunigung des sozialen Wandels (vgl. Rosa 2012a: 129). Hier beschränke sich die Geschwindigkeitssteigerung nicht mehr allein auf (einzelne) Prozesse innerhalb der Gesellschaft, sondern beziehe sich auf eine Beschleunigung der Gesellschaft in ihrer Gesamtheit. Soziale Institutionen, Werte, Normen, Lebensstile und Beziehungen seien im Wandel begriffen, und weil die Veränderungsraten sich fortschreitend verkürzten, könne auch hier von einer exponentiellen Beschleunigung gesprochen werden (vgl. Rosa 2013: 22–24).

Der Schwierigkeit, Indikatoren zur empirischen Messung dieser Akzelerationsraten zu definieren, begegnet Rosa durch seine Bezugnahme auf den von Hermann Lübbe eingeführten und unter anderem von Luhmann geprägten Terminus der „Gegenwartsschrumpfung“ (Rosa 2013: 23). Dieser Begriff bezeichnet eine Veränderung der Weise, in welcher die Menschen (ihre) Zeit wahrnehmen: Die Gegenwart als relativ stabile und einschätzbare Zeitspanne würde sich scheinbar immer weiter verkürzen, wodurch Orientierung und Verlässlichkeit verloren gingen. Gleichzeitig dehnten sich sowohl die unveränderliche Vergangenheit als auch die ungewisse Zukunft beständig aus, sodass vormalig einschätzbare Zustände durch immer raschere und umfassendere Veränderungsprozesse und den damit einhergehenden Anpassungsdruck ersetzt werden würden (vgl. Rosa 2012b: 192f. ; vgl. a. Lübbe 1998: 129–164 ; vgl. a. Luhmann 1997: 1073).

Laut Rosa fungiert die funktionale Differenzierung der Gesellschaft als „sozialstrukturelle[r] Motor“ (Rosa 2012a: 309), das heißt als die maßgebliche Antriebskraft dieser Akzeleration. Die Ausbildung von Teilsystemen und die damit zusammenhängende Arbeitsteilung und Effizienzsteigerung wird als marktwirtschaftlichen Gegenwartsgesellschaften strukturell innewohnendes Prinzip interpretiert; das gesamte System folge demnach unweigerlich einer stetigen Steigerungslogik (vgl. Rosa 2012b: 350–353).

Laut Rosa führen die beiden beschriebenen Beschleunigungsdimensionen im Ergebnis zu einer „ Beschleunigung des Tempos des (sozialen) Lebens, womit eine „ Steigerung der Zahl an Handlungs- oder Erlebnisepisoden pro Zeiteinheit “ (Rosa 2013: 27; Herv.i.O.) gemeint ist. Die „Verheißung der Beschleunigung“ fungiere als „kulturelle[r] Motor“ (Rosa 2012a: 309) und könne in diesem Sinne als das ,zentrale Versprechen der Moderne‘ bezeichnet werden. In Bezugnahme auf Jürgen Habermas (1987: ,A Philosophical Discourse of Modernity‘) und Charles Taylor (1989: ,Sources of the Self: The Making of the Modern Identity‘) versteht Rosa darunter die den Menschen motivierende Aussicht, sich von den Beschränkungen, die ihm durch natürliche Gegebenheiten, aber auch durch sozialkonstruierte Traditionen und Ungerechtigkeiten auferlegt sind, zu befreien. Dieser Versuch könne jedoch nur durch stetiges Wachstum erfolgreich sein, weswegen eine Gesellschaft zur Generierung von kollektivem Wohlstand und der Gewährleistung individueller Freiheit geradezu gezwungen wäre, einer strikten Steigerungslogik zu folgen (vgl. Rosa 2005: 458f.).

Die daraus resultierenden Beschleunigungsphänomene würden auf subjektiver Ebene messbar werden durch das kollektive Gefühl von Mitgliedern moderner Gesellschaften, unter einem ständigen Mangel an der Ressource Zeit zu leiden (vgl. Rosa 2012a: 214f.).

In objektiver Hinsicht ließe die zunehmende Geschwindigkeit des Lebens sich beispielsweise durch eine nachweisbare Verkürzung der Dauer bestimmter alltäglicher Handlungen messen (allerdings weist Rosa auf bestimmte Ausnahmen und Interpretationsschwierigkeiten hin, die an dieser Stelle nicht vertiefend besprochen werden können, vgl. dazu Rosa 2012a: 199–213).

Ein zweiter objektiver Messansatz bezieht sich auf die in Gegenwartsgesellschaften zu beobachtende Tendenz, in der gleichen Zeitspanne eine größere bzw. in kürzerer Zeit dieselbe Anzahl an Aufgaben zu erfüllen und dabei mehrere Aktivitäten zeitgleich auszuführen (vgl. Rosa 2013: 29f.).

Rosa bezieht sich zudem auf Robert Levine, der eine andere mögliche Messmethode konzipierte: Anhand diverser Indikatoren zur Messung des Lebenstempos ordnet Levine 31 Länder in einer Art Geschwindigkeits-Hierarchie an, wobei sein Forschungsergebnis, das die oberen Plätze hochgradig industrialisierten Ländern zuweist, während sich weniger stark industrialisierte Länder durch ein geringeres Gesamttempo auszeichnen, Rosas Thesen stützt (vgl. Rosa 2012a: 195–197 ; vgl. a. Levine 1999).

Festzuhalten ist, dass besagtes Zusammenspiel der drei Beschleunigungsdimensionen nach Rosas Argumentation essentiell ist, um moderne Gesellschaften als Beschleunigungsgesellschaften definieren zu können, denn da eine technologische Weiterentwicklung theoretisch zu Zeitersparnissen führen müsste, lasse sich die empfundene kollektive Zeitknappheit durch eine isolierte Betrachtung der ersten Dimension nicht zufriedenstellend erklären. Erst durch die Einbeziehung der Tatsache, dass sich technologische, wirtschaftliche, wissenschaftliche und soziale Veränderungsprozesse in immer kürzeren Zeitraten abspielen, werde deutlich, dass sich das gesamte Lebenstempo moderner Gesellschaften in zunehmendem Maße steigere (vgl. Rosa 2013: 30–33).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Eigene Darstellung des Beschleunigungszirkels nach Rosa (Rosa 2013: 44).

Das Problem der Desynchronisation (nach Rosa)

Nachdem nun deutlich geworden ist, was Rosa mit Beschleunigung meint und warum er sie als zentrales Charakteristikum unserer gegenwärtigen Gesellschaft betrachtet, stellt sich die Frage, warum er darin ein problematisches Gefährdungspotenzial erkennt.

Seiner Ansicht nach liegt das Problem keineswegs in der technischen Beschleunigung an sich begründet, sondern in dem Missverhältnis der Beschleunigungsgrade unterschiedlicher gesellschaftlicher Teilsysteme (vgl. Rosa 2013: 101–104). Isoliert betrachtet würden technologische Fortschritte den Menschen zahlreiche vorteilhafte Möglichkeiten eröffnen, insbesondere generierten sie einen Zuwachs an Freiheit und Flexibilität. Beschleunigten andere soziale Systeme und Prozesse sich jedoch weniger stark, geriete ihr vormalig synchroner Ablauf aus der Balance, was negative Folgen für das Gesellschaftssystem in seiner Gesamtheit nach sich zöge (vgl. Rosa 2012a: 43–45). Unter Desynchronisation versteht Rosa also einen Zustand, in dem sich einige Prozesse eher und/oder stärker beschleunigen als andere. Dadurch werde auf die Langsameren zwangsläufig ein starker Anpassungsdruck ausgeübt, und da sie diesem nicht in entsprechendem Maß gerecht werden könnten, würde die Funktionsweise des gesamten Systems gehemmt (vgl. Rosa 2013: 99f.). Dieser Mechanismus beschränke sich nicht auf vereinzelte systeminterne Prozesse oder einige wenige Systeme, im Gegenteil sei die Balance zwischen diversen gesellschaftlichen Sphären massiv gestört (vgl. Rosa 2013: 104f.).

Somit sind es die weite Verbreitung, das rasche Tempo und das Übergreifen der Akzelerationsprozesse auf verschiedenste gesellschaftliche Teilsysteme, die Rosas kritische Gesellschaftsdiagnose nähren. Wie angekündigt soll der Fokus dieser Arbeit primär auf dem politischen Teilsystem der Beschleunigungsgesellschaft liegen, weshalb die dort auftretenden Desynchronisationsprozesse nun näher betrachtet werden.

Die Desynchronisation zwischen technologiebasierten und politischen Teilsystemen

Die Politik ist nach der luhmannschen Systemtheorie eines der zentralsten gesellschaftlichen Funktionssysteme, das mit den Übrigen durch eine Vielzahl von Interdependenzen und Interferenzen verknüpft ist (vgl. Krause und Luhmann 2005: 50). Diese Wechselwirkungen sind unterschiedlich eng und folgenschwer, sodass die infolge der Beschleunigungsprozesse auftretenden Missverhältnisse zwischen einigen Systemen weitaus fataler sind als die zwischen anderen. Rosa hält die fehlende Balance zwischen politischen und technologiebasierten Prozessen und Systemen für besonders problematisch, weil die exponentielle Beschleunigung Letzterer im starken Kontrast zum langsamen Tempo Ersterer stehe – die zur demokratischen Willensbildung benötigte Zeit lasse sich eben kaum verkürzen (vgl. Rosa 2013: 101f.). Altkanzler Helmut Schmidt brachte diesen Umstand in einem ZEIT-Interview prägnant auf den Punkt: „Das Schneckentempo ist das normale Tempo jeder Demokratie“ (Joffe und Naumann 2003)2.

Als Folge daraus verlöre die politische Steuerungsfunktion als elementarer Mechanismus demokratischer Gesellschaften zunehmend an Wirksamkeit, da die Politik zur Definition der Entwicklungsrichtung und des Handlungsrahmens der anderen gesellschaftlichen Teilsysteme kaum mehr in der Lage wäre (vgl. Rosa 2013: 102–105).

Im Zuge der ausgesprochen starken technologischen Beschleunigung wäre die nötige „sehr spezifische Verankerung der Politik in der Zeit“ (Rosa 2013: 102) schrittweise erodiert, was bedeute, dass politische Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse nicht mehr im Einklang mit sozioökonomischen und soziokulturellen Prozessen stünden oder auch nur theoretisch gebracht werden könnten.

In modernen freiheitlichen Staaten komme es infolge der zunehmenden sozialen Heterogenität und der sich rasch verändernden Umwelt sogar noch zu einer Verschärfung dieser Problematik: Je mehr Pluralismus in einer Gesellschaft herrsche und je instabiler und wandelbarer die sie prägenden und auf sie einwirkenden Bedingungen seien, desto langwieriger würden sich ihre demokratischen Prozesse gestalten (vgl. Rosa 2012b: 365–368). Dementsprechend bliebe das der Politik inhärente Tempo nicht konstant (was schon problematisch genug wäre), sondern würde sich verlangsamen, was die Differenz zu stark beschleunigten Teilsystemen zusätzlich erhöhe (vgl. Rosa 2013: 102–104).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Eigene Darstellung des Wirkzusammenhangs nach Rosa (Rosa 2013: 103; Herv.i.O.).

Mit Blick auf die historische Entwicklung konstatiert Rosa, dass politische Steuerung in der Früh- und Hochmoderne erfolgreich als Instrument zur Herstellung und Förderung sozialer Beschleunigungsprozesse gedient hätte, diese ihre Fähigkeit in den vergangenen Jahrzehnten jedoch sukzessiv abgenommen habe (vgl. Rosa 2012b: 363f., 371f.). Mittlerweile (das heißt in spätmodernen Gegenwartsgesellschaften) würden Steuerungsversuche der Politik sich hemmend auf ein Voranschreiten sozialer Beschleunigungsprozesse auswirken. Demnach besäße die Politik in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit kaum noch ihre frühere, elementare Rolle als „Schrittmacher gesellschaftlicher Entwicklungen, sondern [erscheine inzwischen] weit eher als hinterherhinkende oder sich durchwurstelnde Feuerwehr“ (Rosa 2016: 376; Herv.i.O.).

Die Beschleunigungs- und Desynchronisationstheorie als Erklärung für eine ,Krise der Demokratie‘

Im vorangegangenen Kapitel wurden zwei zentrale Diagnosen Rosas bezüglich des Verhältnisses zwischen dem politischen und den technologiebasierten Teilsystemen gegenwärtiger Gesellschaften aufgezeigt. Diese besagen, dass die unterschiedlichen Beschleunigungsraten der einzelnen Funktionssphären und die verloren gegangene Fähigkeit der Politik, die anderen Gesellschaftssysteme hegemonial zu steuern, zu einem fortschreitenden Desynchronisationsprozess zwischen Politik und technologiebasierten Systemen wie der Wissenschaft, der Ökonomie und dem Verkehrswesen führen würden.

[...]


1 Besagtes Sprichwort wurde von Benjamin Franklin geprägt, der diese These in seinem 1748 erschienenen Werk ,Ratschläge für junge Kaufleute‘ aufstellte.

2 Das Zitat stammt aus einem Interview, welches die damaligen ZEIT-Chefredakteure Dr. Josef Joffe und Dr. Michael Naumann am 19.10.2003 mit dem Bundeskanzler a.D. führten.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Gesellschaftliche Beschleunigung nach Hartmut Rosa als Ursache von Demokratiekrisen. Herausforderungen moderner Demokratien
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Max-Weber-Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Seminar Soziologische Gegenwartsdiagnosen
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
27
Katalognummer
V899772
ISBN (eBook)
9783346202000
ISBN (Buch)
9783346202017
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Demokratiekrise, Desynchronisation, Krisendiagnose, Beschleunigungsgesellschaft, Beschleunigungstheorie, Desynchronisationstheorie, Systemtheorie
Arbeit zitieren
Ariatani Wolff (Autor:in), 2020, Gesellschaftliche Beschleunigung nach Hartmut Rosa als Ursache von Demokratiekrisen. Herausforderungen moderner Demokratien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/899772

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