Wie gelingt Leseförderung im Unterricht? Ein Ansatz mittels Kurzgeschichten


Akademische Arbeit, 2020

16 Seiten, Note: 2,0

Chris K. (Autor)


Leseprobe

Inhalt

Die Kurzgeschichte
Themenbereiche in Kurzgeschichten
Kurzgeschichten sind im Unterricht beliebt
Beliebte Kurzgeschichten für den Unterricht

Didaktische Überlegungen zu zwei Kurzgeschichten
Heinrich Böll: Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral 1963
Herbert Malecha: Die Probe

Leseförderung mit Hilfe der Kurzgeschichten
Literarisches Lesen unterstützen
Das Lautleseverfahren
Die Anwendung auf die Kurzgeschichte
Lesestrategieprogramm SQ3R
Das Lesen trainieren: Die dominierenden lesedidaktischen Konzepte
Das Lesetraining
Literarisches Lernen mit Kurzgeschichten

Quellen

Die Kurzgeschichte

Die Kurzgeschichte zeichnet sich offensichtlich durch einen geringen Textumfang aus. Die Überschrift der Kurzgeschichte besitzt Symbolcharakter für deren Inhalt. Dieser Inhalt ist thematisch sehr variantenreich. Allerdings erzählt sie Kurzgeschichte oft einen kurzen Zeitraum einer dramatischen Alltagssituation. Die Zeit wird dabei nicht linear, sondern eher augenblicklich dargestellt. Die Kurzgeschichte besitzt einen Steigerungsverlauf mit einem Handlungsumschwung am Ende. Dabei spielt sie nur an einem Ort. Oft wird sie von einem personalen Erzähler mit auktorialen Zügen erzählt. Die Geschichte handelt oft von einem Problem, ohne eine Lösung anzubieten, ist in einer alltäglichen Sprache verfasst, und hat einen offenen Anfang und ein offenes Ende (vgl. Quinten 2010: 93f.). Eine Menge Kurzgeschichten berühmter Autoren behandeln die politischen Situationen ihrer Zeit. So beispielsweise die NS-Zeit oder den Aufschwung in den 50er- Jahren (vgl. Durzak 2002: 310ff.).

Themenbereiche in Kurzgeschichten

Kurzgeschichten besitzen eine hohe Themenvielfalt. Sie handeln beispielsweise von der modernen Arbeitswelt (bspw. Böll: „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“), Zwang und Gewalt (Lenz: „Ein Freund der Regierung“), oder ein Gegeneinander-Miteinander (bspw. Weisenborn: „Die Aussage“). Manfred Durzak hat 1980 in seinem Werk „Die deutsche Kurzgeschichte der Gegenwart“ zehn Themenkomplexe der Kurzgeschichte entwickelt. Diese sind 1. Die Doppelbödigkeit der Welt: Wirklichkeit im Krieg, 2. Zerstörung und Verstörung: Auswirkungen des Krieges, 3. Anpassung bis zum Untergang: Deutschland im dritten Reich, 4. Die Blutspur zur Freiheit: Kollaboration und Widerstand, 5. Überdenken und Überlenken: In der Kriegsgefangenschaft, 6. Restauration in Ruinen: Probleme der Nachkriegszeit, 7. Erreichte Wunder, überdeckte Wunden: Die fünfziger Jahre, 8. Auflösungserscheinungen einer Festveranstaltung: Die sechziger Jahre, 9. Das Zeitgefühl der Unruhe: Die siebziger Jahre, 10. Das andere Deutschland: Leben in der DDR. Moderne Kurzgeschichten handeln von Verunsicherung (bspw. Weißendorn: „Die Mutprobe“), Verliebtsein, Zusammenleben in der Familie (bspw. Wolfgang Borchert: „Die Kirschen“), Schule und gesellschaftliche Probleme (vgl. Quinten 2010: 95f.).

Kurzgeschichten sind im Unterricht beliebt

Die Kurzgeschichte ist bei Lehrern, aber auch bei Schülerinnen und Schülern beliebt. Dies liegt daran, dass sie nur einen geringen Textumfang besitzt, einen überschaubaren dramatischen und alltäglichen Handlungsausschnitt darstellt, sowie einen einfachen Sprachstil besitzt. Kurzgeschichten eignen sich gut für Sprachuntersuchungen, die Vermittlung von Epochenwissen und literarischem Wissen. Da die Lesesozialisation durch die Eltern nicht mehr so häufig geschieht, kann diese so im Unterricht nachgeholt werden (vgl. Quinten 2010: 96f.).

Beliebte Kurzgeschichten für den Unterricht

Laut einer Untersuchung von Quinten 2010 gibt es verschiedene Kurzgeschichten, die sich im Unterricht besonderer Beliebtheit erfreuen. Es gibt bestimmte Autoren, die besonders häufig gelesen werden. Am meisten werden Werke von Wolfgang Borchert und Berthold Brecht gelesen. Mit weitem Abstand folgen Heinrich Böll und Gabriele Wohmann. Die häufigsten Kurzgeschichten in Lehrwerken sind folgende: Wolfgang Borchert: „Nachts schlafen die Ratten doch“, Ilse Aichinger: „Das Fenstertheater“, Heinrich Böll: „An der Brücke (Die ungezählte Geliebte)“, Wolfgang Borchert: „Das Brot“, Federica de Cesco: „Spaghetti für zwei“. Kurzgeschichten in Textsammlungen sind andere, als In den Lehrwerken. Siegfried Lenz, Heinrich Böll und Wolfgang Borchert werden dort am meisten zitiert. Am meisten abgedruckt werden hier folgende Kurzgeschichten: Heinrich Böll: „Du fährst oft nach Heidelberg“, Ilse Aichinger: „Die geöffnete Order“, Heinrich Böll: „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“, Wolfgang Borchert: „Nachts schlafen die Ratten doch“ und Herbert Malecha: „Die Probe“. Thematische Schwerpunkte in Lehrwerken für Schüler sind somit der Krieg und seine Folgen (Wolfgang Borchert: „Nachts schlafen die Ratten doch“, „Das Brot“, Heinrich Böll: „An der Brücke“), Probleme beim Erwachsenwerden (Rainer Kunze: „Fünfzehn“, Margret Steenfatt: „Im Spiegel“), Umgang mit Fremden (Federica de Cesco: „Spaghetti für zwei“) und Isolation des Individuums (Ilse Aichinger: „Das Fenstertheater“)(vgl. Quinten 2010: 102f.).

Didaktische Überlegungen zu zwei Kurzgeschichten

In der Sekundarstufe I findet man Kurzgeschichten vor allem in den Jahrgangsstufen 8 bis 10 (vgl. Quinten 2010: 103). Im Folgenden werden Kurzgeschichten hinsichtlich ihrer didaktischen Umsetzung im Unterricht analysiert. Aufgrund der Wahrung einer Themenvielfalt und der Berücksichtigung der Häufigkeit werden folgende Kurzgeschichten ausgewählt: Herbert Malecha: „Die Probe“, Heinrich Böll: „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“ (vgl. Quinten 2010: 104).

Heinrich Böll: Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral 1963

Heinrich Böll hat 30 Jahre lang das politische Geschehen der Bundesrepublik Deutschland verfolgt. Sein Name steht für die Gattung der Kurzgeschichte in der Nachkriegszeit. Seine Prosa wurde als Aufruf für mehr Menschlichkeit und zu einem moralischen Handeln verstanden (vgl. Quinten 2010: 103). Seine Kurzgeschichte: „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“ kann am Besten in der 9. und 10. Klasse behandelt werden. Der Text hilft den Schülern auch bei der Erschließung von historischem und politischem Wissen (vgl. Quinten 2010: 121f.). „In der ,Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral‘ stellt Böll mitten im Wirtschaftswunder-Deutschland augenzwinkernd und provozierend die Frage, wie Arbeit eigentlich zu organisieren ist, dass sie dem Menschen hilft, sich wohlzufühlen.“ (Quinten 2010: 121f.). Bölls Helden sind typische Kurzgeschichtenhelden: Sie sind unheroische Charaktere. Oft versuchen sie, sich der ihnen zugewiesenen Rolle zu widersetzen. So können Schülerinnen und Schüler lernen eigene Standpunkte im Leben zu entwickeln. Die sprachliche Gestaltung hat ebenso eine hohe Bedeutung (vgl. Quinten 2010: 125). „Indem sich die Schüler in einem sprachanalytischen Prozess diesen Kurzgeschichten zuwenden, erwerben sie ein differenziertes Spektrum an sprachlichen Aussagemöglichkeiten literarischer Erzähltexte. Sie erweitern damit nicht nur ihr literarisches Wissen, sondern auch ihr literarisches Bewusstsein.“ (Quinten 2010: 125).

In einem Hafen an einer westlichen Küste Europas liegt ein ärmlich gekleideter Mann in seinem Fischerboot und döst. Ein schick angezogener Tourist legt eben einen neuen Farbfilm in seinen Fotoapparat, um das idyllische Bild zu fotografieren: blauer Himmel, grüne See mit friedlichen schneeweißen Wellenkämmen, schwarzes Boot, rote Fischermütze. Klick. Noch einmal: klick, und da aller guten Dinge drei sind, und sicher sicher ist, ein drittes Mal: klick. Das spröde, fast feindselige Geräusch weckt den dösenden Fischer, der sich schläfrig aufrichtet, schläfrig nach seiner Zigarettenschachtel angelt, aber bevor er das Gesuchte gefunden, hat ihm der eifrige Tourist schon eine Schachtel vor die Nase gehalten, ihm die Zigarette nicht gerade in den Mund gesteckt, aber in die Hand gelegt, und ein viertes Klick, das des Feuerzeuges, schließt die eilfertige Höflichkeit ab. Durch jenes kaum messbare, nie nachweisbare Zuviel an flinker Höflichkeit ist eine gereizte Verlegenheit entstanden, die der Tourist – der Landessprache mächtig – durch ein Gespräch zu überbrücken versucht. „Sie werden heute einen guten Fang machen.“ Kopfschütteln des Fischers. „Aber man hat mir gesagt, dass das Wetter günstig ist.“ Kopfnicken des Fischers. „Sie werden also nicht ausfahren?“ Kopfschütteln des Fischers, steigende Nervosität des Touristen. Gewiss liegt ihm das Wohl des ärmlich gekleideten Menschen am Herzen, nagt an ihm die Trauer über die verpasste Gelegenheit. „Oh, Sie fühlen sich nicht wohl?“ Endlich geht der Fischer von der Zeichensprache zum wahrhaft gesprochenen Wort über. „Ich fühle mich großartig“, sagt er. „Ich habe mich nie besser gefühlt.“ Er steht auf, reckt sich, als wollte er demonstrieren, wie athletisch er gebaut ist. „Ich fühle mich phantastisch.“ Der Gesichtsausdruck des Touristen wird immer unglücklicher, er kann die Frage nicht mehr unterdrücken, die ihm sozusagen das Herz zu sprengen droht: „Aber warum fahren Sie dann nicht aus?“ Die Antwort kommt prompt und knapp. „Weil ich heute morgen schon ausgefahren bin.“ „War der Fang gut?“ „Er war so gut, dass ich nicht noch einmal auszufahren brauche, ich habe vier Hummer in meinen Körben gehabt, fast zwei Dutzend Makrelen gefangen ...“ Der Fischer, endlich erwacht, taut jetzt auf und klopft dem Touristen beruhigend auf die Schultern. Dessen besorgter Gesichtsausdruck erscheint ihm als ein Ausdruck zwar unangebrachter, doch rührender Kümmernis. „Ich habe sogar für morgen und übermorgen genug“, sagt er, um des Fremden Seele zu erleichtern. „Rauchen Sie eine von meinen?“ „Ja, danke.“ Zigaretten werden in Münder gesteckt, ein fünftes Klick, der Fremde setzt sich kopfschüttelnd auf den Bootsrand, legt die Kamera aus der Hand, denn er braucht jetzt beide Hände, um seiner Rede Nachdruck zu verleihen. „Ich will mich ja nicht in Ihre persönlichen Angelegenheiten mischen“, sagt er, „aber stellen Sie sich mal vor, Sie führen heute ein zweites, ein drittes, vielleicht sogar ein viertes Mal aus, und Sie würden drei, vier, fünf, vielleicht gar zehn Dutzend Makrelen fangen ... stellen Sie sich das mal vor .“ Der Fischer nickt. „Sie würden“, fährt der Tourist fort, „nicht nur heute, sondern morgen, übermorgen, ja, an jedem günstigen Tag zwei-, dreimal, vielleicht viermal ausfahren – wissen Sie, was geschehen würde?“ Der Fischer schüttelt den Kopf. „Sie würden sich spätestens in einem Jahr einen Motor kaufen können, in zwei Jahren ein zweites Boot, in drei oder vier Jahren könnten Sie vielleicht einen kleinen Kutter haben, mit zwei Booten oder dem Kutter würden Sie natürlich viel mehr fangen – eines Tages würden Sie zwei Kutter haben, Sie würden ...“, die Begeisterung verschlägt ihm für ein paar Augenblicke die Stimme, „Sie würden ein kleines Kühlhaus bauen, vielleicht eine Räucherei, später eine Marinadenfabrik, mit einem eigenen Hubschrauber rundfliegen, die Fischschwärme ausmachen und Ihren Kuttern per Funk Anweisungen geben, Sie könnten die Lachsrechte erwerben, ein Fischrestaurant eröffnen, den Hummer ohne Zwischenhändler direkt nach Paris exportieren – und dann ...“, wieder verschlägt die Begeisterung dem Fremden die Sprache. Kopfschüttelnd, im tiefsten Herzen betrübt, seiner Urlaubsfreude schon fast verlustig, blickt er auf die friedlich hereinrollende Flut, in der die ungefangenen Fische munter springen. „Und dann“, sagt er, aber wieder verschlägt ihm die Erregung die Sprache. Der Fischer klopft ihm auf den Rücken, wie einem Kind, das sich verschluckt hat. „Was dann?“, fragt er leise. „Dann“, sagt der Fremde mit stiller Begeisterung, „dann könnten Sie beruhigt hier im Hafen sitzen, in der Sonne dösen – und auf das herrliche Meer blicken.“ „Aber das tue ich ja schon jetzt“, sagt der Fischer, „ich sitze beruhigt am Hafen und döse, nur Ihr Klicken hat mich dabei gestört.“ Tatsächlich zog der solcherlei belehrte Tourist nachdenklich von dannen, denn früher hatte er auch einmal geglaubt, er arbeite, um eines Tages einmal nicht mehr arbeiten zu müssen, und es blieb keine Spur von Mitleid mit dem ärmlich gekleideten Fischer in ihm zurück, nur ein wenig Neid (vgl. Conrad 2008: 1959–1963).

Es handelt sich um eine humorvolle Charakterisierung einer zeitlichen Epoche. Die Geschichte ist erheiternd und erhellend zugleich. Ein Tourist beginnt ein Gespräch mit einem Fischer. Der erfolgreiche Tourist unterbreitet dem Fischer einen Vorschlag, wie er mehr wirtschaftlichen Erfolg haben könne, indem er öfter auf das Meer fährt und eine Art Unternehmen gründen soll. Dies würde zu solch einem Reichtum führen, dass der Fischer nicht mehr arbeiten müsse. Der Fischer meint allerdings, er könne es auch so, und bringt den Fischer zum Nachdenken über sein Lebenskonzept. Durch diese Kurzgeschichte fordert Böll die Gesellschaft zum Nachdenken über ihr Handeln im Wirtschaftswunder auf. Dies verlangte von Böll viel Mut, denn die Gesellschaft erlebte kurze Zeit vorher Armut und Inflation der Nachkriegsjahre. In der Kurzgeschichte haben der arme Fischer und der reiche Tourist dasselbe Lebensziel, nämlich wenig zu arbeiten. Es wird deutlich, dass das Lebenskonzept viel zu arbeiten, um später dies nicht mehr zu tun, kritisiert wird. Der Tourist wirkt nicht in sich ruhend, während der Fischer diesen Idealzustand schon gefunden hat. Es geht hier allerdings primär um das in Frage stellen einer zu einseitigen Lebenshaltung mit Werten der Arbeit und dem wirtschaftlichen Wachstum (vgl. Quinten 2010: 128). „In dieser anekdotenhaften und amüsanten Kurzgeschichte konfrontiert Böll den Leser mit völlig unterschiedlichen und konträren Lebenskonzepten und fordert ihn damit gleichzeitig auf, über sein eigenes Leben und seine Rolle in der Gesellschaft nachzudenken.“ (Quinten 2010: 125).

Herbert Malecha: Die Probe

Über Herbert Malecha ist nicht so viel bekannt, wie über andere Autoren. Die Kurzgeschichte „Die Probe“ ist allerdings eine der am häufigsten in der Schule gelesene. Anhand der Kurzgeschichte lassen sich Merkmale literarischer Texte, handlungsorientierte Verfahren, und Sprachbeschreibung üben. Die Kurzgeschichte „Die Probe“ ist nicht sehr tiefgängig. Jedoch lässt sich die sprachliche Gestaltung der Großstadtatmosphäre analysieren. Ebenso lassen sich auch produktive oder handlungsorientierte Verfahren zur Interpretation der Kurzgeschichte nutzen. Hier sei zum Beispiel das Standbild, oder das Ausformulieren von inneren Monologen genannt (vgl. Quinten 2010: 218).

Redluff sah, das schrille Quietschen der Bremsen noch in den Ohren, wie sich das Gesicht des Fahrers ärgerlich verzog. Mit zwei taumeligen Schritten war er wieder auf dem Gehweg. "Hat es Ihnen was gemacht?" Er fühlte sich am Ellbogen abgefaßt. Mit einer fast brüsken Bewegung machte er sich frei. "Nein, nein, schon gut. Danke", sagte er noch, beinah schon über die Schulter, als er merkte, daß ihm der Alte nachstarrte.

Eine Welle von Schwäche stieg von seinen Knien auf, wurde fast zur Übelkeit. Das hätte ihm gerade gefehlt, angefahren auf der Straße liegen, eine gaffende Menge und dann die Polizei. Er durfte jetzt nicht schwach werden, nur weiterlaufen, unauffällig weiterlaufen zwischen den vielen auf der hellen Straße. Langsam ließ das Klopfen im Halse nach. Seit drei Monaten war er zum erstenmal wieder in der Stadt, zum erstenmal wieder unter soviel Menschen. Ewig konnte er in dem Loch sich ja nicht verkriechen, er mußte einmal wieder raus, wieder Kontakt aufnehmen mit dem Leben, überhaupt raus aus allem. Ein Schiff mußte sich finden lassen, möglichst noch bevor es Winter wurde. Seine Hand fuhr leicht über die linke Brustseite seines Jacketts, er spürte den Paß, der in der Innentasche steckte; gute Arbeit war dieser Paß, er hatte auch nicht schlecht dafür bezahlt.

Die Autos auf der Straße waren zu einer langen Kette aufgefahren. Nur stockend schoben sie sich vorwärts. Menschen gingen an ihm vorbei, kamen ihm entgegen; er achtete darauf, daß sie ihn nicht streiften. Einem Platzregen von Gesichtern war er ausgesetzt, fahle Ovale, die sich mit dem wechselnden Reklamelicht verfärbten. Redluff strengte sich an, den Schritt der vielen anzunehmen, mitzuschwimmen in dem Strom. Stimmen, abgerissene Gesprächsfetzen schlugen an sein Ohr, jemand lachte. Für eine Sekunde haftete sein Blick an dem Gesicht einer Frau, ihr offener, bemalter Mund sah schwarzgerändert aus. Die Autos fuhren jetzt an, ihre Motoren summten auf. Eine Straßenbahn schrammte vorbei. Und wieder Menschen, Menschen, ein Strom flutender Gesichter, Sprechen und hundertfache Schritte. Redluff fuhr unwillkürlich mit der Hand an seinen Kragen. An seinem Hals merkte er, daß seine Finger kalt und schweißig waren.

Wovor hab ich denn eigentlich Angst, verdammte Einbildung, wer soll mich denn schon erkennen in dieser Menge, sagte er sich. Aber er spürte nur zu genau, daß er in ihr nicht eintauchen konnte, daß er wie ein Kork auf dem Wasser tanzte, abgestoßen und weitergetrieben. Ihn fror plötzlich. Nichts wie verdammte Einbildung, sagte er sich wieder. Vor drei Monaten war das ja noch anders, da stand sein Name schwarz auf rotem Papier auf jeder Anschlagsäule zu lesen, Jens Redluff; nur gut, daß das Photo so schlecht war. Der Name stand damals fett in den Schlagzeilen der Blätter, wurde dann klein und kleiner, auch das Fragezeichen dahinter, rutschte in die letzten Spalten und verschwand bald ganz.

Redluff war jetzt in eine Seitenstraße abgebogen, der Menschenstrom wurde dünner, noch ein paar Abbiegungen, und die Rinnsale lösten sich auf, zerfielen in einzelne Gestalten, einzelne Schritte. Hier war es dunklen Er konnte den Kragen öffnen und die Krawatte nachlassen. Der Wind brachte einen brackigen Lufthauch vom Hafen her. Ihn fröstelte.

Ein breites Lichtband fiel quer vor ihm über die Straße, jemand kam aus dem kleinen Lokal, mit ihm ein Dunst nach Bier Qualm und Essen. Redluff ging hinein. Die kleine, als Café aufgetakelte Kneipe war fast leer, ein paar Soldaten saßen herum, grelle Damen in ihrer Gesellschaft. Auf den kleinen Tischen standen Lämpchen mit pathetisch roten Schirmen. Ein Musikautomat begann aus der Ecke zu hämmern. Hinter der Theke lehnte ein dicker Bursche mit bloßen Armen. Er schaute nur flüchtig auf.

"Konjak, doppelt", sagte Redluff zu dem Kellner. Er merkte, daß er seinen Hut noch in der Hand hielt und legte ihn auf den leeren Stuhl neben sich. Er steckte sich eine Zigarette an, die ersten tiefen Züge machten ihn leicht benommen. Schön warm war es hier, er streckte seine Füße lang aus. Die Musik hatte gewechselt. Über gezogen jaulenden Gitarretönen hörte er halblautes Sprechen, ein spitzes Lachen vom Nachbartisch. Gut saß es sich hier.

Der Dicke hinter der Theke drehte jetzt seinen Kopf nach der Tür. Draußen fiel eine Wagentür schlagend zu. Gleich darauf kamen zwei Männer herein, klein und stockig der eine davon. Er blieb in der Mitte stehen, der andere, im langen Ledermantel, steuerte auf den Nachbartisch zu. Keiner von beiden nahm seinen Hut ab. Redluff versuchte hinüberzuschielen, es durchfuhr ihn. Er sah, wie der Große sich über den Tisch beugte, kurz etwas Blinkendes in der Hand hielt. Die Musik hatte ausgesetzt. "What’s he want?" hörte er den Neger vom Nebentisch sagen. "What’s he want?" Er sah seine wulstigen Lippen sich bewegen. Das Mädchen kramte eine bunte Karte aus ihrer Handtasche. "What’s he want?" sagte der Neger eigensinnig. Der Mann war schon zum nächsten Tisch gegangen. Redluff klammerte sich mit der einen Hand an die Tischkante. Er sah, wie die Fingernägel sich entfärbten. Der rauchige Raum schien ganz leicht zu schwanken, ganz leicht. Ihm war, als müßte er auf dem sich neigenden Boden jetzt langsam samt Tisch und Stuhl auf die andere Seite rutschen. Der Große hatte seine Runde beendet und ging auf den anderen zu, der immer noch mitten im Raum stand, die Hände in den Manteltaschen. Redluff sah, wie er zu dem Großen etwas sagte. Er konnte es nicht verstehen. Dann kam er geradewegs auf ihn zu.

"Sie entschuldigen", sagte er, "Ihren Ausweis, bitte!" Redluff schaute erst gar nicht auf das runde Metall in seiner Hand. Er drückte seine Zigarette aus und war plötzlich völlig ruhig. Er wußte es selbst nicht, was ihn mit einmal so ruhig machte, aber seine Hand, die in die Innentasche seines Jacketts fuhr, fühlte den Stoff nicht, den sie berührte, sie war wie von Holz. Der Mann blätterte langsam in dem Paß, hob ihn besser in das Licht. Redluff sah die Falten auf der gerunzelten Stirn, eins, zwei, drei. Der Mann gab ihm den Paß zurück. "Danke, Herr Wolters", sagte er. Aus seiner unnatürlichen Ruhe heraus hörte Redluff sich selber sprechen. "Das hat man gern, so kontrolliert werden wie –", er zögerte etwas, "ein Verbrecher!" Seine Stimme stand spröde im Raum. Er hatte doch gar nicht so laut gesprochen. "Man sieht manchmal jemand ähnlich", sagte der Mann, grinste, als hätte er einen feinen Witz gemacht. "Feuer?" Er fingerte eine halbe Zigarre aus der Manteltasche. Redluff schob seine Hand mit dem brennenden Streichholz längs der Tischkante ihm entgegen. Die beiden gingen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Wie gelingt Leseförderung im Unterricht? Ein Ansatz mittels Kurzgeschichten
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
16
Katalognummer
V899841
ISBN (eBook)
9783346220400
ISBN (Buch)
9783346220417
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Unterricht, Deutsch, Kurzgeschichte, Geschichte, Literatur, Lesen, Leseförderung, Lesedidaktik, literarisches lernen, Deutschdidaktik, Schule, Didaktik, Böll, Rosebrock, gut, Sprache, Artikulation, Lehrer, Referendariat
Arbeit zitieren
Chris K. (Autor), 2020, Wie gelingt Leseförderung im Unterricht? Ein Ansatz mittels Kurzgeschichten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/899841

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