Sei Shonagon- Makura no sôshi

Das Kopfkissenbuch der Dame Sei Shonagon


Seminararbeit, 2004

20 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichtlicher Hintergrund
2.1 Die Heian-Zeit
2.2 Die Entwicklung der höfischen Literatur

3. Sei Shônagon
3.1 Biografische Daten und Entstehung des Makura no sôshi

4. Makura no sôshi
4.1 Themen
4.2 Formale Analyse
4.3 Der Charakter von Sei Shônagon

5. Schlussbetrachtung

6. Glossar

7.Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Periode von 794 bis 1185, bekannt in der japanischen Geschichte als Heian-Zeit, wird durch das Aufblühen der höfischen Kultur in der Hauptstadt Heiankyô charakterisiert. Es gab kaum Kontakte zum asiatischen Festland. Die geschlossene aristokratische Gesellschaft kümmerte sich wenig um die Bevölkerung und widmete sich stattdessen der Religion, der Kunst und der Literatur. Einen besonders großen Einfluss auf die Entwicklung der Literatur in jener Zeit übten die Frauen am Hof von Heiankyô aus. Aus dieser literarisch geprägten Periode in der japanischen Literaturgeschichte stammen Werke, die als wertvolle Beiträge zur Weltliteratur anerkannt sind.[1] Hervorragendes Beispiel der Heian-Literatur ist das „Kopfkissenbuch“Makura no sôshi, verfasst von der Hofdame Sei Shônagon. Dieses Buch, geschrieben um das Jahr 1002, ist eines der bedeutendsten Werke der japanischen Literatur.

Im Kapitel 2.1 dieser Arbeit wird die politische Lage im Land, sowie der Lebensstil der Aristokratie während der Heian Zeit (794-1185) beschrieben. Kapitel 2.2 stellt das Aufblühen der höfischen Kultur und die Entwicklung der Literatur in jener Periode dar. Eben dieses Kapitel soll sich vorwiegend mit den im späten 10.Jahrhundert verfassten Frauentagebüchern und der bedeutenden Rolle der weiblichen Aristokratie in der Literatur des Heian-Hofes befassen. Das dritte Kapitel erzählt von dem Leben der Verfasserin Sei Shônagon und der Entstehung von Makura no sôshi. Als nächstes befasst sich diese Arbeit mit der Thematik des Werkes und der formalen Analyse. Im Anschluss wird der Charakter der Verfasserin anhand ihres Tagebuchs und anderer Überlieferungen beschrieben.

2. Geschichtlicher Hintergrund

2.1 Die Heian-Zeit

Kaiser Kammu bestieg den Thron im Jahr 784. Um dem wachsenden Einfluss des Buddhismus auf die politischen Geschehnisse in der Hauptstadt Nara (710-784) zu entgehen, versuchte er die Hauptstadt in Nagaoka, in der Nähe von Kyôto, zu gründen. Dieser Versuch hatte aber keinen Erfolg und im Jahre 794 wurde die Stadt Heian (heute Kyôto) zu Hauptstadt gemacht. Die Epoche von 794 bis zur Entstehung der Militäraristokratie im Jahre 1185 ging in die Geschichte als Heian-Zeit ein.[2]

Nach dem Umzug in die neue Hauptstadt, öfter Heiankyô genannt, führte Kammu bedeutende Reformen im Regierungsapparat durch. Mit dem Ziel die Macht in den Händen des Souveräns und seiner engsten Ratgeber zu konzentrieren, schuf er am Anfang des 9. Jahrhunderts neue Regierungsämter[3]: Ein neues Amt für Exekutivgewalt, bekannt unter dem Namen Archivarbüro (Kurôdo-dokoro) und eine Stelle zur Gewährleistung von Sicherheit und Ordnung auch Polizeibehörde genannt (Kebiishi-chô). Der Kaiser versuchte die Steuereintreibung und die Provinzialleitung zu reformieren, indem er Inspektoren mit Vollzugsvollmachten in die einzelnen Provinzen schickte.[4]

Was den Buddhismus angeht, so ordnete der neue Kaiser die Förderung von zwei buddhistischen Sekten an, die bereit waren sich in die politischen Geschehnisse nicht einzumischen. Aus diesen Sekten entstanden im Jahr 805 die Tendai-Sekte[5] und die Shingon-Sekte[6]. Der Gründer der Tendai-Schule war Saichô und die Shingon-Schule wurde von dem Mönch Kûkai errichtet. Im Gegensatz zu den buddhistischen Schulen der Nara-Zeit (710-794) haben die neuen Sekten ihre Tempel außerhalb der Hauptstadt aufgebaut.[7]

Das Gebet, die Beschwörung und der Aberglaube spielten eine besonders wichtige Rolle bei dem Heian-Buddhismus. Es wurde fest daran geglaubt, dass das Beten vieles beeinflussen konnte: die Politik, die Medizin, die Wetterkunde und sogar bevorstehende Katastrophen und Unglücksfälle, die von Wahrsagern vorhergesehen wurden.[8]

Das Land wurde fast fünfzig Jahre lang nach den Grundsätzen des Taihô-Kodexes regiert: Der Kaiser war Staatsoberhaupt und hatte die absolute Macht. Der japanische Souverän regierte durch eine zentralisierte Bürokratie über das ganze Land. Nach dieser Zeit der Stabilität des neuen Kabinetts erfolgten radikale Veränderungen nicht nur innerhalb des Regierungssystems, sondern auch in der Lebensweise der Aristokratie.[9] In den nächsten dreihundert Jahren, bis zum Beginn der Kamakura-Periode, existierten zwei unterschiedliche Herrschaftsformen, sesshô und kampaku. Sesshô war die übliche Bezeichnung für den Regenten eines minderjährigen Kaisers und kampaku für den Regenten eines volljährigen Kaisers. Gegen Ende des neunten Jahrhunderts lag die entscheidende Regierungsmacht ausschließlich in den Händen der Fujiwara-Familie.[10]

Der Prozess des Aufstiegs der Fujiwara-Familie zu einer Monopolstellung im Lande erfolgte sehr langsam. Anfangs fühlte sich der Kaiser von dieser Sippe, die ihm schon seit langer Zeit treu gedient hatte, nicht bedroht. In der Nara-Zeit wurden immer mehr Regierungsposten von den Fujiwara besetzt. Die Töchter und Schwestern aus dieser Sippe waren standesgemäße Gemahlinnen für den regierenden Kaiser. Später, im Jahre 857, wurde Yoshifusa[11], ein Ratgeber des Kaisers, zum Großkanzler ernannt. Dieses Ereignis kennzeichnete den Anfang der Vormachtstellung der Fujiwara Familie am Heian-Hof.[12] Die Sippe erreichte ihren Höhepunkt unter der Herrschaft von Fujiwara no Michinaga[13], der dreißig Jahre lang den Hof am Heiankyô regierte. Zwei von seinen Schwestern waren Gemahlinnen des Kaisers, vier von seinen Schwiegersöhnen und auch drei Enkelkinder waren selbst Kaiser.[14]

Seit dem Umzug in die neue Hauptstadt bis Ende der Heian-Zeit gab es kaum Kontakte zum asiatischen Festland. Ungefähr dreihundert Jahre lang war Japan isoliert. Diese erste Periode der Isolation[15] ermöglichte die Entstehung einer individuellen und einheitlichen Kultur, bekannt unter dem Namen Heian-Hofkultur. Diese bestehende Kultur umfasste nicht nur die Kunst und die Literatur, sondern auch Religion, Lebensart, Sprache und Ästhetik. Zusätzlich entstanden neue Stile, die in den folgenden Jahren immer wieder verbessert wurden.[16] Durch die Erfindung der japanischen Silbenschrift (kana), meist von den Hofdamen benutzt, konnte die Entwicklung der neuen Kultur beschleunigt werden.[17]

Die aristokratische Gesellschaft und der Kaiser lebten am Hof von Heiankyô völlig isoliert und kümmerten sich nicht viel um den Lebensstand der japanischen Bevölkerung. Sie widmeten sich überwiegend den schönen Künsten und der Literatur.[18]

2.2 Die Entwicklung der höfischen Literatur

Charakteristisch für die Hofkultur am Hof von Heiankyô war der Einfluss der Frauen auf die Entfaltung der Literatur einer ganzen Epoche.[19]

Viele der literarischen Werke wurden von Frauen verfasst, die meist der mittleren Aristokratie angehörten. Den Überlieferungen nach bildeten die Hofdamen in der Hauptstadt Heiankyô eine bestimmte Gruppe innerhalb der adligen Gesellschaft. Sie lebten völlig isoliert und abgeschlossen von der Außenwelt. Von ihren Niederschriften erfährt man viel über das Leben der Hofadligen, aber man erhält keine Auskünfte über die politische und ökonomische Lage im Land. Es finden sich auch keine Informationen über das alltägliche Leben des Volkes außerhalb des Palastes.[20]

In der frühen Heian-Zeit war die chinesische Sprache eine Bildungssprache und wurde meist von den Männern am Hof beherrscht. Diese haben die chinesischen Schriftzeichen (kanji) benutzt, um Gedichte niederzuschreiben. In der späteren Heian-Zeit entwickelte sich die japanische Silbenschrift (kana), die anfangs als Schriftsprache für das Verfassen von Kurzgedichten (waka)[21] diente. Es war üblich, dass überwiegend Frauen in ihrer Muttersprache literarische Werke niedergeschrieben haben. Auf diese Weise entstanden viele Romane, Erzählungen und Memoiren, die größtenteils von der weiblichen Hofgesellschaft geschrieben wurden.[22] Zwei Prosawerke aus dieser Zeit, von Hofdamen verfasst, erlangten außerordentliche Bedeutung und wurden auch als wertvolle Beiträge zur Weltliteratur anerkannt. Das eine ist „Die Geschichte vom Prinzen Genji“ (Genji monogatari) von

Murasaki Shikibu[23]. Neben Murasaki Shikibu ist die ebenso gebildete Sei Shônagon mit ihrem Meisterwerk „ Das Kopfkissenbuch“ (Makura no sôshi) zu nennen. Die Werke gehören zwei unterschiedlichen Genres an, die in der Heian-Zeit entstanden sind: der Erzählung (monogatari) und dem Tagebuch (nikki).[24]

[...]


[1] Hall, John W., Das japanische Kaiserreich, Frankfurt/M.: Fischer, 1968, S.66-78.

[2] Hane, Mikiso, Premodern Japan: A Historical Survey, United States of Amerika: Westview Press, 1991, S.44.

[3] Hane, Premodern Japan, S.44.

[4] Hall, Das japanische Kaiserreich, S.67.

[5] Der Mönch Saichô (eigentlich Dengyô Daishi, 767-822) hatte ein Jahr in China studiert und nach seiner Rückkehr gründete er die Tendai-Sekte. Der Tendai-Buddhismus ist eine Lehre, die die Meditation, das Gebet, die magische Beschwörung und die Aufrufung des Amida-Buddhas (nenbutsu) beinhaltet. Sie enthält auch Aspekte des Zen-Buddhismus, des Shintôismus und des esoterischen Buddhismus. Die Gottheiten wurden als Inkarnationen Buddhas interpretiert. Sowohl die Jôdo-Lehre des Mönchs Genshin, als auch die buddhistischen Doktrinen der Mönche Hônen und Nichiren, in der Kamakura-Zeit, gingen aus der Tendai-Schule hervor.

[6] Die Shingon-Sekte, gegründet von Mönch Kûkai (auch Kôbô Daishi, 774-835), hatte das Ziel, die Buddhaschaft noch in diesem Leben zu erlangen. Und zwar durch Übungen des Körpers, der Sprache und des Geistes. Diese Lehre war nicht so allumfassend wie die Tendai-Lehre. Das Werk Jûjûshinron, von Kûkai, stellt die Grundzüge der Shingon-Lehre dar.

[7] Hall, Das japanische Kaiserreich, S.67.

[8] Shuichi, Kato, Geschichte der japanischen Literatur: Die Entwicklung der poetischen, epischen, dramatischen und essayistisch-philosophischen Literatur Japans von den Anfängen bis zur Gegenwart, Bern: Scherz Verlag, 1990, S.119.

[9] Hall, Das japanische Kaiserreich, S.68.

[10] Hane, Premodern Japan, S.45.

[11] Fujiwara no Yoshfusa (804-872)war Regent für seinen Enkel, den minderjährigen Sewa (850-881 od. 858-876). Yoshifusa war der erste Regent, der nicht aus der Kaiserlichen Familie stammte.

[12] Hall, Das japanische Kaiserreich, S.68f.

[13] Fujiwara no Michinaga (966-1028) regierte den Hof in Kyôto dreißig Jahre lang. Sein Vater, Fujiwara no Kaneie, war Regent von Kaiser Ichijo (Enkel von Kaneie).Im Jahre 1016 wurde Michinaga Regent (sesshô) für seinen Enkel Go-Ichijo. Ein Jahr später wurde er Minister und übergab die Regentschaft seinem Sohn, Fujiwara no Yorimichi. Im 1019 tritt zurück und wurde Mönch. Er baute das Kloster Hojoji (1022).

[14] Hane, Premodern Japan, S.45.

[15] Erste Periode der Isolation (794-1185). Die zweite Periode der Isolation dauert vom Anfang des 17. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts.

[16] Shuichi, Geschichte der japanischen Literatur, S.117f.

[17] Hall, Das japanische Kaiserreich, S.77.

[18] Hall, Das japanische Kaiserreich, S.76f.

[19] Shuichi, Geschichte der japanischen Literatur, S.140.

[20] Shuichi, Geschichte der japanischen Literatur, S.140f.

[21] Das japanische Kurzgedicht (waka) hat die Versform 5-7-5-7-7

[22] Watanabe, Mamoru (Hg.), Das Kopfkissenbuch der Hofdame Sei Shônagon, Zürich: Manesse Verlag, 1984, S.12f.

[23] Murasaki Shikibu (eigentlich Tô no Shikibu) lebte vermutlich 973 bis um 1013. Sie stammte aus einem Zweig der Fujiwara-Familie ab und wurde Hofdame der Kaiserin Fujiwara no Shôshi. Sie kannte sowohl chinesische als auch japanische Klassiker. Ihr Werk Genji monogatari, das im frühen 11.Jahrhundert entstanden ist, handelt von dem Leben und den Abenteuern des Hiraku Genji. Eine wichtige Rolle in der Erzählung spielen das Hofleben in der Hauptstadt, der Buddhismus, die Natur und die waka. Die Verfasserin ist auch durch ihr Tagebuch- Murasaki Shikibu nikki bekannt.

[24] Watanabe (Hg.), Das Kopfkissenbuch der Hofdame Sei Shônagon, S.13.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Sei Shonagon- Makura no sôshi
Untertitel
Das Kopfkissenbuch der Dame Sei Shonagon
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Zentrum für Ostasienwissenschaften)
Veranstaltung
Japanische Literatur
Autor
Jahr
2004
Seiten
20
Katalognummer
V89989
ISBN (eBook)
9783638041249
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Shonagon-, Makura, Japanische, Literatur
Arbeit zitieren
Vesela Dimitrova (Autor:in), 2004, Sei Shonagon- Makura no sôshi, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89989

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