"Cockroaches". Die Rolle des Radiosenders Radio-Télévision Libre des Mille Collines beim Völkermord in Ruanda


Hausarbeit, 2010

15 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

1.0 Einleitung

2.0 Komplizenschaft beim Völkermord
2.1 Funktion und Sendeinhalte von RTLM bis zum 7. April
2.2 RTLMs Rolle während des Völkermords
2.3 Der Konflikt um geeignete Gegenmaßnahmen

3.0 Schuld und Sühne
3.1 RTLM auf der Anklagebank
3.2 Die Mediendichotomie

4.0 Schluss

5.0 Literaturverzeichnis

(…) modern genocide is not an uncontrolled outburst of passions, and hardly ever a purposeless, totally irrational act. It is, in the contray, an exercise in rational social engineering, in bringing about, by artificial means, that ambivalence-free homegeneity that messy and opaque reality failed to produce.“ 1

1. Einleitung

Zwischen dem 7. April und dem 17. Juli 1994 ermordeten Milizen der radikalen Hutu Partei Mouvement Républicain National pour la Démocratie et le Développement (MRND), die etwa 30 bis 50.000 Mann starken Interahamwe und Impuzamugambi, gemeinsam mit den ebenfalls circa 30.000 Angehörigen der Forces Armées Rwandaises und der ruandischen Gendarmerie und einer ungezählten Anzahl ruandischer Zivilisten zwischen 800.000 und 1.000.000 Tutsi Zivilisten in dem kleinen zentralafrikanischen Land Ruanda. Der Völkermord in Ruanda wurde von Wissenschaftlern aller Fachgebiete erforscht, die Literatur ist enorm umfangreich und wächst von Jahr zu Jahr. Auch die Rolle des „Hutu-Power“ Radiosender Radio-Télévision Libre des Mille Collines (RTLM) wurde untersucht (besonders umfassend von Jean-Pierre Chrétien2 ), jedoch stand dabei bislang meist allein die Beihilfe des Senders zum Völkermord im Vordergrund3, oder aber es wurde versucht, den Einfluss auf die Hörerschaft empirisch messbar zu machen und die dem Senders zugeschriebenen Verbreitung und seine Prominenz gewissermaßen als logische Folge, als weitere Eskalation bereits existierenden ethnischer Spannungen zwischen den Tutsi und einzelnen Elementen der radikalen Hutu-Partei MRND darzustellen.4 Die Absicht der vorliegenden Arbeit ist es zunächst die Vorgehensweise und Funktion des Radiosenders RTLM zu beschreiben und seine Bedeutung als Hilfsmittel beim Völkermord zu verdeutlichen, anschließend jedoch die Bedeutung, die dem Sender zugesprochen wurde, zu relativieren. Die Kernthese dieser Arbeit ist, dass RTLM zwar ein wichtiges Instrument bei der Umsetzung des Völkermordes war, dass seine Wirkungsweise aber nicht überschätzt werden darf und die Vehemenz, mit der seine Wirkungsweise als Ausdruck einer Art ruandischen Kadavergehorsams verbreitet wird5 sogar eher denen als zusätzliches Argument dient, denen es behagt den Völkermord als Kulmination einer jahrzehnte- oder jahrhundertealten und quasi natürlichen ethnischen Spannung zwischen afrikanischen „Stämmen“ zu sehen. Die Schuld, die die internationale Gemeinschaft mit ihren Regimen (repräsentiert durch die Vereinten Nationen) durch ihre Untätigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber den Vorgängen in Ruanda auf sich geladen hat, wäre so ein wenig kleiner und erschiene weniger monströs. Dem entgegenzutreten ist auch Ziel dieser Arbeit. Im letzten Teil wird außerdem die Frage aufgeworfen, inwieweit Massenmedien insgesamt ein unverzichtbarer Bestandteil von Macht sind. Die Arbeit stützt sich dabei auf einige der bekanntesten Veröffentlichungen sowohl zum Völkermord in Ruanda allgemein als auch zur Rolle RTLMs im Besonderen, vor allem auf Des Forges, Thompsons und Dallaires Bücher.6

2.0 Komplizenschaft beim Völkermord

2.1 Funktion und Sendeinhalte von RTLM bis zum 7. April 1994

Das Radio als Kommunikationsmittel hatte in Ruanda schon vor den 1990er Jahren (wie in allen protoindustriellen, landwirtschaftlich geprägten Gesellschaften und Ländern Afrikas) eine Rolle gespielt und ist auch heute noch das wichtigste Massenmedium in den Ländern der Subsahara-Region.7 Der Radiosender RTLM wurde von Angehörigen der Staatspartei MRND aufgebaut, die dem damaligen Präsidenten Ruandas, Juvénal Habyarimana nahestanden (Ferdinand Nahimana, seit 1990 Chef von Radio Ruanda, zeichnete auch für den Betrieb von RTLM verantwortlich)8 und die die seit 1992 aufgenommenen Friedensverhandlungen zwischen der ruandischen Regierung und den Rebellen der RPF ablehnten. Er sendete ab dem 8. Juli 1993 auch überregional, zum Teil auf den Frequenzen des vormaligen Staatssenders Radio Ruanda, zu dem er zunächst in Konkurrenz stand, bis beide Sender nach der Wiederaufnahme der Kampfhandlungen zwischen den Regierungstruppen FAR und der Tutsi-geführten Rebellenarmee Rwandese Patriotic Front (RPF) ab April 1994 fusionierten. RTLMs Auftrag galt zunächst der Gegenpropaganda zum RPF-Sender Radio Muhabura (der allerdings, im Gegensatz zu RTLM, nicht primär in Kinyarwanda, sondern in englischer Sprache sendete und so ein weitaus geringeren Hörerkreis ansprach - eben vor allem Tutsi), wandelte sich dann aber schnell zu einem wirksamen Instrument in den Händen jener Radikale um den Präsidenten und den Verteidigungsminister Ruandas, Augustin Bizimana (und später Théoneste Bagosora), die in dem Sender ein Hilfsmittel in der Verbreitung von sowohl agitatorischer als auch rassistischer Propaganda, Vorurteilen, Halbwahrheiten und Legenden sahen. Auch das Friedensabkommen von Arusha, am 4. August 1993 geschlossen, war Ziel der Verbalattacken.9 Die lebendigen, von populärer Musik unterlegten Sendungen mit zum Teil im ganzen Land bekannten Moderatoren und Musikern, wie Simon Bikindi und Kantano Habimana, ließen den Sender rasch zum beliebtesten und bedeutendsten Informations- und Unterhaltungsmedium der Hutu-Bevölkerungsmehrheit in Ruanda werden.10 Des Forges hat in ihrem Buch, dessen zentrale Themen in ihrem Aufsatz für Thompsons Buch zusammengefasst wurden besonders eindrucksvoll dargelegt, wie die Radiosender Radio Ruanda und später RTLM seit langer Zeit in Ruanda vorhandene, tiefgehende Aversionen und Antipathien zwischen den beiden größten Volksgruppen geschickt ausnutzte, wie sie diffuse Gefühle von Unterdrückung auf Seiten der Hutu-Bevölkerungsmehrheit schürten und die durch die Tutsi-dominierte Rebellenarmee RPF dargestellte Bedrohung für die Stabilität Ruandas auf die Tutsi-Minderheit im Land übertrugen.11 Gleichzeitig aber zeigt Des Forges (und sehr gut auch Gourevitch12 und vor allem Li13 ), dass die rassistischen Parolen RTLMs, die Darstellung der RPF als existenzielle Bedrohung (nicht nur des Regimes Habyarimanas, sondern der Hutu insgesamt) mit Topoi arbeiteten, die teils Überbleibsel der biologistischen, pseudowissenschaftlichen Forschung der belgischen Kolonialherrschaft zu Anfang des 20. Jahrhunderts, teils Folgen der jahrzehntelangen, blutigen Fehde zwischen herrschender Tutsi-Minderheit und beherrschter Hutu-Bevölkerungsmehrheit waren. Zumal Li nimmt zu recht Abstand von den, wie sagt „Primordialisten“, die in den seit 1959 immer wieder aufflammenden blutigen Konflikten zwischen Hutu und Tutsi als Ausdruck einer quasi intrinsischen Feinschaft zu erkennen meinten und den konstruierten Charakter dieser Feindschaft, dabei die Rolle der Kolonialherrschaft und die ökonomischen Schwierigkeiten, denen sich Ruanda seit Mitte der 1980er Jahre ausgesetzt war sowie natürlich die Brutalisierung des Konflikts durch den schwelenden Bürgerkrieg mit der aus dem Nachbarland Uganda operierenden RPF, massiv unterschätzten. Utilitaristische Interpretationsansätze zu RTLM, wie Li, Des Forges und Kimani sie vertreten, helfen den Einfluss, den RTLM zwischen Juli 1993 und April 1994 zunehmend über seine Hörer gewann, nachvollziehbarer zu erklären. RTLM schuf jedenfalls nicht erst ein Klima des Hasses, des Misstrauens und der Angst, trug aber in wichtigem Maße dazu bei, es zu verstärken. Der Effekt von RTLM auf seine Hörer war also dreierlei: erstens agitierte und propagierte der Sender Widerstand und Gewalt gegen die RPF und den Arusha-Friedensprozess im Besonderen und Tutsi im Allgemeinen, zweitens entwickelte er mit seiner populären Sendegestaltung eine treue und große Zuhörerschaft und drittens bestätigte er bereits bei vielen Hörern praktisch aller Schichten der Hutu-Bevölkerungsmehrheit das teils diffuse, teils als ganz real empfundene Gefühl der Bedrohung durch die Tutsi-Bevölkerungsminderheit.14 Nach den Ereignissen des 6. April 1994 zeigte sich erst, welche Führungs- und Dirigentenrolle RTLM zu übernehmen in der Lage war.

2.2 RTLMs Rolle während des Völkermordes

Unmittelbar nach dem Abschuss der Maschine, die Habyarimana und den Präsidenten von Burundi, Cyprien Ntaryamira nach Kigali bringen sollte, errichteten die militärische Wache des ruandischen Präsidenten, sowie Angehörige des regulären Militärs und der MRND Milizen Interahamwe an mehreren Orten innerhalb der ruandischen Hauptstadt Kigali Straßensperren. Der offensichtlich seit Monaten geplante Coup zur Ausschaltung politischer Gegner der Regierungspartei MRND und ihres radikalen Ablegers Coalition pour la Défense de la République (CRD), moderater Hutu und vor allem Tutsi nahm seinen Lauf, während die im Land zu Überwachung der Umsetzung des in Arusha vereinbarten Friedensabkommens stationierten Blauhelme der UNAMIR unter Dallaires Kommando noch aufgeregt nach den genauen Umständen des Abschusses der Präsidentenmaschine forschten.15 RTLM war vom Abend des 6. April an der „soundtrack of genocide“16, wie Dallaire es nannte, jedoch noch mehr: der Sender ermöglichte das Morden häufig erst. Mironko hat den Effekt beschrieben, den RTLM im ländlichen Ruanda hatte, wo sich die Menschen im besonderen Maße auf die Informationen verlassen mussten, die ihnen durch das Radio zur Verfügung gestellt wurden. Im (nur etwas) urbaneren Kigali war der Sender jedoch für die Todesschwadronen des ruandischen Militärs und der Interahamwe, die noch in der Nacht des 6. auf den 7. April ausschwärmten ebenfalls von großer Bedeutung. So sendete RTLM die Namen und vermutlichen Aufenthaltsorte moderater Hutu-Politiker und prominenter Tutsi17 und dirigierte auch in den folgenden Wochen und Monaten immer wieder die Mörder zu ihren Opfern, die als inyenzi (Kakerlaken) bezeichnet wurden.18 Dabei legten die Verantwortlichen bei RTLM Wert auch auf Interaktion: Hörer konnten beim Sender anrufen und die Verstecke von Tutsi, die dem Morden bislang entronnen waren, live in der Sendung den Hörern mitteilen, oftmals beglückwünschte der Moderator die Milizen, die an den Straßensperren in und um Kigali Tutsi-Zivilisten ermordeten zu ihrer „Arbeit“, wie es hieß.19 Die „Arbeit“ wurde den Schergen der Interahamwe, der Gendarmerie und den vielfach den offiziellen Mördern freiwillig zuarbeitenden Hutu-Zivilisten freilich noch durch einen anderen Umstand erleichtert: alle erwachsenen Ruander trugen seit der belgischen Kolonialherrschaft einen Personalausweis bei sich, auf dem die ethnische Herkunft vermerkt war. Wer Tutsi und wer Hutu war, konnte also leicht überprüft werden, konnte jedoch der Personalausweis nicht vorgelegt werden, war die betroffene Person meist des Todes. Gelegentlich gaben die Radiomoderatoren auch Tipps, wie das arbeitsintensive Töten leichter zu bewerkstelligen war und beruhigte jene génocidaires die sich um ein mögliches Einschreiten der UNAMIR Truppen sorgten20 ; nach dem Mord an 10 belgischen Blauhelmsoldaten am 7. April 1994, den Des Forges dem Einfluss RTLMs zurechnet, vermutlich aber eine von langer Hand geplante Aktion der extremistischen Kreise um Oberst Bagosora war und die letztlich zum Abzug der meisten (vor allem der wichtigen, weil gut ausgebildeten und ausgerüsteten belgischen) UN-Truppen aus Ruanda am 21. April führte, musste niemand fürchten bei der „Arbeit“ gestört zu werden.21 RTLMs Programm diktierte sogar den Rhythmus der „Arbeit“, wie Li zeigt, die Milizen, die die Straßensperren kontrollierten mordeten gelegentlich ja nachdem, welche Sendeinhalte RTLM gerade zu bieten hatte bzw. waren durch die Sendungen über Truppenbewegungen (und also Gefährdungen) der RPF informiert.22 Chrétiens Bonmot der zwei Waffen, die für den Genozid notwendig gewesen wären, eine fortschrittlich (das Radio), eine primitiv (die Machete), und das Bild, das auch Jahre nach dem Völkermord in Ruanda mit ihm verbunden bleibt, dass des bunt gekleideten Interahamwe-Milizionärs mit der blutigen Machete in der einen und einem fest ans Ohr gedrückte Radio in der anderen Hand basieren auch auf diesen Ereignissen.23 Die Frage nach der Motivation für das Töten, bei dem Nachbarn, ehemalige Freunde, Vorgesetzte und Arbeitskollegen zu Mördern wurden, wird in der vorliegenden Literatur nur unzureichend beantwortet und meist eben auch unter Zuhilfenahme vager, allenfalls bedingt plausibler theoretischer Modelle, die entweder, wie oben beschrieben, eher „primordialer“ oder „utilitaristischer“ Natur sind oder darauf hinauslaufen. In diesem Zusammenhang ist auch die Rolle der katholischen Kirche in Ruanda von Bedeutung, deren Verhalten während des Völkermordes Human Rights Watch (HRW) scharf verurteilt hat und deren Beitrag vom Schweigen bis zur aktiven Teilnahme an den Morden reichte.24 Für das Verständnis des Völkermordes in Ruanda ist die Untersuchung anderer externer Faktoren, wie eben der Kirche von großer Bedeutung und die Abkehr von der Auffassung eines Goldhagen-ähnlichen eliminatorischen „Anti-Tutsiismus“ hin zu einer, um in dieser Analogie zu bleiben, Browning-ähnlichen gewachsenen und extern (mit)-verursachten Brutalisierung interessant.25 In Ruanda ergibt sich eine eigentümliche Vermengung beider Ansätze, beiden Erklärungsmodellen liegt die quasi selbstverständliche Annahme eines in der Konsequenz eliminatorischen (Rassen-)Hasses zugrunde, was an sich problematisch, wie noch zu zeigen sein wird jedoch durchaus glaubwürdig ist. Der Blickwinkel bei der Beurteilung der Rolle RTLMs ist wichtig: von Gerichtsseite wurde die Rolle RTLMs später, wie ebenfalls weiter unten gezeigt wird, mit den Morden in einen kausalen Zusammenhang gebracht, was zwar die Deutung des Senders als „utilitaristischen“ Beitrag zum Völkermord erleichtert, wichtige Fragen jedoch unbeantwortet ließ und lässt.

2.3 Der Konflikt um geeignete Gegenmaßnahmen

Ein im Zusammenhang mit RTLM unvermeidlicher Aspekt ist die Frage nach der regionalen und internationalen Reaktion auf die Sendungen, vor allem ob und wie die UN bzw. die Geberländer, gelegentlich verallgemeinernd und vereinfachend als „der Westen“ bezeichnet, auf die offensichtliche Komplizenschaft des Radiosenders beim Völkermord hätte reagieren sollen. Power, Des Forges und natürlich Dallaire führen die Bemühungen aus, die unternommen wurden um den einzigen Mitgliedsstaat des UN Sicherheitsrates, der in der Lage gewesen wäre innerhalb kürzester Zeit Ausrüstung bereitzustellen, um RTLM zu stören und den weiteren Betrieb ganz zu unterbinden, die USA, von der Notwendigkeit dies zu tun zu überzeugen,26 Dallaire zumal, dem man erstaunlicherweise unmittelbar nach Ausbruch der Gewalt nach dem 6.April ein Interview mit Moderatoren des RTLM ermöglicht hatte,27 trat mehrfach vehement gegenüber dem Department of Peacekeeping Operations (DPKO) mit der Forderung auf, UNAMIR technisches Gerät bereitzustellen, um die Übertragungen von RTLM entweder zu blockieren ( engl. „to jam“) oder aber sogar den Sender selbst zu zerstören.28 Noch vor Ausbruch der Gewalt hatte Dallaire seine Vorgesetzten bei der UN mehrfach auf die Notwendigkeit eigener Sendefähigkeiten hingewiesen, um die ruandische Bevölkerung über den Auftrag der UNAMIR Truppen zu informieren und vor allem um Gegen“propaganda“ zu RTLM zu betreiben. Letztlich wurden alle drei Möglichkeiten von den zuständigen Stellen bei den Vereinten Nationen bzw. dem State Department abgelehnt, zum Teil wegen angeblicher „rechtlicher Bedenken“, zum Teil wegen der angeblich zu hohen Kosten von $8.500 pro Stunde, die einer Berechnung des State Departments zufolge eine Flugstunde eines mit Jamming-Technologie ausgestatteten Flugzeugs gekostet hätte.29 Der Schwachpunkt aller Argumente für den Einsatz von Jamming-Technologie gegen RTLM aber war und ist, dass alle Optionen die Bereitschaft des jeweiligen Geberlandes voraussetzte, sich überhaupt entsprechend für UNAMIR bzw. Ruanda zu engagieren. Die USA ließen sich nicht durch „hohe“ Flugkosten vom Einsatz gegen RTLM abschrecken, sondern von der Presidential Directive 25 (PDD-25), die den Einsatz militärischer Mittel für Friedenssichernde und –erhaltende Missionen grundsätzlich an sehr strikte Vorgaben band – eine Konsequenz aus dem Somalia-Debakel des Vorjahres.30 Dallaires Argument dass, wenn schon eine militärische Intervention durch die Mitgliedsstaaten des UN Sicherheitsrates nicht möglich gewesen sei, man zumindest RTLM hätte stören oder zerstören können, ist, obwohl aus seiner Sicht nachvollziehbar, eben keines. Die entscheidenden Gremien der UN und der USA waren nicht bereit, dem Völkermord Einhalt zu gebieten, legendär ist das Feilschen um diesen Begriff, der Weltgemeinschaft qua ihrer Charter zum kollektiven Handeln gezwungen hätte („ Elsner [Reuters Korrespondent Alan Elsner, d.Verf.] : How would you describe the events taking place in Rwanda? Shelly [Christine Shelly, Sprecherin des US State Department, d.Verf.] : Based on the evidence we have seen from observations on the ground, we have every reason to believe that acts of genocide have occurred in Rwanda. Elsner: What´s the difference between ´acts of genocide´ and ´genocide´? Shelly: Well, I think the – as you know there´s a legal definition of this…Clearly not all the killings that have taken place in Rwanda are killings to which you might apply that label (…). Elsner: How many acts of genocide does it take to make genocide? Shelly: Alan, that´s just not a question that I´m in a position to answer.31 Letztlich beendete nicht UNAMIR (I bzw. II), die UN, USA oder die französische Operation Turquoise die Sendetätigkeit von RTLM, sondern die Soldaten der RPF, die am 18. Juli Kigali einnahmen, dem Völkermord ein Ende bereiteten und die Moderatoren und Betreiber von RTLM festnahmen.32

[...]


1 Baumann, Zygmunt: Modernity and ambivalence, Cambridge 1991, S. 38.

2 Chrétien, Jean-Pierre et al.: Rwanda. Les médias du génocide, Paris 1995.

3 Des Forges, Alison: Leave none to tell the story. Genocide in Rwanda, New York 1999.

4 Kimani, Mary: RTLM. The medium that became a tool for mass murder, in: Thompson, Allan (hg.): The media and the Rwanda genocide, London und Ann Arbor 2007, S. 110-124.

5 z.B. in Gourevitch, Philip: We wish to inform you that tomorrow we will be killed with our families. Stories from Rwanda, New York 1998, S. 22.

6 Des Forges: Leave none to tell, Thompson (hg.): Media and genocide, Dallaire, Roméo: Shake hands with the devil. The failure of humanity in Rwanda, London 2004.

7 Statistische Erhebung durch Gallup auf der Organisationseigenen Webseite, URL: http://www.gallup.com/poll/108235/radio-chief-medium-news-subsaharan-africa.aspx, abgerufen am 26.11.2010. Die Alphabetisierungsrate liegt heute mit etwa 70 % deutlich höher als 1994, vgl. https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/geos/rw.html, abgerufen am 2.12.2010.

8 Des Forges, Alison: Call to genocide, Radio in Rwanda, 1994, in: Thomspon, Allan (hg.): The media and the Rwanda genocide, London und Ann Arbor, 2007, S. 42.

9 Dallaire: Shake hands, S. 53f.

10 Li, Darryl: Echoes of violence. Radio and genocide in Rwanda, in: Thompson, Allan (hg.): The media and the Rwanda genocide, London und Ann Arbor 2007, S. 94.

11 Vgl. Des Forges, Alison: Call to genocide, Radio in Rwanda, 1994, in: Thomspon, Allan (hg.): The media and the Rwanda genocide, London und Ann Arbor, 2007, S. 41-54.

12 Gourevitch: We wish to inform you, S. 54f.

13 Li: Echoes, in: Thompson (hg.): Media and genocide, S. 91f.

14 Monasebian, Simone: The pre-genocide case against Radio-Télévision Libre des Mille Collines, in: Thompson, Allan (hg.): The media and the Rwanda genocide, London und Ann Arbor 2007, S. 308-329.

15 Power, Samantha: A problem from hell. America and the age of genocide, New York 2002, S. 329ff.

16 Thompson, Allan: Introduction, in: Ders. (hg.): Media and genocide, S.6.

17 Des Forges: Call to genocide, in: Thompson (hg.): Media and genocide, S. 47f.

18 Ebd.: S. 49.

19 Li: Echoes, in: Thompson (hg.): Media and genocide, S. 99f.

20 Raymont, Peter und Canadian Broadcasting Company (CBC): Shake hands with the devil. The journey of Roméo Dallaire, Dokumentarfilm Kanada 2004, vgl. Webseite auf URL: http://www.whitepinepictures.com/dallairesite/index.htm, abgerufen am 29.11.2010.

21 Barnett, Michael: Eyewitness to a genocide. The United Nations and Rwanda, Cornell 2002, S. 127.

22 Li: Echoes, in: Thompson (hg.): Media and genocide, S. 101. Die RPF, die ein etwa 300 Mann starkes Kontingent nach Kigali entsendet hatte, um ihren Ansprüchen bei den Friedensverhandlungen in Arusha zusätzlich Gewicht zu verleihen, hatte unmittelbar nach Bekanntwerden der Morde, die von Angehörigen staatlicher Organisationen begangen worden waren, also bereits am 7. April 1994 die Kampfhandlungen wieder aufgenommen. Das Kontingent in Kigali schoss sich den Weg durch die Hauptstadt frei und kämpfte sich zurück zu den Linien der eigenen Hauptkräfte im Norden des Landes, vgl. Dallaire: Shake hands, S. 265f.

23 Chrétien et al.: Les medias, zitiert nach Mironko, Charles: The effect of RTLM´s rethoric of ethnic hatred in rural Rwanda, in: Thompson, Allan (hg.): The media and the Rwanda genocide, London und Ann Arbor 2007, S. 125.

24 Caplan, Gerald: Rwanda. Walking the road to genocide, in: Thompson, Allan: The media and the Rwanda genocide, London und Ann Arbor 2007, S.25f.

25 Vgl. Goldhagen, Daniel: Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, Berlin 1996 und Browning, Christopher: Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die „Endlösung“ in Polen, Berlin 1998.

26 Dallaire: Shake hands, S. 375, Des Forges: Call to genocide, S. 51f., Power: Hell, S. 371f.

27 Dallaire: Shake hands, S. 349.

28 Power: Hell, S. 371.

29 Des Forges: Call to Genocide, S.51f.

30 Power: Hell, S. 377f. In Haiti und dem zweiten Golfkrieg 1991 dagegen hatte man Radiosender des Gegners entsprechend neutralisiert, vgl. Des Forges: Call to genocide, S. 52.

31 Power: Hell, S. 363. Michael Barnett (a.A.o.) hat sich näher mit der Rolle der UN, vor allem mit der Frage nach der Diffusion von Verantwortung beschäftigt.

32 Gourevitch: We wish to inform you, S. 156. Sprecher des französischen Militärs sprachen später von einem „two-way genocide“, den die Truppen der RPF an den Hutu verübt hätten. Die Rolle der RPF war immer wieder Gegenstand teils heftiger Kritik seitens Frankreich, vgl. Bericht von CNN, URL: http://web.archive.org/web/20061123103519/http://edition.cnn.com/2006/WORLD/africa/11/21/rwanda.france.ap/index.html, abgerufen am 29.11.2010. Die Diskussion über die Möglichkeiten der Störung des Radiosenders erinnert stark an die nach dem II. Weltkrieg gegenüber den USA und Großbritannien geäußerten Vorwürfe, Auschwitz und andere Konzentrationslager nicht bombardiert zu haben. Beide Argumentationen basieren auf den zwei selben und falschen Grundannahmen: dass 1. ein verhältnismäßig geringes militärisches Eingreifen große und nachhaltige Auswirkungen und 2. (gewissermaßen als „Default-Argument“) ein wie auch immer geartetes Eingreifen zumindest moralische und historische Signalwirkung gehabt hätte, vgl. http://www.einestages.spiegel.de/static/ topicalbumbackground/1198/warum_die_alliierten_auschwitz_nicht_bombardierten.html, abgerufen am 4.12.2010.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
"Cockroaches". Die Rolle des Radiosenders Radio-Télévision Libre des Mille Collines beim Völkermord in Ruanda
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Gesellschafts- und Geschichtswissenschaften)
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
15
Katalognummer
V900472
ISBN (eBook)
9783346220882
ISBN (Buch)
9783346220899
Sprache
Deutsch
Schlagworte
RTLM, Ruanda, Genocide, Genozid, Dallaire, UN, Kagame
Arbeit zitieren
Friedrich Menz (Autor:in), 2010, "Cockroaches". Die Rolle des Radiosenders Radio-Télévision Libre des Mille Collines beim Völkermord in Ruanda, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/900472

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