Die Bedeutsamkeit von Literacy-Erfahrungen in der Frühpädagogik

Schriftspracherwerb im Kontext der Montessori-Pädagogik


Hausarbeit, 2020

16 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Literacy – Lese- und Schreibkompetenz
1.1 Zum Begriff Literacy
1.2 Literacy-Erfahrugen und Bildungschancen im Elementarbereich

2 Sprachbildung in der Montessori-P ä dagogik
2.1 Montessoris Betrachtungen zur geschriebenen Sprache in der kindlichen Entwicklung
2.2 Montessori-Materialien zum Schriftspracherwerb

3 Pädagogisches Handeln und die Rolle der Kindertageseinrichtung
3.1 Frühpädagogisches Handeln – Begleitung kindlicher Literacy-Erfahrungen im Sinne der Lese- und Schreibkompetenzen
3.1.1 Aufgaben des Pädagogen in der Montessori-Praxis
3.1.2 Aufgaben des Elementarpädagogen im Kindergarten
3.2 Die Schlüsselrolle „Kindergarten“ - Effekte vorschulischer Betreuung

Fazit und Ausblick

Quellenverzeichnis

Einleitung

„Das Alltagsverständnis geht davon aus, dass Kinder im Kindergarten spielen und in der Schule lesen und schreiben lernen“ (Füssenich 2011, S. 8). Doch eignet sich nicht ein Kind im vorschulischen Bildungsbereich erste Erkenntnisse des Schriftspracherwerbes an? Aus meinen Beobachtungen in der elementaren Bildung lässt sich feststellen, dass bereits junge Kinder im Alter von drei bis vier Jahren großes Interesse an Kulturtechniken zeigen. Ferner möchten Sie lernen, ihren eigenen Namen zu schreiben. Kinder besitzen Sensibilitäten für Buchstaben, interessieren sich für Gedichte und das Reimen. Weiterhin bereitet ihnen das Erzählen von Geschichten und Bilderbuchbetrachtungen großes Vergnügen. Die Gestaltung von Übergängen in der frühen Bildung ist im Bereich der frühkindlichen Forschung ein relevantes Thema. „Ab wann ein Kind fähig und bereit ist, dem schulischen Unterricht zu folgen, lässt sich auch als Passungsfrage in die andere Richtung formulieren: Wie muss der Anfangsunterricht gestaltet werden, damit die Einschulung möglichst aller Kinder gelingt?“ (Gold und Dubowy 2013, S. 134). Nach wie vor stellen sich Schulkinder im Bereich Lesen und Schreiben Herausforderungen. Hierbei zeigen sie eine große Anstrengungsbereitschaft um diese Kulturfertigkeiten zu lernen. Im späteren Schulleben befassen sich Kinder mit orthografischen Basics. Doch hinterfragen sie den Sinn des Ganzen. Meist erhalten sie, seitens der Lehrkraft ungenügende Antworten. Um zum Erfolg zu gelangen - für gute Noten -, wird mit geringer Motivation „gepaukt“. Ist diese Methode in der Grundschule noch aktuell? Sollte ein Kind nicht erfahren dürfen, warum es vorgelegte Lerninhalte verinnerlichen muss? Die eigenen Kindheitserinnerungen in Bezug auf den Deutschunterricht, mögen nicht immer die fröhlichsten gewesen sein. Das orthographische Wissen, welches manch Erwachsener bereits als Kind sich mühsam in der Schule aneignen musste, war nicht immer von Erfolg gekrönt. Die unzufriedenstellenden Zensuren der Diktate und Aufsätze waren der unmittelbare Beweis dafür. Gut ausgebildete Lese- und Schreibkompetenzen sind wichtige Voraussetzungen für gelingende Rechtschreibung und ermöglichen hohe Bildungschancen im späteren Erwachsenenalter. Die Vermittlung der Inhalte zum Schriftspracherwerb obliegt dem Grundschulpädagogen. Doch sollten diese Aufgaben allein der Grundschule zugewiesen werden?

Die vorliegende Arbeit thematisiert den Schriftspracherwerb eines Kindes in der Frühpädagogik und beschäftigt sich mit folgenden Fragestellungen. Welche Bedeutung wird der Lese- und Schreibkompetenz eines Kindes im elementaren Bildungsbereich beigemessen? Ist der reformpädagogische Ansatz Montessoris ein geeignetes Mittel dem intrinsisch motivierten Kind durch Lernfreude mit Entwicklungsmaterialien zum gewünschten Erfolg im sprachlichen Bildungsbereich zu verhelfen? Welchen Stellenwert nimmt die Institution „Kindergarten“ und frühpädagogisches Handeln ein?

Um diese Fragen zu beantworten, möchte ich im Fortschreiten meiner Ausführungen auf die Litracy-Entwicklung in der frühkindlichen Bildung eingehen und die Sichtweisen im Kontext der sprachlichen Bildung im Vorschulalter der Reformpädagogin Maria Montessori beleuchten. Unter Beachtung der „Sensiblen Phasen“ Montessoris, werde ich die geeignete kindliche Lebensphase für Lese- und Schreibkompetenzen hervorheben. Die daraus resultierenden Schlüsse sind vor allem für das pädagogische Handeln bedeutsam. Somit erfährt der Leser meines Textes die grundlegende Bedeutsamkeit des Kindheitspädagogen im elementaren Bildungsbereich.

Zusammenfassend gliedert sich die Hausarbeit in drei wesentliche Bestandteile. Im ersten Teil werden dem Leser die Begrifflichkeit „Literacy“ und die Bedeutung der Literacy-Erfahrungen, im elementaren Bildungsbereich hervorgehoben. Das zweite Kapitel setzt sich mit dem pädagogischen Konzept Maria Montessoris auseinander. Hierbei stehen Sprachbildung und Entwicklungsmaterialien zum frühen Schriftspracherwerb, unter Betrachtung der Montessori-Pädagogik im Zentrum. Abschließend beschäftigt sich das dritte Kapitel mit pädagogischen Handlungsfeldern in Bezug auf die Sprachentwicklung des Kindes im Sinne der Montessori-Pädagogik und im Allgemeinen. Darüber hinaus wird die Rolle der Kindertageseinrichtung unter Betrachtung des der sprachlichen Entwicklung beleuchtet.

Die Erstellung der Hausarbeit erfolgte unter Nutzung des Literaturverwaltungs progammes Citavi. Die Kurzbelege und das Litertaturverzeichnis entsprechen dem empfohlenen Citavi Basis-Stil.

1 Literacy – Lese- und Schreibkompetenz

Das erste Kapitel setzt sich mit der Begrifflichkeit „Literacy“ und deren Bedeutung in der kindlichen Entwicklung auseinander. Unter diesen Gesichtspunkten wird die Wichtigkeit der Literacy-Entwicklung in den Mittelpunkt gehoben.

1.1 Zum Begriff Literacy

Der Terminus Literacy, ein Begriff aus der englischsprachigen Fachliteratur, findet im deutschen Sprachraum keine Übersetzung. Aus diesem Grund wird im Folgenden die englische Bezeichnung verwendet. „Wörtlich übersetzt heißt 'Literacy' Lese- und Schreibkompetenz, doch der Begriff bezieht sich auf weit mehr als die Grundfertigkeit des Lesens und Schreibens“ (Ulich 2005, S.1). "Es handelt sich um die Fähigkeit, die Symbole - dazu gehören auch Zahlen - einer Kultur verstehen und selbst anwenden zu können. Literacy umfasst die Fähigkeit zu lesen, zu schreiben, zu sprechen, zuzuhören und zu denken. Dazu gehören auch Medienkompetenz und das Verständnis mathematischer Konzepte" (Kieferle et al. 2013, S. 35).

Hellrung beschreibt Literacy als Lese- und Schreibkompetenz im frühkindlichen Bildungsbereich und bezieht sich besonders auf das kindliche Interesse an Schriftsprache, an Büchern, an Geschichten und am gemeinsamen Erzählen (vgl. Hellrung 2012, S. 101). Im Wesentlichen geht es um Voraussetzungen, die dem konventionellen Lesen und Schreiben voran gehen. Entscheidend dafür sind sprachliche Erfahrungen, die Kinder im elementaren Bildungsbereich tätigen (vgl. Kieschnick 2015, S. 16). Zusammenfassend formuliert Kieschnik die Literacy-Kompetenzen als einen Prozess, in dessen Verlauf das Kind begreift, was Sprache bedeutet. Ebenso lernt es die Funktionen und die Benutzung der Schriftzeichen des Alphabetes kennen und weiß, dass diese zur Kommunikation gebraucht werden (vgl. ebd., S. 3f).

1.2 Literacy-Erfahrugen und Bildungschancen im Elementarbereich

Ist ein Kind gut sprachgebildet, erlernt es einfach das Schreiben und Lesen in der Schule. Optimale Bildungschancen entwickeln sich bereits in der frühen Kindheit. Ulich betont: "Kinder mit reichhaltigen Literacy-Erfahrungen in der frühen Kindheit haben auch längerfristig Entwicklungsvorteile, sowohl im Bereich der Sprachkompetenz als auch beim Lesen und Schreiben. Sprach-, Lese-, und Schreibkompetenz gehören nachweislich zu den wichtigsten Grundlagen für den Schulerfolg und für die Bildungslaufbahn von Kindern" (Ulich und Mayr 2007, S. 7). Ebenso verweist Kischnick, dass sich Kinder in der vorschulischen Phase mit Lesen und Schreibenlernen befassen. Aus diesem Wissen entwickelte sich seit Jahrzehnten im angloamerikanischen Raum ein eigener Forschungszweig (vgl. Kieschnick 2015, S. 3). Empirisch belegt ist, dass Kinder vor Schuleintritt großes Interesse an der Schriftsprachkultur haben. Sie betrachten Bücher, kommunizieren miteinander in der Kindergruppe und erforschen ihren eigenen Namen (vgl. ebd.). Somit vereinbarte das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), die Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland (KMK) und die Jugend- und Familienministerkonferenz der Länder (JFMK) im Oktober 2012 die gemeinsame Initiative „Bildung durch Sprache und Schrift“ (BiSS) (vgl. www.bmbf.de 16.02.2020). Diese Initiative setzte sich zum Ziel, Maßnahmen zur sprachlichen Bildung in den einzelnen Bundesländern wissenschaftlich zu prüfen und weiterzuentwickeln, um die Sprachförderung, Sprachdiagnostik und Leseförderung in Kindertageseinrichtungen und Schulen weiter zu verbessern (vgl. ebd.). Diese Vorlieben für Sprachbildung im elementaren Bildungsbereich legt der Thüringer Bildungsplan dar. "Von Interesse sind besonders ausgefallene Wörter, Lautstärke und Sprechrhythmen. Sprache wird nun selbst Gegenstand des Nachdenkens und Gegenstand des sprachlichen Handelns, beispielsweise in Sprachspielen, bei der Suche nach Reimen und bei der Erfindung von Fantasienamen. Zugleich rückt die Schrift in das Zentrum des Interesses. Zeichen, Symbole und Schriften werden im Alltag entdeckt“ (Thüringer Bildungsplan 2017, S. 67f).

2 Sprachbildung in der Montessori-P ä dagogik

Die in Italien geborene Ärztin und Reformpädagogin Maria Montessori (1870 – 1952), Begründerin der Montessori-Pädagogik, war eine exzellente Beobachterin kindlicher Lernbedürfnisse. Sie maß der sprachlichen Bildung und Erziehung einen hohen Stellenwert bei. Ganz jungen Kindern werden Materialien zum Erwerb der Schriftsprache an unter Einbezug wissenschaftlicher Kenntnisse angeboten.

"Montessori entdeckte und beobachtete abweichend von vorherrschenden traditionellen Ansichten die Sensibilität, das Interesse und das Vermögen des Kindes im Vorschulalter (ca. 4 Jahre) zur Vorbereitung und zum Erwerb der Schreib-und Lesekompetenz" (Höfler und Müller 2018, S. 10). Darüber wird ausführlich in den folgenden Unterkapiteln berichtet.

2.1 Montessoris Betrachtungen zur Sprache und zur geschriebenen Sprache in der kindlichen Entwicklung

In den Mittelpunkt stellt Montessori die Sprache in das Zentrum der menschlichen Bildung. Die sprachliche Entwicklung ist bedeutend für das soziale Leben (vgl. Montessori 1972, S. 100). "Sie ermöglicht den Menschen sich in Gruppen und Nationen zu vereinen. Die Sprache verursacht jene Veränderung der Umwelt, die wir als Zivilisation bezeichnen. [...] Es ist notwendig und unumgänglich, daß (sic!) wir uns untereinander verstehen. Das Instrument, das ein gegenseitiges Verstehen ermöglicht, ist die Sprache - Mittel gemeinsamen Denkens" (ebd., S.100). Laut Montessori ist die Sprache "Ausdruck eines Übereinkommens, das unter einer Gruppe Menschen besteht" (ebd., S.100).

Montessori befreite sich von dem Vorurteil, dass das mühsame Unterrichten der geschriebenen Sprache so weit wie möglich zurückgestellt werden soll. "[...] Solange das Kind durch seine Unreife unfähig ist, diese Sprache zu gebrauchen, kann es sich die schwere Mühe ersparen, sie zu erlernen. Wir dagegen glauben, dass ein gründlicheres Studium dieser Frage die Lösung bringen kann. Vor allem müsste eine Unzahl von 'Irrtümern in der Methode' beim Schreibunterricht berücksichtigt werden" (Montessori 2015, S. 219). Sie stellt sich den Herausforderungen der Schriftsprache und rückt das junge Kind in den Vordergrund.

Ebenso gibt Fischer dem Lesen und Schreiben im Elementarbereich eine deutliche Gewichtigkeit und verweist auf das Interesse der Kinder (vgl. Fischer 2005, S. 29). „In der Montessori-Tradition hat das Lesen und Schreiben bereits im Kindergartenbereich einen hohen Stellenwert, da die Kinder für die Kulturtechniken sowie für die Möglichkeiten, dass es Sprache gibt, die man nicht hört, dass man etwas mitteilen kann ohne zu sprechen, dass man Laute sichtbar machen kann, besonders empfänglich sind“ (ebd., S. 29). "Montessori erachtete es als notwendig, sich von allem scheinbaren Vorwissen und Vorurteilen loszulösen und einer kindlichen Entwicklung entsprechendes Verfahren zu suchen. [...] Nicht die Schrift soll betrachtet werden, sondern der schreibende Mensch als Subjekt mit seinen in sich entwickelten Fähigkeiten" (Höfler und Müller 2018, S. 14). "Der Schreibprozess müsse ‚psycho-physiologisch‘ untersucht werden, um ein natürliches Verfahren zu entwickeln, das die Kinder ohne künstliche Hürden zum spontanen Schreiben veranlasst. In der Auseinandersetzung mit E. Seguins1 und J. Itards2 didaktischen Ansätzen und Materialien sowie auf der Grundlage eigener Beobachtungen und Versuche entwickelte Montessori eine Schreib- und Leselernmethode, die sie ‚Methode des spontanen Schreibens‘ nannte" (ebd., S.14). Montessori macht deutlich, dass das Kind "freudige Befriedigung" in der „motorischen Anstrengung“ empfindet und dies kindlichen Bedürfnissen entspricht (vgl. Montessori 2015, S. 240).

[...]


1 Edouard Segiun (1812-1880), französischer Arzt und Pädagoge, Schüler Itards, Pionier der Heilpädagogik, Haupanreger für die Pädagogik Montessoris; arbeitete zunächst in Frankreich, später in den USA (Montessori 2015, S. 29).

2 Jean Marc Gaspard Itard (1745-1838), französischer Arzt und Pädagoge (ebd., S. 31).

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutsamkeit von Literacy-Erfahrungen in der Frühpädagogik
Untertitel
Schriftspracherwerb im Kontext der Montessori-Pädagogik
Hochschule
Fachhochschule Erfurt
Autor
Jahr
2020
Seiten
16
Katalognummer
V900556
ISBN (eBook)
9783346207944
ISBN (Buch)
9783346207951
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Literacy, Montessori, Schreiben- und Lesenlernen, frühkindliche Bildung
Arbeit zitieren
Sandra Titt (Autor), 2020, Die Bedeutsamkeit von Literacy-Erfahrungen in der Frühpädagogik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/900556

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