Moralische Grundlagen demokratischer Systeme nach Alexis de Tocqueville

Religion und Zivilreligion


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

35 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Tocqueville
1a) Freiheit und Gleichheit
1b) Die gefährdete Demokratie
1c) Die Rettung der Demokratie: Religion

2. Zivilreligion
2a) Allgemein
2b) Speziell: Hermann Lübbe
2c) Zusammenfassung

3. Demokratie und Moral
3a) Religion
3b) Zivilreligion

4. Zurück zu Tocqueville: Religion oder Zivilreligion?

5. Literatur

Einleitung

Vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Religion und demokratischem System. Damit knüpft sie an die zu Beginn des Seminars gemachte Themenerweiterung an, durch welche der Fokus nicht länger auf dem Verhältnis von Kirche und Staat im engeren Sinne sondern von Religion und demokratischem Staat lag.

Konkret wird im Folgenden eine theoretische Fragestellung verfolgt; nämlich die vom Verhältnis zwischen Religion und demokratischen Gesellschaftssystemen im Allgemeinen. (Der Einfachheit halber verwende ich im weiteren Verlauf den Begriff „Gesellschaft“ und meine damit eine demokratische Gesellschaft nach westlichem Vorbild; die genaue Institutionalisierung des demokratischen Prinzips ist für die weitere Argumentation von peripherer Bedeutung, weshalb diese Verallgemeinerung zulässig ist.)

Untersucht wird dabei, inwiefern die (transzendente) Religion als moralische Grundlage der Gesellschaft transzendentale Eigenschaften für das Funktionieren ebendieser besitzt. Somit ob es die Religion ist, welche die Subjekte mit grundlegenden Werten ausrüstet, die für ein geregeltes Ablaufen der institutionalisierten demokratischen Prinzipien Voraussetzung sind.

Dieser Ansatz führt dahin, eine zentrale Frage der politischen Theorie zu berücksichtigen. Nämlich die des Verhältnis' zwischen Freiheit und Gleichheit. Werden demokratische Gesellschaften als freie und gleiche Gesellschaften betrachtet, ist die Regelung des Spannungsverhältnis' beider bedeutsam für die genauere Ausprägung des demokratischen Systems. Exemplarisch seien die während des Kalten Krieges existierenden Blöcke genannt; der von den USA dominierte Westen proklamierte den Primat der Freiheit während die Sowjetunion die Gleichheit in den Mittelpunkt ihrer Ideologie stellte. Ich werde im Weiteren Verlauf zeigen, dass – wie so oft – ein ausgewogenes Maß der richtige Weg ist, also weder zu viel Freiheit noch zu viel Gleichheit für eine Gesellschaft positiv ist.

Auch Alexis de Tocqueville hat dieses Problem erkannt und sich ausführlich damit beschäftigt. Die von ihm genannte Prävention gegen einen Missbrauch der Gleichheit oder der Freiheit stellt nun die Religion dar. Eine sich selbst überlassene Demokratie, so sagt er, tendiert entweder in den Despotismus (als Form extremer Gleichheit) oder die Anarchie (als Form extremer Freiheit). Lösung ist für Tocquville die Moralisierung der Demokratie durch die Religion. Ein religiös begründeter Wertekanon kann den intrinsischen Wert von Freiheit und Gleichheit, also deren Wert als Wert für sich, vermitteln und auf diesem Wege die liberal-demokratischen Institutionen schützen. Tocqueville schließt daraus, dass die Religion als moralische Quelle der Demokratie für das Funktionieren ebendieser notwendige Voraussetzung ist.

Meine These ist nun, dass dieser Schluss ein Fehlschluss ist und es alternativ zur Religion auch die Zivilreligion sein kann, welche als moralische Grundlage fungiert. Ich stelle somit folglich nicht in Frage, dass eine Gesellschaft einer wie auch immer gearteten moralischen Grundlage bedarf.

Meine Fragestellung lautet somit: Kann Zivilreligion – eine genauere Arbeitsdefinition ist nötig – die von Tocqueville der Religion zugeschriebene Funktion erfüllen und somit die Religion substituieren?

Für die Beantwortung dieser Frage muss zunächst der Ansatz Tocquevilles vorgestellt werden. Dies geschieht im ersten Abschnitt der Arbeit. Hier wird – nach einer kurzen allgemeinen Einführung – zunächst auf das Verhältnis von Freiheit und Gleichheit eingegangen (a) um anschließend dessen Auswirkung auf die Gesellschaft zu beschreiben (b). Schließlich muss die von Tocqueville präferierte Lösung skizziert werden (c), um diese als weitere Arbeitsgrundlage verwenden zu können.

Für die sich anschließende Argumentation ist es notwendig, darauf folgend ein Konzept von Zivilreligion zu präsentieren, welches die Fähigkeit besitzt die der Religion zugeschriebenen Funktion zu übernehmen. Daher wird im zweiten Abschnitt die Idee einer Zivilreligion von Hermann Lübbe dargelegt. Nach einem einführenden Teil über das Konzept von Zivilreligion im Allgemeinen (a) werden die wichtigsten Aspekte des Ansatzes Lübbes vorgestellt (b). Diese werden abschließend für die weitere Argumentation zusammengefasst (c).

Der dritte Abschnitt skizziert nochmals das Verhältnis zwischen Demokratie und Moral. Als Grundlage der Moral wird auf der einen Seite Religion (a), auf der anderen Seite Zivilreligion (b) diskutiert.

Es folgt ein finaler Versuch der Beantwortung meiner Fragestellung auf Grundlage vorliegender Arbeit.

1. Tocqueville

Alexis de Tocqueville lebte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Als Mitglied der französischen Aristokratie sah er die Herausbildung einer demokratischen Gesellschaft ambivalent; auf theoretischer Ebene konnte er sie nicht als das Optimum akzeptieren, hat sich aber vor allem wegen ihrer Unausweichlichkeit mit ihren Funktionszusammenhängen beschäftigt. (Ausführlicher in: Campagna 2001: 94ff.) Eine Gesellschaft, in der der Gleichheitsgedanke Fuß gefasst hat, entwickelt sich nur schwer wieder in Richtung des Ungleichheitsgedanken. Daher hat sich Tocqueville mit den möglichen Gefahren für eine demokratische Gesellschaft beschäftigt und versucht, Lösungen für ebendiese anzubieten.

Die größte Gefahr sah Tocqueville in einer möglichen Gesellschaft, „in der es keinen Platz mehr für Freiheit gäbe.“ (Campagna 2001: 121) Diese würde aus einer zu starken Fokussierung auf den Gleichheitsgedanken resultieren; damit spricht Tocqueville den oben genannten Konflikt zwischen Freiheit und Gleichheit als zentralen Konflikt eines demokratischen Gesellschaftssystems an. Da dieser als ein zentraler Konflikt vieler politischer Theorien eminente Wichtigkeit besitzt, wird im Folgenden Tocquevilles Sicht demgegenüber skizziert (1a). Während das Spannungsverhältnis zwischen Freiheit und Gleichheit ein abstraktes Problem darstellt, offenbaren sich für Tocqueville im Kern vier große Gefahren der Demokratie. Diese liegen im Wesen der Demokratie selbst, werden somit nicht von außen an sie herangetragen und lassen sich folglich nicht ohne weiteres von der Demokratie trennen. Sie sind es, die in einer Überbetonung entweder der Freiheit oder der Gleichheit resultieren können und damit in den Despotismus oder die Anarchie führen können. Diese vier Gefahren und ihre potentiellen Auswirkungen werden unter 1b vorgestellt. Der Abschnitt über Tocqueville schließt mit dem Lösungsvorschlag des französischen Theoretikers; der Begründung einer notwendigen Moralisierung der Demokratie durch Religion (1c).

1a) Freiheit und Gleichheit

Als eines der zentralen Probleme der politischen Theorie ist das Spannungsverhältnis zwischen Freiheit und Gleichheit auch bei Tocqueville als „roter Faden“ (Hidalgo 2006: 25) auszumachen. In der Gleichheit der Bedingungen sieht der französische Aristokrat das charakteristische Merkmal und strukturelle Prinzip der Demokratie; somit das grundlegend Neue in der modernen Gesellschaft. (Tocqueville 1987, Band 1: 9) Dies bedeutet nicht nur die Beseitigung von bis dato üblichen Adelsprivilegien, sondern uniformiert die Gesellschaft als universaler Wert zur Gänze, da die Menschen „unmöglich in einer einzigen Hinsicht immer ungleich, in allen anderen gleich sein können.“ (Ebenda: 80f.)

Im Gegensatz zur Gleichheit stellt die Freiheit kein spezifisches Merkmal der demokratischen Gesellschaft dar. Als lediglich ein Privileg von Minoritäten hat sie sich historisch bereits in unterschiedlich verfassten Gesellschaften offenbart. Folglich ist nicht die Freiheit, sondern die Gleichheit „das Kennzeichen des demokratischen Zeitalters“ (Tocqueville 1987, Band 2: 143) Somit kann zwischen der aristokratischen und der demokratischen Form der Freiheit unterschieden werden. Im ersten Fall bezeichnet die Freiheit ein Partikularrecht, welches durch die Unfreiheit der Majorität aufrecht gehalten wird und konstitutives Merkmal aristokratischer Gesellschaften ist. Die demokratische Freiheit unterliegt hingegen dem Prinzip der Gleichheit; sie ermöglicht es allen Individuen, ihr Leben frei, das heißt unabhängig, zu gestalten. Die Freiheit eines Einzelnen bedeutet hierbei nicht die Unfreiheit eines Anderen (oder vieler Anderer). Im Zeitalter der Demokratie ist die allgemeine Freiheit die einzig mögliche (wegen des Gleichheitsgrundsatzes) und damit auch die richtige Form der Freiheit. Somit sind nicht nur die Reaktionäre, welche sich dem Gleichheitsprinzip verweigern und im Namen einer natürlichen Ungleichheit die Demokratie bekämpfen als Bedrohung der Freiheit anzusehen; auch die radikalen Verfechter der Gleichheit gefährden die liberale Demokratie. Indem sie einer absoluten Egalität zur Geltung verhelfen wollen, verfehlen sie das notwendige Equilibrium zwischen Freiheit und Gleichheit und zielen damit indirekt auf die Untergrabung der die allgemeine Freiheit erst möglich machenden demokratischen Verhältnisse. Die radikale Verfolgung des Gleichheitsgedankens leugnet die vorhandenen natürlichen Unterscheide und führt im Extrem zu Terror und Unterdrückung der Minoritäten. Das Ideal Rousseaus, welches im Contrat social eine mögliche Einheit zwischen Freiheit und Gleichheit propagiert kann Tocqueville lediglich theoretisch erkennen; sieht seine praktische Umsetzbarkeit aber als zweifelhaft an. „Man kann sich einen äußersten Punkt vorstellen, wo Freiheit und Gleichheit sich berühren und verschmelzen. Ich setze voraus, dass alle Bürger an der Regierung teilhaben und dass jeder einen gleichen Anspruch auf diese Mitwirkung besitzt. Da keiner sich demnach von seinen Mitbürgern unterscheidet, wird niemand eine tyrannische Macht ausüben können; die Menschen werden vollkommen frei sein, weil sie völlig gleich sind; und sie werden alle vollkommen gleich sein, weil sie alle völlig frei sind. Das ist das Ideal, dem die demokratischen Völker nachstreben.“ (Ebenda: 141) Für die Realität gibt Tocqueville diesem Ideal wenig Chancen. Er sieht zwar die wichtige Rolle, die die Freiheit für jeden Menschen spielt. Auf der anderen Seite sieht er diese aber hinter der Obsession für die Gleichheit verblassen. Somit entsteht die Gefahr einer egalitären, unter einen Herrscher gestellten Gesellschaft. „Sie [die demokratischen Völker, m.k.] wollen die Gleichheit in der Freiheit, und können sie diese nicht erlangen, so wollen sie sie noch in der Knechtschaft. Die Armut, die Knechtung, die Barbarei werden sie ertragen, die Aristokratie aber werden sie nicht dulden.“ (Ebenda: 146) Die Gefahr einer zu starken Entwicklung der Gleichheit liegt somit in der Despotie, während eine ins andere Extrem – das der Freiheit – sich entwickelnde Gesellschaft in der Anarchie endet. Anders als Thomas Hobbes sieht Tocqueville die größere Gefahr in der Despotie. Er betrachtet die Prinzipien des egalitären und liberalen Ideals nicht als unauflösbare Gegensätze. Zwar befinden sich Freiheit und Gleichheit in einem Spannungsverhältnis, doch besteht die Möglichkeit eines Brückenschlags. Diesen aufzuzeigen ist die Aufgabe wissenschaftlicher Reflexion. Bei dieser muss stets „die Gleichheit die Prämisse bilden, während die Freiheit ihren Zweck benennt.“ (Hidalgo 2006: 30)

1b) Die gefährdete Demokratie

Stehen Freiheit und Gleichheit somit in einem grundlegenden Spannungsverhältnis zueinander, sind es vor allem vier Aspekte, welche die Tendenz in die eine oder andere Richtung ausmachen. Diese werden im Folgenden skizziert, um anschließend argumentativ zu Tocquevilles Lösungsvorschlag zu führen. Es sind dies der Zweifel, der negative Individualismus, der Materialismus und der Sozialismus.

Der Eintritt in die Epoche der Moderne ist unter anderem gekennzeichnet durch eine radikale Infragestellung traditioneller Werte. Es existieren sehr wohl unterschiedliche Definitionen der Moderne als eigenständige historische Epoche; allen gemeinsam ist jedoch die Feststellung, dass sich mit dem Beginn der Moderne die Subjekte ihres Wertes an sich bewusst werden und mit von außen an sie herangetragenen Wahrheiten brechen. Somit erhalten Subjekte nicht nur ihre gesellschaftliche, sondern auch ihre intellektuelle Freiheit. Das Paradigma René Descartes des cogito ergo sum erhebt hierbei den existierenden Zweifel in den Rang einer philosophischen Methode. Mit Descartes erhält der Gedanke des reflexiven Lebens seine Legitimierung. Fortan wird das moderne Individuum es als seine Aufgabe ansehen, überlieferte – traditionelle – Wahrheiten auf ihre Evidenz hin zu überprüfen. Eine Aussage erhält ihre Richtigkeit fortan nicht mehr durch die Autorität der Quelle, etwa einer wichtigen Einzelperson oder Institution. Vielmehr ist jede Aussage erst dann subjektiv als wahr anzusehen, wenn das Individuum ihre Richtigkeit einsieht, das heißt unmittelbar oder mittelbar über die Ableitung evidenter Prämissen. „Mit Descartes wird das Prinzip der intellektuellen Autorität in Frage gestellt und jedes Individuum wird zum Richter über das Wahre und Falsche, über das Richtige und Unrichtige: Die Intellektuelle Autorität [...] wird somit [...] demokratisiert.“ (Campagna 2001: 124) Nach Kant erwacht mit der Moderne somit die menschliche Vernunft aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit. Während in aristokratischen Gesellschaften natürliche intellektuelle Ungleichheiten existieren und damit auch die intellektuelle Autorität einer Minorität zusteht, wird in demokratischen Gesellschaften die prinzipielle Gleichheit der Intelligenz postuliert. In demokratischen Gesellschaften gibt es nicht eine oder einige intellektuelle Autoritäten, es gibt deren im Idealfall genau so viele, wie es Individuen gibt. Das Ideal des aufgeklärten Individuums ist das Ideal eines Menschen, dem nur seine eigene Vernunft als Maßstab dient. Neben trivialen Einwänden gegen die Möglichkeit dieses Ideals – es fehlt an Zeit und an Kenntnis, um sämtliche Aussagen zu verifizieren – stellt sich die Frage, ob ein Individuum überhaupt in der Lage ist, sich von sämtlichen Traditionen und Vorannahmen zu distanzieren. Für viele Individuen entsteht somit eine Situation des Zweifels, welche keinen methodischen Charakter nach Descartes besitzt, sondern vielmehr zur Verzweiflung und Gleichgültigkeit führen kann. Wenn bisher gültige Orientierungspunkte ihre Gültigkeit verlieren und jeder wahrnehmbare Orientierungspunkt prinzipiell auch anders sein könnte, ist das Sicherheitsgefühl einer intellektuellen Autorität verschwunden. Ein Weg diesem Zweifel zu entkommen besteht nach Tocqueville darin, sich der Mehrheitsmeinung anzuschließen. (Tocqueville 1987, Band 2: 18) Sich der eigenen intellektuellen Ohnmacht bewusst und jeder Form traditioneller weil autoritärer Orientierung beraubt, tendiert das Individuum dazu, die eigene Unfähigkeit qualitativer Evidenz durch eine rein quantitative Evidenz zu ersetzen. Dieses Streben nach intellektueller Geborgenheit mündet in der Gefahr der „Tyrannei Mehrheit“. (Tocqueville 1950: 42) Damit hängt die Gefahr einer intellektuell extrem egalitären Gesellschaft vom möglichen Scheitern des Versprechens der Moderne nach einer intellektuellen Autonomie ab. So lange die Mehrheit sich ihrer intellektuellen Autonomie bedienen und diese als Richtschnur ihres Verhaltens gebrauchen, besteht diese Gefahr nicht. Sobald die Mehrheit allerdings dazu tendiert, sich ihrer Orientierungslosigkeit durch eine Flucht in die Mehrheitsmeinung zu entledigen, entsteht intellektuelle Heteronomie und gesellschaftlicher Konformismus. „Dieselbe Gleichheit“, die den Menschen „von allen seinen Mitbürgern unabhängig macht, liefert ihn vereinzelt und wehrlos der Wirkung der größeren Zahl aus.“ (Tocqueville 1987, Band 2: 21f.) Hierbei ist zu beachten, dass Tradition und Konformismus nicht das Gleiche sind. Während traditionelle Wahrheiten der Gesellschaft vorgelagert sind, erhebt der Konformismus gesellschaftliche Meinung zur Wahrheit. „Die öffentliche Meinung wird damit zu einer neuen Macht, der man sich nicht zu widersetzen traut.“ (Campagna 2001: 135)

Neben dem Zweifel ist es der negative Individualismus, welcher die Demokratie gefährdende Auswirkungen haben kann. Negativer Individualismus deshalb, weil das Anliegen Tocquevilles – so paradox es klingen mag – der Kampf für und gegen den Individualismus ist. Hierin spiegelt sich das Spannungsverhältnis zwischen Freiheit und Gleichheit wieder. Der extreme Individualismus, als Ausprägung extremer Freiheit und gleichzeitiger Gefährdung der Freiheit wird von Tocqueville abgelehnt. Er plädiert für eine wohlverstandene Form individualistischer Lebensführung, welche den unabhängigen Menschen erlaubt. Definiert wird der Individualismus nun – abgegrenzt vom Egoismus als einer übertriebenen Selbstliebe – als ein neues, erst in demokratischen Gesellschaften entstandenes Phänomen. Dieses ist ein „überlegendes und friedfertiges Gefühl, das jeden Bürger drängt, sich von der Masse der Mitmenschen fernzuhalten und sich mit seiner Familie und seinen Freunden abzusondern.“ (Tocqueville 1987, Band 2: 147) Damit führt der Individualismus in seiner Konsequenz zu einer politischen Apathie des Menschen, da all „seine Gefühle auf sich allein“ (A.a.O.) gerichtet sind. Wieder ist es Hobbes, der mit seinem Naturzustand idealtypisch das Bild einer Gesellschaft absoluter Individualisten (und Egoisten) gezeichnet hat. Der dort als einziger Ausweg dargelegte Weg besteht darin, einer Gesellschaft, der jede soziale Integrationsfaktoren und gemeinsame Bande fehlen, in der jeder sein eigener Herr ist, durch einen absoluten Staat oder Einzelherrscher zu begegnen. Dieser hat die Aufgabe für öffentliche Ordnung und soziale Integration zu sorgen. Damit ist bei Hobbes Konsequenz des absoluten Individualismus der politische Absolutismus. Damit, und das ist ebenfalls die Sicht Tocquevilles, führt der extreme Individualismus zur Unterhöhlung freiheitsschützender Faktoren. Damit ist die Position Tocquevilles nicht die, dass das Streben nach Unabhängigkeit an sich schlecht ist, vielmehr soll gezeigt werden, dass Unabhängigkeit nur dann bewahrt werden kann, wenn ihr bestimmt Grenzen auferlegt werden. Der wohlverstandene Individualismus zielt auf eine Unabhängigkeit ab, die sich selbst einen Rahmen auferlegt, in dem sie sich entfalten kann. Ohne diesen sie aber sich selbst gefährdende Tendenzen entwickelt. „Die Negation der öffentlichen Sphäre verhindert nicht nur die soziale Integration, sie bestellt auch den Boden für die Despotie.“ (Hidalgo 2006: 45)

[...]

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Moralische Grundlagen demokratischer Systeme nach Alexis de Tocqueville
Untertitel
Religion und Zivilreligion
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Otto-Suhr-Institut)
Veranstaltung
Kirche und Staat in demokratischen Systemen
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
35
Katalognummer
V90081
ISBN (eBook)
9783638044196
ISBN (Buch)
9783638940986
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Moralische, Grundlagen, Systeme, Alexis, Tocqueville, Kirche, Staat, Systemen, Religion, Zivilreligion
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Moritz Krell (Autor), 2007, Moralische Grundlagen demokratischer Systeme nach Alexis de Tocqueville, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90081

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