Vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Religion und demokratischem System. Damit knüpft sie an die zu Beginn des Seminars gemachte Themenerweiterung an, durch welche der Fokus nicht länger auf dem Verhältnis von Kirche und Staat im engeren Sinne sondern von Religion und demokratischem Staat lag.
Konkret wird im Folgenden eine theoretische Fragestellung verfolgt; nämlich die vom Verhältnis zwischen Religion und demokratischen Gesellschaftssystemen im Allgemeinen. (Der Einfachheit halber verwende ich im weiteren Verlauf den Begriff „Gesellschaft“ und meine damit eine demokratische Gesellschaft nach westlichem Vorbild; die genaue Institutionalisierung des demokratischen Prinzips ist für die weitere Argumentation von peripherer Bedeutung, weshalb diese Verallgemeinerung zulässig ist.)
Untersucht wird dabei, inwiefern die (transzendente) Religion als moralische Grundlage der Gesellschaft transzendentale Eigenschaften für das Funktionieren ebendieser besitzt. Somit ob es die Religion ist, welche die Subjekte mit grundlegenden Werten ausrüstet, die für ein geregeltes Ablaufen der institutionalisierten demokratischen Prinzipien Voraussetzung sind.
Dieser Ansatz führt dahin, eine zentrale Frage der politischen Theorie zu berücksichtigen. Nämlich die des Verhältnis' zwischen Freiheit und Gleichheit. Werden demokratische Gesellschaften als freie und gleiche Gesellschaften betrachtet, ist die Regelung des Spannungsverhältnis' beider bedeutsam für die genauere Ausprägung des demokratischen Systems. Exemplarisch seien die während des Kalten Krieges existierenden Blöcke genannt; der von den USA dominierte Westen proklamierte den Primat der Freiheit während die Sowjetunion die Gleichheit in den Mittelpunkt ihrer Ideologie stellte. Ich werde im Weiteren Verlauf zeigen, dass – wie so oft – ein ausgewogenes Maß der richtige Weg ist, also weder zu viel Freiheit noch zu viel Gleichheit für eine Gesellschaft positiv ist.
Auch Alexis de Tocqueville hat dieses Problem erkannt und sich ausführlich damit beschäftigt. Die von ihm genannte Prävention gegen einen Missbrauch der Gleichheit oder der Freiheit stellt nun die Religion dar. Eine sich selbst überlassene Demokratie, so sagt er, tendiert entweder in den Despotismus (als Form extremer Gleichheit) oder die Anarchie (als Form extremer Freiheit).
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Tocqueville
1a) Freiheit und Gleichheit
1b) Die gefährdete Demokratie
1c) Die Rettung der Demokratie: Religion
2. Zivilreligion
2a) Allgemein
2b) Speziell: Hermann Lübbe
2c) Zusammenfassung
3. Demokratie und Moral
3a) Religion
3b) Zivilreligion
4. Zurück zu Tocqueville: Religion oder Zivilreligion?
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das theoretische Spannungsverhältnis zwischen Religion und demokratischen Gesellschaftssystemen. Das primäre Ziel ist es zu prüfen, ob Zivilreligion die von Alexis de Tocqueville der Religion zugeschriebene Funktion der Moralisierung einer Demokratie übernehmen und somit als funktionales Äquivalent fungieren kann, um die Demokratie vor Despotismus und Anarchie zu schützen.
- Die Notwendigkeit moralischer Grundlagen in liberalen Demokratien nach Tocqueville.
- Die Analyse der vier großen Gefahren der Demokratie: Zweifel, Individualismus, Materialismus und Sozialismus.
- Vergleichende Untersuchung verschiedener Konzepte von Zivilreligion, insbesondere nach Hermann Lübbe.
- Diskussion über die Möglichkeiten und Grenzen, Zivilreligion als moralisches Substitut für institutionalisierte Religion zu etablieren.
Auszug aus dem Buch
1b) Die gefährdete Demokratie
Stehen Freiheit und Gleichheit somit in einem grundlegenden Spannungsverhältnis zueinander, sind es vor allem vier Aspekte, welche die Tendenz in die eine oder andere Richtung ausmachen. Diese werden im Folgenden skizziert, um anschließend argumentativ zu Tocquevilles Lösungsvorschlag zu führen. Es sind dies der Zweifel, der negative Individualismus, der Materialismus und der Sozialismus.
Der Eintritt in die Epoche der Moderne ist unter anderem gekennzeichnet durch eine radikale Infragestellung traditioneller Werte. Es existieren sehr wohl unterschiedliche Definitionen der Moderne als eigenständige historische Epoche; allen gemeinsam ist jedoch die Feststellung, dass sich mit dem Beginn der Moderne die Subjekte ihres Wertes an sich bewusst werden und mit von außen an sie herangetragenen Wahrheiten brechen. Somit erhalten Subjekte nicht nur ihre gesellschaftliche, sondern auch ihre intellektuelle Freiheit. Das Paradigma René Descartes des cogito ergo sum erhebt hierbei den existierenden Zweifel in den Rang einer philosophischen Methode. Mit Descartes erhält der Gedanke des reflexiven Lebens seine Legitimierung. Fortan wird das moderne Individuum es als seine Aufgabe ansehen, überlieferte – traditionelle – Wahrheiten auf ihre Evidenz hin zu überprüfen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Thematik des Verhältnisses von Religion und demokratischem Staat sowie Darlegung der zentralen Fragestellung bezüglich der moralischen Grundlagen.
1. Tocqueville: Darstellung von Tocquevilles Analyse der demokratischen Gefahren, insbesondere durch das Spannungsfeld von Freiheit und Gleichheit.
1a) Freiheit und Gleichheit: Untersuchung des strukturellen Prinzips der Gleichheit in der Demokratie und dessen konfliktärer Beziehung zur Freiheit.
1b) Die gefährdete Demokratie: Analyse der vier spezifischen Gefahren für moderne demokratische Gesellschaften: Zweifel, negativer Individualismus, Materialismus und Sozialismus.
1c) Die Rettung der Demokratie: Religion: Erörterung von Tocquevilles These, dass nur die Religion als moralische Quelle die Stabilität und Freiheit der Demokratie sichern kann.
2. Zivilreligion: Überblick über die wissenschaftliche Diskussion und verschiedene Konzepte der Zivilreligion.
2a) Allgemein: Einordnung verschiedener Ansätze wie Schwundstufenreligion, Säkularreligion und politischer Religion.
2b) Speziell: Hermann Lübbe: Detaillierte Betrachtung des zivilreligiösen Ansatzes von Hermann Lübbe als "religiöses Staatsrecht".
2c) Zusammenfassung: Synthese der zivilreligiösen Konzepte und kritische Abgrenzung gegenüber dem Tocqueville'schen Moralverständnis.
3. Demokratie und Moral: Erneute Beleuchtung der moralischen Erfordernisse einer Demokratie im Kontext der vorangegangenen theoretischen Diskussion.
3a) Religion: Diskussion der Rolle christlich institutionalisierter Religion und ihrer funktionalen Entmachtung durch Säkularisierungsprozesse.
3b) Zivilreligion: Prüfung, inwieweit Zivilreligion als funktionales Äquivalent zur Religion die moralische Basis sichern kann.
4. Zurück zu Tocqueville: Religion oder Zivilreligion?: Zusammenfassende Beantwortung der Ausgangsfrage, ob Zivilreligion das Tocqueville'sche Modell substituieren kann.
Schlüsselwörter
Demokratie, Religion, Zivilreligion, Freiheit, Gleichheit, Alexis de Tocqueville, Hermann Lübbe, Moral, Säkularisierung, Individualismus, Materialismus, politische Theorie, liberaler Staat, Wertesystem, Gesellschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundlegend?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, wie eine liberale Demokratie ihre moralische Stabilität bewahren kann, wenn sie sich von ihren religiösen Wurzeln entfernt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind das Verhältnis von Freiheit und Gleichheit, die Gefahren der Demokratie nach Tocqueville sowie das Potenzial von Zivilreligion als moralische Stütze.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu erörtern, ob Zivilreligion die Funktion übernehmen kann, die Tocqueville der Religion zur Moralisierung der Demokratie zugeschrieben hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer politikwissenschaftlichen Theorieanalyse, die sich auf die Schriften von Alexis de Tocqueville sowie auf moderne zivilreligiöse Konzepte (insb. Hermann Lübbe) stützt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Gefahren der Demokratie, die Konzepte der Zivilreligion und prüft diese schließlich als funktionales Äquivalent zur traditionellen Religion.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe umfassen Demokratie, Religion, Zivilreligion, Freiheit, Gleichheit, Individualismus sowie den theoretischen Beitrag von Tocqueville.
Warum sieht Tocqueville die Religion als notwendig an?
Tocqueville argumentiert, dass ohne eine religiös begründete Moral der Mensch dazu neigt, nur seinen eigenen materiellen Interessen zu folgen, was die Freiheit zugunsten von Despotismus oder Anarchie gefährdet.
Wie unterscheidet sich der Ansatz von Hermann Lübbe von anderen Zivilreligion-Konzepten?
Lübbe definiert Zivilreligion nicht als bloße Schwundstufe, sondern als ein in die politische Kultur integriertes "religiöses Staatsrecht", das trotz Säkularisierung eine legitimierende Funktion erfüllt.
Kann Zivilreligion das religiöse Fundament bei Tocqueville vollständig ersetzen?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass Zivilreligion zwar die notwendigen Funktionen der Selbstbeschränkung und Wertekonsensbildung übernehmen kann, dies jedoch eine Transformation der gesellschaftlichen Tradition erfordert.
- Citation du texte
- Bachelor of Arts Moritz Krell (Auteur), 2007, Moralische Grundlagen demokratischer Systeme nach Alexis de Tocqueville, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90081