Zwischen Westen, Türkischem Modell und Neo-Osmanismus

Erfolg oder Scheitern der türkischen Außenpolitik seit dem AKP-Regierungsantritt anhand der Konzepte Ahmet Davutoğlus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

30 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung, Quellenlage

2 AuRenpolitische Grundlagen und Rahmenentwicklungen der Türkei vor der AKP

3 Ahmet Davutoğlu und sein Werk stratejik derinlik als auRenpolitische Agenda

4 Der Wahlsieg der AKP und politische Transformationen

5 Das Scheitern der AKP-(AuRen-)Politik?

6 Fazit

7 Literatür

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung, Quellenlage

„Traditionell war die türkische AuRenpolitik von einer, in den kemalistischen Nationenbildungspro- zess eingebundene, Westorientierung charakterisiert. Auch wenn dieser Kernpunkt der türkischen AuRenpolitik soweit erhalten geblieben ist, charakterisierten eine stärkere Multidimensionalität und Diversifizierung der Allianzen auRerhalb des Westens die türkische AuRenpolitik unter der AKP."1 Ziel dieser Arbeit soil es daher sein, die programmatische Grundlage der türkischen AuRenpolitik, insbes. unter Bezugnahme auf das Werk stratejik derinlik des jetzigen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoğlu, , die Umsetzung der neuen AuRenpolitik seit Beginn des AKP-Regierungsantritts, des möglichen Vor- handenseins eines „türkischen Modelis" für die Region, sowie das potentielle Scheitern der AuRenpo­litik, zu untersuchen. Die Arbeit unterteilt sich dabei in die folgenden Kapitel: In Kapitel 2 werden die auRenpolitischen Grundlagen, sowie die Entwicklungen vorgestellt, was notwendig ist, weil in den folgenden Kapiteln teilweise aufvorhergehende Entwicklungen zurückgegriffen werden wird. In Kapi­tel 3 werden die Grundideen aus stratejik derinlik vorgestellt, während in Kapitel 4 ein Überblick über die Entwicklungen der türkischen AuRenpolitik seit AKP-Regierungsantritt folgt, wobei in diesem Ka­pitel auch auf die Frage eines potentiellen, aber häufig in der Literatür zu findenden „Türkischen Mo- dells" für die arabischen (und z.T. kaukasischen und zentralasiatischen Staaten) eingegangen wird. In Kapitel 5 wird der Frage nachgegangen, ob und inwieweit die türkische AuRenpolitik als „gescheitert" betrachtet werden kann, was jüngst öfter in den Medien zu lesen und hören gewesen ist, worauf im letzten Kapitel ein Fazit der Arbeit gezogen werden soil.

Die Literatür- und Quellenlage zu dieser Thematik ist gut: Es finden sich viele Beschreibungen der aktüellen Entwicklungen, wobei die aktuellsten Entwicklungen natürlich nicht immer berücksichtigt werden können. Die Werke Davutoğlus sind erhältlich, allerdings weder in deutscher noch englischer Übersetzung, was das Arbeiten damit erschwert. Einige in der Literatür gebrauchte unscharfe Begrif- fe wie „der Westen" wurden übernommen und gebaucht, ohne dies weiter zu klassifizieren, weil dies den Rahmen der Arbeit sprengen würde.

2 AuRenpolitische Grundlagen und Rahmenentwicklungen der Türkei vor der AKP

„Bis zur Gegenwart ist das Erbe des Osmanischen Reiches einer der Grundpfeiler türkischer AuRenpo­litik". Nach der Auflösung des Osmanischen Reiches und der Gründung der türkischen Republik kam es im Zuge der Einparteienherrschaft der CHP unter Atatürk (und später İnönü), welche bis Ende des zweiten Weltkriegs eine „Verwestlichungspolitik", kombiniert mit einer gleichzeitigen „Türkifizie- rung" des ehemals multiethnischen Staates betrieben.2 Die kemalistischen Eliten erkannten an, dass die Türkei in den zahlreichen Konflikten des Nahen Ostens wenig gewinnen, aber viel verlieren kön- ne, weswegen Ankara sich darauf konzentrierte, eine Rolle in Europa zu spielen.3 Dies wurde durch die von Atatürk ausgerufene „Friede zuhause, Frieden in der Welt"-Doktrin (Yurtta sulh, cihanda sulh) begleitet. Die Westorientierung war jedoch nicht absolut und alternatives, da insbes. in den ersten Jahren groRer Wert auf Neutralität und Bündnisfreiheit und eine Konzentration auf innere Reformen gelegt wurde (splendid isolation). So wurde bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs versucht, sowohl gute Beziehungen zu den westlichen Staaten, als auch zur UdSSR zu halten.4 Auch dem Nationalsozia- listischen Deutschland wurde erst kurz vor Kriegsende (23.02.45) der Krieg erklärt, was Vorausset- zung war, um Gründungsmitglied der zu gründenden UNO werden zu können. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, dem einsetzenden Kalten Krieg und der zunehmend bipolaren Welt, erschien eine Fortführung der türkischen passiven AuRenpolitik jedoch nicht môglich. So führten Grenz- und Souveränitätsstreitigkeiten mit der UdSSR dazu, dass İnönü die westlichen Siegermächte um Unter- stützung ersucht. Die USA stimmte zu, um den sowjetischen Einfluss einzudämmen und in der Trum- an-Doktrin wurde festgelegt, dass „die nationale Integrität und Souveränität Griechenlands und der Türkei [...] für die Sicherheit der USA und aller freiheitsliebenden Menschen von Bedeutung" sei5 und Wirtschaftshilfe wurde zugesichert, woraus die für lange Zeit enge Beziehung der beiden Staaten resultierte. Schon 1947 war die Türkei in den Marshall-Plan einbezogen worden und 1948 Grün­dungsmitglied der OECC (OECD), sowie 1949 des Europarates. Zur weiteren Festigung der Westbin­dung strebte die Türkei auRerdem die NATO-Aufnahme an. Dafür wurde auch die türkische Israelpoli- tik justiert und die Türkei erkannte 1949 Israel als erster Staat der Region an. Dadurch und durch das Engagement im Koreakrieg, wurden 1952 die Türkei (und Griechenland) nach zwei Ablehnungen, in die NATO aufgenommen.6 In der Folge war die Türkei ein verlässlicher und wichtiger Partner des Westens und der USA7 und unzweifelhaft ein Teil des Westens, nicht zuletzt durch die NATO- Mitgliedschaft, in welcher die Türkei die zweitstärkste Armee stellt.8 „Die Sowjetunion blieb der er- klärte auRenpolitische Gegner des Landes. Auch mit dem Beginn der Entspannung Ende derfünfziger Jahre änderte sich diese Haltung zunächst kaum."9 Schon früh traten durch die einseitig prowestliche Politik allerdings auch weitere Nachteile auf, die sich insbes. in der Verschlechterung der Beziehun- gen zu blockfreien und nahöstlichen Staaten offenbarte. Der Bagdad-Pakt und US-Truppen- stationierungen wurden in der arabischen Welt heftig kritisiert.10

Generell lâsst sich aber festhalten, dass viele Problemkonstanten der türkischen AuRenpolitik schon im Osmanischen Reich wurzeln. Neben dem Völkermord an den Armeniern 1915, der eine SchlieRung der Grenzen und tiefstes Misstrauen (wenn nicht Hass) verursachte11, ist besonders das langzeitig schlechte bis feindselige Verhältnis zu Griechenland auf die Vernichtung des Byzantinischen Reiches, Jahrhunderte der türkischen Herrschaft, Griechischer Expansionsdrang nach 1830/32 (megali idea), insbes. 1919-1922 und den Zypernkonflikt zurückzuführen12 und wurde durch „national populistische Rhetorik seitens Politik, Medien und Militârs instrumentalisiert und aufrechterhalten."13 Dabei war für Griechenland die Türkei bedrohlicher als andersherum insbes. wegen der militârischen Überle- genheit der Türkei. Für diese war die Auseinandersetzung „nur eine unter mehreren".14 Ein andau- erndes Problem stellt das Verhältnis zu Zypern dar. „Hintergrund des Konfliktes auf der und um die Insel war die Auseinandersetzung zwischen den Inselgriechen und Inseltürken um einen annehmba- ren Status der beiden ethnischen Gruppen im Hinblick auf die sich abzeichnende Unabhängigkeit von GroRbritannien."15 Ab 1955 begann der Konflikt als bewaffneter Kampf gegen die britische Herr­schaft. Nach vorübergehenden Abkommen 1959 kam es in der Folge zu beidseitigen Pogromen.16 Nach einem zyperngriechischen Putsch intervenierte die Türkei 1974 und verspielte sich anfängliche Sympathien durch die Besetzung des Nordteils.17 Dies führte zu einer „Entflechtung eines groRen Teils der ethnischen Gemengelage auf der Insel."18 Auch das lange Zeit schlechte Verhältnis zu Bulga- rien resultierte aus der Osmanischen Herrschaft. In den 1980er kam es zu „Slawisierungsversuchen" der bulgarischen Türken, so dass 1989 300.000 bulgarische Türken in die Türkei flüchteten. Mit dem Iran kam es erst ab 1979 mit der Islamischen Revolution zum Bruch, wozu kulturell-religiöse Differen- zen, divergierende Staatsmodelle,19 die iranische PKK-Unterstützung,20 sowie die iranische Verfol- gung geflohener Dissidenten und die Ermordung türkisch-laizistischer Persönlichkeiten beitrugen.21

Mit der Eskalation auf Zypern kam es auch zu einer beginnenden (vorübergehenden) Entfremdung mit den USA. Schon 1964 sorgte die Intervention Prâsident Johnsons zuungunsten der Türkei in der Zypernfrage Grund für massive Verstimmung in Ankara, was in einer langsamen Verbesserung des Verhâltnisses zur UdSSR, dem Ostblock, einigen blockfreien sowie arabischen Staaten resultierte. In der Folge der türkischen Besetzung Nordzyperns wurde ein US-Waffenembargo gegen die Türkei erlassen und die US-Stützpunkte in der Türkei unter TAF-Kontrolle gestellt.22 Erst mit dem dritten türkischen Militârputsch von 1980 kam es wieder zur Annâherung und Festigung der Beziehungen.23 Bis heute besitzt die Türkei groRes Gewicht für USA, „denn mit der muslimischen Bevôlkerung und mit dem laizistischen Staatsmodell reprâsentiert die Türkei ein Leitbild des gemâRigten Islam."24 Eng mit den US-Beziehungen verbunden, waren die Beziehungen zu Israel. In den 1990er Jahren kam es zu einer verstârkten Annâherung an Israel, was insbes. 1996 in der „Strategischen Allianz" resultier­te.25 Grund dafür war das beidseitige Bedürfnis nach regionalen Partnern aufgrund überlappender Sicherheitsinteressen (Syrien/lran/lslamismus). Neben Sicherheitskoordination intensivierte das Bündnis auch den bilateralen Handel und die Türkei gewann Fürsprecher in westlichen Institutionen, während die Beziehungen zu fast allen arabischen Staaten darunter litten.26 Diese waren zuvor schon meist durch historische Konflikte belastet, auch, weil die Türkei sich bei algerischen Unabhängig- keitsbestrebungen aufSeiten Frankreichs stellte.27

Auch die Entscheidung Özals, sich trotz der politischen und militärischen Risiken sowie wirtschaftli- chen Nachteilen, 1990 die USA im Golfkrieg gegen den Irak zu unterstützen offenbarte die türkische Position im nahöstlichen Koordinatensystem. Özal sah darin ein auRenpolitisches Signal, das „den Anspruch auf eine ,neue Rolle' der Türkei" unterstreichen sollte und definierte die Türkei als „régio­nale Macht".28 İn der Folge fühlte sich die Türkei von der US-AuRenpolitik jedoch im Stich gelassen, was die Beziehungen erneut auf die Probe stellte, weil die Türkei nun mit einem kurdischen de facto Staat im Nordirak konfrontiert war.29 Etwa zeitgleich stellte das Ende des Kalten Kriegs für die türki­sche AuRenpolitik eine Zäsur dar, weil die Türkei ihre Rolle in der Welt neu definieren musste.30 Da­bei gewann die Türkei an Bedeutung für die USA, da sie strategisch wichtig in potentiell gefährlicher Umgebung war, insbes. bei der Sicherung des Erdölflusses, der Sicherheit Israels, regionaler Hege- monie und Bekämpfung des islamischen Fundamentalismus'.31 Ansonsten war bis Ende der 1990er die türkische Regionalpolitik vom Kurdenkonflikt (Bewaffneter Kampf der PKK seit 1984) und dem Eindämmen islamistischer Einflüsse auf die türkische Politik dominiert, wodurch das Verhältnis zu Syrien und dem Irak angespannt war, weil diese die PKK unterstützten,32 auRerdem sahen diese ihre Wasserversorgung durch das türkische GAP bedroht.33

Mit dem Zerfall der UdSSR ergaben sich für die Türkei jedoch neue Möglichkeiten in den ehemals sowjetischen Turkrepubliken im Kaukasus (Insbes. Aserbaidschan34 ) und Zentralasien. Dadurch wur­den starke Emotionen (und panturkistische Gedankenexperimente) im Land geweckt, auch weil die Türkei sich in der Pflicht sah. Die türkischen Erwartungen wurden jedoch nicht erfüllt, bedingt durch den wirtschaftlichen Einbruch in Zentralasien, seit 1993 auch durch zunehmenden Gegenwind aus Russland.35 In diesem Kontext tauchte zum ersten Mal der Begriff des „Türkischen Modelis" auf, wel­ches als Vorbild für die Turkrepubliken dienen sollte. Letztlich schaffte sich die Türkei aber „nur" neue Märkte.36 Neben dem Kaukasus und Zentralasien engagierte sich die Türkei in den 1990ern auch vermehrt auf dem Balkan und beteiligte sich bei den Friedensbemühungen in den Jugoslawien- kriegen als Beobachter, bei der Durchsetzung des Waffenembargos und Friedensmission.37 Die Türkei erkannte in der Folge aile jugoslawischen Staaten an und bemühte sich insbes. um Bosnien- Herzegowina, weil die Vertiefung der Kluft zwischen Islam und Westen verhindert werden sollte.38 Unter AuRenminister Cem (1997-2002), kam es erstmals zu einem „regionalen Aktivismus".39 So ent- spannten sich ab 1999 die Beziehungen zu Griechenland (Anerkennung einer türkischen Minderheit), auch wenn es bis heute vier andauernde Konfliktpunkte gibt: Festlegung des Festlandsockels, Ho- heitsgewässer, Luftraumgrenzen, Kontrolle des Flugverkehrs und Militarisierung der griechischen Inseln in der östlichen Ägäis.40 Noch 1994 wurde der Streit um die Hoheitsgewässer als „Casus Belli" betrachtet, was 1996 fast zum Krieg führte.41 Nach 1999 kam es zu vielen kleineren Verträgen, aber keinem Durchbruch. Trotzdem wuchs das bilaterale Handelsvolumen.42 In Griechenland hoffte man, durch die europäische Perspektive nationalistische Tendenzen in der Türkei mindern und die Demo- kratisierung vorantreiben zu können.43

Die andauernde Frage des EWG/EG/EU-Beitritts der Türkei begann bereits 1959, mit dem türkischen Antrag auf Assoziierung, das Abkommen wurde jedoch erst 1963 geschlossen. In der Folge wurden die Verhandlungen jeweils durch die drei Militärputsche behindert (I960, 1971, 1980).44 Auch der Beitritt Griechenlands 1981 erschwerte den Beitritt der Türkei und verschaffte Griechenland Blocka- demöglichkeiten. Özal verstärke die Bemühungen ab 1985, wobei Arbeitnehmerfreizügigkeit oben auf seiner Agenda stand. 1987 wurde ein Antrag auf Vollmitgliedschaft gestellt. 1989 stellte die EC die „grundsätzliche Beitrittsfähigkeit" nicht in Frage, bemängelte jedoch tiefsitzende Probleme im Bereich der Menschenrechte, des Minderheitenschutzes und des türkisch-griechisch-zyprischen Kon- flikts.45 Das Ende Kalten Krieges reduzierte jedoch auch die Bedeutung der Türkei für die europäische Sicherheitsarchitektur. Die Türkei hatte jedoch ihren sicherheitspolitischen Beitrag während des Kal­ten Krieges geleistet. Gegner sehen jedoch die Gefahr, dass die EU durch einen Beitritt in regionale Konflikte hereingezogen werden könnte,46 so. z.B. Helmut Schmidt.47 1997 wurden beim Luxembur­ger Gipfel zehn überwiegend CEE-Staaten Beitrittskandidaten, wobei der Türkei dieser Status verwei- gert wurde,48 was (insbes.) mit der unzulänglichen Menschenrechtssituation begründet wurde.49 Trotzdem wurde sie aufgrund von Reformen beim Helsinki-Gipfel 1999 als 13. Beitrittskandidat aner- kannt,50 wozu auch Ankaras konstruktive Rolle im Kosovokonflikt beitrug, ebenso wie das konsequen- te Einsetzen der USA.51 Gleichfalls von grower Bedeutung war der Regierungswechsel in Deutschland 1998, nachdem sich Kohl gegen einen Beitritt gestellt hatte. Schröders Regierung wollte der Türkei „mit der Perspektive der EU-Mitgliedschaft einen Anreiz bieten zur Verbesserung der Menschen­rechtssituation, zur Stärkung der Demokratie und zum Beilegen der Konflikte mit Griechenland",52 weswegen die Türkei mit anderen Beitrittskandidaten gleich gestellt werden sollte.53 Dabei gab (und gibt) es in der Türkei sowohl Gegner als auch Befürworter des Beitritts. İm Lauf der 1990er Jahre nahm die Zahl der Gegner jedoch ab, was auf eine bessere Medienversorgung der Bevölkerung, ver- bunden mit der Hoffnung auf demokratischere Verhältnisse sowie Menschenrechte.54 Schon 1996 hatte mit dem Abschluss der EUCU ein Erfolg erzielt werden können, was auf Çillers Befürchtungen zurückging, gegenüber den CEE ins Hintertreffen zu geraten. Die Verhandlungen dazu wurden von Griechenland behindert; erst die Zusage der Türkei, Zypern einzubinden, führte zu einem griechi- schen Einlenken (trotz ungelöster Zypernproblematik).55 Für den Abschluss der EUCU waren groRe Anstrengungen seitens der Türkei für EUCU notwendig.56 Insgesamt wuchs in den 1990er Jahren der Einfluss der EU auf die türkische AuRenpolitik. Neben dem Drângen auf die Einhaltung von Demokra­tie- und Menschenrechtsstandards, wirkte die EU die türkisch-griechischen Beziehungen ein.57 Dabei war die EU in der Türkei der EUCU nur ein auRenpolitisches Thema von vielen gewesen. Ab 1999 stieg die Euphorie, wobei die EU gleichzeitig idealisiert und dämonisiert wurde.58

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass „trotz der Handlungsmöglichkeiten, die sich der Türkei auf- grund ihrer militärischen Stärke und geographischem vorteilhaften Lage boten," vor 2002 „der feh- lende Wille der politischen Entscheidungsträger in Ankara, die fehlenden wirtschaftlichen Kapazitä- ten und die fehlende Akzeptanz des Landes bei den Regionalstaaten" der Türkei eine ordnungspoliti- sche Rolle verwehrten."59

3 Ahmet Davutoğlu und sein Werk stratejik derinlik als auRenpolitische Agenda

„Es İst nahezu unmöglich, die türkische AuRenpolitik seit 2002 ohne eine Referenz auf Ahmet Da­vutoğlu zu diskutieren."60 Davutoğlu gehört einer neuen türkischen Elite an, die islamisch konservativ geprägt ist.61 Prominent wurde er als auRenpolitischer Berater Erdoğans und 2009 schlieRlich Au- Renminister (und im August 2014 Ministerpräsident). Dabei wird seine innenpolitische Akzeptanz auch auf auRenpolitische Erfolge zurückgeführt, was jedoch nicht unumstritten bleibt.62 Die konzep- tionelle Grundlage der АКР-AuRenpolitik ist jedoch sein Konzept der „strategischen Tiefe". Dabei ist die Kernaussage des Konzepts: „Die Türkei ist kein Peripheriestaat Europas, des Nahen Ostens oder Zentralasiens, sondern ein geographischer Schlüsselstaat, der durch die Verfolgung nationaler Inte­ressen und unter Ausnutzung der geographischen Lage und historischen Sonderbeziehungen zur einflussreichen Ordnungsmacht werden kann."63 Zuvor war laut Davutoğlu die Türkei jedoch in drei misslichen Lagen: 1. Die Türkei nutzte nicht ihr wirtschaftliches und politisches Potential, weil es an einer umfassenden Vision mangelte. 2. Die kemalistische Elite verachtete die islamische Zivilisation, was die Türkei vom Ausfüllen des Erbes des OR abhielt. 3. Der vorangegangene Isolationismus be- grenzte die türkische AuRenpolitik auf kraftlose Bündnisse und hielt von proaktivem Engagement in der Welt ab.64 Dabei basiert sein Konzept auf dem Prinzip der „Zero-Problems with the Neighbors"- Politik (Gutnachbarschaftliche Politik), die zur Lösung bilateraler Probleme beitragen, die nachbar- schaftlichen Beziehungen „auf eine rational-pragmatische Grundlage" stellen „und die gegenseitige Bedrohungswahrnehmung durch Interdependenzen auf wirtschaftlicher Ebene" minimieren soil, sowie dem Konzept, der Ausgestaltung einer multidimensionalen AuRenpolitik. Im Zuge des Entste- hens multipolaren Weltordnung ist es für die Türkei nachteilig, sich politisch weiterhin nur innerhalb transatlantischer Parameter zu bewegen, da die Politik mehrdimensional ausgerichtet sein müsse. Folglich müssten die Beziehungen zum Westen (USA und EU) ergänzt werden, so dass die Beziehun­gen zu Russland, Iran und anderen regionalen und globalen Akteuren (wie z.B. den BRICS) sowie Re- gionen (Lateinamerika, Afrika) ausgebaut und ergänz werden müssen.65 Die Türkei sei wegen ihrer geostrategischen Lage ideal dafür geeignet bzw. vorherbestimmt, wobei zwei Faktoren eine beson- dere Rolle spielten, nämlich geo-ökonomische und die Schaffung von Unterstützung in der Region („soft power"),66 d.h. gute Wirtschaftsbeziehungen, eine zweigleisige Diplomatie sowie eine kültürel­le Bereicherung. Durch diese Faktoren und die Lage der Türkei würde sich für aile teilweise beteilig- ten Interessensgruppen eine Win-win-Situation ergeben: Die Türkei könnte ihr voiles Potential nut- zen, die arabischen Regime des Nahen Ostens könnten auf einen Mediator zurückgreifen, während der Westen von einem attraktiven Partner profitiere, weil die US-Politik im Nahen Osten gescheitert sei.67

Dabei basiert das Konzept der „Strategischen Tiefe" auf drei methodologische Prinzipien: „Visionary approach": Die AuRenpolitik darf nicht krisenorientiert, sondern muss positiv und präventiv wirken. „Consistent and systematic framework around the world": ein „kohärenter und prinzipientreuer glo- baler Ansatz von AuRenpolitik". „Soft Power": Die Türkei muss diese Erlangen und einsetzen und kann damit vor aktüellen Gefahren geschützt werden. Weiterhin gibt es fünf operative Prinzpien: „Balance between security and democracy": Das Bekenntnis zu Rechtsstaat und Menschenrechten, auch im Faile von Terrorgefahr. Das bereits erwähnte und oft zitierte „zero problems with the neigh- bors"-Prinzip: gute auRenpolitische Verhältnisse, verbunden mit der Prämisse der „maximum corpo-

[...]


1 Bank/Karadag 2013, p. 295. [Übersetzung aus dem Englischen]

2 vgl. Gieler 2012b, pp. 503-504.

3 vgl. Cornell 2012, p. 14.

4 vgl. Gieler 2012b, p. 504.

5 Steinbach 2010, p. 66.

6 vgl. Gieler 2012b, p. 505.

7 vgl. Falk 2014, p. 8. [Die Westmächte wollten keine Verantwortung fürdie Landesverteidigung übernehmen.J

8 vgl. BACIA2012, p. 456.

9 Steinbach 2010, p. 67.

10 vgl. Gieler 2012b, p. 505. [Bagdad-Pakt: 1955 gegründetes antikommunistisches Bündnis (Türkei, Irak, Iran, Pakistan, Vereinigtes Königreich); mit irakischer Revolution 1958 quasi obsolet; vgl. Steinbach 2010, p. 68.]

11 vgl. Ibid. 2012b, p. 510. [Die umstrittene Klassifizierung als „Völkermord" kann hier nicht Thema sein]

12 vgl. AXT2012, p. 413.

13 Gieler2012b, p. 510.

14 Axt2012, p. 417.

15 Steinbach 2010, p. 68.

16 vgl. Axt 2012, p. 413.

17 vgl. Gieler 2012b, p. 506.

18 Steinbach 2010, p. 71.

19 vgl. Gieler 2012b, p. 511.

20 vgl. ÖZTÜRK 2012, p. 392.

21 vgl. Steinbach 2010, pp. 82-83.

22 vgl.GlELER2012b, p. 506.

23 vgl. Steinbach 2010, p. 72.

24 GlELER2012b, p. 504.

25 vgl.lbid.2012b, p. 504.

26 vgl. ÖZTÜRK2012, pp. 396-397.

27 vgl.GlELER2012b, p. 506.

28 Steinbach 2010, p. 73.

29 vgl. Cornell 2012, p. 17.

30 vgl. Bank/Karadag 2013, p. 291.

31 vgl. Gieler 2012b, p. 505.

32 vgl.ÖZTÜRK 2012, p. 392.

33 vgl. Steinbach 2010, pp. 81-82.

34 vgl. Gumppenberg/Steinbach 2008, p. 93

35 vgl. Ibid. 2010, p. 79. [Özal verkündete, dass die Türkei nicht mehr „ein Land zwischen dem Bosporus und İğdir [...], sondern zwischen der adriatischen See und der Chinesischen Mauer" sei.]

36 vgl. Bank/Karadag 2013, p. 291.

37 vgl. Gieler 2012b, p. 504.

38 vgl. Steinbach 2010, pp. 76-77.

39 vgl. ÖZTÜRK2012, p. 391.

40 vgl. Axt 2012, pp. 415-416. [Dort auch weitere Literaturhinweise]

41 vgl. Steinbach 2010, p. 78.

42 vgl. AXT2012, p. 417.

43 vgl. Bacia 2012, pp. 442.

44 vgl. Ibid. 2012, p.437.

45 vgl. Steinbach 2010, pp. 73-75.

46 vgl. GlELER2012b, pp. 508-509.

47 vgl. Schmidt 2002.

48 vgl.GlELER2012b, p. 511.

49 vgl. Steinbach 2010, p. 84.

50 vgl.GlELER2012b, p. 507.

51 vgl. Steinbach 2010, p. 84.

52 GlELER2012b, p. 508.

53 vgl. Bacia 2012, pp. 441.

54 vgl.GlELER2012b, p. 508.

55 vgl. Bacia 2012, p. 439.

56 vgl. Steinbach 2010, p. 75.

57 vgl. GlELER2O12b, pp. 513-514.

58 vgl. DIETERT2012, pp. 464-467.

59 ÖZTÜRK 2012, p. 391. vgl. auch: Altunişik 2005.

60 Grigoriadis 2010, p. 4. [Übersetzung aus dem Englischen] vgl. auch für das gesamte Kapitel: Davutoğlu 2001.

61 vgl.GlELER2012b, p. 517.

62 vgl. Bakiner 2014, n.p.

63 ÖZTÜRK 2012, p. 395.

64 vgl. Bakiner 2014, n.p. vgl. auch: Larrabee 2007.

65 vgl. ÖZTÜRK2012, p. 395.

66 vgl. Bank/Karadag 2013, p. 295.

67 vgl. Bakiner 2014, n.p.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Zwischen Westen, Türkischem Modell und Neo-Osmanismus
Untertitel
Erfolg oder Scheitern der türkischen Außenpolitik seit dem AKP-Regierungsantritt anhand der Konzepte Ahmet Davutoğlus
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)  (Kulturwissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Außenbeziehungen der EU
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
30
Katalognummer
V900917
ISBN (eBook)
9783346196347
ISBN (Buch)
9783346196354
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Türkei, AKP, Außenpolitik, Davutoglu, Erdogan
Arbeit zitieren
Bernhard Weidenbach (Autor:in), 2015, Zwischen Westen, Türkischem Modell und Neo-Osmanismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/900917

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