Pädagogische Arbeit mit bindungstraumatisierten Kindern und Jugendlichen. Möglichkeiten und Grenzen


Hausarbeit, 2020

13 Seiten, Note: 1.7

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Traumata
2.1 Was ist ein Trauma?
2.2 Welche Arten von Traumata gibt es?

3. Bindungstraumata bei Kindern und Jugendlichen
3.1 Der Bindungsbegriff
3.2 Auslöser einer Bindungstraumatisierung
3.3 Auswirkungen auf den kindlichen Organismus und Langzeitfolgen

4. Bindungsorientierte pädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen
4.1 Anforderungen an die Fachkräfte – Erkennen von und Umgang mit Bindungstraumata
4.2 Bindungspädagogik und Auswirkungen von Neuerfahrung nach Traumata
4.3 Methoden der traumapädagogischen Arbeit

5. Grenzen der pädagogischen Arbeit mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen

6. Ausblick - Was ist möglich und wo liegen die Grenzen der pädagogischen Arbeit?

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ich versuche selbstverständlich, ihr offen zu begegnen und ihr zugewandt und feinfühlig meine völlige Aufmerksamkeit entgegenzubringen. Ich interessiere mich für sie und frage nach, wie es ihr geht und was sie denn gerade macht. Plötzlich verändert sich die Situation, ich habe das Gefühl, sie wendet sich nach innen, oder nach außen, ich weiß nicht, auf jeden Fall weg. Sie wendet ihr Gesicht ab und lässt ihre Blicke fliegen, nur zu mir gelingt ihr kein Blickkontakt mehr. Der Kontakt wird insgesamt verschwommen und diffus. Ihre verbalen Antworten werden vage, ich habe das Gefühl, sie ist nicht bei der Sache und ich verliere das Gespür für mein Gegenüber. Eine unsichtbare Wand schiebt sich zwischen uns. (vgl. Köhler-Saretzki 2016, S. 10f)

So beschreibt der Diplom-Psychologe Thomas Köhler-Saretzki eine Situation mit Janne, sei­ner 14-jährigen Klientin. Er erzählt von ihrer Reaktionsbreite, die er in seiner Arbeit mit ihr erlebte.

Während das damals drei-Jährige Mädchen aufgrund körperlicher und seelischer Verwahrlo-sung aus ihrer Ursprungsfamilie genommen wurde, kam sie in eine Pflegefamilie. Im Alter von sechs Jahren zeigte sie eine retardierte Entwicklung und Verhaltensauffälligkeiten. Sie kotete und nässte ein, schlug und kratzte andere Kinder und zeigte immer häufiger ein distanzloses Verhalten. Als die Unterbringung in der Pflegefamilie scheiterte, lebte sie ab ihrem 7. Lebens-jahr in verschiedenen stationären Einrichtungen der Kinder – und Jugendhilfe. Letztendlich kam sie in eine mit Freiheitsentziehung verbundene Unterbringung nach §1631b BGB.

Kinder brauchen starke Wurzeln und tragfähige Flügel. Es stellt sich die Frage, was ist, wenn diese Wurzeln zu kurz geraten oder gar verkümmern und gewaltsam durchtrennt worden sind. (vgl. Köhler-Saretzki 2016, S. 10f)

Diese Hausarbeit soll sich diesbezüglich dem Thema „Möglichkeiten und Grenzen der Päda-gogischen Arbeit mit bindungstraumatisierten Kindern und Jugendlichen“ widmen und die Fra-gestellung erörtern, wie Kinder und Jugendliche beim Erfahren neuer Bindungsmuster unter-stützt werden können und wo Grenzen in Bezug auf die traumapädagogische Arbeit liegen.

Zu Beginn wird der Trauma-Begriff erklärt und nach verschiedenen Arten von Traumata unter-schieden, um sich so der Thematik des Bindungstraumas anzunähern. Kinder reagieren auf verschiedene Weise auf ihre traumatischen Erlebnisse – welche Auswirkungen dies auf ihren Organismus in der Kindheit und in der Zukunft in Form von Langzeitfolgen hat, wird darauffol-gend dargestellt. Das vierte Kapitel thematisiert die bindungsorientierte sozialpädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in der sozialpädagogischen Arbeit. Dazu wird anfangs erarbeitet, welche Anforderungen an die Fachkräfte gestellt werden. Was durch Bindungspä-dagogik in der Arbeit mit den betroffenen Kindern und Jugendlichen erreicht werden kann und welche Auswirkungen Neuerfahrungen nach Traumata haben, wird folgend näher betrachtet.

Um den Kindern Neuerfahrungen zu ermöglichen, werden Methoden, die sich in der trauma-pädagogischen Arbeit bewährt haben, vorgestellt. Die Methodik hat jedoch ihre Grenzen und gleichzeitig liegen Grenzen in der pädagogischen Arbeit hinsichtlich der Abgrenzung zur the-rapeutischen Behandlung traumatisierter Kinder und Jugendlicher vor. Nachdem Möglichkei-ten und Grenzen aufgezeigt wurden, wird im abschließenden Kapitel zum einen eine kurze Zusammenfassung und zum anderen eine kritische Auseinandersetzung mit der Thematik er-folgen.

2. Traumata

2.1 Was ist ein Trauma?

Der Begriff kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Verletzung“.

Es liegen viele verschiedene Beschreibungen und Definitionen für den Trauma-Begriff vor. Grundsätzlich werden sie unterschieden in phänomenologische und klassifikationssystemba-sierte Definitionen. Außerdem unterscheiden sie sich dadurch, ob sie nur das Ereignis als sol-ches definieren oder auch die Reaktionen des Einzelnen auf das Ereignis miteinbezieht (vgl. Landolt 2012, S. 15).

In Anlehnung an die phänomenologische Definition von Tyson & Tyson aus dem Jahre 1990 entsteht ein Trauma durch ein Ereignis im Leben eines Menschen, das „vom individuellen Or-ganismus als potenziell lebensbedrohlich bewertet wurde“, „mit überwältigenden Gefühlen von Angst und Hilflosigkeit verbunden war und daher nicht zeitgleich verarbeitet werden konnte“ und „ für dessen Verarbeitung auch in der Folge nicht ausreichend Ressourcen (Gesundheit, andere Menschen, Geld, Nahrung, Geborgenheit …) vorhanden waren“ (Hantke und Görges 2012, S. 54).

Es entsteht nicht lediglich durch ein Ereignis, sondern dadurch, dass im Nachgang keine Mög-lichkeit besteht, die Erfahrungen zu verarbeiten, die während des Ereignisses nicht integriert werden konnten – Hantke und Görges bezeichnen es als „Erleben nach dem Erleben“ (Hantke und Görges 2012, S. 54).

2.2 Welche Arten von Traumata gibt es?

Die amerikanische Kinderpsychiaterin Leonore Terr kategorisierte im Jahre 1991 potenziell traumatisierende Ereignisse in zwei Bereiche: Typ I- Traumata und Typ II-Traumata. Typ I stellt ein akutes, unvorhergesehenes und einmaliges Ereignis dar, wohingegen Typ II wiederholt und teilweise unvorhersehbar auftritt. Ein Typ I-Trauma könnte beispielsweise durch einen Verkehrsunfall oder eine Geiselnahme ausgelöst werden, ein Typ II-Trauma bei-spielsweise durch chronische sexuelle Misshandlungen oder häusliche Gewalt (vgl. Terr 1991, zitiert n. Landolt 2012, S. 16). Im Rahmen der häuslichen Gewalt und häufig während der Kindheit finden die häufigsten Traumatisierungen nach Typ II statt. (vgl. Brisch 2017, S. 14)

Ereignisse, die zu einem Trauma führen können, sind nicht aus sich heraus traumatisch. Wich-tiger als die Betrachtung des traumatisierenden Ereignisses ist die Betrachtung des betroffe-nen Menschen, seines Alters und seiner Verarbeitungsmöglichkeiten (vgl. Hantke und Görges 2012, S. 53f).

Neben der Kategorisierung nach Leonore Terr gibt es weitere Einteilungen von Traumata – beispielsweise Entwicklungstraumastörung, Bindungstrauma oder auch die Traumafolgestö-rungen nach ICD-10 (vgl. Baierl und Frey 2014, S. 24).

3. Bindungstraumata bei Kindern und Jugendlichen 3.1 Der Bindungsbegriff

Bindung stellt das emotionale Band zwischen Kind und Bezugsperson dar. Im Laufe der wei-teren Entwicklung des Kindes bildet sich ein inneres Arbeitsmodell der Bindung. Darin werden die Bindungserfahrungen mit Bezugspersonen zusammengefasst. Durch bestimmte Erwartun-gen an soziale Beziehungen durch die im Arbeitsmodell repräsentierten Bindungserfahrungen wird das Eingehen späterer Bindungen beeinflusst.

Aus den Bindungserfahrungen kann das Kind vier verschiedene Bindungsmuster entwickeln: es kann sicher, unsicher-vermeidend, unsicher-ambivalent oder desorganisiert-desorientiert gebunden sein. Welches Muster das Kind entwickelt, hängt vom Interaktionsmuster mit der Bindungsperson ab. Ist sie feinfühlig, verlässlich und befriedigt die Bedürfnisse des Kindes, sodass eine sichere Bindung zustande kommen kann? Wenn sie keine Feinfühligkeit und Ver-lässlichkeit zeigt, entsteht für gewöhnlich eine unsicher-vermeidende Bindung. Unsicher-am-bivalent ist das Bindungsmuster, wenn das Kind wechselhafte Erfahrungen hinsichtlich der Zuverlässigkeit mit der Bindungsperson macht. Durch besonders ungünstige Interaktionser-fahrungen kann eine desorganisiert-desorientierten Bindung entstehen. (vgl. Lohaus und Vier-haus 2015, S.109)

3.2 Auslöser einer Bindungstraumatisierung

Wenn Kinder, Jugendliche oder auch Erwachsene durch Personen eine körperliche und sexu-elle Gewalt erfahren haben, spricht man von einer Bindungstraumatisierung. Diese Personen werden aufgrund ihrer Position, ihres Wissens und ihrer Machtstellung als Bindungsperson mit Schutz und Sicherheit assoziiert. Sie stellen Bindungspersonen für die Opfer dar und lösen demnach stressvolle Extremerfahrungen bei ihnen aus – Gefühle von Ohnmacht und Hilflosig-keit werden intensiviert. Bei Traumata des Typ I wie beispielsweise einem Unfall können die Betroffenen Hilfe und Unterstützung bei einer Bindungsperson einholen, bei Bindungstrauma-tisierungen des Typ II sind jedoch genau diese Personen die Quelle intensiver, lebensbedroh-licher Angst. Täter*innen von Bindungstraumatisierungen können beispielweise die Eltern sein, aber auch andere Betreuungspersonen der Familie, Lehrer*innen, Priester bzw. Pfarrer, Psychotherapeut*innen und andere, die mit Schutz und Sicherheit assoziiert werden. (vgl. Brisch 2017, S. 15-17)

3.3 Auswirkungen auf den kindlichen Organismus und Langzeitfolgen

Umso früher eine Traumatisierung geschieht, desto folgenschwerer sind die Auswirkungen auf die gesamte psychosoziale und teilweise körperliche Entwicklung, wie etwa das Selbstkon-zept, Beziehungsgestaltungen, das Konfliktverhalten oder die Gehirnentwicklung (vgl. Brisch und Hellbrügge, 2003; Hüther, 2003; zitiert n. Baierl und Frey 2014, S. 27).

Für ein Kind bedeutet ein Bindungstrauma großer Stress, wenn es Bedrohung und Angst bis zu Panik und Todesangst erlebt. Sind die Eltern die Bindungspersonen und werden die Kinder von genau diesen bedroht, kann die Angst nicht gelöst werden, da die Kinder keine Flucht-möglichkeit haben und auch Kampf als Notfallstrategie nicht anwenden können, weil sie von ihren Bezugspersonen abhängig sind.

Diese Umstände sorgen für eine starke körperliche Übererregung, die psychosomatische Re-aktionen und Beschwerden zur Folge haben kann. Als Folge extremer Stresssituationen pro-duziert der Körper Hormone wie etwa Cortisol. Bei Dauererregung bewirken diese Stresshor-mone Veränderungen im Gehirn, die als organisierte Verhaltensstörung in bindungsrelevanten Situationen beobachten und als Bindungsstörung diagnostiziert werden können. Sind die Werte des Cortisols also ständig hoch, wirkt es neurotoxisch und baut Gehirnzellen regelrecht ab. Folglich wird das Gehirnwachstum dadurch verlangsamt. Dieser Dauerstress sorgt für neu-robiologische Schädigungen des Gehirns.

Es ist empirisch belegt, dass Typ II-Traumatisierungen in der Kindheit Folgen bis ins Erwach-senenalter haben können. Besonders hervorzuheben ist in diesem Rahmen die Adverse Childhood Experiences (ACE) – Studie von Felitti und Anda. Sie untersuche in einer Stich-probe von über 17.000 Personen Zusammenhänge zwischen belastenden Ereignissen in der Kindheit und dem psychischen und körperlichen Gesundheitszustand im Erwachsenenalter. Die Ergebnisse der ACE-Studie zeigen, dass belastende und möglicherweise traumatisie-rende Ereignisse in der Kindheit eine Vielzahl an psychologischen und somatischen Langzeit-folgen auslösen können. Weitere Studien unterstreichen und erweitern diese Ergebnisse da-hingehend, dass Traumatisierungen im Kindesalter weitreichende emotionale, soziale und bi-ologische Langzeitfolgen haben können. (vgl. Landolt 2012, S. 116f)

Um näher die Auslöser von Bindungstraumata zu betrachten, zeigt Widom im Jahre 1999 eine deutlich erhöhte Rate an posttraumatischen Belastungsstörungen von in der Kindheit miss-handelten und vernachlässigten Erwachsenen auf – 37,5%. Sexuelle Traumatisierungen im Kindesalter zeigen einen starken Zusammenhang zu psychischen Störungen im Erwachse-nenalter (vgl. Jonas et al. 2011, zitiert n. Landolt 2012, S.117).

4. Bindungsorientierte pädagogische Arbeit mit Kindern und Ju-gendlichen

4.1 Anforderungen an die Fachkräfte – Erkennen von und Umgang mit Bindungstraumata

Die pädagogische Arbeit kann für die Fachkräfte sehr herausfordernd sein und von Gefühlen der Hilf- und Machtlosigkeit begleitet werden (vgl. Zimmermann et al. 2017, S. 136). Manche Kinder und Jugendliche zeigen Kooperationsbereitschaft und Freundlichkeit, um den Wunsch „‘Tu mir bitte nichts Böses‘“ (Brisch 2017, S. 18) zum Ausdruck zu bringen, andere erscheinen verschlossen oder aggressiv. Diese verschiedenen Facetten des Auftretens dienen als eine Art Kontrolle über die Situation und über das in der Zukunft vermutete bedrohliche Geschehen. Die Freundlichkeit der Fachkraft wird von den Kindern meist mit Skepsis betrachtet, weil frühere traumatische Erfahrungen in Bindungsbeziehungen mit derselben Freundlichkeit und besonderen Begünstigungen und Aufmerksamkeiten begonnen haben.

Dieses Misstrauen wird im Rahmen der Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen immer wieder auftreten können in Form von negativen Übertragungsphänomenen, Enttäuschungen, Kritik, Abwertung und Ängsten, dass die Beziehung doch noch nicht so sicher sei. (vgl. Brisch 2017, S. 18)

In solchen Krisenzeiten sollte mit Geduld und mit Hilfe von Supervision weitergearbeitet wer-den hin zur Vermeidung eines möglichen Abbruchs der Arbeit.

[...]

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Pädagogische Arbeit mit bindungstraumatisierten Kindern und Jugendlichen. Möglichkeiten und Grenzen
Hochschule
Hochschule Koblenz (ehem. FH Koblenz)
Note
1.7
Jahr
2020
Seiten
13
Katalognummer
V901001
ISBN (eBook)
9783346211194
ISBN (Buch)
9783346211200
Sprache
Deutsch
Schlagworte
arbeit, grenzen, jugendlichen, kindern, möglichkeiten, pädagogische
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Pädagogische Arbeit mit bindungstraumatisierten Kindern und Jugendlichen. Möglichkeiten und Grenzen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/901001

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