Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, ob die Pluralisierung sozialer Milieus im 21ten Jahrhundert zu einer ungleichen Gesundheitsförderung in der deutschen Gesellschaft führt. Es folgt ein sozioökonomischer Vergleich zwischen den Sinus-Milieus "Konservativ-Etablierte" und "Prekäre".
Nach einer Einschätzung des Statistischen Bundesamtes (2018) investierte der deutsche Staat 2017 erstmals über eine Milliarde Euro pro Tag in den Bereich Gesundheit. Insgesamt betrugen die Gesundheitsausgaben 374,2 Milliarden Euro – eine Steigerung um 4,9% gegenüber 2016 und ein Anteil von 11,4% des deutschen Bruttoinlandsproduktes. Folglich setzt der Sozialstaat Deutschland kontinuierlich erhebliche finanzielle Mittel ein, um vorhandene Versorgungsdefizite im deutschen Gesundheitssystem abzubauen und auszugleichen.
Die gesellschaftlich relevante Thematik einer ungleichen Gesundheitsförderung wird nicht nur national, sondern auch international kontrovers diskutiert. Schließlich ist die Gesundheit ein Gut, welches für jedes einzelne Individuum eine essentielle und fundamentale Bedeutung darstellt. Soziologisch betrachtet ist die Gesundheit ein generelles und zeitloses Phänomen und die Voraussetzung dafür, dass eine Gesellschaft funktionsfähig ist. Konkret bedeutet diese Erkenntnis, dass ein gesellschaftliches Problem dann auftritt, sobald eine Ungleichheit, ein Defizit oder eine Verletzung dieses kostbaren Gutes vorliegen.
Die im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verankerte Sozialstaatlichkeit setzt sich zum Ziel, dieses gesellschaftliche Problem zu minimieren, erfordert aber gleichzeitig das Bemühen und die Verantwortung um soziale Gerechtigkeit seiner Bürger. Die deutsche Bundesregierung hat 2015 mit § 20a PrävG ein neues Präventionsgesetz zu einem Aufbau sowie zu einer Stärkung gesundheitsfördernder Strukturen verabschiedet. Die Etablierung eines solchen Gesetzes in unserer Gesellschaft ist ein wichtiger Schritt dahingehend, dass ungerechte und ungleiche Gesundheitschancen abgebaut werden, um jedem Individuum das Grundrecht auf eine bestmögliche gesundheitliche Versorgung zu ermöglichen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Definitorischer Rahmen und aktueller Forschungsstand
2.1 Forschungsfrage
2.2 Definition
2.3 Forschungsstand
2.4 Methode
3 Soziologische Erklärungsansätze – Theorie und Analyse
3.1 Konflikttradition
3.1.1 Anwendung
3.2 Durkheimische Tradition
3.2.1 Anwendung
3.3 Rationalistische Tradition
3.3.1 Anwendung
3.4 Mikrointeraktionistische Tradition
3.4.1 Anwendung
4 Fazit
5 Literatur- und Quellenverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht, ob die Pluralisierung sozialer Milieus im 21. Jahrhundert zu einer ungleichen Gesundheitsförderung in der deutschen Gesellschaft führt. Das primäre Ziel ist ein sozioökonomischer Vergleich zwischen den Sinus-Milieus „Konservativ-Etablierte“ und „Prekäre“, um Ursachen für soziale Benachteiligungen im Gesundheitssystem aufzuzeigen.
- Analyse sozialer Ungleichheit in der Gesundheitsförderung
- Vergleich sozioökonomischer Statusmerkmale zwischen Milieus
- Anwendung vier soziologischer Theorietraditionen nach Randall Collins
- Diskussion von Solidaritätsprinzipien und Versicherungsstrukturen
- Untersuchung milieuspezifischer Selbstbilder und Gesundheitskompetenzen
Auszug aus dem Buch
3.4.1 Anwendung
Die folgenden Ausführungen befassen sich mit der These, dass die soziale Rolle und das Selbst eines Individuums den gegenwärtigen und zukünftigen Grad der Gesundheitsförderung in unserer Gesellschaft bestimmen.
Nach Mead entwickelt sich der Mensch und dessen Bewusstsein erst durch die Interaktion und Kommunikation mit anderen Menschen, sodass folglich das soziale Umfeld bei der jeweiligen Persönlichkeitsentwicklung und Denkweise eine fundamentale Rolle innehält. Das führt dazu, dass Menschen des „Prekären Milieus“, die eine mangelnde Kompetenz im Bereich Gesundheit aufweisen, dieses fehlende Wissen ihrem Milieuumfeld weitergeben: „Vor allem Menschen in den bildungsfernen Milieus der traditionellen und modernen Unterschicht sind nicht in der Lage, überhaupt die Frage(n) für eine Beratung (beim Arzt; beim Apotheker) zu stellen … weil ihnen die sprachliche Kompetenz fehlt“ (Wippermann et al., 2011, S. 114). Gemäß Goffman lernt ein Individuum seine Rolle erst durch die Gesellschaft kennen, sodass das Milieu, welches bereits von einer mangelhaften Bildung, einem geringen Einkommen, einer ungesunden Lebensweise sowie einer unzureichenden Gesundheitsförderung gekennzeichnet ist, diese Rolle auch zukünftig notgedrungen annehmen muss und ein milieuspezifisches Selbst entwickelt: „Ein guter Gesundheitszustand hängt nicht nur ab von individuellen Möglichkeiten …, sondern auch von den sozialen (sozialer Rückhalt, milieutypische Verhaltensbindungen, berufliche Grafikationen etc.) und strukturellen … Rahmenbedingungen“ (Schmidt, 2010, S. 17). Bei der Entwicklung des Selbst werden nicht nur die milieuspezifischen Faktoren übernommen, sondern gleichzeitig die Meinungen und Denkweisen der Milieuanhänger. Dadurch verhärtet sich der Konflikt und die Diskrepanz zwischen den „Konservativ-Etablierten“ und „Prekären“, zwischen privat und gesetzlich Versicherten sowie zwischen denen, die mehr Initiative von der Unterschicht erwarten und solche, die lediglich geringe Kosten aufbringen möchten.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die steigenden Gesundheitsausgaben des deutschen Staates und führt in das gesellschaftlich relevante Problem der ungleichen Gesundheitschancen ein.
2 Definitorischer Rahmen und aktueller Forschungsstand: Dieses Kapitel definiert zentrale Begriffe wie Gesundheitsförderung und analysiert den aktuellen Forschungsstand zu gesundheitlicher Ungleichheit in verschiedenen sozialen Milieus.
3 Soziologische Erklärungsansätze – Theorie und Analyse: In diesem Hauptteil werden vier soziologische Traditionen nach Collins (Konflikt-, Durkheimische, rationalistische und mikrointeraktionistische Tradition) theoretisch erläutert und auf die Forschungsfrage angewendet.
4 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, zeigt die Abhängigkeit guter Gesundheitsförderung vom sozialen Milieu auf und fordert zielgruppenorientierte Maßnahmen zur Reduktion von Ungleichheiten.
5 Literatur- und Quellenverzeichnis: Dies ist das systematische Verzeichnis der verwendeten wissenschaftlichen Quellen und Literatur.
Schlüsselwörter
Gesundheitsförderung, Soziale Milieus, Sinus-Modell, Konservativ-Etablierte, Prekäre, Soziale Ungleichheit, Gesundheitswesen, Solidarität, Krankenversicherung, Soziologische Theorien, Gesundheitskompetenz, Präventionsgesetz, Statussyndrom, Sozialer Status, Lebenswelt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die ungleiche Gesundheitsförderung in der deutschen Gesellschaft im 21. Jahrhundert und analysiert, warum verschiedene soziale Milieus ungleiche Gesundheitschancen haben.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentral sind der sozioökonomische Vergleich zwischen den „Konservativ-Etablierten“ und dem „Prekären Milieu“ sowie die Anwendung soziologischer Theorien zur Erklärung dieser Diskrepanzen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet: „Führt die Pluralisierung sozialer Milieus im 21. Jahrhundert zu einer ungleichen Gesundheitsförderung in der deutschen Gesellschaft?“
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen analytischen Theorienvergleich, bei dem vier soziologische Traditionen nach Randall Collins herangezogen werden, um das Forschungsproblem auf Makro- und Mikroebene zu beleuchten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der vier Traditionen (Konflikt-, Durkheimische, rationalistische und mikrointeraktionistische Tradition) und deren spezifische Anwendung auf das deutsche Gesundheitssystem.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Gesundheitsförderung, soziale Milieus, Statussyndrom, soziale Ungleichheit, Solidaritätsprinzip und milieuspezifische Lebenswelt.
Wie unterscheidet sich die Gesundheitsversorgung zwischen den beiden untersuchten Milieus?
Während die „Konservativ-Etablierten“ meist privatversichert sind und einen besseren Schutz genießen, fühlt sich das „Prekäre Milieu“ durch das komplexe System benachteiligt und weist eine höhere Krankheitsbelastung auf.
Warum spielt die Solidarität eine so zentrale Rolle in der Argumentation?
Die Arbeit zeigt auf, dass das Zwei-Klassen-Versicherungssystem die Solidargemeinschaft schwächt, was wiederum zu Entfremdung und einer Vertiefung der gesundheitlichen Ungleichheit führt.
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- Luca Würz (Author), 2019, Führt die Pluralisierung sozialer Milieus im 21. Jahrhundert zu einer ungleichen Gesundheitsförderung in der deutschen Gesellschaft? Ein sozioökonomischer Vergleich zwischen den Sinus-Milieus "Konservativ-Etablierte“ und "Prekäre", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/901489