Natur und Kultur im Roman „Die Terranauten“

Gibt es eine Grenze zwischen diesen beiden Konstrukten?


Essay, 2020

7 Seiten, Note: unbenotet


Leseprobe

Wie wird im Roman „Die Terranauten“ Natur im Gegensatz zur Kultur dargestellt und gibt es eine Grenze zwischen diesen beiden Konstrukten?

Im Roman „Die Terranauten“ wird von den verschiedenen Akteuren, besonders von der Hauptprotagonistin Dawn Chapman, immer wieder von ‚Natur‘ gesprochen oder Dinge werden als ‚natürlich‘ bezeichnet. Dabei habe ich mir immer wieder die Frage gestellt, ob man hierbei wirklich von Natur sprechen kann, da sich dieses ‚Natürliche‘ innerhalb der Glaskuppel von ‚Ecosphere 2‘ befindet.

Mit ‚Ecosphere 2‘ (kurz E2), wollten Wissenschaftler einen abgeschlossenen Lebensraum für ausgewählte Pflanzen und Tiere schaffen. Das Ziel des Experiments war es, ein solches Habitat am Mars aufbauen zu können, wenn der Zeitpunkt kommt, an dem die Erde komplett zerstört sein würde. In diese Ökosphäre unter dem Glasdach wurden zum zweiten Mal acht ausgewählte Forscherinnen und Forscher – vier Frauen und vier Männer – für zwei Jahre eingeschlossen, um dort zu arbeiten und zu leben. Diese werden als Terranauten bezeichnet. Der erste Versuch des Experiments war allerdings gescheitert, sodass dieses Mal alles perfekt laufen sollte. Da die Umwelt innerhalb von E2 von Menschen erstellt wurde, müsste man sie als Kulturlandschaft bezeichnen. ‚Mission Control‘, die Zentrale, die dieses Experiment durchführt, erklärte diese Landschaft aber zur Natur, legitimiert durch die Abhängigkeit der Lebewesen dort voneinander, besonders der Abhängigkeit zwischen den Menschen und der ‚Natur‘. In dieser eigentlich unnatürlichen Ökosphäre gibt es natürliche Kreisläufe, etwa die Nahrungsaufnahme der Terranauten durch das Gedeihen verschiedener Pflanzen, aber auch die Photosynthese durch die Sonneneinstrahlung. Diese Umwelt, die Mission Control und die Terranauten als Natur bezeichnen, wird aber auch von unnatürlicher, kulturell entstandener Technik gesteuert, die zum Großteil unabdingbar für das Leben in diesem abgeschlossenen Raum ist. Denn „ein geschlossenes Glasgebäude [würde sich] ohne die Maschinen, die die Luft in Bewegung hielten und kaltes Wasser durch [die] Rohrleitungen pumpten, in kürzester Zeit in eine Art Dampfkochtopf verwandeln“1. Diese Luftumwälzmaschine ist eines von mehreren verschiedenen Geräten, die dafür sorgen, dass das Leben in E2 überhaupt stattfinden kann. Diese sprechen eindeutig gegen eine ‚Natürlichkeit‘.

Im Buch kommen des Öfteren Stellen vor, in denen zum Beispiel Pflanzen, Tiere oder der sogenannte Ozean von E2 beschrieben werden. Diese Darstellungen können im ersten Moment als Naturbeschreibungen erkannt werden. Wenn man allerdings darüber nachdenkt, in welchem Zusammenhang diese ‚Natur‘ steht, fällt einem ein, dass es sich hierbei nicht wirklich um etwas Natürliches, sondern um ein von Menschen erschaffenes Ökosystem unter einer Glaskuppel handelt. An manchen Stellen des Buches hat der Autor an die vermeintlichen Naturbeschreibungen sogleich eine Schilderung der Technik angehängt, zum Beispiel „Man hörte nur das Plätschern des Wassers, das vom oberen in den unteren Teich floss und wieder zurückgepumpt wurde […]. Vogelgezwitscher. Summende Luftumwälzpumpen.“2. Das natürlich erscheinende Wasserplätschern und Zwitschern der Vögel werden sogleich den technischen Komponenten gegenübergestellt. Damit regt T.C. Boyle zu genau dieser Frage an, die ich mir stelle: Was ist Natur und was ist Kultur? Gibt es eine klare Grenze?

Ebenso wird häufig direkt das Wort ‚Natur‘ oder ‚natürlich‘ im Zusammenhang mit der Umwelt in E2 verwendet, zum Beispiel:

„Wenn einer der Terranauten nachts unterwegs ist, dann meist, um der Sterilität des Humanhabitats zu entkommen und für ein Weilchen mitten in der Natur zu sein – und das ist es ja, was wir wollen. Wir sind allesamt Umweltschützer, Leute, die sich durch ihre Liebe zur freien Natur auszeichnen.“3

Während man beim Lesen dieser Sätze vielleicht stutzt, weil ein von Menschen erschaffenes Habitat nicht als Natur zu bezeichnen ist, löst der nächste Satz dieses Problem mit dem Satz „Oder – in diesem ganz speziellen Fall – durch ihre Liebe zur überdachten Natur.“4 ein wenig auf. Der Figur Dawn, von der diese Sätze stammen, scheint klar zu sein, dass ihre ‚Natur‘ nicht natürlich ist und trotzdem bezeichnet sie die Pflanzen und Tiere in E2 als Natur, wie es Mission Control tut. Wenn auch klar ist, dass es keine ‚echte Natur‘ ist, erfreuen sich die Terranauten an dieser Umwelt. Denn diese Umwelt strahlt aufgrund von so zahlreicher Flora und Fauna auf relativ geringem Platz im Gegensatz zu den Zimmern der Menschen eine gewisse Natürlichkeit aus. Doch, wenn man die Umwelt in Ecosphere 2 als Natur bezeichnen möchte, dann höchstens als eine sehr minimale Version von Natur. Denn die Pflanzen und Tiere, die dort leben, wurden nach bestimmten Kriterien von Mission Control ausgewählt, sodass diese ‚Natur‘ nicht menschenfeindlich war und nur Lebewesen enthalten sollte, die für die Terranauten nützlich sein konnten.

Allerdings gab es auch nicht vorhergesehene Lebewesen, durch die das Verschwimmen von Natur und Kultur an einigen Stellen im Buch direkt aufgegriffen wird. Denn in der Ökosphäre E2 werden von den Bewohnern mehrere Tiere gefunden, die sie als ‚blinde Passagiere‘ bezeichnen, die also nicht willentlich von den Wissenschaftlern in das System eingebracht wurden. Beispielsweise fand Dawn „orientalische Kakerlaken, die offenbar in der Bauphase als Freiwillige an Bord gekommen waren“5. Ebenso gibt es in E2 Moskitos, Spinnen, Blutegel und Spatzen, die unbeabsichtigt eingeschleust wurden oder freiwillig hineinkamen. Während der Großteil der tierischen Bewohner von E2 gewollt und somit Teil der kulturellen Bestrebungen einer perfekten Umwelt für das Experiment waren, sind die blinden Passagiere doch eher Teil der Natur. Denn sie kamen, um Nahrung zu finden oder wurden gemeinsam mit ihrem Lebensraum – wie beispielsweise die Moskitos als Larven mit Mangrovenbäumen – in E2 transportiert. Die blinden Passagiere durchbrachen damit die künstliche Natur, für die die geplanten Lebewesen sorgfältig ausgewählt wurde und manche der ungewollten Pflanzen und Tiere zerstörten dadurch dessen Gleichgewicht. Das beste Beispiel sind dafür wohl die Prunkwinden, die von Mission 1 – also noch vor der Handlung des Romans – fehlerhafterweise in die Ökosphäre eingebracht wurden. Die Pflanzen wurden zwar beseitigt, aber scheinbar hatten sie, ganz wie es die Natur wollte, Samen ausgesät und überwucherten große Teile der Glaskuppel. Dadurch, dass diese Prunkwindenranken der restlichen ‚Natur‘ kostbares Licht stahl und damit die künstliche Natur störten, entfernten sie die Terranauten. Sie griffen damit in die Natürlichkeit ihrer Umwelt ein.

Bei diesem Experiment also wird sozusagen der künstliche Raum zur Natur erklärt, wie ich schon an verschiedenen Beispielen erläutern konnte. Dabei werden allerdings die am Experiment teilnehmenden Menschen, die Terranauten, wohl kaum als Teil der Natur, sondern eher als Beobachter und Wissenschaftler erkannt. Dies erkennt man besonders am Thema Sexualität. Denn Sexualität ist etwas Natürliches, das in den Überlegungen für ihr Experiment von Mission Control scheinbar kaum von Relevanz war. Es wurde betont, dass die Terranauten Wissenschaftler seien, „als wolle man behaupten, dass Wissenschaftler sich ausschließlich für Beobachtungen und Experimente interessierten und über etwas derart Primitives wie sexuelle Bedürfnisse weit erhaben waren“6. Die menschlichen Wesen in der Ökosphäre 2 wurden damit sozusagen zu asexuellen Wesen erklärt, die nur für die Wissenschaft existierten. Trotz der besonderen Erwähnung, dass die Menschen in E2 sich nicht für Sex interessieren würden bzw. aus Sicht von Mission Control wohl nicht interessieren sollten, bedachten sie eine mögliche sexuelle Aktivität der Terranauten und wollten die Frauen zur Empfängnisverhütung mit der Antibabypille bringen. Mindestens zwei der Frauen weigerten sich allerdings, die Pille zu nehmen, da es dem Konzept des ganzen Experiments widersprochen hätte. Dawn Chapman erklärt diese Haltung damit, „dass [sie] nichts Künstliches einnehmen wollten – wäre das nicht ein Bruch des Vertrags gewesen, den [sie] mit E2 geschlossen hatten?“7. Auch diese Ansicht ist in Bezug auf den Gegensatz von Natur und Kultur bemerkenswert. Dawn sah die Pille als etwas ‚Künstliches‘, damit als etwas Unnatürliches und daher nicht zum Experiment passendes, während ihr Lebensraum nur aus einem künstlichen Zusammenfügen verschiedener Naturerzeugnisse entstanden ist.

Wie sich zeigte, waren die Terranauten aber nicht erhaben über die menschlichen sexuellen Triebe – im Gegenteil: bis auf die Kapitänin Diane gingen alle Personen in irgendeiner Weise mindestens einmal ihren Trieben nach. Im Laufe des Experiments ergaben sich sogar zwei Liebespaare und in Folge der Liebe zwischen Dawn und Ramsay eine Schwangerschaft. Die Protagonistin Dawn drückt die Natürlichkeit der Sexualität mit den passenden Worten „wir sind Tiere, hormonell programmiert, uns fortzupflanzen – die Fortpflanzung ist letztlich der einzige Sinn des Lebens […] “8 aus.

[...]


1 Boyle, T.C.: Die Terranauten. S. 225

2 ebd. S. 410

3 ebd. S. 181

4 ebd.

5 ebd. S. 123

6 Boyle, T.C.: Die Terranauten. S. 186/187

7 ebd. S. 187

8 ebd. S. 439

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Natur und Kultur im Roman „Die Terranauten“
Untertitel
Gibt es eine Grenze zwischen diesen beiden Konstrukten?
Hochschule
Universität Regensburg
Note
unbenotet
Autor
Jahr
2020
Seiten
7
Katalognummer
V901827
ISBN (eBook)
9783346204066
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gibt, grenze, konstrukten, kultur, natur, roman, terranauten
Arbeit zitieren
Jasmin Brinkmann (Autor), 2020, Natur und Kultur im Roman „Die Terranauten“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/901827

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