Philip Manows "Politische Ökonomie des Populismus". Bahnbrechende Theorie oder verallgemeinerte Darstellung?


Hausarbeit, 2019

18 Seiten, Note: 1.7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hauptannahmen in „Die politische Ökonomie des Populismus“
2.1 Geographische Varianz und Europawahl
2.2 Theorien der Globalisierung und europäisches Spannungsverhältnis
2.3 Internationalisierung und Populismus in Südeuropa
2.4 Idealtypen politischer Ökonomien

3. Kritik am Werk

4. Fazit

1. Einleitung

Die Debatte über Entstehung und Verbreitung populistischer Denkmuster dauert bereits seit Jahrzehnten an. Problematisch wird diese aufgrund der fehlenden Definition, was Populismus eigentlich beinhaltet und von welchem Gesichtspunkt aus Populismus betrachtet werden muss. Philip Manow versucht sich in seinem Buch daran, das Auftreten von Populismus anhand politökonomischer Beschaffenheiten zu erklären. Er meint, ein europaweites Muster ausmachen zu können, dass sich anhand verschiedener Wirtschaftsmodelle und Einstellungen gegenüber der Globalisierung beschreiben lässt. Hierbei ist sein Ziel, sich weniger auf rein programmatische Inhalte und kulturelle Begebenheiten zu beziehen. Stattdessen möchte er einen Überblick über Populismus im kapitalistischen Europa geben. Unter Ausschluss individueller Hintergründe der meisten europäischen Mitgliedsstaaten teilt er auf in links und rechts. Hierbei lässt er Kultur und Historie beiseite und bezieht sich stattdessen auf Einfluss durch Globalisierung, wozu er sich einer Theorie des Harvard-Ökonomen Dani Rodrik bedient. Es wird auf die Differenzen in Nord und Süd bezüglich des Globalisierungseinflusses eingegangen. Gen Ende stellt der Autor vier Idealtypen politischer Ökonomie in Europa vor. Trotz vermehrt positiver Perzeption, treten doch einige Widersprüchlichkeiten hervor. In dieser Arbeit sollen die Thesen Philip Manow’s zunächst vorgestellt und erläutert werden. Da er sich auf die Entwicklung der populistischen Muster in der EU-Wahl 2014 und den darauffolgenden Parlamentswahlen bezieht, wird ein Vergleich zum Ergebnis der EU-Wahl 2019 gezogen. Im Anschluss werden einige Kritiken des Werkes vorgestellt, die helfen sollen, ein Fazit über das wissenschaftliche Potential des Buches zu ziehen. Es soll die Frage beantwortet werden, ob sich die Theorie Philip Manows als bahnbrechend für die Forschung der politischen Soziologie herausstellt oder doch eine Art Verallgemeinerung der Populismus-Problematik in Europa darstellt.

2. Hauptannahmen in „Die politische Ökonomie des Populismus“

2.1. Geographische Varianz und Europawahl

Auf den ersten Blick scheint das politische Terrain in Europa ebenso facettenreich, wie die Topographie des Kontinents. Folgt man allerdings Philip Manows Theorie, kristallisiert sich schnell ein Muster heraus, das sich durch ganz Europa zieht. Generell setzt der Autor den Süden Europas mit Linkspopulismus in Verbindung. Schaue man sich beispielsweise Spanien, Griechenland oder Süditalien an, bestätige sich diese Annahme. Im Norden sei dementsprechend eher der Populismus auf rechter Seite des Spektrums vorherrschend. Es ließen sich sowohl in den Benelux-Staaten als auch in Norditalien, Deutschland und Skandinavien starke bzw. stärker werdende rechtspopulistische Bewegungen erkennen. Italien bildet eine Ausnahme, da sich hier das europäische Muster im Kleinen widerspiegelt – mit Lega als rechtspopulistischer Bewegung im Norden und der 5-Sterne-Bewegung auf der linken Seite im Süden. Der östliche Teil des europäischen Kontinents sticht ebenfalls aus diesem Muster heraus, da er sich nicht in Nord und Süd aufteilen lässt und durch seine sowjetische Vergangenheit vor einem anderen Hintergrund betrachtet werden muss. Auf die Rolle Osteuropas in Manows Schema wird im späteren Verlauf näher eingegangen.

Um ein Bild der politischen Geographie Europas zu erstellen, bezog sich der Autor auf die programmatischen Positionen populistischer Parteien sowohl in den Wahlen zum europäischen Parlament 2014 als auch in den jeweils letzten Parlamentswahlen. Er berechnete die ideologische Position dieser Parteien für elf europäische Staaten. Hierzu multiplizierte er den Stimmenanteil in der Wahl mit der jeweiligen Position auf dem Links-Rechts-Spektrum. Hier einbezogen sind auch die Stimmenanteile der jeweils anderen Parteien, so dass ein möglichst authentisches Bild entsteht. Nach Manows Berechnungen befinden sich die südeuropäischen populistischen Parteien eher links, während im Norden alle Parteien rechts – einige sogar sehr weit rechts – liegen.

Die Wahl zum europäischen Parlament ist für Manow aus drei Gründen eine gute Basis, um Einschätzungen zu treffen. Erstens findet sie zu einem einheitlichen Zeitpunkt und unter größtenteils einheitlichem Wahlrecht statt. Darüber hinaus lassen sich die Stimmen-und Sitzanteile aufgrund des Verhältniswahlrechts leicht proportionieren. Drittens wird strategischen Kalkülen zu Regierungskoalitionen in der EU-Wahl eher geringe Bedeutung zugesprochen. Um die Situation in Folge der Flüchtlingskrise 2015 zu veranschaulichen, bezog er in ein zweites Schaubild die Ergebnisse der jeweils letzten Parlamentswahlen in den Mitgliedsstaaten ein (Abb.2) . Er ging davon aus, dass die Migrationsbewegung Auswirkungen auf die Verbreitung populistischer Denkweisen hatte. Laut Manow fand Rechtspopulismus in den universalistisch orientierten Wohlfahrtsstaaten mehr Anklang, da diese sich als attraktiver für die Flüchtlingsaufnahme herausstellten. Im Vergleich zu den Ergebnissen der EU-Wahl 2014 findet sich kaum eine gravierende Veränderung. Manow entfernte das Vereinigte Königreich aus der Auflistung – was wohl mit der Brexit-Problematik zu begründen ist. Betrachtet man die restlichen Staaten, stellt man vermehrt eine Steigerung des jeweilig stärker vertretenen Populismus fest. Lediglich Frankreich fällt aus diesem Muster heraus, durch die Partei „La France insoumise“, die vor allem im Süden des Landes verbreitet ist und die Front National in der letzten Präsidentschaftswahl 2017 stark zurückgedrängt hat. Betrachtet wird hier lediglich der erste Wahlgang vom 23.April 2017, der zu einer Stichwahl führte. Die Front National konnte zwar ca. 21% der Stimmen erzielen, erhielt allerdings starke Konkurrenz von der Regierungspartei Macrons, die ca. 24% der Stimmen bekam und der republikanischen Partei und der Linkspartei unter Mélenchon, die jeweils knapp 20% der Stimmen erhielten (Statista 2018). In der Wahl zum europäischen Parlament kam Le Pen’s Partei noch auf rund 25% der Stimmen und war somit stärkste Partei (Europäisches Parlament 2014). Diesen Kurs konnte sie in den nationalen Wahlen nicht halten, wenngleich sie zweitstärkste Kraft war.

In Schweden, Deutschland und Österreich hingegen sind die rechtspopulistischen Parteien laut der Grafik stärker geworden, als noch in den EU-Wahlen. In Deutschland beispielsweise wurde die AfD bei der Bundestagswahl 2017 drittstärkste Partei und steigerte ihren Prozentanteil von 4,7% bei der Wahl 2013 auf nun 12,6% (Bundeswahlleiter 2017). Dies sind ca. 5% mehr als bei der EU-Wahl 2014, wo sie 7,1% der Stimmen erhielten (Bundeswahlleiter 2014). Ob dies nun an der steigenden Fluchtmigration liegt oder ob es sich lediglich um Protestwahlverhalten handelt, ist schwer festzulegen. Eine Grafik zur Wählerwanderung zur AfD zeigt, dass fast 1 Millionen ehemalige CDU/CSU-Wähler im Vergleich zur Bundestagswahl 2013 zur AfD abgewandert sind, hinzu kommen ca. 500.000 SPD-Wähler und mehr als doppelt so viele ehemals Nicht-Wähler . Der hohe Grad der Wählerwanderung deutet auf Protestwahlverhalten hin, während der noch höhere Anteil an ehemaligen Nicht-Wählern ein Hinweis auf Unzufriedenheit mit aktuellen Begebenheiten, die den Wähler unmittelbar betreffen, ist. Solch eine Begebenheit kann auch Zuwanderung oder die Veränderung der deutschen Demografie sein. In einer Statista-Umfrage aus dem Jahr 2014 sprachen sich 63% der Befragten für eine Wahl der AfD aus Protestverhalten aus. Währenddessen stimmten nur 22% der Befragten dafür, dass die AfD wegen ihrer politischen Inhalte gewählt worden sei (Statista 2019). Somit spricht doch vieles dafür, dass die AfD hauptsächlich aus Unzufriedenheit mit dem Status Quo gewählt wird. Aus Unzufriedenheit mit den momentan machthabenden Parteien. Hier bleibt die Frage, ob Rechtspopulismus tatsächlich stärker geworden ist. Obwohl es in einigen europäischen Staaten ähnlich verlaufen ist, kann man die Situation nicht verallgemeinern. Jeder Staat ist unter partikulären historischen, wirtschaftlichen, sozialen und religiösen Umständen zu betrachten.

2.2. Theorien der Globalisierung und europäisches

Spannungsverhältnis Manow unternimmt einen Versuch, das europäische Muster nachzuvollziehen. Hierzu bedient er sich eines Theoriekonstrukts von Harvard-Ökonom Dani Rodrik. Für diesen bedeutet Populismus schlichtweg eine Protestartikulation. Der Protest wird je nachdem, ob links oder rechts, gegen einen bestimmten Aspekt der Globalisierung ausgesprochen. Rechtspopulisten kritisieren die freie grenzübertretende Bewegung von Personen. Linkspopulisten hingegen beziehen sich auf eine dementsprechende Bewegung von Gütern – und somit Kapital. Grund des Protests liegt im Gefühl, durch einen bestimmten Aspekt der Globalisierung wirtschaftlich bedroht bzw. benachteiligt zu sein. Rodrik betrachtete in seiner Forschung die Ausprägungen des Populismus in Europa und Lateinamerika. Er versuchte, Populismus anhand der Einbindung des jeweiligen Landes in die Globalisierung und daraus resultierender Protestbewegungen zu erklären. Schlussfolgernd stellte er fest, dass in Europa der rechte und in Lateinamerika der linke Populismus überwiegt. Anders gesagt: dort, wo der Staat eine umfangreiche außenwirtschaftliche Kompensationsfunktion innehat, entsteht kein linkspopulistischer Protest aufgrund von uneingeschränktem Güter- und Kapitalverkehr.

Grundlegend für den Theorieansatz ist die sogenannte Kompensationstheorie der Globalisierung. Diese besagt einen Ausgleich für Globalisierungsverlierer durch den entwickelten Wohlfahrtsstaat. Die Verlierer sollen mit dem allgemeinen Zustand der Globalisierung versöhnt werden, um die Öffnung für den liberalisierten Außenhandel zu ermöglichen und neue wirtschaftliche Handlungsräume zu erschließen. Im internationalen Handel gibt es immer Verlierer. Die Aufgabe der Kompensation liegt beim Staat und erfolgt in Form von sozialstaatlichen Hilfeleistungen. Sind diese allgemeingültig, betreffen sie auch Personen, die durch die Liberalisierung nun in den Augen mancher Menschen Arbeitsplätze wegnehmen oder die wohlfahrtsstaatlichen Leistungen für sich beanspruchen. Leidet eine Berufsgruppe zum Beispiel aufgrund von Verkleinerung der Branche oder Digitalisierung unter Arbeitsplatzverlust, kann die Schuld auf immigrierte Personen geschoben werden. Es wird ein Sündenbock gesucht. So entsteht rechtspopulistischer Protest. Dieser findet zumeist in Staaten Verbreitung, in denen die Bewegung von Gütern bzw. Kapital keine große Bedrohung mehr darstellt, oder nie als bedrohlich aufgefasst wurde. Rodrik behauptet, „dass die Bewegung von Personen dort als Bedrohung wahrgenommen wird, wo umfangreiche Wohlfahrtsstaaten zuvor die Bedrohung durch die Bewegung von Gütern entschärft haben“. Die Theorie der Kompensation beruht darauf, dass der Wohlfahrtsstaat eine wichtige Voraussetzung für die Internationalisierung und die Entstehung liberaler Handelsregime darstellt. Jedoch bedeuten liberale Handelsregime zumeist auch freien grenzüberschreitenden Personenverkehr. Somit befinden wir uns in einem ewigen Kreis der Schuldzuweisung. Rechte Populisten schieben die Schuld an ihrem Verlust auf den Personenverkehr, wenn sie durch Kapitalverkehr keine Nachteile (mehr) erfahren. Wie und gegen wen sich die Schuldverschiebung konkret äußert, ist von Staat zu Staat unterschiedlich. Es kann sich hierbei um Kritik an Arbeits- oder Fluchtmigration handeln (Manow 2018: 42 ff.).

Den Gegenspieler zur Kompensationstheorie stellt die Effizienztheorie dar. Diese besagt, dass eine Absicherung durch den Sozialstaat mit liberalisiertem Außenhandel nicht Hand in Hand gehen kann. Sozialstaatliche Leistungen werden als Kostenfaktor gesehen, nicht als Notwendigkeit. Somit muss der Staat keine Kompensation für Globalisierungsverlierer leisten. Rodrik widerspricht hier mit der Aussage, dass die Problematik des Sozialstaates für den Güterhandel von der Produktivität eines Landes abhängt. Schaut man sich beispielsweise Schweden an, stellt man fest, dass bei ausreichend hoher Produktionsleistung auch sozialstaatliche Absicherung kein Problem darstellt. Wenn man sich jedoch die politische Situation des skandinavischen Staates anschaut, findet man eine hohe Machtfülle in der rechtspopulistischen Ecke. Dies kann Ausdruck des Wunsches nach Wahrung des Status Quo sein, unter welchem die sozialstaatliche Absicherung nur für Arbeitsmarkt-Insider erfolgt. Nichtsdestotrotz kann es auch ein Gegenszenario geben, indem Rodrik der Effizienztheorie zustimmt. Sollte ein entwickelter Wohlfahrtsstaat die ungleiche Verteilung, die durch den liberalisierten Außenhandel entstanden ist, erfolgreich minimiert haben, kann es zu einer neuen Problematik kommen. Der Staat kann in großem Maße Ziel von Zuzug werden. Hier entstehen Komplikationen, sollte der Zuzug größer ausfallen, als die ökonomische Kompensationsfunktion des Wohlfahrtsstaates. In diesem Fall führt Globalisierung zu rechtspopulistischem Protest, wie er oftmals im Norden Europas anzutreffen ist. Philip Manow folgt in seinen Theoriekonstrukt weitestgehend der Kompensationstheorie, nach der sich für ihn die verschiedenen Formen populistischen Protests in Europa herausbilden (Manow 2018: 45).

Aufgrund der unterschiedlichen Einflüsse der Globalisierung im Norden und Süden Europas kommt es laut Manow zu einer „Verschärfung“. Diese begründet sich in der europäischen Wirtschafts- und Währungsunion. Trotz der verbundenen Volkswirtschaften und der Vereinheitlichung der Währung bestehen doch Unterschiede zwischen den einzelnen Mitgliedsstaaten. Diese zeigen sich sowohl in der Art des Einflusses durch Globalisierung im jeweiligen Staat als auch im Charakter der Reaktionen in Konsequenz auf jenen Einfluss. Laut Manow begünstigt die Internationalisierung die Ausbildung populistischer Bewegungen sowohl in der einen als auch in der anderen in Europa vertretenen Wirtschaftsform (Manow 2018: 55).

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Philip Manows "Politische Ökonomie des Populismus". Bahnbrechende Theorie oder verallgemeinerte Darstellung?
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Lehrstuhl für Spezielle Soziologie)
Veranstaltung
Aktuelle Fragen der politischen Soziologie: Populismus
Note
1.7
Autor
Jahr
2019
Seiten
18
Katalognummer
V902094
ISBN (eBook)
9783346194015
ISBN (Buch)
9783346194022
Sprache
Deutsch
Schlagworte
populismus, Politische Soziologie, Philip Manow, Europa
Arbeit zitieren
Chantal Elisabeth Hohe Sehling (Autor), 2019, Philip Manows "Politische Ökonomie des Populismus". Bahnbrechende Theorie oder verallgemeinerte Darstellung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/902094

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