Lügen in der Sprechakttheorie. Wann kann eine Lüge entstehen?


Hausarbeit, 2019

13 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Sprechakttheorie

3 Was sind Lügen?

4 Lügen in der Sprechakttheorie

5 Studie zu Lügen in der Sprechakttheorie

6 Auswertung der Ergebnisse

7 Diskussion

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Lüge ist ein fester Bestandteil in unserer alltäglichen Kommunikation. Jeder Mensch, ob er dies nun bewusst oder unbewusst getan hat, hat schon einmal gelogen. Die Gründe weshalb Menschen Lügen, können ganz unterschiedlich sein und auch die Lügen an sich lassen sich in verschiedene Typen differenzieren. In der Sprachwissenschaft wurde das Phänomen der Lüge noch nicht so ausführlich untersucht, weshalb ich dies gerne in dieser Hausarbeit ein Stück weit tun möchte. Das Interesse an der Lüge galt bisher viel mehr der Philosophie, jedoch möchte ich ethische und moralische Aspekte der Lüge in meiner Arbeit außer Acht lassen. Diese Arbeit wird sich hauptsächlich mit der Frage befassen, wie sich die Lüge als solche definieren lässt, sprich welche Bedingungen dafür notwendig sind. Dies möchte ich gerne auf der Basis der Sprechakttheorie von (Searle 1979) untersuchen. Dabei werde ich mir die verschiedenen Sprechakte hinsichtlich ihrer Aufrichtigkeitsbedingungen anschauen und der Frage nachgehen was geschieht, wenn diese verletzt werden. Dazu wird die Sprechakttheorie zunächst kurz vorgestellt und erläutert werden. Des Weiteren möchte diese Arbeit prüfen, wann eine Lüge als solche bezeichnet werden kann, also wann wir von einer richtigen Lüge sprechen oder nur von einer Abschwächung der Lüge. Diese Frage habe ich an Hand einer experimentellen Studie, die ich im Laufe der Arbeit vorstelle, getestet und überprüft. Es existieren bereits verschiedene Hypothesen zu der Fragestellung, wann eine Lüge eine Lüge ist und welche Bedingungen zum Lügen notwendig sind. Einige dieser Hypothesen werde ich zu Beginn der Arbeit kurz vorstellen und dabei mit Hilfe meiner Studie testen, welche der Hypothesen am ehesten zutrifft. In Bezug auf die Studie werde ich mir anschauen, aus welchen Gründen die Probanden eine bestimmte Äußerung zu einem Sprechakt als Lüge bezeichnen oder nicht. Die Angabe dieser Begründung soll zeigen, wie Lügen in der Gesellschaft definiert werden. Das Hauptaugenmerk liegt allerdings auf der Frage, bei welchem Sprechakttyp durch Verletzung der Aufrichtigkeitsbedingungen eine Lüge überhaupt entstehen kann. Für meine Studie habe ich die Methode der „yes-no task“ (Schütze & Sprouse 2013) gewählt. Das bedeutet, die Probanden haben zu jedem der fünf Sprechakte (Assertiva, Expressiva, Deklarationen, Kommissiva und Direktiva) einen Beispielsatz vorgezeigt bekommen, bei dem die Aufrichtigkeitsbedingungen verletzt worden sind. Nun bestand die Aufgabe darin, die vorliegende Äußerung entweder als Lüge oder als keine Lüge zu bezeichnen.

2 Die Sprechakttheorie

Zunächst werde ich die Sprechakttheorie von John Langshaw Austin und John Searle (Searle 1979) vorstellen, da diese als Grundlage dieser Arbeit und der folgenden Studie dient.

Sprechakte sind nach Austin und Searle sprachliche Äußerungen, die zugleich Handlungen, also Akte, vollziehen. Austin unterteilt den Sprechakt in seiner Theorie in drei Akte, die gleichzeitig ablaufen. Der lokutionäre Akt (die Handlung des „Etwas Sagens“), der illokutionäre Akt (der Vollzug einer Sprechhandlung, wie zum Beispiel einer Frage, Bitte, Warnung, Empfehlung oder Drohung) und der perlokutionäre Akt (das Erzielen einer Wirkung, wie zum Beispiel Überzeugen, Umstimmen, Verärgern, Verunsichern, Kränken oder Trösten) (Austin 1975). In dieser Arbeit werde ich mich ausschließlich auf den illokutionären Akt konzentrieren, den Searle in seiner Theorie in Zweck, Ausrichtung und psychischen Zustand klassifiziert. Außerdem unterteilt Searle den Akt in fünf Klassen, die Assertiva, Expressiva, Deklarationen, Kommissiva und Direktiva (Searle 1979). Diese würde ich nachfolgend gerne etwas näher erläutern, da diese für das Verständnis der Studie grundlegend sind.

Assertiva: Dieser Typ des Sprechaktes beinhaltet Äußerungen, dessen Proposition entweder wahr oder falsch sein kann, zum Beispiel Behauptungen, Feststellungen, Schwören oder Vermutungen. Voraussetzung, beziehungsweise Aufrichtigkeitsbedingung hierfür ist, dass der Sprecher glaubt was er sagt (Searle 1979).

Direktiva: Dieser Typ beinhaltet Aufforderungen, Bitten, Befehle, Fragen etc., mit denen der Sprecher versucht sein Gegenüber zum Vollzug oder Unterlassung einer bestimmten Handlung zu bringen (Searle 1979).

Kommissiva: Hierbei handelt es sich um Äußerungen, mit denen sich der Sprecher verpflichtet eine zukünftige Handlung zu vollziehen. Dazu zählen Versprechen, Angebote, Drohungen, Vereinbarungen etc. Die Bedingung für eine solche Äußerung ist, dass der Sprecher die Absicht hat das Gesagte einzuhalten (Searle 1979).

Expressiva: Bei diesem Typ des Sprechakts bringt der Sprecher einen psychischen Zustand zum Ausdruck. Er spricht zum Beispiel seinen Dank aus, wie etwa ein Lob, eine Bleidingung oder eine Entschuldigung. Die Voraussetzung für diesen Sprechakt ist, dass sich der Sprecher auch wirklich in diesem psychischen Zustand befindet (Searle 1979).

Deklarativa: Hierbei geht es um sprachliche Handlungen, wie zum Beispiel Taufen, Kündigen, Verurteilen, Freisprechen, Kriegerklärungen etc. Hier möchte der Sprecher im Rahmen einer Institution einen bestimmten Zustand herstellen. Voraussetzung ist, dass der Sprecher einer bestimmten Institution angehört und die Befugnis dazu erhalten hat (Searle 1979).

Für jeden dieser fünf Sprechakttypen gibt es bestimmte Aufrichtigkeitsbedingungen, die in dieser Arbeit hinsichtlich der Lüge analysiert werden. Bevor dies geschieht, muss allerdings zuerst erläutert werden welche Eigenschaften charakteristisch für die Lüge sind. Im folgenden Abschnitt werden verschiedene, bereits existierende, Theorien zur Definition von Lüge vorgestellt.

3 Was sind Lügen?

„Beim Lügen handelt es sich um eine falsche (unwahrhaftige) Behauptung, die ein Sprecher gegenüber einem Adressaten macht mit der Absicht, ihn zu täuschen.“ (Liedtke, Tuchen 2018: 334).

Dies ist die klassische Definition der Lüge. An dieser Definition von der Lüge wurde viel Kritik geübt und es wurden weitere Hypothesen zu dem Phänomen des Lügens erstellt. Im Folgenden möchte ich ein paar dieser Hypothesen vorstellen. Nach Searle und Austin ist die Lüge der Missbrauch einer anderen Sprachhandlung (Searle 1979) und nach der Implikaturentheorie nach(Liedtke, Tuchen 2018), ein Verstoß gegen die erste spezifische Maxime der Qualitätsmaxime. Die Lüge unterscheidet sich von außen betrachtet nicht von normalen Äußerungen. Dies ist wahrscheinlich einer der Gründe, weshalb sich die Sprachwissenschaft bisher so wenig mit dem Phänomen des Lügens auseinandergesetzt hat. Lügen sind syntaktisch und morphologisch von wahren Äußerungen nicht zu unterscheiden. „Lügen ist kein grammatisches Phänomen.“ (Albers 2017). Im Gegenteil ist dies sogar die Bedingung, die Lügen erfüllen müssen um als Lüge zu funktionieren.

3.1. Wahrheit und Wahrhaftigkeit

Die Hypothese zu der Definition von Lügen, die ich nun vorstellen werde ist die, welche besagt, dass das Entscheidende bei der Lüge ein falsch dargestellter Sachverhalt ist und die subjektive Unwahrhaftigkeit nicht von Bedeutung ist. Mit dieser Hypothese kritisieren Turri & Turri (2015) die Annahme, dass die subjektive Perspektive des Sprechers für das Lügen ausschlaggebend ist. Das bedeutet dem entsprechend, dass wenn der Sprecher etwas äußert mit der Absicht zu lügen, aber stattdessen einen richtigen Sachverhalt darstellt, weil er nicht besser informiert worden ist, kein Lügner ist. Der Sprecher hatte zwar die Absicht zu lügen, hat aber stattdessen die Wahrheit gesagt und nach der Auffassung von Turri & Turri (2015) nicht gelogen.

Interessant wäre es ebenfalls diesen Fall einmal anders herum zu betrachten. Der Sprecher hat nicht die Absicht zu lügen, aber stellt einen Sachverhalt unbeabsichtigt falsch dar. Nach der Hypothese von Turri & Turri (2015) hätte der Sprecher gelogen und kann als Lügner gesehen werden. Hier muss angemerkt werden, dass die Absicht zu lügen in den meisten Fällen mit Hinterhältigkeit verbunden ist. Nach der eben genannten Hypothese ist ein Sprecher, der gar nicht die Absicht hatte zu lügen, es aber ausversehen getan hat hinterhältiger und eher als Lügner zu bezeichnen, als der Sprecher, der die Absicht hatte zu lügen und jemanden bewusst zu täuschen, dies aber ausversehen nicht getan hat. Die Ergebnisse der Studie der beiden Sprachwissenschaftler ergaben allerdings, dass die meisten Probanden für den „traditionellen subjektiven Begriff des Lügens“ (Liedke, Tuchen 2018: 336) stehen und demnach die Hypothese nicht unterstützen (Turri & Turri 2015).

3.2. Lügen ohne die Absicht zu Täuschen

Eine weitere Hypothese ist die, die behauptet, dass die Absicht zu Täuschen nicht notwendigerweise zum Lügen gehört. Sorensen (2007) bezeichnet diese Lügen, bei denen der Sprecher nicht die Absicht hat zu täuschen als „bald-faced lies“. Bald-faced lies sind außerdem Lügen, bei denen beiden Seiten bewusst ist, dass der Sprecher gerade lügt. Thomas L. Carson ist ebenfalls ein Vertreter dieser Hypothese. Er behauptet, dass es Situationen gibt, in denen ein Sprecher lügt, weil er sich zum Beispiel schützen muss und die Absicht zu Lügen nur ein Nebeneffekt von seiner eigentlichen Absicht ist (Carson 2010). Ein sehr bekanntes Beispiel von Carson (2010), welches ich hier gerne zum besseren Verständnis anbringen möchte, ist der Fall des Zeugen vor Gericht. In diesem Fall„behauptet ein Zeuge fälschlich, dass er den Angeklagten nicht bei der Tat beobachtet hat, weil er Angst vor dessen Rache hat. Das Gericht soll erkennen, dass der Zeuge nur aus diesem Grunde lügt.“ (Liedtke, Tuchen 2018: 334). Die Absicht zu täuschen hatte der Zeuge dabei nicht. Bald-Faced lies können in vielen Fällen auch Lügen sein, die auf eine gewisse Weise erzwungen worden sind. Dieser Typ von Lügen ist sehr interessant, da der Sprecher nicht die Absicht hat zu Lügen. Er lügt jedoch, weil ihn etwas dazu zwingt. Dem Sprecher ist bewusst, dass sein Gegenüber versteht, dass er gerade lügt. Da stellt sich die Frage, ob der Sprecher dann überhaupt noch lügt, wenn doch alle Beteiligten wissen, dass er lügt und dies auch vom Sprecher erzielt wird. Charakteristisch für Bald-Faced lies ist, dass der Sprecher beim Lügen die Erhöhung von Absurdität einleitet und sogar begrüßt (Sorensen 2007). Dadurch wird noch deutlicher, dass der Sprecher gerade eine falsche Aussage tätigt und somit ebenfalls seine Intention, dies sein Gegenüber wissen zu lassen. Die Hypothese, dass die Täuschungsabsicht nicht zum Lügen dazu gehöre, wurde stark kritisiert. Es wurde in Frage gestellt, ob die sogenannten „bald-faced lies“ tatsächlich als Lügen bezeichnet werden können. Meibauer (2014) hat daraufhin eine Studie durchgeführt, wie bald-faced lies in der Gesellschaft betrachtet werden. Die Studie ergab, dass die Tendenz eher dazu neigt bald-faced lies als Lügen zu betrachten.

Es existiert noch eine weitere bekannte Hypothese zu der Definition von Lügen, die ich allerdings in dieser Arbeit außer Acht lassen werde, da diese in den Themenbereich der Implikaturentheorie fällt und in Bezug auf meine Studie zu Lügen in der Sprechakttheorie, irrelevant ist. Bei dieser Hypothese geht es darum, dass es möglich ist, mit Hilfe unwahrhaftiger Implikaturen zu lügen.

4 Lügen in der Sprechakttheorie

Nachdem nun im vorherigen Teil der Arbeit wichtige Hypothesen zu der Definition von Lügen vorgestellt wurden, möchte ich die Frage, wie sich Lügen definieren lassen und wann man behaupten kann eine Äußerung sei eine Lüge, auf der Basis der Sprechakttheorie untersuchen. Für die einzelnen Sprechakte herrschen jeweils bestimmte Aufrichtigkeitsbedingungen. Ich habe mir die Frage gestellt, was passiert, wenn diese nicht eingehalten werden. Ob man als Folge dessen, bei verschiedenen Sprechakten, von lügen sprechen kann oder nicht. Ich stelle die Hypothese auf, dass es nicht bei jedem der fünf Sprechakte möglich ist durch einfaches nicht einhalten der Aufrichtigkeitsbedingungen, eine Lüge zu erzeugen. Es lässt sich annehmen, dass teilweise statt einer Lüge eine andere Form der Unaufrichtigkeit vorliegt. Wir haben im Vorherigen gesehen, dass es Schwierigkeiten mit sich bringt, Lügen zu definieren und es sehr umstritten ist, wann jemand von einer richtigen Lüge sprechen kann. In Bezug auf die Sprechakttheorie habe ich untersucht, wie in der Gesellschaft Unaufrichtigkeit in verschiedenen Sprechakten bewertet wird. Für die Studie habe ich die „yes – no task“ (Schütze & Sprouse 2013) Methode gewählt. Es wurden zehn Probanden zu jedem der Sprechakte jeweils ein Beispielsatz präsentiert, welcher einer der beiden Kategorien zugeordnet werden sollte: a) Lüge oder b) keine Lüge. Danach sollte eine Begründung für diese Entscheidung gegeben werden, um die Ergebnisse hinsichtlich der beiden oben genannten Hypothesen zu vergleichen. Darüber hinaus galt mein Interesse der Frage, ob es eventuell interessante Alternativbezeichnungen für diese Formen der Unaufrichtigkeit gibt. Im Folgenden stelle ich meine Studie vor.

[...]

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Lügen in der Sprechakttheorie. Wann kann eine Lüge entstehen?
Hochschule
Universität zu Köln
Note
2,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
13
Katalognummer
V902142
ISBN (eBook)
9783346221223
ISBN (Buch)
9783346221230
Sprache
Deutsch
Schlagworte
lüge, lügen, sprechakttheorie, wann
Arbeit zitieren
Lea Büggemann (Autor:in), 2019, Lügen in der Sprechakttheorie. Wann kann eine Lüge entstehen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/902142

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