Der Genozid in Ruanda. Transnational Justice?


Seminararbeit, 2019

15 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hutuund Tutsi
2.1 Zukunftsperspektiven

3. Vorgeschichte und Ablauf des Genozids

4. Gewalt- kulturell bedingt?
4.1 Die flow/ blockage Dialektik

5. Transnational Justice
5.1. Die Rolle der Staatengemeinschaft und der UNO
5.2. Das ruandische Justizwesen
5.3. Gacaca-Tribunale.10 5.3a Kritik

6.Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Genozid in Ruanda 1994 hat ein gespaltenes Land zurückgelassen. Ein Leben in einer Gesellschaft, in der Täter und Opfer Tür an Tür wohnen muss reguliert werden., die Taten des Völkermordes müssen gerichtet werden. Doch wie geht eine Gesellschaft mit einer solchen Schuld um? Wie kann Gerechtigkeit stattfinden, wie können Taten bestraft und Täter und Opfer zueinander gebracht werden?

Zunächst soll zum Verständnis der Prozesse nach 1994 der historische Kontext des Genozids geklärt werden. Um diesen Konflikt zu verstehen muss zuerst einmal die Geschichte der Bevölkerung betrachtet werden. Hierbei liegt der Fokus vor allem auf den beiden in Ruanda ansässigen Gruppen der Hutu und Tutsi und der Entwicklung des Konflikts zwischen diesen. Anschließend werden die verschiedenen Formen der Transnational Justice betrachtet, hierzu zählen die Gerechtigkeitsbestrebungen der Staatengemeinschaft sowie vonseiten der ruandischen Regierung. Es soll beleuchtet werden, welche Methoden der Rechtsprechung und Wiedergutmachung angewendet wurden, um Frieden anzustreben. Die Funktions- und Vorgehensweise der verschiedenen Teile dieser soll erläutert und einer Bewertung unterzogen werden, abschließend ziehe ich ein Fazit über diese.

2. Hutu und Tutsi

In Ruanda leben verschiedene soziale Gruppen auf demselben Territorium miteinander, die eine gemeinsame Sprache, gemeinsame Glaubensvorstellungen und Traditionen teilen. Die Bezeichnung dieser Gruppen als Ethnien ist also irreführend, sie stellen vielmehr eine Art Stände dar (Paul 2006: 35). Vor 1994 waren es etwa 80-85 % Hutu und 15-20 % Tutsi, außerdem etwa 1% Twa (Taylor 1999: 39). Sie unterschieden sich vor allem durch ihre ökonomische Spezialisierung, so verdiente ein Großteil der Tutsi ihren Unterhalt durch Viehzucht, während die Hutu vorrangig Ackerbau betrieben. Die Twa als Jäger und Sammler gingen der Töpferei nach. Es handelte sich lediglich um soziale und gesellschaftliche Gruppen, wobei der Tutsi-Adel die Hutu-Bauernschaft beherrschte (Paul 2006: 35). Es waren vor allem Tutsi, die in dem zentralen ruandischen Königreich, das von einem der Tutsi zugehörigen König regiert wurde, hohe Positionen innehielten und im Gegensatz zu den Hutu zur regierenden Schicht zählten (Taylor 1999: 40). Es herrschte jedoch keine absolute Dominanz der Tutsi, auch Hutu bekleideten Führungspositionen, vor allem in ländlichen Gebieten Ruandas (ebd.: 41). Dennoch wurde die Autorität des Königs anerkannt. Erst mit Beginn der Kolonialzeit durch die Deutschen und anschließend durch die Belgier manifestierten sich die Bezeichnungen Hutu und Tutsi als Bezeichnungen für angeblich ethnische Gruppen, den Twa kam aufgrund ihres geringen Bevölkerungsanteils keine spezielle Aufmerksamkeit zu. Die Bezeichnungen Tutsi, Hutu und Twa bestehen schon vor der Kolonialzeit der Deutschen. Die deutschen Kolonialherren, die Ruanda-Urundi für mehr als 20 Jahre kontrollierten, entschieden die Kolonie indirekt durch die Tutsi regieren zu lassen, anstatt eine eigene Verwaltung zu errichten (ebd. 41). Die Begründung für die Übertragung der Macht ist die „Hamitentheorie“, nach der die Tutsi eine mit den Europäern verwandte Bevölkerungsgruppe darstellen. Durch Wanderungsbewegungen sollen diese nach Ruanda gelangt sein, und unterscheiden sich daher mit ihrer eher hochgewachsenen, hageren Physiognomie von den Hutu (ebd. 40). Doch das Aussehen allein kann kein Kriterium für eine Zuordnung zu einer ethnischen Gruppe sein, da es eine Vielzahl an körperlichen Merkmalen und Variationen gibt, die eine Einteilung unmöglich machen. Zwar sind Mitglieder der Tutsi tendenziell größer als Hutu und Twa, doch beispielsweise Mischehen untereinander haben diese körperlichen Unterschiede verschmelzen lassen (Taylor 1999: 72). Die Hypothese entsteht in Europa im Laufe des 19.Jahrhunderts und hat eine bevorzugte Behandlung der Minderheit der Tutsi zur Folge. Diese rassistische und eurozentristische Perspektive ließ somit Rasse, Sprache und Kultur verschmelzen, anstatt diese getrennt voneinander zu betrachten (ebd.: 61). Da der damalige König und sein Hof vor allem der Gruppe der Tutsi angehörten, schloss die deutsche Kolonialmacht daraus, dass diese rassisch überlegene Hamiten seien (ebd.: 65). Das jedoch auch Hutu und Twa einflussreiche Positionen innehielten, erkannten sie nicht (ebd.). Die Bedeutung des Wortes Hutu „social son, client, or someone who does not possess cattle‘ und Tutsi „to enrich someone“ verstärkt die Annahme der rassischen Überlegenheit der Tutsi über die Hutu (ebd. 67). Trotz der vergleichsweise kurzen Periode der deutschen Kolonialzeit in Ruanda etablierten sich die rassistischen Strukturen des Regierungssystems und prägten die Beziehungen zwischen den Gruppen der Hutu und Tutsi dauerhaft auch nach dieser Zeit (ebd.: 41).

Nach Ende des Ersten Weltkrieges muss Deutschland Ruanda-Urundi an Belgien abtreten. Doch auch während dieser Periode wurden die Tutsi von der Kolonialmacht favorisiert. Die Tutsi Elite und deren angeblich natürliche Überlegenheit den Hutu gegenüber wurde allen sozialen Gruppen durch die ständige Verbreitung und Wiederholung dieser Lehre eingetrichtert und als Mittel zur Umsetzung politischer Ziele eingesetzt (ebd. 74). Unter der belgischen Kolonialmacht wird das Verwaltungssystem sogar rationalisiert. Sie nehmen die fehlerhaften Annahmen der Deutschen auf und integrieren diese in ihr Regierungssystem. Tutsi werden bevorzugt für Positionen in Regierung, Bildung und Handel eingesetzt (ebd. 66). Die ethnische Teilung in Ruanda wird somit durch die Kolonialzeit verstärkt und verschlimmert, aus „local categories“ werden „imutable realities“ (ebd. 67). Doch auch nach der Unabhängigkeit der Staaten Ruanda und Burundi im Jahr 1962 wird die Hamitentheorie, die man als ‚invented tradition‘ auffassen kann, weiter als Instrument der Unterdrückung genutzt (ebd.: 55). Die Hauptbefürworter dieser sind unter den Ruandern und Burundiern selbst zu finden, die die Theorie weiter reproduzieren (ebd.). Heute ist ihr Gebrauch und ihr Einfluss vor allem in Zentralafrika bestehen geblieben. Die Bezeichnungen ‚Hamit‘ und ‚Bantu‘ als Synonyme für Tutsi und Hutu haben weiter Bestand und stellen die beiden Gruppen als Rassen dar, die unterschiedliche geistige Fähigkeiten besitzen sollen (ebd.). Diese Annahmen bedingen wiederkehrende Gewalttätigkeiten und verhindern gleichzeitig Versuche der Annäherung und Versöhnung.

2.1 Zukunftsperspektiven

Auch wenn die Hamitenhypothese eine stark internalisierte und gefestigte Annahme ist, muss Aufklärungsarbeit betrieben und deren Inhalte analysiert werden, um die irrtümlichen Annahmen zu widerlegen. Doch der Diskurs allein kann nicht ausreichen. Das „concept of race“ muss dekonstruiert werden, um Rassismus ein Ende zu setzen. Taylor zieht die Option heran, die physischen und biologischen anthropologischen Befunde heranzuziehen und zu erläutern, um zu verhindern, dass diese von Ruandern und Burundiern selektiv angewandt werden und eine ideologische Verwendung finden (ebd. 93). Er sieht die biologische Begrenzung, sowie die moralische Bewertung angeblicher Herkunft anderer Menschen als Problem an (ebd. 94). Hutu und Tutsi sowie Ruander und Burundier müssen Verantwortung für ihre Geschichte übernehmen. Der subtile Kolonialismus der hierarchisches Rassedenken einschließt und noch immer Denk- und Sichtweisen wirksam ist muss erkannt, diskutiert und beseitigt werden. Diese Haltungen müssen überwunden werden, um die Konflikte zwischen den verschiedenen Gruppen zu überwinden und die Beziehungen neu spannen zu können, um gemeinsam friedlich regieren zu können.

3. Vorgeschichte und Ablauf des Genozids

Bei dem Genozid in Ruanda handelt es sich um ein Verbrechen, dem eine konfliktive Vorgeschichte zugrunde liegt, er ist die Spitze der Massaker von Hutu an Tutsi. Außerdem handelt es sich bei dem Völkermord um eine zentral gesteuerte, vorbereitete Aktion der politisch-militärischen Herrschaftselite (Paul 2006: 37). Dem Genozid geht eine langjährige Planung seit 1992 voraus, die die Anfertigung von Listen mit Mordopfern, die Einrichtung von Waffenlagern, die Schulung von Milizen und Propaganda gegen die Tutsi über das Radio miteinschließt (ebd.).

Das Jahr 1959 markiert das Ende der Kolonial- und Besatzungszeit in Ruanda. Die anschließende soziale Revolution der Hutus führt zu einem Sturz der Regierung, 1962 etablieren diese eine Anti-Tutsi Regierung. Viele Tutsi flüchten in die Nachbarländer, in Burundi bleiben sie an der Macht und verteidigen diese brutal. Es kommt zu einer Ermordung von rund 300.000 Hutu im Jahre 1972 (ebd.: 36). 18 Jahre später kommt es zum Ausbruch eines Bürgerkrieges zwischen der ruandischen Regierung unter Präsident Juvenal Habyarimana und der Rwandan Patriotic Front (RPF), einer von Tutsi im Exil gegründet und geführten Rebellenarmee. Ein Friedensvertrag, der nach der Internationalen Forderung nach Demokratisierung 1992 im tansanischen Arusha vereinbart wird, hält zwar einen Waffenstillstand ein, das politische Abkommen wird aber de facto nicht umgesetzt. Es kommt zu vereinzelten Anschlägen an Tutsi und Hutu Politikern und Mitgliedern der Oppositionspartei (ebd.). Über das extremistische Radio der Hutu, das als „hate radio“ bekannte Radio Television Libre de Mille Collines (RTLM), wird gegen die Tutsi gehetzt (Taylor 2003: 48). Zwischen 1993 und 1994 wird es eingesetzt, um Propaganda zu betreiben (Taylor 1999: 84).

Als am 6.April 1994 schließlich das Flugzeug des Präsidenten der Hutu abgeschossen wird, beginnt eine Reihe an Massakern und Pogromen an den Tutsi. Tutsi werden aus unterschiedlichen Motiven hingerichtet und auch oppositionelle und liberale Hutu, die sich für das Friedensabkommen aussprachen und Gegner des Habayarimana Regimes, sind Opfer der Massenhinrichtungen. Das RTLM stachelt die Kampforganisation der Hutu, die Interahamwe, weiter an, unermüdlich zu töten. Im Mai 1994 lautet einer ihrer Slogans „The tombs are only half full“ (ebd. 84). Im Juni hat der Genozid schon fast alle seiner Opfer gefordert. Im Juli erreichte die RPF einen militärischen Sieg und der Völkermord kam zum Erliegen. 10% der Bevölkerung wurden durch diese Verbrechen, die von einer Gruppe innerhalb der politisch-militärischen Herrschaftselite in langjähriger Vorbereitung seit 1992 organisiert und geplant wurde, ausgelöscht. Hauptwaffen sind die Machete und die mit Nägeln gespickte Keule (Paul 2006: 37).

4. Gewalt – kulturell bedingt?

Es stellt sich die Frage, ob Gewalt kulturell bedingt ist. Die Gewalt, die den Genozid ausmachte, bestand aus Aktionen, die kulturellen Mustern und einer strukturierten Logik folgten (Taylor 1999: 101). Es sind „‘generative schemes‘ – the logical substrate of oppositions, analogies, and homologies“, die in früher Sozialisation internalisiert werden und die Eigen- und Fremdwahrnehmung ausmachen und leiten (ebd. 102). Taylor beschreibt ein symbolisches System, das seine Wurzeln bereits im 19. Jahrhundert in vorkolonialen und frühkolonialen Zeiten hat (ebd.). Die Formen der Gewalt während des Genozids nahmen grausame Techniken an, wie unter anderem etwa das Aufspießen und Ausweiden von schwangeren Frauen, erzwungener Inzest und Kannibalismus von Familienmitgliedern (ebd. 105). Um diese Formen der Gewalt als in die lokale Symbolik eingebettet verständlich machen zu können, muss man verstehen, das soziale Systeme Gesetze auf den Körper des Subjekts projizieren. Körperliche Folter ist somit ein Teil davon, soziale Normen und Werte einzuschärfen (ebd.). Der Körper ist eine Oberfläche, der durch Rituale und physische Schmerzen Wissen erwirbt. Gewalt kann also Bestandteil davon sein, in die Struktur der Gesellschaft eingegliedert zu werden und ihr kulturelles Wissen zu erlangen. Er trägt die Spuren der Gewalt als Erinnerung auf sich (ebd.).

4.1. Die flow/ blockage Dialektik

Wie aber lässt sich die brutale und grausame Art und Weise Foltertechniken, die angewandt wurden, erklären? Ein Faktor, der die Form der Ausübung von Gewalt während des Genozids prägte, ist das in der ruandischen Gesellschaft und Medizin verankerte Konzept des flow/ blockage symbolism. Es handelt sich um die Ströme der Körperflüssigkeiten eines Menschen, die in Bezug auf Krankheit und Heilung eine entscheidende Rolle spielen. Der Symbolismus bezieht sich auf Körperflüssigkeiten wie Blut, Samenflüssigkeit, Muttermilch und Menstruationsblut, die symbolisch für den ganzen Körper stehen (Taylor 2003: 44). Doch auch flüssige Lebensmittel wie Milch, Honig und Bier, sowie die Flüssigkeiten der Erde und des Himmels, also -Flüsse und Regen haben sind wichtige, metaphorisch besetzte Substanzen (ebd.). Heilung findet statt, indem der natürliche Fluss dieser Körperflüssigkeiten, der „bodily flows“ wiederhergestellt wird, wenn diese aufgrund von Nachlässigkeit oder Böswilligkeit gestört wurden (Taylor 1999: 112). Krankheiten werden darauf zurückgeführt, dass die Ströme der Körperflüssigkeiten verstopft ‚blocked flow‘ oder zu stark sind ‚haemorrhagic flow‘ (ebd.). Störungen dieser Art rufen Krankheiten, verminderte Fruchtbarkeit und Tod hervor. „Flow“ ist positiv besetzt, er impliziert Offenheit und Kontinuität, während „blockage“ für Unterbrechung und Verschließung steht und somit als negativ empfunden wird (Taylor 1992: 11). Konkret findet diese Annahme Ausdruck im gegenseitigen Austausch von Geschenken, hier werden flüssige Substanzen wie etwa Milch, Honig oder Bier verschenkt. Diese sind wichtige Konsumgüter und Geschenke, gleichzeitig verkörpern sie das Ideal von Bewegung in wechselseitigen Beziehungen (ebd. 11). Soziale Verhältnisse werden durch den Austausch von Flüssigkeiten bei Feiern, Hochzeitsaustausch, im Bereich Gastfreundschaft und in alltäglichem zwischenmenschlichem Austausch konstruiert und erhalten (ebd. 105). Menschen sind durch dieses Modell angespornt zu geben und zu empfangen und so den „flow“ zu erhalten, um Gesundheit und soziale Beziehungen aufrecht zu erhalten (ebd. 65). Passiert dies nicht, oder nimmt jemand nur ohne zu geben ist der flow gestört und es kann zu Krankheit und zwischenmenschlichen Konflikten führen. Werden Körperflüssigkeiten von Körper getrennt oder von diesem entfremdet, können sie gefährlich werden (ebd. 105). Die Vorstellung des flow/blockage Bildes lässt sich nicht auf die gesamte Bevölkerung bzw. das ruandische Medizinsystem übertragen, doch ist es wichtig diese Metaphern zu verstehen, da diese in medizinische Praktiken eingebunden sind und als symbolische Muster das Denken vieler Ruander charakterisieren. Obwohl die flow/blockage Dialektik von den Ruandern selbst so nie explizit verbalisiert wird, sondern eher als implizite Struktur herrscht, dient sie doch als „organizing metaphor“ in gängigen medizinischen Behandlungen und im sozialen Austausch (Christopher Taylor 1992: 10). Des Weiteren auch in Mythen, Legenden und Ritualen tritt dieser Symbolismus in Kraft und äußert sich im sozialen Leben in unterschiedlicher Art und Weise (Taylor 1999: 113). Krankheit wird von einheimischen Heilern als etwas angesehen, das von außen kommt, also eine böswillige Aktion, die von anderen Menschen auf das Individuum einwirkt (ebd. 114). Die Körperflüssigkeiten spielen eine wichtige Rolle, sie können von Zauberern dazu benutzt werden, einer Person zu schaden, indem sie den Prozess des flow umlenken, aber spielen auch und für Gesundheit und Fruchtbarkeit eine Rolle (ebd. 115).

Die grausamen Formen der während des Genozides angewandten Gewalt lassen sich mit der Annahme der flows verknüpfen. Viele Formen der Folter zielten darauf ab, die flows der Opfer etwa durch Abnahme der männlichen Genitalien oder Brüste zu stören, da so die Körperflüssigkeiten gestört werden, die mit Fruchtbarkeit und Reproduktion zusammenhängen. Die Opfer wurden also in ‚blocked beings‘ verwandelt (ebd. 140). Auch bei der Foltermethode des erzwungenen Inzests wird die Symbolik der flows in Form von fehlgeleitete Körperflüssigkeiten deutlich. Interpretiert man die Foltermethode als bewusste Störung der dieser so wird die Grausamkeit und Demütigung für die Opfer noch verstärkt. Dem Körper werden die Zirkulation seiner Körperflüssigkeiten gewaltsam genommen und somit auch seine Fähigkeit der Bewegung, Gesundheit, sozialen Interaktion und Fruchtbarkeit (ebd. 145). Die Blockierung der Kanäle der Körperflüssigkeiten des Menschen kann somit auf symbolisch motivierte Gewaltakte hindeuten (Taylor 2003: 54). Doch nicht jede Gewaltanwendung während des Völkermordes lässt sich als metaphorische Handlung interpretieren, teils handelte es sich um bewusste symbolische Aktionen teils Gewaltanwendung ohne diese bewusste Symbolik.

5. Transnational Justice

Erstmals in der Geschichte steht ein ganzes Volk vor Gericht. Wie geht Ruanda nach Beendigung des Genozids vor, um in der zersplitterten Gesellschaft aus Opfern und Tätern Gerechtigkeit zu schaffen? Ruanda steht nach dem Ende des Genozids vielschichtigen Hindernissen auf dem Weg hin zu einer stabilen und friedlichen Gesellschaft gegenüber. Die Massen an von mutmaßlichen Tätern und das Ende 1994 noch nicht funktionierende Justizwesen stellen enorme Hindernisse dar (Paul 2006: 42). Hinzu kommen die hohe Anzahl an Überlebenden und somit weiteren potenziellen Opfern, die mit den Tätern Tür an Tür leben (Magsam 2005: 103). Auch die Rache der Opfer an den Tätern, sowie die Selbstjustiz bergen eine Gefahr, die der Staat unterbinden und unterdrücken muss, um eine transnationale Gerechtigkeit herzustellen. Das gestörte soziale Gefüge innerhalb der Gesellschaft und herrschendes Misstrauen sind Faktoren, die nach einer individuellen Aufarbeitung verlangen (Kohser-Spohn/Holtkamp 2002: 340). Auf dem Weg hin zu dieser sind Strafrecht, Schlichtungsverfahren und Versöhnungsrituale praktikable Formen, um Ausgleich und Schadensbegrenzung zu schaffen (Paul 2006: 33). Ein wichtiger Schritt ist es auch, Aufklärung über das zu betreiben was war, die Wahrheit zu erfahren.

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Der Genozid in Ruanda. Transnational Justice?
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Autor
Jahr
2019
Seiten
15
Katalognummer
V902520
ISBN (eBook)
9783346193919
ISBN (Buch)
9783346193926
Sprache
Deutsch
Schlagworte
genozid, justice, ruanda, transnational
Arbeit zitieren
Anna Buhl (Autor), 2019, Der Genozid in Ruanda. Transnational Justice?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/902520

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