Entwicklung und Praxis der muslimischen Seelsorge in Hamburg. Angebote, Chancen und Herausforderungen


Bachelorarbeit, 2019

59 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Muslimische Seelsorge in Hamburg
2.1 Rechtliche Rahmenbedingungen
2.2 Orte der Seelsorge
2.2.1 Seelsorge in Moscheegemeinden
2.2.2 Notfallseelsorge
2.2.3 Krankenhausseelsorge
2.2.4 Seniorenseelsorge
2.2.5 Seelsorge in Flüchtlingsunterkünften
2.2.6 Gefängnisseelsorge
2.2.7 Militärseelsorge
2.2.8 Weitere Seelsorgeangebote
2.3 Orte der Ausbildung
2.4 Ausbildungskonzepte

3 Empirischer Teil
3.1 Qualitative Experteninterviews
3.2 Interviewleitfaden
3.3 Auswertung
3.3.1 Eigene Erfahrung
3.3.2 Organisation
3.3.3 Praxis

4 Chancen, Bedarfe und Herausforderungen

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

7 Anhang

1 Einleitung

Die stetig wachsende Zahl der Muslime und nicht zuletzt die Flüchtlingsbewegungen nach Deutschland in den letzten Jahren führten zu einem rasanten gesellschaftlichen Wandel, der die Politik und die Gesellschaft stark beschäftigt. Hiermit gehen auch verschiedene Diskussionen um den Islam einher, die die Muslime aber auch den interreligiösen Diskurs herausfordern. Diese Herausforderung bedingt eine Definition in der islamischen Theologie, die die gesellschaftlichen Konflikte und die Lebensumstände der Menschen in Betracht zieht. Zu diesen besonderen Bedingungen gehört die Klärung der Seelsorge. Sie leistet einen Beitrag, um die in Deutschland lebenden Muslime zu unterstützen und um auf die Widersprüche zwischen Alltag und Religiosität hinzuweisen.1 Der Begriff der Seelsorge hat jedoch keine Alternativen in der Sprache der Muslime und gilt als Fremdbegriff in der islamischen Tradition.2 Sorge für die Eltern, für die Verwandten und für die Nachbarn ist vielen Muslimen vertraut. Begriffe wie Barmherzigkeit, Hilfe für Menschen in der Not und Begleitung der Bedürftigen wurden im Koran betont und dienen in dieser Arbeit als Grundlage, um den Begriff der Seelsorge aus muslimischer Perspektive zu erklären. Daher soll als erstes der Begriff Seelsorge aus muslimischer Perspektive betrachtet werden.

Der Ausdruck der Seelsorge besteht aus zwei Wörtern Seele und Sorge. Sich um die Seele zu sorgen, bedeutet im Islam, sie von allen weltlichen und geistigen Risiken fernzuhalten und sie zu bewahren3: „ und stürzt euch nicht mit eigener Hand ins Verderben.4 Der Mensch wurde, nach den Aussagen im Koran, unter allen Lebewesen in bester Gestaltung erschaffen, nämlich als geistiges Wesen. Die Seele und ihre geistigen Funktionen zeichnen ihn hier aus.5 Nach muslimischem Glaubensverständnis ist jeder gläubige Muslim verantwortlich für die eigene geistige Entwicklung sowie die seiner Mitmenschen.6 Daher wurde er auch zum guten und aktiven Einsatz im Handeln aufgefordert, um alle Formen des Guten zu verwirklichen. Diese Aufforderung zum Guten ist eine kontinuierliche, die den Menschen leitet, nie in Selbstzufriedenheit zu verfallen.7 „Helft einander zur Güte und Gottesfurcht, aber helft einander nicht zur Sünde und feindseligem Vorgehen.“8

Eine weitere muslimische Grundlage für die Seelsorge liegt in dem Konzept der Barmherzigkeit. Die Barmherzigkeit gilt im Islam als eine göttliche Eigenschaft, die seinem Zorn vorausgeht.9 Die Menschen können wiederum Barmherzigkeit vom Allerbarmer schöpfen. So heißt es in einer Überlieferung: „ Die Barmherzigen erbarmt der Allerbarmer, erbarmt die die auf Erden sind, so erbarmt euch der der im Himmel ist“ 10

Aus diesen Grundbezügen lässt sich erschließen, dass die Seelsorge eine kollektive Pflicht und soziale Verantwortung im Islam ist. Sie ist die Verantwortung des jeweiligen Umfeldes in Form von Familie, Freunden und Nachbarn. Aus diesem Grund dient das soziale Umfeld bis heute als wichtiger Stützpunkt innerhalb muslimischer Gemeinschaften, das nicht hintenangestellt werden darf.11

Mit dem Aufbruch von Familienkonstellationen durch die Migration, den Wandel der Lebenskonzepte und den Anforderungen der Arbeitswelt wurden diese Werte immer weiter nach hinten geschoben. Daher sind professionelle Hilfsangebote außerhalb des bisher bekannten sozialen Kreises heute notwendig, entsprechen aber wie oben dargelegt dem islamischen Seelsorgekonzept, das über das direkte Umfeld alle Menschen einbezieht.12 Entsprechend fordert G. Erdem:

Die Veränderungen der Lebens- und Glaubensstrukturen muslimischer Migrantinnen und Migranten erfordert damit also auch ein Denken „neuer“ Konzepte und Rahmenbedingungen innerhalb der Gemeinschaft selbst, um auf komplexe Bedarfe originäre Antworten geben zu können.13

Ob dieser Bedarf allein durch die christliche Seelsorge gedeckt werden kann, ist eine Frage, die sich im Verlauf dieser Arbeit klären wird. Die Deutsche Islam Konferenz hat im Jahr 2009 erkannt, dass es ein Bedarf an Seelsorge für Muslime in Deutschland gibt. Daher setzte die Deutsche Islam Konferenz 2014 das Thema auf ihre Tagesordnung.14

Nicht nur für die seit Jahrzehnten in Deutschland lebenden muslimischen Migranten und deutschen Muslime, sondern auch für die durch Fluchterfahrung belasteten und zuweilen traumatisierten Menschen, die mit den großen Flüchtlingswellen seit 2015 nach Deutschland gekommen sind, zeigt sich ein Bedarf an muslimischer Seelsorge.

Mit der Diskussion um Seelsorge für Muslime geht das Thema der Islampolitik und das Bild der Muslime in Deutschland einher. Die Mehrheitsgesellschaft bekommt zu einem hohen Anteil die Islambilder von den Medien und der Politik vorgegeben. Diese gelieferten Bilder über den Islam und die Muslime sind größtenteils negativ.

Sabine Schiffer kritisiert die Medien mit ihrem unvollständigen Bild des Islams. Daher erfolgt die öffentliche Diskussion um den Islam größtenteils auf der Grundlage eines verzerrten Islambildes. Die Wirkungskraft der Medienbilder belegt Schiffer mit einem Zitat von dem amerikanischem Psychologen William James: „ Nichts ist zu absurd, dass es nicht geglaubt würde, wenn es nur oft genug wiederholt worden ist!“15 Die gesellschaftliche Außenperspektive macht eine schnelle und verallgemeinernde Position und Meinung über den Islam möglich. Die Pauschalurteile lösen vielerorts eine Art Ablehnung von Muslimen und alles, was „islamisch“ genannt wird, aus. Überall, wo Islam genannt wird, erinnert die Mehrheitsgesellschaft an den sogenannten „islamischen Staat“, „islamische Terroristen“ und „Islamisten“.

Die aufstiegsorientierten Muslime treffen daher auf Ablehnung; im Besonderen bei dem gebildeten Mittelstand.16 Diese Ablehnung wirkt sich per se negativ aus, und zwar nicht zuletzt auf die Seelsorge. Dies ist eine Hürde, die die Etablierung der Seelsorge für Muslime herausfordert.

Aus diesem Grund, weil der Begriff Seelsorge christlich-kirchlich geprägt ist und um Komplikationen über muslimische Seelsorge, bevor sie sich etabliert hat, zu vermeiden, wird in dieser Arbeit auf den Begriff „islamische Seelsorge“ verzichtet und von einer muslimischen Seelsorge bzw. Seelsorge für Muslime gesprochen.

Die Etablierung der muslimischen Seelsorge in Deutschland befindet sich im Aufbau. In der Literatur wird bei der Diskussion um die Etablierung von der Institutionalisierung und Professionalisierung bis zur Gründung von Wohlfahrtspflege-Verbänden gesprochen. Obwohl die Nachfrage nach muslimischer Seelsorge in Institutionen in Deutschland relativ jung ist, wurden verschiedene Bereiche von der Begrifflichkeit bis zur Etablierung mehr oder weniger erforscht. Daher wird die vorliegende Arbeit sich auf die Betrachtung der muslimischen Seelsorge in Hamburg beschränken.

Dabei wird untersucht: Wie sehen die Entwicklung und Praxis der muslimischen Seelsorge in Hamburg aus? Was wird wie und wo angeboten? Wie sieht es in der Ausbildung und in der Praxis aus? Um diesen Fragen nachzugehen, wird eine empirische Studie in Hamburg durchgeführt. Hierbei werden Daten aus qualitativen Experteninterviews sowie anhand von Fragebögen, die zur Aufklärung dieser Fragestellung dienen, erhoben. Anhand der Ergebnisse wird die letzte Frage untersucht: Welche Herausforderungen und Chancen gehen mit der Diskussion um die Etablierung der muslimischen Seelsorge einher?

Mit etwa 1,8 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern gilt die Freie und Hansestadt Hamburg als zweitgrößte Stadt Deutschlands.17 Die Geschichte der Muslime in Hamburg geht auf die fünfziger Jahre zurück, als Iraner als Studenten, Händler und politische Flüchtlinge nach Hamburg kamen. Ab den sechziger Jahren kamen muslimische Gastarbeiter aus der Türkei und später aus anderen arabischen Regionen. „Somit begann eine Migration, die von da ab das islamische Leben in Hamburg entscheidend geprägt hat.“18

Die Religionszugehörigkeit in Hamburg hat sich deutlich verändert:

Im Jahre 1880 waren von der Bevölkerung]:19

- 92,5 % evangelisch
- 2,7 % katholisch
- 3,5 % Juden
- 1,3 % Bekenner anderer Religionen oder ohne Religionsbekenntnis.

2015 waren nach der Statistik der EKD:

- 27,0 % evangelisch
- 10,7 % katholisch
- 62,3 % hatten ein anderes oder kein religiöses Bekenntnis.

Heute gibt es mehr als 300 verschiedene Kirchen, Moscheen Tempel, u. a. mehr als 120 afrikanische und asiatische christlichen Gemeinden Die derzeitige Situation in Hamburg, was die Zusammensetzung der verschiedenen Stadtteile Hamburgs angeht, sieht wie folgt aus:20

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Darüber hinaus gibt es in Hamburg mit der Gründung der Schura – Rat der Religionsgemeinschaften in Hamburg – im Jahr 1999 eine Gemeinschaft mit verschiedenen kulturellen und sprachlichen Prägungen nach dem muslimischen Schura-Prinzip (Beratung). Hamburg ist das erste Bundesland, in dem 2012 ein Vertrag mit verschiedenen muslimischen Verbänden geschlossen wurde. „Vertrag zwischen der Freien und Hansestadt Hamburg, dem DITIB-Landesverband Hamburg, SCHURA – Rat der Islamischen Gemeinschaften in Hamburg und dem Verband der Islamischen Kulturzentren“ Somit hat sich Schura Hamburg mittlerweile zu einem erfolgreichen Modell muslimischer Zusammenarbeit auf Landesebene entwickelt, das weit über Hamburg hinaus ausstrahlt und andere Muslime motiviert.21 Dies sind jedoch nicht die einzigen Gründe der Durchführung dieser empirischen Studie in Hamburg. Auch die persönlichen Motive sowie die Erfahrungen im Bereich der muslimischen Seelsorge und das ehrenamtliche Engagement in der Gemeindearbeit sowie in sozialen Einrichtungen in Hamburg seit 2013 begründen mein Interesse an dieser Studie. Daher wird auch in dieser Studie eine teilnehmende beobachtende Rolle eingenommen, die ich ansatzweise auch zu reflektieren versuche.

2 Muslimische Seelsorge in Hamburg

An dieser Stelle soll der ersten Fragestellung der Arbeit nachgegangen werden: Wie sehen die Entwicklung und Praxis der muslimischen Seelsorge in Hamburg aus?

Der Islam in Deutschland und in Hamburg war in den sechziger Jahren durch die Arbeitsmigranten geprägt.

1971 lebten erstmals 100.000 „Gastarbeiter“ in Hamburg. Das entsprach 5,5 Prozent der Bevölkerung. Diese Gruppe bestand zum großen Teil aus türkischen, jugoslawischen, italienischen und griechischen Staatsangehörigen, die als Arbeitskräfte im Zuge der bundesdeutschen Anwerbeabkommen mit diesen Ländern seit den fünfziger Jahren in die Bundesrepublik gekommen waren.22

Durch die verstärkten Wanderungsbewegungen kamen in den 1990er-Jahren bosnische und albanische Muslime hinzu. Insbesondere durch Konflikte in Afghanistan, Syrien und dem Irak hat sich die nationale und ethnische Zusammensetzung der muslimischen Bevölkerung erneut verändert, und zwar hin zu einer pluralen Gesellschaft mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen. So leben mittlerweile in Deutschland Muslime mit direkter oder indirekter Migrationserfahrung bis zur vierten Generation. Kennzeichnend für die Gesellschaft war, dass die Mehrheitsbevölkerung die Anwesenheit von Muslimen zunächst kaum wahrgenommen hat.23 Zu beachten ist die Zunahme der seelischen Belastungen und psychischen Konflikte, die auch in den innermuslimischen Diskursen immer deutlicher artikuliert werden. Darüber hinaus haben sich die Erwartungen und Bedürfnisse der hiesigen Muslime gewandelt.24

Während die Arbeitsmigranten aus Spanien und Italien durch die katholische und die aus Griechenland durch die evangelische Kirche betreut wurden, waren für die zahlreichen Migranten aus der Türkei, aus dem Nahen Osten, aus Nordafrika sowie aus Afghanistan und dem Iran keine vergleichbaren Ansprechpartner vorhanden. So mussten die Muslime mit Organisationen aus den Herkunftsländern kooperieren.25

Einer Studie aus dem Jahr 2015 zufolge leben in Hamburg etwa 150.000 Muslime.26 Der größte Zusammenschluss islamischer Gemeinden wurde im Jahr 1999 unter dem Dachverband Schura – Rat der islamischen Gemeinschaften in Hamburg mit derzeit 36 Moscheegemeinden sowie 16 Frauen-, Studenten-, Jugend- und Bildungsvereinen gegründet. Darunter befinden sich die sunnitische sowie die schiitische Glaubensrichtung. Sie spiegeln die gesamte Vielfalt des islamischen Lebens in Hamburg wider.27 Darauffolgt das Bündnis der Islamischen Gemeinden in Norddeutschland e. V. mit 16 Gemeinden.28 Da, wie bereits erwähnt, die Betreuung von Kranken und Notleidenden eine muslimische kollektive Pflicht ist, wurden Hamburger Muslime, sofern sie sich nicht an staatliche oder diakonische Beratungsstellen wandten, bis vor Kurzem von Familienangehörigen, Gemeindemitgliedern und von Imamen, die eine Menge Verantwortung in ihrer Tätigkeit erfüllen müssen, betreut.29

Diese kollektive Hilfeleistung kann bei der wachsenden Pluralität, den veränderten Lebenssituationen, Lebensprozessen und -modellen durch interkulturelle und auch interreligiöse Konstellationen, wie beispielsweise binationale Ehen, den Seelsorgebedarf nicht mehr decken. Häufig fehlt es bei diesem gesellschaftlichen Wandel an religiösem Grundwissen, wie diese mit den Grundsätzen des Islams in Beziehung gebracht werden können.30 Auf der anderen Seite wird der Bedarf durch Einzelversuche und Initiativen in Zusammenarbeit mit der christlichen Seelsorge nicht abgedeckt. Die christliche Seelsorge für Muslime leistet zwar einen großen Beitrag, kann aber nur innerhalb interkultureller Absprache mit den muslimischen Akteuren erfolgen.31 Das bestätigt Dr. Christina Kayales, die kultursensible Beratung und Seelsorge seit mehreren Jahren – auch für Muslime – im Raum Hamburg anbietet.

„Christliche Seelsorger und Seelsorgerinnen sind in den jeweiligen Institutionen damit konfrontiert, interreligiöse Zusammenarbeit aufbauen zu müssen, ohne dass sie dabei große Hilfestellungen bekommen oder es dafür gesondert Zeit gibt. Viele wissen selbst nur wenig von den jeweils anderen Religionen, Sitten und Traditionen, und auch in deren Ausbildung wurden sie darauf nicht vorbereitet. Hier zeigt sich als Herausforderung, zukünftig auch in der Seelsorgeausbildung eine kultur- und religionssensible Seelsorge inhaltlich einzubeziehen.“32

Im Jahr 2012 stellte Kayales im Auftrag der Nordkirche ein Konzept für Seelsorge gegenüber der Schura Hamburg vor. Dieses impliziert einen Kurs, wie vergleichbare Fortbildungskurse der Nordkirche für Ehrenamtliche in der Krankenhausseelsorge, und richtete sich vorerst an muslimische Frauen, die sich zu ehrenamtlichen Krankenhausseelsorgerinnen fortbilden möchten. Das Angebot begrüßte die Schura und bat darum, die Kurse für Imame zu erweitern. So fand 2012 die erste Seelsorgefortbildung für Hamburger Imame statt. Allerdings ging dieser Kurs damals über 40 Stunden Theorie, ohne dass es dann noch zu Teilen zu einem Praktikum oder zur Supervision kam. Dabei stellte sich heraus, dass die Imame mit großer Dankbarkeit und großem Interesse die theoretischen Themen aufnahmen, weil sie dazu bislang wenig Zugang hatten. In der Folge wurde eine Seelsorgefortbildung für muslimische Ehrenamtliche, dann aber in Verknüpfung mit einer Praktikumsphase und Supervision, entwickelt und jährlich angeboten.33 Auf den Inhalt dieser Fortbildung wird im Abschnitt 2.3 näher eingegangen.

Eine weitere Initiative in Hamburg war die Bemühung einiger Akteure der Schura-Gemeinden eine professionelle Seelsorge für Hamburger Muslime zu etablieren. Dieser Schritt endete mit der Gründung des ersten Seelsorgevereins Rahmet e. V. im Juni 2016. Rahmet bedeutet Barmherzigkeit und sollte ein nächster Schritt der Arbeit, die Kayales 2012 mit Fortbildungskursen für Ehrenamtliche begonnen hatte, sein. Etwa ein halbes Jahr später (Januar 2017) hat die Helios Klinik Mariahilf als erstes Krankenhaus in Hamburg mit Rahmet e. V. einen Vertrag geschlossen, der das Einbeziehen von ehrenamtlichen muslimischen Seelsorgerinnen und Seelsorgern im Krankenhaus regelt.

Im Jahr 2017 bot das Zentrum für klinische Seelsorgeausbildung (KSA) eine Fortbildung nach dem Modell der klinischen Seelsorgeausbildung für muslimische Ehrenamtliche an. Diese startete aus organisatorischen Gründen erst im Frühjahr 2019.34

2.1 Rechtliche Rahmenbedingungen

Die Genese einer muslimischen Seelsorge ist verbunden mit der Frage der Anerkennung der muslimischen Gemeinschaften bzw. Dachverbände als einer Religionsgemeinschaft. Zugleich warnen einige Politiker vor der Ausgrenzung von Muslimen und appellieren an Muslime, aktiv an der hiesigen Gesellschaft teilzuhaben.35 Im Grundgesetz gibt es mehrere Artikel, die die positive und negative Religionsfreiheit für Individuen und Religionsgemeinschaften artikulieren. In Kohärenz mit der Institutionalisierung der muslimischen Seelsorge ist das Grundrecht der Glaubensfreiheit und der ungestörten Religionsausübung in Artikel 4 GG verankert. Ebenso ist hier die Regelung aus der Weimarer Verfassung, Artikel 140 zum Verhältnis von Staat und Kirche zu beachten.36 „Zu ihnen gehört das Selbstverwaltungsrecht (137 III WRV) ebenso wie der Schutz vor religiösem Zwang (136 IV und 141 WRV), das Körperschaftsrecht (137 V WRV) und die Ausübung von gottesdienstlichen Handlungen und Seelsorge. (141 WRV)“37

„Diese Artikel fordern zunächst das Vorliegen einer „Religionsgesellschaft“ bzw. „Religionsgemeinschaft“. Religiöse Vereine, die das religiöse Leben ihrer Mitglieder nichtallumfassend pflegen, sondern eine lediglich partielle Zielrichtung haben, gelten in diesem Falle nicht als Religionsgemeinschaft. Um als Religionsgemeinschaft anerkannt zu werden, müssen diverse Voraussetzungen vorliegen. Folgende Kriterien sind zu erfüllen: mitgliedschaftliche Zuordnung, Umfang der Aufgabenerfüllung auf Verbandsebene sowie eine konfessionelle Bindung an den Verband.38 Es bleibt daher eine Frage des Religionsverfassungsrechts, unter welchen Voraussetzungen muslimische Dachverbände im Sinne des Grundgesetzes Religionsgemeinschaften sein können, was mit den rechtlichen, organisatorischen und vor allem theologischen Schwierigkeiten, mit denen sich die muslimischen Gemeinschaften und Verbände konfrontiert sehen, zusammenhängt.39

Im Jahr 2005 hat das Bundesverwaltungsgericht beschlossen, dass muslimische Dachverbände Religionsgemeinschaft im Sinne des Art. 7 Abs. 3 GG sein können.40

So erfolgte in der Freien und Hansestadt Hamburg als erstes Bundesland ein eminent religionspolitischer Schritt: die Unterzeichnung eines Vertrags mit den islamischen Religionsgemeinschaften (DITIB Landesverband Hamburg e. V., SCHURA Rat der islamischen Gemeinschaften in Hamburg e. V., VIKZ) und der Alevitischen Gemeinde Deutschland e. V.41 In diesem Vertrag wurde die religiöse Betreuung in besonderen Einrichtungen im Art. 7 fixiert:

„(1) In öffentlichen Einrichtungen wie Krankenhäusern, Heimen, aber auch Justizvollzugs-anstalten oder Polizeiausbildungsstätten gewährleistet die Freie und Hansestadt Hamburg den islamischen Religionsgemeinschaften das Recht zur religiösen Betreuung. Sie sind zu Gottesdiensten und religiösen Veranstaltungen, insbesondere zu den islamischen Festtagen, berechtigt. Soweit sich Einrichtungen nicht in staatlicher Trägerschaft befinden, wird die Freie und Hansestadt Hamburg im Rahmen ihrer Möglichkeiten auf die Gewährleistung der religiösen Betreuung hinwirken.

(2) Der Zutritt zu einer Justiz- oder Polizeieinrichtung setzt das Einverständnis der zuständigen Behörde zur Person der Betreuerin oder des Betreuers voraus; das Einverständnis kann nur aus wichtigem Grund versagt oder widerrufen werden. Der Zutritt zu sonstigen öffentlichen Einrichtungen erfolgt im Benehmen mit dem Träger. Näheres soll durch Vereinbarung mit den öffentlichen, freien oder privaten Trägern der Einrichtungen unter Berücksichtigung des Absatzes 1 geregelt werden.

(3) Die Freie und Hansestadt Hamburg wird darauf hinwirken, dass in den öffentlichen Einrichtungen eine Ernährung angeboten wird, die religiöse Speisevorschriften im Rahmen der bestehenden Möglichkeiten einhält.“42

Dieses Verwaltungsabkommen hat der Schura Hamburg ermöglicht, im Bereich der Seelsorge aktiv zu werden.43

Meiner Erfahrung nach war dieser Vertrag eine sehr große Hilfe für die Seelsorgearbeit, denn anders als in anderen Bundesländern hatten sich die verschiedenen muslimischen Verbände in Hamburg schon verständigt und bei den Anfragen konnte dieses Netzwerk genutzt werden, das heißt alle muslimischen Gemeinden konnten gleichzeitig angefragt und eingebunden werden. Diese Verständigung war so gesehen die Basis dessen, dass auch die Seelsorgekurse ganz breit angeboten werden konnten.44

So konnten auch Imame aus den Schura-Gemeinden Seelsorgetätigkeiten in den Krankenhäusern sowie in den Justizvollzugsanstalten für Muslime ausüben. Die Justizbehörde hat am 6. Oktober 2016 mit der SCHURA einen Dienstleistungsvertrag über die Durchführung von Gesprächsangeboten für muslimische Gefangene im Justizvollzug geschlossen.45 Allerdings handelt es sich hierbei nicht um eine Maßnahme der muslimischen Gefängnisseelsorge, sondern um Gesprächsangebote, die helfen sollen, einer islamistischen Radikalisierung vorzubeugen. „Der Betreuer weiß nicht genau, ob er da als Seelsorger oder in einem Präventionsauftrag ist“. 46 Die Seelsorge darf jedoch keine Präventionsarbeit als Ziel haben, da so die Glaubwürdigkeit des Seelsorgers vom Klienten in Frage gestellt werden kann. Die Präventionsarbeit kann zwar ein Teilaspekt, aber niemals das eigentliche Ziel von Seelsorge sein.47

Diese Variante stellt das Seelsorgegeheimnis für muslimische Seelsorger infrage. Als Seelsorger hat man Schweigepflicht, denn er kann Vertrauen vom Klienten genießen, erst wenn dieser auch weiß, dass das Gespräch in einem geschützten Rahmen stattfindet.48 In der Ausbildung wird großen Wert auf die Verschwiegenheit gelegt. Diesen Schweigepflichtstatus können muslimische Seelsorger in Hamburg aufgrund der Unklarheit ihrer Aufgabe in den Justizvollzugsanstalten nicht genießen. Ebenso fehlt auch ein Zeugnisverweigerungsrecht. Auch eine Fach- und Dienstaufsicht, die den Seelsorger in Schutz nehmen kann, gibt es bislang nicht. Es müssen Verträge zwischen der Justizbehörde und muslimischen Institutionen erarbeitet werden, die den betreffenden Seelsorgern das Zeugnisverweigerungsrecht gewähren. Ein heikler Punkt ist hierbei, dass Ditib-Imame kein Zeugnisverweigerungsrecht gegenüber ihrem Arbeitgeber in der Türkei haben und deshalb als Gefängnisseelsorger nicht zugelassen werden können.49

2.2 Orte der Seelsorge

Hier erfolgt die Klärung der zweiten Fragestellung: Was wird wie und wo angeboten?

2.2.1 Seelsorge in Moscheegemeinden

Nicht selten dienen die Moscheen für ratsuchende Muslime als erste Anlaufstelle. Daher wenden sich immer mehr Muslime mit ihren Problemen den jeweiligen Moscheegemeinden zu. Hier werden die Imame abgesehen von rein religiösen Fragen mit psychosozialen Themen konfrontiert, wobei sie meist nicht über Know-how in psychosozialer Beratung verfügen.50 Auch in Hamburg nehmen Imame eine beratende Funktion bei verschiedenen Themen, wie etwa Beziehungsproblemen, Kindererziehung, Familienstreit oder nicht zuletzt bei Flüchtlingsproblemen, ein. So wird Imam Jakobi öfter angefragt, die jeweiligen Gemeinden im Bereich der Trauerbegleitung oder Seelsorge zu unterstützen. Nach der Seelsorgefortbildung bei Frau Kayales im Jahr 2012 haben die an dem Kurs teilgenommenen Imame sich als Hilfe in ihrer Umgebung angeboten. Sie unterstützen mittlerweile andere Einrichtungen bei der Beratung muslimischer Klienten. Auch während der Flüchtlingswelle im Jahr 2015 spielten die Moscheen in Hamburg eine erwähnenswerte Rolle bei der Unterbringung und Begleitung von vielen Flüchtlingsfamilien.51

2.2.2 Notfallseelsorge

In einem Notfall verlieren die Menschen den Boden unter den Füßen und geraten in eine vielfach für sie traumatische Situation. Hier kommt der Notfallseelsorger ins Spiel, um Sicherheit, Empathie, Akzeptanz, Struktur und Abschied zu vermitteln.52 Im Notfall werden Anfragen der Polizei bzw. der Feuerwehrleitzentrale an die jeweiligen Seelsorger, die sich für Notfälle zur Verfügung gestellt haben, weitergeleitet. Die Imame werden auch in Notfällen häufig direkt aufgesucht, um Beistand bzw. Trauerbegleitung zu leisten.

Während es in anderen Bundesländern bereits Kooperationen und Ausbildungen von muslimischen Notfallseelsorgern gibt53, sind derartige strukturelle Angebote in Hamburg noch nicht erarbeitet und daher vom Einzelfall und den jeweils beteiligten Personen abhängig.

2.2.3 Krankenhausseelsorge

Muslimische Patientinnen und Patienten wurden bisher von christlichen Seelsorgerinnen und Seelsorgern betreut, da sich ihre seelsorgliche Begleitung an alle im Krankenhaus richtet bzw. sie ihre Unterstützung allen dort anbieten. Aufgrund des wachsenden Bedarfs an muslimischer Seelsorge haben christliche Trägerschaften und öffentliche Einrichtungen sich bemüht, Muslime, die teils auch als Krankenpfleger/innen arbeiteten, fortzubilden und sie in die Krankenhausseelsorge einzubinden. In der Asklepios Klinik Harburg und in der Helios Mariahilf Klinik werden muslimische Krankenschwestern, die dort tätig sind und den Seelsorgekurs bei Frau Kayales besucht haben, bei Bedarf angefragt, muslimische Patienten zu besuchen. Die Klinik Mariahilf hat im Rahmen des Vertrages mit Rahmet e. V. muslimische Seelsorger einbinden können. Diese Zusammenarbeit ist jedoch nur vereinzelt möglich, da alle muslimischen Seelsorger/innen ehrenamtlich tätig sind und zuweilen nicht erreichbar waren.54 Die Hamburger Kliniken haben eine Liste von muslimischen Seelsorgern in ihrer Nähe, bei denen sie sich bei Bedarf melden können. So wurde ich als Imam öfter von der Helios Mariahilf Klinik oder von der Asklepios Klinik Harburg gerufen, um muslimische Familien zu begleiten. Des Weiteren organisiert die Helios Mariahilf Klinik alle drei Monate eine interreligiöse Trauerfeier für fehl- und totgeborene Kinder. Dort treten ein Imam, eine evangelische Pastorin sowie eine katholische Seelsorgerin zusammen auf, leiten gemeinsam die Trauerfeier und begleiten die betroffenen Familien.55

Die Schura Hamburg hat seit 2014 Jahren einen Beauftragten für Seelsorge, der für die Kooperation mit den Krankenhäusern sowie mit den staatlichen Einrichtungen zuständig ist. Seit April 2018 ist man dabei, Verträge mit dem Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) und der Asklepios Klinik Barmbek zu erarbeiten. Darüber hinaus finden Gespräche mit der Asklepios Klinik St Georg statt, um eine ähnliche Zusammenarbeit zu vereinbaren. Das Ziel hier ist einerseits, den muslimischen Seelsorgern zu ermöglichen, den praktischen Teil ihrer Ausbildung dort auszuüben und andererseits, sie später in den jeweiligen Kliniken zu einzubinden.56

Darüber hinaus gibt es im Krankenhaus Groß Sand seit 2010 regelmäßige wöchentliche Besuche der Imame im Krankenhaus, die jeweils an der Tür zum muslimischen Gebetsraum angegeben werden. Sie können auch bei Bedarf vom Personal gerufen werden.

2.2.4 Seniorenseelsorge

Muslimische Migranten, die in den 1960ern gekommen sind, haben inzwischen das Rentenalter erreicht. Wenn man ihre Lebensumstände betrachtet, wird schnell festgestellt, dass sie häufig mit erheblichen gesundheitlichen und psychischen Belastungen konfrontiert waren. Sie mussten oftmals schwierigere, gesundheitsgefährdende sowie weniger gut bezahlte und (früher) häufig zu Arbeitsunfähigkeit führende Arbeiten verrichten. Nicht zuletzt erleiden sie die psychischen Belastungen durch die eigene Migration.57

Muslimische Senioren werden meistens zuweilen aus Tradition, zuweilen aus religiösen Gründen in der Familie versorgt. Derzeit existiert in Hamburg kein konkretes Seelsorgeangebot für muslimische Seniorinnen und Senioren. Es liegen auch kaum Daten über Muslime vor, die pflegebedürftig sind und in Pflegeheimen gepflegt werden.58

2.2.5 Seelsorge in Flüchtlingsunterkünften

Seit 2015 engagieren sich Gemeinden aus der Schura und den anderen muslimischen Verbänden in der Flüchtlingshilfe, sie betreuen Flüchtlingsfamilien bei der Unterbringung, Arbeitssuche, bei Behördengängen, aber auch seelsorglich. Die staatliche Einrichtung Fördern und Wohnen stellte mich z. B. 2017 als Seelsorger und Berater für Flüchtlinge ein. Einmal wöchentlich für zwei Stunden haben Flüchtlinge vor Ort in der Unterkunft die Gelegenheit, mit einem Seelsorger zu sprechen. Auch die Flüchtlingsinitiative „Fleestedt – Hand in Hand“ hat mich häufig kontaktiert, um Flüchtlinge zu beraten. Auch in vielen anderen Flüchtlingsunterkünften in Hamburg haben sich Muslime mit und ohne Moscheeanbindung für Flüchtlinge engagiert und sie z. T. auch gänzlich ohne Seelsorgeausbildung seelsorglich begleitet.

2.2.6 Gefängnisseelsorge

„Die Gefängnisseelsorge ist gesetzlich geregelt. Jeder Inhaftierte hat Anspruch auf eine Seelsorge: „Dem Gefangenen darf religiöse Betreuung durch einen Seelsorger seiner Religionsgemeinschaft nicht versagt werden. Auf seinen Wunsch ist ihm zu helfen, mit einem Seelsorger seiner Religionsgemeinschaft in Verbindung zu treten“ (StVollG §53).59

Wie bereits in 2.1 erwähnt, entsendet die Schura Hamburg im Rahmen eines Vertrages mit der Justizbehörde Seelsorger, die Gespräche mit muslimischen Inhaftierten in der Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel und der Justizvollzugsanstalt Billwerder führen. Der/die muslimische Seelsorger/in wird häufig von einem Sozialberater begleitet. Seit August 2019 existiert ein wöchentliches Gruppengespräch für muslimische Insassen der Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel.60

2.2.7 Militärseelsorge

In der Bundeswehr hat nach § 36 des Soldatengesetzes jede Soldatin und jeder Soldat „Anspruch auf Seelsorge und ungestörte Religionsausübung. Die Teilnahme am Gottesdienst ist freiwillig.“61 Einer Statistik aus dem Jahr 2016 zufolge wird die Zahl der in der Bundeswehr dienenden Musliminnen und Muslime zurzeit auf 1.500 geschätzt.62 Da die Angabe von Religionszugehörigkeit freiwillig ist, ist die Anzahl der dienenden Soldatinnen und Soldaten muslimischen Glaubensbekenntnisses in Hamburg unbekannt.63 Zunehmend dienen Angehörige verschiedener Religionen in der Bundeswehr. Deshalb wurde im Juli 2015 die „Zentrale Ansprechstelle für Soldatinnen und Soldaten anderer Glaubensrichtungen“ (ZASaG) am Zentrum Innere Führung eingerichtet.64 Die Soldatinnen und Soldaten werden grundsätzlich durch die katholische und evangelische Militärseelsorge am Standort betreut. Wenn eine muslimische Seelsorge erwünscht ist, wird die Zentrale Ansprechstelle für Soldatinnen und Soldaten anderer Glaubensrichtungen (ZASaG) kontaktiert. Sie vermitteln dann über das Netzwerk „religiöse Vielfalt“ einen passenden muslimischen Seelsorger.65Die Ansprechstelle wird in der Truppe allgemein gut angenommen. “ Es gibt etwa 120 Anfragen im Jahr, zwischen 50 und 75 % der Anfragen (je nach Bezugsjahr) befassen sich mit dem Islam. Jedoch geht es bei den Anfragen nicht nur um seelsorgerliche Betreuung, sondern in der Regel um Fragen über Vereinbarkeit von Dienst und Pflichten (wie z. B. das Fasten und Beten) oder die Empfehlung von Moscheen für das Freitagsgebet in Standortnähe.66

Die ehemalige Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hat im April diesen Jahres angewiesen, die bestehende Militärseelsorge um jüdische und muslimische Seelsorger zu erweitern, sodass für diesen Personenkreis in absehbarer Zeit ein verbessertes Angebot für die seelsorgerliche Betreuung präsentiert werden kann.67 Darüber hinaus wurden im Rahmen der Deutschen Islamkonferenz folgende Voraussetzungen für eine muslimische Militärseelsorge einvernehmlich formuliert: Ein muslimischer Militärseelsorger in der Bundeswehr muss die deutsche Sprache in Wort und Schrift beherrschen und die Sicherheitsüberprüfung bestehen. Des Weiteren muss er einen in Deutschland anerkannten Hochschulabschluss in islamischer Theologie mit Schwerpunkt in den Bereichen Seelsorge und Pädagogik mit anschließenden praktischen Erfahrungen vorlegen und von islamischen Religionsgemeinschaften, die die Zielgruppe der Soldatinnen und Soldaten repräsentieren, in die Bundeswehr entsandt und seitens der Bundeswehr akzeptiert werden.68

2.2.8 Weitere Seelsorgeangebote

Neben den Krankenhäusern, Gefängnissen und der Bundeswehr gibt es weitere private und staatliche Beratungseinrichtungen, von denen einige in Zusammenarbeit mit muslimischen Seelsorgern unter anderem muslimische Klienten beraten.

Die Evangelische Auslandsberatung e. V. wurde 1873 von Hamburger Pastoren und Kaufleuten gegründet, mit dem Ziel, den Auswanderern nach Übersee beratend und begleitend zur Seite zu stehen. Seit den 60er-Jahren haben sich die Aufgaben des Vereins verändert und neue Arbeitsbereiche sind hinzugekommen. Dazu zählt insbesondere die Beratung christlich-muslimischer Paare. Die dort angestellte Pastorin bietet bei Bedarf die Beratung mit einem Imam zusammen an. Das Beratungsangebot umfasst folgende Themenkomplexe: Begründung einer Lebenspartnerschaft in Deutschland, Verfahren bei Eheschließung, Umgang mit Behörden, islamische Eheverträge und interreligiöse Segenshandlungen.69

Die evangelische Studierendengemeinde an der Uni Hamburg bietet Beratung für internationale Studenten auch für Muslime zu Themen wie „ Partnerschaft, Studienfinanzierung, aber auch, wenn muslimische Studenten mit Vorurteilen konfrontiert werden, oder wenn muslimische Frauen sich benachteiligt fühlen.“ Des Weiteren bietet die Gemeinde eine studentische Telefonseelsorge täglich von 20 bis 24 Uhr an.70

Es würde den Rahmen dieser Arbeit überschreiten, hier die zahlreichen staatlichen, privaten und diakonischen Beratungsangebote aufzulisten. Gleichwohl sei hier zumindest darauf verwiesen, dass dort selbstverständlich auch Muslime beraten und zum Teil auch von Muslimen quasi-seelsorglich unterstützt werden.

[...]


1 Vgl. Ednan, Aslan/Magdalena, Modler-El Abdaoui/ Dana, Charkasi, „Islamische Seelsorge Eine empirische Studie am Beispiel von Österreich“, Wiesbaden 2015, S. 13.

2 Vgl. Gülbahar Erdem, „Bestandsaufnahme der muslimischen Krankenhausseelsorge- Strukturen, Akteure, Rahmenbedingungen“, Input im Rahmen des Arbeitsausschusses der Deutschen Islam Konferenz Berlin 14.07.2016.

3 Vgl. Ali Seyyar, „ Seelsorge in islamischer Tradition “, in: Georg, Wenz/ Talat, Kamran (Hg.), Seelsorge und Islam in Deutschland: Herausforderungen, Entwicklungen und Chancen, Speyer 2012. S. 35.

4 Vgl. Koran, (2:195), Übersetzung: F. Bubenheim.

5 Vgl. Seyyar in: Georg, Wenz/ Talat, Kamran, 2012, S. 36.

6 Vgl. Cemil Şahinöz, Seelsorge im Islam: Theorie und Praxis in Deutschland, Wiesbaden 2018, S. 32.

7 Vgl. Esnaf Begic, „ Islamische Grundlage der Hilfe für Menschen “, in: Esnaf Begić/Helmut Weiß/Georg Wenz, Barmherzigkeit: zur sozialen Verantwortung islamischer Seelsorge, Neukirchen-Vluyn 2014, S. 64f.

8 Vgl. Koran (5:2), Übersetzung: F. Bubenheim.

9 Vgl. Silvia Horsch, „Barmherzigkeit als Grundlage der Seelsorge“ in: Esnaf Begić/Helmut Weiß/Georg Wenz, Barmherzigkeit: zur sozialen Verantwortung islamischer Seelsorge, Neukirchen-Vluyn 2014, S. 26f.

10 Vgl. At-tirmiḍi, Sunan At-tirmiḍi, Nr.1924, Beirut 1978. S. 323.

11 Vgl. Şahinöz, 2018, S. 34f.

12 Vgl. Gülbahar Erdem, „Bestandsaufnahme der muslimischen Krankenhausseelsorge – Strukturen, Akteure, Rahmenbedingungen“, Input im Rahmen des Arbeitsausschusses der Deutschen Islam Konferenz Berlin 14.07.2016.

13 Ebd.

14 Vg. Şahinöz, 2018, S. 4f.

15 Sabine Schiffer, Das Bild vom Islam und andere Verzerrungen in den Medien, Vortrag für IMV Institut für Medienverantwortung, Dresden 02.06.2011.

16 Ebd.

17 https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1353/umfrage/einwohnerzahlen-der-grossstaedte-deutschlands/ (letzter Zugriff 15.09.2019).

18 Gespräch mit Abu Ahmed Jakobi, 19.08.2019. Hamburg.

19 Vortrag von C. Kayales, 5.6.2018, UKE, Interkulturelle Aspekte in Religion und Spiritualität.

20 https://www.koerber-stiftung.de/fileadmin/user_upload/koerber-stiftung/redaktion/handlungsfeld_demografischer-wandel/images/2017/Koerber-Stiftung_Superdiversitaets-Index_Hamburg_Karte_rgb.jpg (letzter Zugriff 15.09.2019)

21 Vgl. https://schurahamburg.de/uber-uns/staatsvertrag-mit-den-muslimischen-verbaenden/ (letzter Zugriff 16.09.2019).

22 Kirsten Heinsohn, „Aus „ Gastarbeitern“ werden „ausländische Mitbürger“. Ausländerpolitik in Hamburg“ https://geschichtsbuch.hamburg.de/epochen/siebziger-und-achtziger/anwerben-von-arbeitsmigranten/ (letzter Zugriff 16.09.2019).

23 Vgl. Peter Heine, Einführung in die Islamwissenschaft, Berlin 2018, S. 118.

24 Vgl. Cemil Şahinöz, Seelsorge im Islam: Theorie und Praxis in Deutschland, Wiesbaden 2018, S. 3.

25 Vgl. Heine, 2018, S. 118f.

26 https://de.statista.com/statistik/daten/studie/201622/umfrage/religionszugehoerigkeit-der-deutschen-nach-bundeslaendern/, (letzter Zugriff 04.09.2019).

27 https://schurahamburg.de/uber-uns/, (letzter Zugriff 05.09.2019).

28 http://big-nord.de/, (letzter Zugriff 05.09.2019).

29 Gespräch mit Abu Ahmed Jakobi (ehemaliger Beauftragter für den interreligiösen Dialog bei der Schura), am 19.08.2019 Hamburg.

30 Vgl. Bülent Ucar/ Martina Kuhnke Blasberg (Hg.), „Einleitung“ in: Islamische Seelsorge zwischen Herkunft und Zukunft: von der theologischen Grundlegung zur Praxis in Deutschland, Frankfurt 2013, S. 9.

31 Bülen Ucar, „Vorwort“, in: Esnaf Begic/ Helmut Weiß (Hg.), Barmherzigkeit Zur sozialen Verantwortung islamischer Seelsorge, Neukirchen-Vluyn, S. 9.

32 Gespräch mit Christina Kayales, am 23.08.2019, Hamburg.

33 Ebd.

34 Ebd.

35 Vgl. Georg Wenz, „ Seelsorge und Islam in Deutschland Eine Bestandsaufnahme “ in: Georg Wenz/Talat Kamran (Hg.), Seelsorge und Islam in Deutschland Herausforderungen Entwicklungen und Chancen, Speyer 2012, S. 45.

36 Vgl. ebd S. 45f.

37 Ebd. S. 46.

38 Markus Schulten, Die Anstaltsseelsorge im religionsverfassungsrechtlichen Gefüge des Grundgesetzes – Struktur, Gestaltungsmöglichkeiten, Herausforderungen, http://www.deutsche-islamkonferenz.de/SharedDocs/Anlagen/DIK/DE/Downloads/Sonstiges/20160307_vortrag_schulten_anstaltsseelsorge.pdf?__blob=publicationFile (letzter Zugriff 03.09.2019).

39 Vgl. ebd.

40 Vgl. ebd.

41 Vgl. Hanna Fülling, „Islampolitik in der Bundesrepublik Deutschland“ in: Religion und Integration in der deutschen Islampolitik: Entwicklungen, Analysen, Ausblicke, Wiesbaden 2019, S. 99.

42 Vertrag zwischen der Freien und Hansestadt Hamburg, dem DITIB-Landesverband Hamburg, SCHURA – Rat der Islamischen Gemeinschaften in Hamburg und dem Verband der Islamischen Kulturzentren, https://www.hamburg.de/contentblob/3551370/373c79022a3cc28025f815d9a33d2b49/data/download-muslim-verbaende.pdf;jsessionid=38F655679A58DDE99D5D4FCD2DA9ED94.liveWorker2 und https://schurahamburg.de/uber-uns/staatsvertrag-mit-den-muslimischen-verbaenden/ (letzter Zugriff 03.09.2019).

43 Gespräch mit Fatih Yildiz Vorstandsvorsitzender Schura Hamburg e. V., am 03.09.2019 Hamburg.

44 Gespräch mit Dr. Christina Kayales, am 23.08.2019, Hamburg.

45 Gespräch mit Fatih Yildiz, am 03.09.2019 Hamburg.

46 Gespräch mit Abu Ahmed Jakobi am 19.08.2019 Hamburg.

47 Vgl. Şahinöz, 2018, S. 89.

48 Vgl. ebd. S. 149.

49 Gespräch mit Dr. Christina Kayales, am 23.08.2019, Hamburg.

50 Vgl. Aslan 2015, S. 185.

51 Gespräch mit Abu Ahmed Jakobi am 19.08.2019 Hamburg.

52 Vgl. Ludger Pietruschka, „Der Tod fragt nicht… Notfallseelsorge“, in Bülent Ucar/ Martina Kuhnke Blasberg (Hg.), Islamische Seelsorge zwischen Herkunft und Zukunft: von der theologischen Grundlegung zur Praxis in Deutschland, Frankfurt 2013, S. 165.

53 Vgl. Thomas Lemmen/Nigar Yardim/Joachim Müller-Lange (Hg.) Notfallbegleitung für Muslime und mit Muslimen, Gütersloh 2011, S. 134f.

54 Gespräch mit Christina Kayales, am 23.08.2019, Hamburg.

55 https://www.helios-gesundheit.de/kliniken/helios-mariahilf-klinik-hamburg/ihr-aufenthalt/seelsorge/interreligioese-trauerfeier/, (letzter Zugriff 09.09.2019).

56 Gespräch mit Hassan Ramadan (Beauftragter der Schura für soziales und Seelsorge) am 20.08.2019 Hamburg.

57 Vgl. Hüseyn Kurt, „Muslime in Altersheimen mit besonderer Berücksichtigung der altenseelsorgerischen Betreuung“, in: Bülent Ucar/ Martina Kuhnke Blasberg (Hg.), Islamische Seelsorge zwischen Herkunft und Zukunft: von der theologischen Grundlegung zur Praxis in Deutschland, Frankfurt 2013, S. 125f.

58 Gespräch mit Abu Ahmed Jakobi am 19.08.2019 Hamburg.

59 Şahinöz, 2018, S. 83.

60 Gespräch mit Fatih Yildiz am 03.09.2019, Hamburg.

61 ZENTRUM INNERE FÜHRUNG, Arbeitspapier 01/2011 deutsche Staatsbürger muslimischen Glaubens in der Bundeswehr, Koblenz 2011, S. 30.

62 http://www.deutsche-islam-konferenz.de/DIK/DE/DIK/01_UeberDieDIK/07_DIK_2014-2017/05%20Arbeitsausschuss/10_Arbeitsausschuss/10-arbeitsausschuss-node.html (letzter Zugriff 12.09.2019).

63 Hülya Süzen, 12.09.2019. Koblenz.

64 http://www.deutsche-islam-konferenz.de/DIK/DE/DIK/01_UeberDieDIK/07_DIK_2014-2017/05%20Arbeitsausschuss/10_Arbeitsausschuss/10-arbeitsausschuss-node.html (letzter Zugriff 12.09.2019).

65 Hülya Süzen, 12.09.2019. Koblenz.

66 Ebd.

67 Ebd.

68 http://www.deutsche-islam-konferenz.de/SharedDocs/Anlagen/DIK/DE/Downloads/Sonstiges/20161107_vortrag_koester_dik_fachtagung.pdf?__blob=publicationFile (letzter Zugriff 12.09.2019).

69 Gespräch mit Marianna Nestoris am 02.09.2019, Hamburg.

70 Gespräch mit Giesela Goß-Ikkache am 09.09.2019, Hamburg.

Ende der Leseprobe aus 59 Seiten

Details

Titel
Entwicklung und Praxis der muslimischen Seelsorge in Hamburg. Angebote, Chancen und Herausforderungen
Hochschule
Universität Osnabrück  (Institut für islamische Theologie Osnabrück)
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
59
Katalognummer
V902604
ISBN (eBook)
9783346202246
ISBN (Buch)
9783346202253
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theologie, Islam, Seelsorge, islamische seelsorge, Tod, krankheit, Trost, Beileid, Beerdigung, Barmherzigkeit, Therapie
Arbeit zitieren
Mounib Doukali (Autor), 2019, Entwicklung und Praxis der muslimischen Seelsorge in Hamburg. Angebote, Chancen und Herausforderungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/902604

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