Seit es die öffentliche Schule und die Schulpflicht gibt, weiß man von Kindern und Jugendlichen, welche die Schule für sich nicht als Ort des Lernens annehmen können und wollen.
Die von der Fachwelt gelieferten Begründungen für dieses Verhalten variierten im Laufe der Zeit von individuellen Schuldzuschreibungen über die Vernachlässigung durch die Eltern bis hin zu einem multifaktoriellen Ansatz, welcher erstmalig auch Versäumnisse der Schule als Ursache in Betracht zog.
Die Diskussionen über Entstehung und Ursachen schulabsenten Verhaltens waren jedoch in Deutschland bis in die 80er Jahren hinein vor allem Thema bestimmter wissenschaftlicher Fachzirkel und drangen wenig an die bundesdeutsche Öffentlichkeit.
Seit Mitte der 80er Jahre hat sich das Bild verändert. Heranwachsende, die nicht zur Schule gehen erregen seither starkes öffentliches Aufsehen und sind inzwischen Thema diverser Veröffentlichungen geworden. Diese reichen von skandalisierenden Presseberichten bis hin zu fundierten wissenschaftlichen Texten und Forschungsberichten. Antrieb und Katalysator der vermehrten fachpädagogischen Beschäftigung mit dem Thema sind tiefgreifende Veränderungen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, durch die sich die Risiken einer missglückten Schulkarriere in Bezug auf die soziale und die gesellschaftliche Integration der schulabsenten Jugendlichen enorm erhöhen.
Der Zugang zum Ausbildungs- und Arbeitsmarkt ist seither insbesondere für gering qualifizierte Heranwachsenden vor dem Hintergrund erhöhter Jugendarbeitslosigkeit, sich ändernder beruflicher Anforderungen und Ausbildungsplatzmangel schwierig bis unmöglich geworden. Menschen, welche die Schule ohne Schulabschluss verlassen, werden heute als Risikogruppe für den Sozialstaat betrachtet, da sich ihre Chancen auf eine selbstständige Erarbeitung ihres Lebensunterhalts enorm verringert haben und sie möglicherweise dauerhaft auf staatliche Unterstützungsleistungen angewiesen sein werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die allgemeine Schulpflicht in Deutschland
2.1 Historische Entwicklung der Schulpflicht in Deutschland
2.2 Aktuelle gesetzliche Grundlagen der allgemeinen Schulpflicht in Deutschland
3. Schulabsentismus – eine Begriffsklärung
3.1 Begriffsnutzungen
3.1.1 Schulschwänzen und Schulverweigerung – eine begriffliche Abgrenzung
3.1.2 Schulphobie und Schulangst - eine begriffliche Abgrenzung
3.1.3 Schulabsentismus
3.2 Begriffsnutzung nach dem eigenen Verständnis
4. Schulabsentismus als Forschungsgegenstand
4.1 Unterschiedliche Betrachtungsweisen von Schulabsentismus in historischer Rückschau
4.2 Schwierigkeiten bei der Erfassung von Schulabsentismus
4.3 Der aktuelle Forschungsstand in Deutschland
5. Bedingungsfaktoren für Schulabsentismus
5.1 Individuelle Variablen
5.1.1 Alter
5.1.2 Geschlecht
5.1.3 Angst
5.1.4 Schulversagen
5.1.5 Selbstkonzept
5.1.6 Gesundheit
5.1.7 Zugehörigkeit zu einer Peer-Group
5.2 Extrapersonale Variablen
5.2.1 Soziale Herkunft
5.2.2 Familie
5.2.3 Schule
5.2.4 Arbeitsgesellschaftliche Veränderungen
6. Folgen von Schulabsentismus
6.1 Folgen von Schulschwänzen
6.2 Folgen von Schulverweigerung
6.2.1 Aufgaben und Strukturmerkmale der Jugendphase
6.2.2 Folgen von Schulverweigerung bezüglich der Bildungsbiographie und Sozialisation
6.3 Schulabsentismus und Delinquenz
7. Schulabsentismus als Herausforderung an die Jugendhilfe
7.1 Gesetzliche Grundlagen der Jugendhilfe bezüglich der Unterstützung schulabsenter Jugendlicher
7.1.1 Jugendarbeit
7.1.2 Jugendsozialarbeit
7.1.3 Jugendberufshilfe
7.2 Typologie der Handlungsansätze der Jugendhilfe in der Arbeit mit schulabsenten Jugendlichen
7.2.1 Präventive Handlungsansätze
7.2.1.1 Ziele und Zielgruppen der präventiven Handlungsansätze
7.2.1.2 Inhalte und methodische Bausteine der präventiven Handlungsansätze
7.2.2 Interventive Handlungsansätze
7.2.2.1 Ziele und Zielgruppen der interventiven Handlungsansätze
7.2.2.2 Inhalte und methodische Bausteine der interventiven Handlungsansätze
7.2.2.3 Teilnahmevoraussetzungen
7.2.3 Außerschulische Förderung schulabsenter Jugendlicher
7.2.3.1 Ziele und Zielgruppen der außerschulischen Förderung
7.2.3.2 Inhalte und methodische Bausteine der außerschulischen Förderung
7.2.3.3 Verweildauer in Maßnahmen außerschulischer Förderung
7.2.3.4 Teilnahmevoraussetzungen und Abschlüsse
7.2.3.5 Kooperationen und Elternarbeit
7.3 Gegenüberstellung der Handlungsansätze
8. Schulabsentismus und Jugendhilfe – Chancen und Grenzen der unterstützenden Angebote
8.1 Kooperation von Jugendhilfe und Schule in der Arbeit mit schulabsenten Jugendlichen
8.1.1 Schwierigkeiten in der Kooperation von Jugendhilfe und Schule
8.1.2 Schwierigkeiten in der Kooperation von Jugendhilfe und Schule - Erfahrungen aus der Praxis
8.2 Jugendhilfe und Elternarbeit in der Unterstützung schulabsenter Jugendlicher
8.3 Kontinuität von Maßnahmen der Jugendhilfe zur Unterstützung schulabsenter Jugendlicher
8.4 Chancen und Grenzen handlungsorientierter Angebote in der Unterstützung schulabsenter Jugendlicher
8.5. Maßnahmen der Jugendhilfe zur Unterstützung schulabsenter Jugendlicher und Jugendarbeitslosigkeit
9. Schlussbemerkung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, welche Angebote die Jugendhilfe zur Erfüllung ihrer gesetzlichen Verpflichtungen gegenüber schulabsenten Jugendlichen bereitstellt, und analysiert kritisch die damit verbundenen Chancen sowie strukturellen Grenzen. Im Fokus steht dabei die Frage, wie eine gelingende Unterstützung trotz komplexer, multifaktorieller Ursachen und institutioneller Herausforderungen gestaltet werden kann.
- Historische und aktuelle Bedeutung der Schulpflicht in Deutschland.
- Differenzierung verschiedener Formen von Schulabsentismus und Begriffsbestimmung.
- Analyse individueller und extrapersonaler Bedingungsfaktoren für Schulabsentismus.
- Typologie und methodische Ausgestaltung handlungsorientierter Ansätze der Jugendhilfe.
- Herausforderungen der Kooperation zwischen Schule und Jugendhilfe.
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Schulschwänzen und Schulverweigerung – eine begriffliche Abgrenzung
Gerade die Nutzung der Begriffe „Schulschwänzen“ und „Schulverweigerung“ wurde aufgrund ihrer Popularität viel diskutiert und kritisch beleuchtet. So unterstelle das Wort „Schulverweigerung“, laut Ehmann und Rademacker (2003), den Jugendlichen eine bewusste und gewollte Entscheidung gegen den Schulbesuch und mache sie so zu den Verantwortlichen für ihr Fernbleiben. „Schulschwänzen“ dagegen verharmlose den Tatbestand des Fernbleibens vom Unterricht, indem vermittelt werde, dass es sich dabei lediglich um eben jenes, oben erwähnte Kavaliersdelikt handele, welches dementsprechend zu keinen ernsthaften Folgeproblemen führe (vgl. Ehmann/Rademacker 2003, S. 27).
Preuss (1978) unterscheidet den Tatbestand des Schwänzens von dem der Verweigerung anhand des Wissenstandes der Erziehungsberechtigten und der Art des Zeitvertreibs während der versäumten Schulstunde/n wie folgt:
„Vom Schulschwänzen wird gesprochen, wenn Kinder und Jugendliche zeitweilig oder anhaltend - in der Regel ohne Wissen der Eltern - die Schule nicht besuchen und während der Unterrichtszeit einer für sie angenehmeren Beschäftigung zumeist im außerhäuslichen Bereich nachgehen; als Schulverweigerer sollten diejenigen beschrieben werden, deren Schulabwesenheit den Eltern bekannt ist und deren Verhaltensprobleme sich im emotionalen Bereich so verdichten, dass das „Nicht-zur-Schule-gehen-können“ mit auffälligen psychogenen und/oder psychosomatischen Veränderungen einhergeht“ (Preuss 1978, S. 164).
Neukäfer und Ricking (1997) finden bei dem Mediziner Clyne und der Psychologin Ganter-Bühren ein ähnliches Resümee der klassifikatorischen Diskussion. Anhand dessen stellen sie fest, dass Schulschwänzen demnach von einigen Autoren dem Bereich der sozialen Fehlanpassungen oder dissozialen Störungen zugeordnet wird, während sie die Schulverweigerung als Symptom einer emotionalen, internalisierten Verhaltensstörung klassifizieren (vgl. Neukäfer/Ricking 1997, S. 52).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des Schulabsentismus ein, erläutert die gesellschaftliche Relevanz und umreißt den Aufbau sowie das Ziel der Arbeit, die Unterstützungsangebote der Jugendhilfe kritisch zu hinterfragen.
2. Die allgemeine Schulpflicht in Deutschland: Dieses Kapitel erläutert die gesetzlichen Grundlagen und die historische Entwicklung der Schulpflicht als Voraussetzung für das Phänomen Schulabsentismus.
3. Schulabsentismus – eine Begriffsklärung: Hier werden verschiedene Begrifflichkeiten wie Schulschwänzen, Schulverweigerung und Schulphobie theoretisch abgegrenzt und eine eigene Definition für die vorliegende Arbeit festgelegt.
4. Schulabsentismus als Forschungsgegenstand: Das Kapitel betrachtet die historische Entwicklung der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Schulabsentismus, die Erfassungsschwierigkeiten und den aktuellen Forschungsstand in Deutschland.
5. Bedingungsfaktoren für Schulabsentismus: Es werden individuelle und extrapersonale Variablen analysiert, die als Risikofaktoren für schulabsentes Verhalten fungieren können.
6. Folgen von Schulabsentismus: Das Kapitel beleuchtet die Konsequenzen von Schulschwänzen und Schulverweigerung für die Bildungsbiographie, die Sozialisation und den Zusammenhang mit Delinquenz.
7. Schulabsentismus als Herausforderung an die Jugendhilfe: Hier werden die gesetzlichen Grundlagen der Jugendhilfe erläutert und eine Typologie der Handlungsansätze (präventiv, interventiv, außerschulisch) in der Arbeit mit betroffenen Jugendlichen dargestellt.
8. Schulabsentismus und Jugendhilfe – Chancen und Grenzen der unterstützenden Angebote: Das Kapitel diskutiert die Chancen und Hemmnisse der Kooperation zwischen Jugendhilfe und Schule sowie die Wirksamkeit und Kritik an den eingesetzten handlungsorientierten Angeboten.
9. Schlussbemerkung und Ausblick: Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung der Ergebnisse, einer kritischen Würdigung der langfristigen Effizienz der Hilfsangebote und wirft offene Fragen für künftige Studien auf.
Schlüsselwörter
Schulabsentismus, Jugendhilfe, Schulverweigerung, Schulschwänzen, Schulpflicht, Sozialpädagogik, Prävention, Intervention, handlungsorientierte Angebote, Jugendberufshilfe, Bildungsbiographie, Kooperation, Schulsozialarbeit, soziale Benachteiligung, Arbeitsmarktintegration.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Phänomen des Schulabsentismus als einer großen Herausforderung für die Jugendhilfe und analysiert die Chancen sowie Grenzen der angebotenen Unterstützungsmaßnahmen für betroffene Jugendliche.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die theoretische Abgrenzung von Begriffen wie Schulschwänzen und Schulverweigerung, die Analyse von Ursachen (Bedingungsfaktoren), die gesetzliche Rolle der Jugendhilfe sowie eine kritische Betrachtung der praktischen Handlungsansätze in Kooperation mit der Schule.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Hauptziel besteht darin, die Angebote der Jugendhilfe in ihrer Unterstützungsleistung für schulabsente Jugendliche zu evaluieren und herauszuarbeiten, wo deren Chancen für eine gelingende Förderung liegen und wo sie an strukturelle und gesellschaftliche Grenzen stoßen.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf einer umfassenden Literaturanalyse und der Auswertung von Fachberichten, Expertisen und Projektdokumentationen basiert.
Was wird im umfangreichen Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Bereiche: Begriffsklärung, Forschungskontext, Analyse der Bedingungsfaktoren, Darstellung der Folgen für die Jugendlichen, eine detaillierte Typologie der Handlungsansätze der Jugendhilfe sowie die Diskussion der Kooperationsprobleme zwischen Schule und Jugendhilfe.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Schulabsentismus, Jugendhilfe, Schulverweigerung, Schulschwänzen, Schulpflicht, Prävention, Intervention, handlungsorientierte Angebote und Bildungsbiographie.
Warum spielt die Kooperation zwischen Schule und Jugendhilfe eine so große Rolle?
Die Kooperation ist deshalb kritisch, weil schulabsente Jugendliche rechtlich dem System Schule unterstehen, die Probleme jedoch häufig multiprofessionell und außerhalb des rein schulischen Rahmens bearbeitet werden müssen. Die Schnittstelle zwischen Schule und Jugendhilfe entscheidet oft über den Erfolg oder das Scheitern von Reintegrationsbemühungen.
Welchen Stellenwert nimmt die Handlungsorientierung in den Maßnahmen ein?
Die Handlungsorientierung ist ein zentrales methodisches Instrument, um Jugendliche zu erreichen, die sich durch rein kognitive Schulformen abgelehnt oder überfordert fühlen. Sie dient als Mittel zur Stärkung des Selbstwertgefühls und zur Vermittlung lebenspraktischer Kompetenzen, wobei kritisch hinterfragt wird, ob dadurch nicht manchmal der Blick auf die eigentlichen Ursachen im Schulsystem verstellt wird.
Inwieweit werden Mädchen und Jungen in der Untersuchung differenziert betrachtet?
Die Autorin geht auf Unterschiede im Absentismusverhalten ein (Jungen zeigen häufiger aktives Schwänzen, Mädchen tendenziell eher passives Rückzugsverhalten) und thematisiert, dass viele Förderangebote stärker auf die Interessen von Jungen ausgerichtet sind, was Mädchen benachteiligen kann.
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- Kerstin Rapp (Author), 2007, Schulabsentismus als Herausforderung an die Jugendhilfe, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90270