Transformatorische Bildungsprozesse in Annie Ernaux' "Erinnerung eines Mädchens"

Untersuchung von Bildungsprozessen mit Jacques Lacans Theorien


Hausarbeit, 2019

56 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Theoretischer Teil: Lacans Lehre und Bildung
1.1 Einleitung
1.2 Romane und Bildungsprozesse
1.3 Ricœur: Dreifache Mimesis
1.4 Transformatorische Bildung
1.5 Lacan: Das Imaginäre, das Symbolische und das Reale
1.6 Lacan: Das Spiegelstadium und das Subjekt
1.7 Lacan: Das Begehren (désir)
1.8 Lacan: Signifikantentheorie
1.9 Lacan: Das Phantasma
1.10 Die Bedeutung Lacans Theorien für Transformatorische Bildungsprozesse

2. Empirischer Teil: Das Mädchen von 1958
2.1. Einführung und Zusammenfassung des Romans
2.1.1 „Formulierung ohne Widerspruch“ – Der Personenwechsel
2.1.2 „Sie ist ich, ich bin sie“ – Der Personenwechsel als Figur des Welt- und Selbstverhältnisses
2.1.3 Die „Liebesnacht“ – Der Geschlechtswechsel
2.1.4 „Es sind keine fünf Minuten vergangen“ – Der Geschlechtswechsel als Figur des Welt- und Selbstverhältnisses
2.2 „Mon historie c’est l’histoire d’un amor“ – Der Weg zwischen Liebesnacht und Schreiben
2.3 Das „von der Koppel entlaufene Fohlen“ – Transformatorische Bildungsprozesse in der Ferienkolonie
2.3.1 „Die Zerstörung aller Interpretationen“ – Die Wirklichkeit der Vergangenheit und die Unwirklichkeit der Gegenwart
2.3.2 „Ich bin es, die die Bilder zusammenbringt“ – Dreifache Mimesis in „Erinnerung eines Mädchens“
2.3.3 „Ich könnte am Ende meines Buches sterben“ – Transformatorische Bildungsprozesse im Verfassen des Romans
2.4 Fazit und Zusammenfassung
2.5 Transformatorische Bildung in dieser Hausarbeit
2.6 Ausblick

3. Anhang und Quellenverzeichnis
3.1 Textquellenverzeichnis
3.1.1 Literaturquellen
3.1.2 Internetquellen
3.2 Abbildungsverzeichnis

1. Theoretischer Teil: Lacans Lehre und Bildung

1.1 Einleitung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anfänglich erscheint es höchst ungewöhnlich und komplex, eine Bildungstheorie auf einen Roman anzuwenden. Das Befassen mit Lacans Schriften lehrt jedoch, dass Eigenheit und Komplexität nicht immer Hindernisse sein müssen, wenn man nur genau und vor allem ausdauernd liest. Mit Sätzen wie „das Unbewusste ist wie eine Sprache strukturiert“ kombiniert Jacques Lacan (1901-1981) strukturale Linguistik mit Psychoanalyse. In seinen für ihn charakteristischen Seminaren kommentiert und verfeinert er die Psychoanalyse Sigmund Freuds.

In der ersten Hälfte dieser Hausarbeit sollen hauptsächlich Theorien Lacans, aber auch die Theorie Transformatorischer Bildungsprozesse sowie das Konzept der Dreifachen Mimesis Paul Ricœurs dargestellt werden. Anhand der Theorie Transforma-torischer Bildungsprozesse sollen in der zweiten Hälfte Bildungsprozesse im autobiographischen Roman „Erinnerung eines Mädchens“ von Annie Ernaux unter Einbezug von Lacans Theorien untersucht werden.

Hermann Hesse sagt: „Wer nicht in die Welt passt, der ist immer nahe daran, sich selber zu finden.“ Transformatorische Bildung entsteht dort, wo man selbst nicht mehr zur Welt passt: Man transformiert sein Welt- und Selbstverhältnis, genau genommen grundlegende Figuren und Kategorien dessen. Mit dieser Annahme reformulieren Erziehungswissenschaftler, wie Winfried Marotzki, Hans-Christoph Koller oder Rainer Kokemohr den Bildungsbegriff. Dabei liegt der Fokus auf neuen Zugängen der empirischen Erfassung, um Strukturen von Bildungsprozessen zu untersuchen. Eine Möglichkeit dieser Herangehensweise bietet die Untersuchung Transformatorischer Bildung anhand autobiographischer Romane, wie sie in dieser Arbeit durchgeführt wird.

Der zweite Teil dieses Zitats lässt sich im Lichte Lacans auf eine interessante Art und Weise verstehen, „[d]enn das Zu-sich-selbst-Kommen […] ist immer ein Zu-einem-Anderen-Kommen“1. Ebenfalls beachtenswert ist folgender Umstand: Hermann Hesse konnte zweifelsohne, als er 1919 den Demian geschrieben hatte, nichts von Transformatorischen Bildungsprozessen wissen, aber nach Lacan entsteht die Bedeutung ja erst im Nachhinein.

1.2 Romane und Bildungsprozesse

Die Verbindung von Roman und Pädagogik ist nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen. Um die Bedeutung von Romanen für Bildungsprozesse zu erkennen, hilft es, sich zuerst die Frage zu stellen: Wer bildet sich eigentlich? Hier kann man drei verschiedene Personen ausmachen.

Die erste Person ist der Protagonist, der in der Erzählung auftritt – es handelt sich um einen Bildungsprozess, der sich innerhalb der Diegese abspielt. Der Protagonist durchlebt die Handlung des Romans und bildet sich.

Die zweite Person ist der Leser: Betrachtet man den Leseprozess als eine Form der Reflektion, kann das Nachempfinden der Figuren und Handlungen durch den Leser einen Bildungsprozess darstellen. Die Bildung findet demnach im Akt des Lesens und damit außerhalb der Diegese statt. Beispielsweise kann ein Roman helfen, schwere Lebenslagen zu überstehen, indem man mit dem Protagonisten (oder auch mit einer anderen Romanfigur) mitfühlt, der vielleicht auch Schwierigkeiten durchsteht.

Die dritte Person ist der Autor. Ebenso wie der Akt des Lesens kann auch der Akt des Schreibens einen außerdiegetischen Bildungsprozess darstellen. Viele Menschen verarbeiten Probleme, indem sie sie aufschreiben, auch in Form eines biographischen Romans ist dies (auf einem höheren Niveau) möglich. Die Tatsache, dass es sich bei einem Roman weitestgehend um ein fiktives Werk handelt, bringt im Gegensatz zu beispielsweise einem Erfahrungsbericht o.a. den Vorteil mit sich, dass Faktizitäten aufgehoben werden können. Diese Freiheit des Autors eröffnet die Möglichkeit, Geschehnissen erst nachdem sie geschehen sind, einen Sinn zu geben, was auch als „Motiv der Nachträglichkeit“ betitelt werden kann. Auf die Entstehung des Sinnes wird allerdings in Kapitel 1.8 zur Signifikantentheorie noch genauer eingegangen.

1.3 Ricœur: Dreifache Mimesis

Adolf Polti verweist auf die dreifache Mimesis Paul Ricœurs, ein Dreischritt,2 der sich auf dieses Motiv der Nachträglichkeit bei biographischen Romanen anwenden lässt und hier auf Basis Poltis‘ Ausführungen kurz für die Untersuchung von Bildungsprozessen angerissen werden soll.

Dieser Dreischritt ist zeitlich zu betrachten, d.h. einerseits, dass die einzelnen Schritte als Momente der Romanverarbeitung betrachtet werden können, andererseits gibt dieses Modell Aufschluss über das Konstruieren von Zeit durch Erzählung. Dabei steht die Präfiguration zuerst, welche im Falle der biographischen Romane die Erinnerungen, Fotos und weitere Mittel der Prä-fig[u]ration, also der „Vorverkörperung“3 des Romans sind. Das, worüber erzählt wird, das Erzählenswerte, ist hier zu verorten. Aufgrund dieser Ereignisse, Momente, etc. entwickelt der Autor erst die Erzählung, sie sind die Motivation des Schreibens. Somit steht die Präfiguration zeitlich meist vor dem Verfassen des Romans. Beispielsweise haben einige Romane eine historische Vorgeschichte, auf der sie aufbauen. Biographische Romane tendieren jedoch häufiger zu Erinnerungen (o.ä.), auf denen sich der Roman stützt.

Zweitens folgt die Konfiguration, in der die präfigurierten Elemente zu einer Erzählung kon-figuriert, also zu einer Erzählung gefügt werden. Figuren, Handlungsstränge, Orte der Handlung und alle weiteren Bestandteile werden hier zusammengefügt. Im Verfassen des Romans tritt die Freiheit des Autors durch das Motiv der Nachträglichkeit in Kraft. Dies kann sich nicht nur auf die Bedeutungsänderungen beziehen, die sich durch die Differenz zwischen dem biographischen Roman und dessen zugrunde liegenden Erfahrungen aus der Präfiguration ergeben, sondern auch auf die, die innerdiegetisch sind. So kann eine Handlung erst an ihrem eigenen Ende einen (neuen) Sinn erhalten, vor allem jedoch ein Spektrum von mehreren Auslegungen des Sinns bei denselben präfigurierten Elementen, was durch diese Freiheit erst möglich ist.

Schließlich erfolgt die Refiguration, welche im Falle eines Romanes im Akt des Lesens liegt. Der Leser re-figuriert das Geschehen, er kann das Handeln von Figuren des Romans nachempfinden, mitfühlen und vor allem weiter über den Roman nachdenken und dadurch verschiedene Lesarten diskutieren. In diesem dritten Schritt, in der Lesepraxis, kann die nun präfigurierte und konfigurierte Erzählung beim Leser durch den Akt des Lesens etwas auslösen. Daher ließe sich hier ein Bildungsprozess beim Leser verorten, während der des Autors eher in Präfiguration und Konfiguration zu suchen wäre, was jedoch die Refiguration nicht zwangsläufig ausschließt.

Das Konzept der dreifachen Mimesis ist allerdings in sich geschlossen, da die Refiguration als ein erzählenswertes Ereignis eine Präfiguration einer weiteren Erzählung bieten könnte (wie beispielsweise in der mittelalterlichen Geschichtsrezeption). Es spielt nicht nur für die Betrachtung der Zeit, sondern auch bei einer Untersuchung auf „Transformatorische Bildung“ eine Rolle. Doch was genau ist nun „Transformatorische Bildung“?

1.4 Transformatorische Bildung

Transformatorische Bildung ist die „Veränderung der grundlegenden Figuren [und Kategorien] des Welt- und Selbstverhältnisses“4. Sie treten auf, „wenn Menschen mit neuen Problemlagen konfrontiert werden, für deren Bewältigung die Figuren [und Kategorien] ihres bisherigen Welt- und Selbstverhältnisses nicht mehr ausreichen.“5

Mit dieser Definition stellt sich das Forschungsfeld der Erziehungswissenschaftlichen Biographieforschung rund um Theoretiker wie Hans-Christoph Koller, Winfried Marotzki, Rainer Kokemohr und weiteren Erziehungswissenschaftlern der Aufgabe, den Bildungsbegriff zu reformulieren. Diese Definition Transformatorischer Bildung wurde von Winfried Marotzki auf Grundlage des humboldt’schen Bildungsbegriffes entfaltet.6 Dabei setzt er vor allem zwei Aspekte in den Fokus. Einerseits wird das Verhältnis zwischen Welt und Ich, andererseits die Rolle der Sprache in jene Reformulierung mit eingebunden. Bildung wird hier also verstanden als eine Veränderung bzw. Transformation der Art und Weise, wie man sich auf die Welt bezieht, eine grundlegende Gesinnungstransformation, die die gesamte Lebensweise beeinflusst. Reichen die Figuren und Kategorien des Welt- und Selbstverhältnisses nicht aus, ein Problem zu bewältigen, so müssen sich diese transformieren, wodurch sich das Verhältnis zwischen der Welt und einem selbst verändert. Dieses Welt- und Selbstverhältnis (ein Verhältnis, nicht zwei!) äußert sich also in grundlegenden Figuren und Kategorien. Die Rolle der Sprache ist ersichtlich: „Figuren“ können im rhetorischen Sinne aufgefasst werden und eröffnen damit eine andere Dimension: die der linguistischen und vor allem dadurch auch empirischen Untersuchung des Welt- und Selbstverhältnisses (beispielsweise in einem narrativen Interview oder wie hier in einem Roman). Die Transformation grundlegender Kategorien meint hier Unterscheidungen im Sinne von Einordnungen und Abgrenzungen, welche das Welt- und Selbstverhältnis prägen (beispielsweise Rassismus).

Ein weiterer zentraler Aspekt ist die empirische Dimension Transformatorischer Bildung. Bildung als abstrakter Begriff ist nur sehr schwer analysierbar. Diesbezüglich legen die grundlegenden Figuren und Kategorien ein breites Spektrum von empirischen Untersuchungsmöglichkeiten auf. Bildung wird durch Sprache erfassbar. So eröffnet ein bildungstheoretisches Lesen von Romanen eine neue Perspektive auf Bildungsprozesse, nämlich die aus der Perspektive der sich-bildenden Romanfigur „ohne den Umweg eines externen Beobachters“7, der bei einer Betrachtung außerhalb von Romanen nicht umgangen werden kann.

Um die zu Beginn dieses Kapitels genannte Definition Transformatorischer Bildung nun komplett erklärt zu haben, bleibt der Begriff „Transformation“ noch aus. Das aus dem Lateinischen entsprungene Wort transformieren (trans = hinüber, formare = formieren) kann als umwandeln, umformen, umgestalten aufgefasst werden8 und meint eine Veränderung, bei der neue Qualitäten entstehen. Weiterführend können auch die Ursachen von Bildungsprozessen untersucht werden. Diese liegen zumeist in einer krisenhaften Erfahrung, in einer Problemlage, die mit den bisherigen Figuren und Kategorien des Welt- und Selbstverhältnisses nicht bewältigt werden kann. Bevor jedoch die empirische Untersuchung anhand Annie Ernaux‘ Roman „Erinnerung eines Mädchens“ erfolgt, sei zuerst auf die Theorien Jacques Lacans eingegangen.

1.5 Lacan: Das Imaginäre, das Symbolische und das Reale

Nachdem nun der Begriff der Transformatorischen Bildung geklärt ist, folgt der Einstieg in Lacans gedankliches Terrain über die Unterscheidung zwischen dem Imaginären, dem Symbolischen und dem Realen.

Warum genau wurde der Einstieg an dieser Stelle gewählt? Weil das Verständnis dieser drei Ordnungen grundlegend für Lacans gesamtes Gedankenwerk ist. Das Imaginäre, das Symbolische und das Reale, das ist das Feld, in welchem sich die Psychoanalyse nach Lacan abspielt. Alles, was sich abspielt, lässt sich in diese Trias einordnen, nicht ohne Grund spricht man auch von den drei Registern. Sie werden in der Topologie des Borromäischen Knotens dargestellt. Der Borromäische Knoten (Abb.1) besteht aus drei borromäischen Ringen. Der rote Ring ist dabei dem Symbolischen (S), der blaue dem Realen (R) und der grüne dem Imaginären (I) zugeordnet. Die besondere Eigenschaft dieser Topologie liegt darin, dass beim Lösen eines Ringes die gesamte Verknotung auseinander-fällt, d.h. die Ringe sind wie die drei Ordnungen alle miteinander verknüpft.

Abbildung 1: Der Borromäische Knoten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

An dieser Stelle ist anzumerken, dass Lacan den Borromäischen Knoten nicht erfand, der Ursprung liegt in der Heraldik: Das Familien-wappen der Familie Borromäus zeigt den Borromäischen Knoten im Sinne der christlichen Trinitätslehre, also der Dreifaltigkeit Gottes.9 Alles spielt sich innerhalb dieses Knotens ab, es gibt kein Außerhalb. Evans merkt dazu an: „[…] [D]ie Topologie stellt die Struktur nicht dar, sondern ist diese Struktur.“10 Und in diese Struktur lässt sich alles „einflechten“, es gibt keine Position außerhalb des Borromäischen Knotens. Daran anschließend soll nun auf die drei Ordnungen im Einzelnen eingegangen werden.

Das Imaginäre, das sind Bilder, Vorstellungen oder bildliche Darstellungen. Das Imaginäre ist also eine bildhafte Dimension. Lacan beschreibt das Imaginäre in seinem Aufsatz „Das Spiegelstadium als Bildner der Ich-Funktion“, auf den später noch genauer eingegangen wird. Dort ist zu erkennen, dass das Imaginäre dual organisiert ist, dass eine Form von Narzissmus im Imaginären zu verorten ist, also etwas, was dem Subjekt ähnlich ist (siehe Kapitel 1.6 zum Spiegelstadium und dem Subjekt).

Das Symbolische wird auch als die symbolische Ordnung der Sprache bezeichnet, jedoch ist das Symbolische nicht exakt dasselbe, wie die Sprache, da diese auch eine reale und imaginäre Seite hat.11 Die symbolische Seite der Sprache ist eine apriorische Kette aus Signifikanten (siehe Kapitel 1.8 zur Signifikantentheorie).12 Im Gegensatz zum Narzissmus des Imaginären ist das Symbolische durch die Andersartigkeit zu erkennen, Lacan spricht hier vom großen Anderen in einer triadischen Struktur (siehe Kapitel 1.6 zum Spiegelstadium und dem Subjekt). In Verbindung zu Ödipus ist das Symbolische das Gesetz, in Verbindung zum Spiegelstadium auch das Mittel bzw. die Bedingung zur Einführung in die Gesellschaft.

Das Reale ist das, was weder imaginär noch symbolisch ist, darunter fallen zum Beispiel die Körper (in ihrer physischen Ausdehnung). Das Reale ist das, was von der Sprache nicht erfasst werden kann, das was sich jeglicher Symbolisierung entzieht. In einem Fernsehbeitrag zu Jacques Lacans Theorien wird daher vom Realen als „Leerstelle“ gesprochen.13 Dementsprechend unmöglich ist es, das Reale an dieser Stelle durch einen Text darzustellen, da es sich nicht symbolisieren lässt. Jedoch lassen sich Aussagen über das Reale treffen. So richtet sich das menschliche Begehren auf dieses nicht symbolisierbare Reale (siehe Kapitel 1.7 zum Begehren), auf den Rest, der sich sowohl dem Imaginären wie auch dem Symbolischen entzieht. Festzuhalten ist also vor allem die Nicht-Greifbarkeit des Realen.

Zur Veranschaulichung dieser drei Ordnungen ist an dieser Stelle ein Beispiel genannt: Ein Autor verfasst einen autobiographischen Roman. Zum Verstehen der drei Ordnungen kann sich nun die Frage gestellt werden, wo diese hier liegen. Das Erzählen der Romanhandlung, das Niederschreiben in der symbolischen Ordnung der Sprache stellt das Symbolische dar. Das Reale ist die Tatsächliche Existenz des Autors in der Welt, seine Anwesenheit aus Fleisch und Blut bzw. die Existenz des Buches als physisches Medium aus Seiten, einem Einband, und seinen weiteren Bestandteilen. Das Imaginäre lässt sich in den Erinnerungen des Menschen an seine Jugend verorten, also in den geistlichen Bildern aus vergangenen Zeiten.

1.6 Lacan: Das Spiegelstadium und das Subjekt

Im Folgenden soll die Theorie des Spiegelstadiums anhand Lacans Aufsatz „Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion“ dargestellt werden.

Die Theorie des Spiegelstadiums tritt, wie Jacques Lacan selbst, zuerst am 3. August 1936 bei einem Kongress der International Psychoanalytic Association (i.F. IPA) auf.14 Am 17. Juli 1949 tagt der Kongress der IPA erneut in Zürich. Hier präsentiert Lacan seinen Aufsatz „Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion“15, der grundlegend für diese Theorie werden sollte.

Zwischen dem sechsten und 18. Lebensmonat wurde beobachtet, dass Säuglinge, welche in diesem vorspracherwerblichen „infans-Stadium“16 noch keine einheitliche Koordination besitzen, im Gegensatz zu Schimpansenjungen ihr Spiegelbild erkennen und eine jubilatorische Reaktion zeigen.17 Nach Jacques Lacan ist diese Reaktion Indiz für eine „Identifikation“18 mit dem eigenen Spiegelbild. Diese Identifikation bedeutet im psychoanalytischen Sinn eine „durch die Aufnahme eines Bildes ausgelöste Verwandlung“19. Der Säugling unterliegt jedoch einer Täuschung. Gegenteilig zum einheitlichen, vollständigen Spiegelbild nimmt er sich selbst als zerstückelten Körper wahr. Die Täuschung liegt also in der Ganzheit des Körpers, wie sie allein schon im Sinne motorischer Fähigkeiten zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorliegt. Dieses Bild des Kindes ist nach Lacan also nicht nur eine Art zeitliche Vorausnahme, sondern auch ein Idealbild (imaginär), daher nennt Lacan dies das „Ideal-Ich“.20 Die Beziehung zwischen dem Subjekt und seinem Spiegelbild zeigt dem Kind zum ersten Mal, dass es einen eigenen Körper hat. Das Ich konstituiert sich durch diese Identifikation, was sich auch bei Nemitz in einer von Lacan aufgestellten Definition des Ichs als „die Vorstellung von sich selbst als Körper“21 widerspiegelt.

Aus dieser Identifikation mit dem eigenen Spiegelbild als konstituierendem Moment des Ichs lässt sich eine weitere These Lacans schlussfolgern: Das Ich liegt im Außen (Spiegelbild). Die Ich-Konstitution von außerhalb ist ein Widerspruch zur Ich-Psychologie, welche von der IPA favorisiert worden ist, und ist einer der Punkte, welcher das konfliktreiche Verhältnis zwischen der IPA und Jacques Lacan begründet.22 Das Subjekt verkennt, dass das Ich nicht schon immer von innen gegeben ist, sondern sich erst durch das Spiegelbild konstituiert.

Dieser Dualismus des Spiegelstadiums soll durch den Gedanken der Entstehung der Spiegelverkehrtheit veranschaulicht werden. Denn tatsächlich liegt eine Verkehrtheit nicht vor. Bei einer Bewegung vor dem Spiegel ist eine identische Bewegung im Spiegel zu beobachten. Die Verkehrtheit entsteht erst durch eine Vorstellung, die Andreas Cremonini in einem Fernsehinterview als „Moment personaler Alterität“23 beschreibt. Man stellen fest, dass die Bewegung des Spiegelbildes im Vergleich zu seiner eigenen gespiegelt ist. Dafür muss man sich selbst jedoch der Vorstellung bedienen, man sei diese Person im Spiegel.

Weiterführend muss beachtet werden, dass die Bindung des Kindes an das eigene Spiegelbild eine narzisstische Bindung ist. Das Ich erlebt sich als ein gespaltenes24. Auf der einen Seite steht der „kleine andere“, das „imaginäre Spiegel-Ich“25, auf der dagegenstehenden Seite steht der „große Andere“26, welcher für das Kind als erstes durch die Mutter in Erscheinung tritt. Es ist die Mutter, die durch die mehrdeutige „Chiffre seiner [des Patienten] irdischen Bestimmung“27 „du bist es“ die Schwelle markiert, von der aus die Abhängigkeit aus der narzisstischen Struktur zwischen dem Kind und dem Bild seiner selbst überwunden werden kann,28 wenn sie diese als Antwort auf den fragenden Blick des Kindes formuliert. Doch wer (oder was) genau ist nun der große Andere?

Der große Andere ist der vermittelnde Dritte, der die narzisstisch-dualistische Bindung des Imaginären zwischen Kind und kleinem anderen durchkreuzt. Die Entstehung dieser triadischen Struktur kann auch als Einführung in die Sprache (daher auch als Grundlage der Einführung in die Gesellschaft) betrachtet werden. Mit dem Begriff „Name-des-Vaters“ (franz. Nom-du-père, lautähnlich zu Non-du-père: Nein-des-Vaters) knüpft Lacan an Freuds Ödipus an. Der Begriff beschreibt nicht direkt den Vater, sondern eher die Instanz (bzw. den Signifikant), welche die duale Beziehung zwischen Mutter und Kind durchkreuzt und somit das Kind in die symbolische Ordnung der Sprache einführt. Oft wird daher der große Andere auch als Ort der Sprache (und damit auch Ort des Unbewussten) betrachtet. Wieder erfolgt nun eine Identifikation. Nemitz führt hier weiter aus: „Das Subjekt kann sich mit diesem Anderen, der es mit dem Ideal-Ich vergleicht, der das Urteil über es spricht und dem es gefallen möchte, identifizieren. Das Ergebnis dieser Identifizierung ist das Ichideal.“29 Das Ich-Ideal kann aufgefasst werden als „der Signifikant, der als Vorbild fungiert […] er ist der Leiter, der über die Position des Subjekts in der symbolischen Ordnung herrscht“30 und somit seine Funktion der Einschreibung des Subjekts in die symbolische Ordnung der Sprache erfüllt. Abkürzungen sind für das Ideal-Ich „i(a)“, für das Ich-Ideal „I(A)“.31 Im Gegensatz zur Identifikation im Spiegel, der „primären Identifikation“ (i(a), auch imaginäre Identifikation), ist die Identifikation im Anderen eine „sekundäre Identifikation“32 (I(A), auch symbolische Identifikation). Erst später differenziert Lacan das gespaltene Ich in „je“ und „moi“ und ordnet das „moi“ dem Imaginären, das „je“ dem Symbolischen zu.

Die Aussage, dass das Ich gespalten ist, erlaubt mehrere Lesarten. In Bezug auf die Untersuchung Transformatorischer Bildungsprozesse in einem autobiographischen Roman spielt die Spaltung in das Subjekt der Aussage und das des Aussagens eine besondere Rolle. Lacan unterscheidet hier zwischen der Äußerung und der Aussage.33 Das Subjekt, welches eine Aussage tätigt, muss nicht zwingend dasselbe sein, wie das, welches in der Aussage auftritt. In einem autobiographischen Roman ist dies jedoch der Fall, was in der doppelten Dimension der Erzählform zu erkennen ist: Der Ich-Erzähler tritt auf als ein gespaltener. Die Unterscheidung liegt im „erzählenden Ich“ und im „erlebenden Ich“, wobei dem erlebenden Ich synonym der Ausdruck „erzähltes Ich“ zugeordnet werden kann, was dieselbe morphologische Unterscheidung mit sich bringt, die Lacan durch seine Begriffe des Signifikanten und Signifikats darstellt (siehe Kapitel 1.8 zur Signifikantentheorie). Dabei entspricht das erzählende Ich dem Subjekt des Aussagens, das erzählte Ich dem Subjekt der Aussage.

Doch zurück zum Spiegelstadium. Dieses endet nicht vollständig mit dem 18. Monat. Die dadurch entstandene psychische Struktur bleibt, Lacan spricht hier von einer „ontologischen Struktur“34. Der Aspekt des Ichs im Außen bleibt also, was bei einer Untersuchung in Hinblick auf Welt- und Selbstverhältnisse eine Rolle spielen kann (siehe Kapitel 1.10 zur Bedeutung Lacans Theorien für Transformatorische Bildungsprozesse).

1.7 Lacan: Das Begehren (désir)

Lacan spricht von einer „spezifischen Vorzeitigkeit der menschlichen Geburt“35. Er betitelt damit das Nicht-Vorhandensein eines biologischen, angeborenen Repertoires (Mensch als Mangelwesen), wie es bei Tieren aufzufinden ist. Durch diese „motorische Inkoordination“36 entsteht ein Abhängigkeitsverhältnis des Kindes zur Mutter. An dieser Stelle betont er den Mangel des Kindes im Spiegelstadium, denn Mangel ist die Ursache des Begehrens. Das Lösen des Subjekts von der narzisstischen Bindung an sein eigenes Spiegelbild lässt sich durch einen Dreischritt37 erklären, der von Koller bereits dargelegt und nun darauf aufbauend kurz erläutert werden soll:

Als erstes steht das Bedürfnis (bésoin). Ein Bedürfnis ist der Wunsch, den Mangel auszugleichen. Im Falle der Mutter-Kind-Beziehung wäre das Bedürfnis nach Wärme als Beispiel anzuführen. Der zweite Schritt ist der Anspruch (demande). Hier wird das Bedürfnis adressiert, in diesem Falle an die Mutter. Lacan behauptet, dass der „Liebesanspruch“38 an die Mutter immer unerfüllt bleibt, da eine totale Anwesenheit jener nicht möglich ist. Da der Anspruch jedoch in Sprache artikuliert ist, gibt es noch einen dritten Teil dieses Dreischrittes, der sich auf das richtet, was die Sprache ausgrenzt. Dies nannte Lacan das Begehren (désir).

Allein dadurch, dass Sprache mit Definitionen funktioniert, muss Sprache etwas ausschließen, da eine Definition nichts anderes als eine Abgrenzung ist, also etwas abgrenzt bzw. ausschließt. „Das Begehren ist somit der Überschu[ß], der durch die Artikulation des Bedürfnisses im Anspruch produziert wird“.39 Das Begehren wird nie erfüllt, kein Objekt kann es stillen, es wird nur verschoben. Lacan gibt diesem Objekt, welches an der Stelle sitzt, die durch Sprache nicht erfassbar ist, an der Stelle, die durch eine Artikulation in der Sprache immer ausgeschlossen wird und damit immer schon verloren ist, an der nicht symbolisierbaren Stelle, auf die sich das Begehren richtet, einen Namen: Das Objekt klein a. Es wird mit „ a “ abgekürzt und hat die Funktion den Mangel im Anderen zu zeigen sowie die Andersheit des Anderen zu „garantieren“40. Peter Widmer definierte das Objekt klein a in einem Fernsehinterview als das, was die Sprache allein schon dadurch ausgrenzt, dass die etwas erfasst.41 Dadurch, dass das Objekt klein a weder symbolisch noch imaginär ist (denn Imaginäres lässt sich symbolisieren (siehe Spiegelstadium)), definiert sich das Reale über es42. Dieser Bezug zum Realen kommt jedoch erst gegen 1973 auf, zuvor wird es als imaginäres Partialobjekt betrachtet43 – ein Fall der Differenzierung nach dem Zeitpunkt der Theorieentwicklung Lacans. Lacan definiert vier Objekte klein a, darauf einzugehen führt jedoch hier zu weit.

Die endlose Verschiebung des Objektes klein a bezeichnet Koller als die „Bewegung des Begehrens“, welche in der Lage ist, „das Subjekt über die Bindung an das eigene Spiegelbild hinauszuführen“44. Die Tatsache, dass das Objekt klein a als das nicht symbolisierbare Objekt immer schon verloren ist, lässt es uns begehren. Dass man immer das begehrt, was man nicht hat, ist im Alltagsleben deutlich sichtbar. So versucht Werbung, das Begehren auf ein bestimmtes Objekt zu lenken. Dabei geht es nie um das Erreichen dieses Objektes, der Kauf eines umworbenen Produktes verschiebt lacanianisch45 betrachtet nur das Begehren: Wer kennt das Gefühl, dass man nach einem Kauf mit dem Produkt gar nichts anzufangen weiß, es eventuell gar nicht will, nicht?

Die narzisstische Bindung zwischen Mutter und Kind lässt sich anhand des Begehrens nun erklären. Sie besteht durch eine gegenseitige Idealisierung in dieser dualen Beziehung, die wiederum auf gegenseitigem Begehren basiert.46 Der „Blick der Mutter“, wie Lacan ihn nennt, wird vom Kind begehrt, da es sich durch die Erfahrung der eigenen Objektivation nun fragt, wie es von anderen Menschen gesehen wird. Gleichzeitig existiert das „mütterliche Begehren“: die Mutter begehrt ein schönes und intelligentes Kind. Dadurch entsteht ein „narzi[ß]tisches Band“47 zwischen Mutter und Kind. Daher auch die Aussage: „Das Begehren ist das Begehren des Anderen“48. Daran schließt Kollers Aussage, dass eine „Bewegung des Begehrens“49 das Subjekt über die Bindung an das Spiegelbild hinausführt, an: Verschiebt sich das Begehren vom Spiegel zum großen Anderen, zerstört dies die narzisstische Verbindung zum Spiegelbild.

1.8 Lacan: Signifikantentheorie

Zu Beginn dieses Kapitels sei die Frage vorangestellt, welche Rolle die Sprache in der Psychoanalyse einnimmt. Schon Sigmund Freud erkannte bei seinen Traumdeutungen die besondere Rolle der Sprache.50 Lacan verschärfte Freud hier mit seiner Aussage: „Das Unbewu[ß]te ist strukturiert wie eine Sprache“.51 Wie lässt sich diese Aussage verstehen? Zum einen ist Sprache in der psychoanalytischen Praxis der einzige Zugang zum Unbewussten. Der Analysant52 (Schreibweise imitierend zu Signifikant, bei Lacan: der Patient) macht in einer Sitzung nichts anderes als Sprechen. Zum anderen spricht Lacan vom Fluss der Sprache in ähnlicher Form eines inneren Monologes. Er vergleicht das Unbewusste als eine Sprechmühle, die „ununterbrochen klappert“.53 Aus diesem Vorhandensein der Signifikanten im Unbewussten folgt der lacan‘sche Ansatz der Psychoanalyse, statt des Inhaltes des Sprechens, das Sprechen als solches, d.h. sprachliche Formen und Strukturen, in den Fokus der psychoanalytischen Praxis zu setzen (Bsp.: Ein Versprecher, etc.). Lacan setzt hier den Signifikanten in eine Vorrangstellung gegenüber dem Signifikat. Um diese beiden Begriffe zu erklären, sei die Zeichentheorie Ferdinand de Saussures auf Grundlage Teichmanns Ausführungen in „Psychoanalyse und Sprache, Von Saussure zu Lacan“(1983) kurz erläutert.

Abbildung 2: Zeichen nach de Saussure

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ferdinand de Saussure war ein französischer Linguist des späten 19. Jahrhunderts54, auf den sich Lacans sprachliche Untersuchungen des Unbewussten stützen. Zwei seiner zentralen Begriffe entspringen einer Teilung des Zeichens in Bezeichnendes und Bezeichnetes, welches in seinem bilateralen Zeichenmodell gezeigt wird. Das Bezeichnende wird dabei „Signifikant“ (Schrift, ausgesprochenes Wort), das Bezeichnete „Signifikat“ (Vorstellungsbild, physisches Objekt) genannt, der Unterschied liegt morphologisch also in der aktivischen Wortendung „-ant“, welche der passivischen „-at“ komplementär gegen-übergestellt ist. Das heißt, dass Signifikant und Signifikat für Saussure eine Einheit bilden, die er das Zeichen nennt (Abb.2). Sprache ist nach de Saussure ein differentielles Zeichensystem, er betont die Opposition zwischen den Zeichen: „[J]edes Zeichen bedeutet das, was die anderen nicht bedeuten.“55 Um diese differentielle Ordnung der Zeichen und die Notwendigkeit eines Kontextes zu verdeutlichen, wird die Bedeutung des Signifikanten „Birne“ erläutert. Dieser Signifikant würde in einem etwaigen Wortfeld von Elektrik (Birne, Glühlampe, Kabel, etc.) ein anderes Signifikat signifizieren als in einem Wortfeld von Obst (Birne, Apfel, Banane). Auch geht de Saussure davon aus, dass ein Signifikant immer ein schon vorhandenes Signifikat repräsentiert. Er stellt das Signifikat demnach (auch bildlich, Abb.2) über den Signifikanten und trennt beide mit einem Strich.

Lacan verändert dieses Zeichenmodell in zweifacher Weise. Erstens vertauscht er die Positionen, zweitens verwendet er ein großgeschriebenes S für den Signifikanten, ein kleingeschriebenes für das Signifikat, um so das Primat des Signifikanten zu verdeutlichen ( Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten ). Die Signifikanten gehen also den Signifikaten voraus, sie erzeugen sich immer wieder neue Signifikate. Lacan spricht in diesem Kontext vom „Gleiten des Signifikats unter dem Signifikanten“56. Um jenes Gleiten zu verstehen, muss ein Blick auf die Auffassung von Signifikant und Signifikat geworfen werden. Lacan äußert sich diesbezüglich, er bezeichnet den Signifikanten als „das Material der Sprache“ und das Signifikat als „die Bedeutung“.57 Die Bedeutung liegt also im Signifikat und nicht im durch lediglich Differenz bestimmten Signifikanten. Daher spricht Lacan ebenso vom „Gleiten der Bedeutung“58. Die Bindung zwischen den imaginären Signifikaten und den symbolischen Signifikanten ist nicht fest verankert (wie bei de Saussure), sondern frei beweglich und verschiebbar. Die Signifikantenkette ist autonom, a priori, sie geht der Existenz voraus. Subjekte werden „in“ die Sprache „hineingeboren“ und müssen sich dieser Ordnung anpassen, sich ihr unterwerfen, wie uns die Etymologie59 auch Auskunft gibt (lat. sub = unter, iacere = werfen).

Lacan sagt: „Das Unbewusste ist seit Freud eine Signifikantenkette, die irgendwo sich wiederholt, […] und in [..] Einschnitten interferriert“60. In „Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens im Freudschen Unbewusstsein“ führt Lacan den „Graph des Begehrens“ ein, dessen Elementarzelle in Abbildung drei zu sehen ist. Das Ziel dieses Graphen ist „eine Vorstellung davon [zu] verschaffen, wo das Begehren sich situieren lä[ß]t in [B]ezug auf ein Subjekt, das definiert ist durch seine Artikulation durch das Signifikante.“61

Abbildung 3: Graph des Begehrens, Elementarzelle

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dieses hier angesprochene durch die Sprache geprägte Subjekt (auch durchgestrichenes Subjekt, gebarrtes/barriertes Subjekt) ist als „$“ dargestellt. Das „∆“ stellt das „anfänglich gestaltlose ‚Subjekt‘ des Bedürfnisses“62 dar. Der Vektor von ∆ nach $ ist die Kurve der Intention (paradigmatisch), der Vektor von S nach S‘ ist die „signifikante Kette“63 (i.F. Signifikantenkette) (syntagmatisch, Syntax = Satzbau). Ersterer schneidet die Signifikantenkette „im rückläufigen Sinne“64 zweimal (siehe Abb.3). In dieser noch nicht weiter ausgeführten Form des Graphs ist schon zu erkennen, dass die Intention der Signifikantenkette rückläufig ist, dabei sind die Kreuzpunkte der Vektoren als Stepppunkte aufzufassen. Ein Stepppunkt unterbricht durch die Durchkreuzung der Kette der Signifikanten den Fluss der Signifikate unter den Signifikanten. Dadurch bewirkt er in seiner diachronischen65 Funktion ein „Absteppen“ des Gesagten und bewirkt dadurch erst die Bedeutung des Satzes.

Ein Beispiel für dieses Fixieren der Bedeutung ist der Ausspruch: „Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt.“ Dieser Satz ist in der Mitte gespalten. Seine Bedeutung ist jedoch erst ersichtlich, nachdem er vollständig artikuliert worden ist, was zeigt, dass die Bedeutung erst im Nachhinein entsteht. Die zweite Satzhälfte wird in den meisten Fällen so nicht vorhergesehen, der „Überraschungseffekt“ lässt sich mit Lacan darstellen, der hier im Gegenzug zur nachträglichen Konstruktion des Sinns66 eine Antizipation dessen im Vorhinein behauptet und damit eine Zeitform konstruiert, auf die jedoch nicht tiefer eingegangen werden soll.67 Ebenso weist er darauf hin, dass die Bedeutung niemals absolut ist, da ein neuer Vektor der Intention zu einem späteren Zeitpunkt aus der Signifikantenkette die Bedeutung immer wieder ändern könnte, was schon im Wort „aber“ enthalten ist.

Abbildung 4: Graph des Begehrens

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In Abbildung 4 ist der Graph des Begehrens ausführlicher dargestellt. Neben den nun beschrifteten Knotenpunkten ist mittig eine Verbindung zwischen i(a) und m eingezeichnet, welche („ m “ steht für das imaginäre moi) aus dem Spiegelstadium bekannt ist. Während der Vektor von S nach S‘ bis auf die hier fehlende Beschriftung identisch zur Elementarzelle ist, rückt $ vom Ende an den Beginn des Vektors der Intention. Der erste Schnittpunkt trägt den Buchstaben A, der zweite die Bezeichnung s (A).

Der erste „Kreuzungspunkt“ mit „der Bezeichnung A bildet den Hort der Signifikanten“68, was hier als Ort verstanden werden soll. Dieser Ort, der „Ort des Anderen“69, bietet dem gebarrten Subjekt nun die Worte, die allerdings bis zur „Interpunktion“70 noch nicht „ausformuliert“ sind und erst dort, das Signifikat des Anderen „ s (A)“ fixieren. Diese Fixierung der Interpunktion ist kein Ort, sondern ein Moment. Führt man diesen Prozess nun wieder in entgegengesetzte Richtung (von s (A) nach A), so entsteht ein Kreislauf, in welchem Lacan die „Unterwerfung des Subjekts unter den Signifikaten“71 sieht.

[...]


1 Weber (1990, S. 35)

2 Polti (1997, S. 72f.)

3 Duden (2018, Präfiguration)

4 Koller (2018, S.15 zit. n. Kokemohr 2007, S. 21)

5 Koller (2018, S. 15 zit. n. Kokemohr 2007, S. 21)

6 Vgl. Koller (2018, S. 15)

7 Kokemohr (2018, S. 241)

8 Duden (2018, transformieren)

9 Vgl. Widmer (1990, S. 147)

10 Evans (2002, S. 64)

11 Vgl. Evans (2002, S. 299)

12 Vgl. Evans (2002, S. 299f.)

13 Sternstunde (o.J., Teil 5)

14 Bialluch (2011, S. 52f.)

15 Lacan (1949, S. 61)

16 Lacan (1949, S. 64)

17 Vgl. Lacan (1949, S. 63)

18 Lacan (1949, S. 64)

19 Lacan (1949, S. 64)

20 Lacan (1949, S. 64)

21 Nemitz (2013, o. S., zit. n. Lacan 1976, o.S.)

22 Vgl. Evans (2002, S. 140)

23 Sternstunde (o.J., Teil 4)

24 Diese Spaltung in Imaginär/Symbolisch wird üblicherweise durch die Begriffe moi/je dargestellt.

25 Thor (2015, S. 8)

26 Für diese beiden Begriffe gibt es verschiedene Schreibweisen. Aus Gründen der Aussprache und logischen Klarheit wurde diese Schreibweise gewählt.

27 Lacan (1949, S. 70)

28 Vgl. Koller (2018, S. 48)

29 Nemitz (2013, o.S.)

30 Evans (2002, S. 139)

31 Evans (2002, S. 140)

32 Evans (2002, S. 144 zit. n. Lacan 1966, S. 117)

33 Vgl. Nemitz (2016, o.S.)

34 Lacan (1949, S. 64)

35 Lacan (1949, S. 66)

36 Lacan (1949, S. 66)

37 Vgl. Koller (2018, S. 48)

38 Koller (2018, S. 48)

39 Evans (2002, S. 55)

40 Weber (1990, S. 186)

41 Vgl. Sternstunde (o.J., Teil1)

42 Vgl. Weber (1990, S. 219)

43 Vgl. Evans (2002, S. 205)

44 Koller (2018, S. 48)

45 Mit „lacanianisch“ wird ausgedrückt, dass etwas nach Lacans Lehre beobachtet wird, der Ausdruck „lacan’sche“ beschreibt eine Lehre, die Lacan selbst aufstellte.

46 Vgl. Widmer (1990, S. 32f.)

47 Widmer (1990, S. 33)

48 Vgl. Lacan (1966, S. 190)

49 Koller (2018, S. 48)

50 Vgl. Teichmann (1983, S. 100)

51 Teichmann (1983, S. 100 zit. n. Lacan 1964)

52 Widmer (1990, S. 21)

53 Braun (2008, S. 84)

54 Vgl. Teichmann (1983, S. 21)

55 Widmer (1990, S. 38)

56 Lacan (1966, S. 36)

57 Nemitz (2014, o.S.)

58 Lacan (1966, S. 180)

59 Köbler (1995, S. 394)

60 Lacan (1966, S. 173)

61 Lacan (1966, S. 179)

62 Braun (2008, S. 237)

63 Lacan (1966, S. 180)

64 Lacan (1966, S. 180)

65 Der Begriff Diachronie (und Synchronie) entstammt de Saussures Vokabular (Vgl. Teichmann (1983, S. 23))

66 „Sinn“ und „Bedeutung“ werden an dieser Stelle synonym zueinander verwendet

67 Braun (2008, S. 248 zit. n. Lacan 1966, S. 27)

68 Lacan (1966, S. 180)

69 Lacan (1966, S. 181)

70 Lacan (1966, S. 181)

71 Lacan (1966, S. 181)

Ende der Leseprobe aus 56 Seiten

Details

Titel
Transformatorische Bildungsprozesse in Annie Ernaux' "Erinnerung eines Mädchens"
Untertitel
Untersuchung von Bildungsprozessen mit Jacques Lacans Theorien
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
56
Katalognummer
V902733
ISBN (eBook)
9783346190765
ISBN (Buch)
9783346190772
Sprache
Deutsch
Schlagworte
annie, transformatorische, theorien, mädchens, lacans, jacques, ernaux, erinnerung, bildungsprozessen, bildungsprozesse, untersuchung
Arbeit zitieren
Tim Emmerich (Autor:in), 2019, Transformatorische Bildungsprozesse in Annie Ernaux' "Erinnerung eines Mädchens", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/902733

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Transformatorische Bildungsprozesse in Annie Ernaux' "Erinnerung eines Mädchens"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden