Seit Jahrzehnten, manche würden behaupten Jahrhunderten, prägt der Nordirlandkonflikt das gesellschaftliche und politische Leben auf der irischen Insel bis heute. Obgleich sich anzudeuten scheint, dass die nordirische Bevölkerung bereit ist, über ethnisch-konfessionelle Grenzen hinweg zusammenzuarbeiten, lässt vor allem die Brexit Debatte alte Konfliktlinien wieder deutlich werden. So versprechen sich manche Republikaner von der Verlegung der Zollgrenze zwischen Irland und Großbritannien in die irische See eine allmähliche Loslösung Nordirlands von Großbritannien, während Unionisten genau dies befürchten. Bedeutet das, es gibt noch immer eine Spaltung in ‚die und wir‘? Verläuft der Konflikt noch immer entlang ethnischer Grenzen und lässt sich aus diesem Grund nicht beilegen? Die aktuelle Situation verdeutlicht einmal mehr, welch relevante Rolle Ethnizität im Nordirlandkonflikt eingenommen hat und einnimmt.
Inwiefern spielte Ethnizität eine Rolle für die im nordirischen Konflikt involvierten Gruppen sowie die Bevölkerung und deren Alltag? Diese Frage steht im Mittelpunkt der Hausarbeit und soll mit Hilfe von Einschätzungen aus der Wissenschaft bezüglich ‚Ethnizität‘ und dem ‚Fall Nordirland‘ konkretisiert und erläutert werden. Geprüft werden soll, welche Relevanz konkret die Ethnizität für die beteiligten Gruppen und Individuen und somit für den Verlauf des Konfliktes hatte.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung: Ethnizität hat bis heute Relevanz in Nordirland
2 Der Diskurs um die Bedeutung von Ethnizität
2.1 Definition und Konzepte
2.2 politisch-instrumentelle und emotional-identifikatorische Dimension
2.3 heutige Probleme der Kategorie Ethnizität
3 Forschungsstand und Materialbasis
4 Relevanz von Ethnizität im Nordirlandkonflikt
4.1 Die Unzulänglichkeit von ‚ethnisch‘ oder ‚religiös‘ als Konfliktbeschreibung
4.2 Konfliktparteien und ethnische Gruppen
4.3 Rückhalt der für eine Ethnie sprechenden Gruppen in der Bevölkerung
5 Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle der Ethnizität im nordirischen Konflikt und analysiert, inwiefern diese für die beteiligten Gruppen, die Bevölkerung und den Verlauf des Konflikts eine Bedeutung hatte und weiterhin hat.
- Sozialwissenschaftliche Einordnung des Begriffs der Ethnizität
- Kritische Analyse des Nordirlandkonflikts jenseits rein ethnischer oder religiöser Zuschreibungen
- Untersuchung der Akteursdynamiken und des Rückhalts in der nordirischen Bevölkerung
- Reflektion über die Gefahr des sogenannten "Gruppismus" in der Konfliktanalyse
Auszug aus dem Buch
4.2 Konfliktparteien und ethnische Gruppen
Wenn nicht allein über die Religion oder nationale Wurzeln, wie dann definieren sich die Konfliktparteien im Nordirlandkonflikt? Auf der einen Seite stehen irische Nationalisten, welche den Einfluss Englands, bzw. später Großbritanniens fürchten und sich seit dem ersten anglo-normannischen Übergriff Anfang des 12. Jahrhunderts von der britischen Insel bedroht und unterdrückt fühlen. Die Nationalisten legen großen Wert auf ihre keltisch-irische Tradition, welche sich vor allem in Kunst, Musik, Sprache, Mythologie und Sport widerspiegelt. Weiter gehören sie mehrheitlich der Katholischen Kirche an und streben eine Wiedereingliederung des nördlichen Teils der Insel an, welcher 1922 vertraglich von der restlichen Republik Irlands abgetrennt wurde (vgl. Korstian 2008: 16, Rapp 2014: 26).
Dieser Bevölkerungsgruppe gegenüber sehen sich die britischen Unionisten, deren Loyalität zur britischen Krone auf das 17. Jahrhundert zurückgeht. Englisch-treue Gefolgsleute wurden damals im Rahmen des Siedlungsprojektes ‚Plantation of Ulster‘ im Nordosten der irischen Insel angesiedelt, um immer wieder aufflackernde Unruhen und Aufstände dort endgültig niederzuschlagen (vgl. Otto 2005: 11 ff.). Die große Mehrheit der Unionisten hat schottische oder englische Wurzeln und ist demzufolge protestantisch. Entscheidender als die Unterscheidung von Einzelaspekten – wie Republikaner gegen Unionisten, Nationalisten gegen Loyalisten, Katholiken gegen Protestanten, keltisch-irische Nachfahren gegen britische Nachfahren oder auch Sympathisanten der Republik Irland gegen Sympathisanten von Großbritannien – ist das umfassende Identitätsgefühl und die Wahrnehmung der eigenen Bevölkerungsgruppe als Mehrheits- oder Minderheitsgesellschaft.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Ethnizität hat bis heute Relevanz in Nordirland: Die Einleitung skizziert die anhaltende Relevanz des Nordirlandkonflikts und führt in die zentrale Fragestellung zur Rolle der Ethnizität ein.
2 Der Diskurs um die Bedeutung von Ethnizität: Dieses Kapitel erläutert verschiedene wissenschaftliche Definitionen von Ethnizität und beleuchtet sowohl die identifikatorischen als auch die instrumentellen Dimensionen des Begriffs.
3 Forschungsstand und Materialbasis: Hier wird ein Überblick über die bestehende Literatur und Forschung zum Nordirlandkonflikt gegeben, wobei die Schwierigkeiten bei der Kategorisierung des Konflikts thematisiert werden.
4 Relevanz von Ethnizität im Nordirlandkonflikt: Das Hauptkapitel analysiert die spezifische Bedeutung ethnischer Identität für die Konfliktparteien und hinterfragt kritisch die vereinfachenden Bezeichnungen des Konflikts als "religiös" oder "ethnisch".
5 Fazit und Ausblick: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen und wagt einen Blick auf die zukünftigen Entwicklungen vor dem Hintergrund des Brexit und möglicher neuer Identitätsentwürfe.
Schlüsselwörter
Ethnizität, Nordirlandkonflikt, Identität, Gruppismus, Sinn Féin, Unionisten, Nationalisten, Karfreitagsabkommen, Konfliktanalyse, Segregierung, Religion, Gesellschaft, Politik, Brexit, Republik Irland
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Rolle der Ethnizität im Nordirlandkonflikt und hinterfragt deren Bedeutung für das Zusammenleben und die politischen Konfliktlinien in der Region.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die theoretische Bestimmung von Ethnizität, die Analyse des Nordirlandkonflikts fernab von einfachen religiösen Zuschreibungen sowie die Rolle der beteiligten Akteure.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Wirkweise von Ethnizität auf Gruppen und Individuen im Nordirlandkonflikt zu untersuchen und ein tieferes Verständnis für die sozialen Prozesse hinter den Konflikten zu schaffen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine explorative und deskriptive Vorgehensweise, wobei sie auf bestehende soziologische Konzepte, wie das von Rogers Brubaker, zurückgreift, um den Konflikt zu analysieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Unzulänglichkeit einer rein ethnisch-religiösen Konfliktbeschreibung, der Rolle von Konfliktparteien sowie dem tatsächlichen Rückhalt dieser Gruppen in der Bevölkerung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Ethnizität, Identität, Nordirlandkonflikt, Gruppismus und politische Partizipation charakterisiert.
Inwiefern spielt der "Gruppismus" nach Brubaker eine Rolle?
Die Arbeit nutzt Brubakers Konzept, um zu verdeutlichen, dass ethnische Gruppen nicht als starre, homogene Blöcke betrachtet werden sollten, da dies die komplexen Interessen der Individuen verschleiert.
Welche Bedeutung haben "Murals" in diesem Kontext?
Murals werden als künstlerisch-politisches Instrument der Identitätsäußerung interpretiert, das den gesellschaftlichen Wandel und die jeweiligen Machtansprüche in nordirischen Vierteln widerspiegelt.
Warum wird der Nordirlandkonflikt nicht als klassischer Religionskrieg eingestuft?
Die Arbeit argumentiert, dass Religion hier eher als Identifikationsmerkmal dient, während die tatsächlichen Konfliktursachen primär in sozialen, ökonomischen und territorialen Fragen begründet liegen.
- Arbeit zitieren
- Isabel Thoma (Autor:in), 2020, Ethnizität als Wurzel allen Übels? Die Relevanz von Ethnizität im nordirischen Konflikt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/903202