Suhrkamp-Revolte und Westdeutsche Studentenbewegung

Gemeinsame Motive und die Relevanz der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2020

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

1. EINLEITUNG

2. DIE WESTDEUTSCHE STUDENTENBEWEGUNG
2.1 Gesellschaftliche Tendenzen
2.2 Politisierung
2.3 Demokratisierung
2.4 Kritische Theorie

3. DER LEKTORENAUFSTAND
3.1 Vorgeschichte
3.2 Verlauf und Ausgang
3.3 Kritische Praxis?

1. Einleitung

1968 ereignete sich während der Hochphase der Westdeutschen Studentenbewegung der Lektorenaufstand im Suhrkamp Verlag. Zehn Lektoren, darunter drei Lektoren vom zugehörigen Insel Verlag, forderten die Demokratisierung des Verlages sowie verlagsinterne Mitbestimmung. Dem gegenüber standen der damalige Verlagsleiter Siegfried Unseld sowie die Autorenschaft des Suhrkamp Verlag. Beide Parteien verteidigten ihre jeweiligen Standpunkten während den verlagsinternen Konflikten derart dezidiert, dass trotz vereinzelter Einigungen in bestimmten Streitthemen mehrere Lektoren den Suhrkamp Verlag verließen, um ihr Experiment eines sozialistisch aufgebauten Verlages mit einer Verlagsneugründung, dem Verlag der Autoren, zu realisieren. Wie konnte es soweit kommen? Bemühungen zur Durchsetzung innerbetrieblicher demokratischer Strukturen gab es im internationalen Rahmen etliche, die kollektive Führung des Amsterdamer Verlag „De Betzige Bij“ hatte dabei eine Vorbildfunktion für die Lektoren des Suhrkamp Verlag. Auch in deutschen Verlagen existierte diese Forderung, der Rowohlt Verlag und der Spiegel Verlag können mit ihren politisch linksorientierte Verlagsprogrammen als Beispiel genannt werden. Der Lektorenaufstand war somit keine singuläre Erscheinung. Die weitreichende Bedeutung des Verlagshauses und sein Verlagsprogramm verliehen dem Lektorenaufstand jedoch eine Rollenfunktion als Avantgarde einer politisch-kulturellen Entwicklung mit Revolutionspotential gegenüber dem konservativen Charakter des Buchhandels- und Verlagswesens. Es fällt aus naturgemäß kritischer Perspektive schwer zu glauben, dass sich der Lektorenaufstand zufällig während der Hochphase der Westdeutschen Studentenbewegung ereignete. Es gilt also, die gesellschaftlichen Umbrüche zu erläutern, die Voraussetzung für diese politisch-kulturellen Entwicklungen waren, um nachfolgend gemeinsame Standpunkte bezüglich der Beweggründe der Westdeutschen Studentenbewegung und der Lektoren zu erschließen. In dieser Hinsicht ist auch auf die Kritische Theorie1 einzugehen, die während der Westdeutschen Studentenbewegung eine breite Rezeption erfuhr und als wichtiges Leitmedium fungierte. Der Forschungsstand zur Analyse der 68er-Bewegung respektive zur Westdeutschen Studentenbewegung und ihre Bedeutung für Gegenwart und Zukunft kann aufgrund der historischen Aktualität nicht als abgeschlossen betrachtet werden und fällt wegen ihrer kontroversen Debattierung recht heterogen aus. Eine übersichtliche und objektive Darstellung über die Entwicklungen der Westdeutschen Studentenbewegung und ihre Wirkungen auf die Öffentlichkeit liefern Nevermann et al.2. Eine leicht lesbare und verständliche Einführung in die Kritische Theorie lässt sich bei Michael Schwandt finden, vor allem wegen seiner Exkurse zum Praxisbegriff Kritischer Theorie und ihrer Bedeutung für die Studentenbewegung3. Dabei gilt es auch herauszufinden, wie der Suhrkamp Verlag und seine Literatur die Entwicklung der Westdeutschen Studentenbewegung beeinflusste. Zunächst werden also die gesellschaftlichen Entwicklungslinien der späten 1950er- und der 1960er-Jahre nachgezeichnet und im Anschluss überblicksartig die Leitmotive der Westdeutschen Studentenbewegung dargestellt, aufgegliedert in ihre Maximen der Politisierung und Demokratisierung. Die Ereignisse der Buchmesse 1968, die die Vorgeschichte des Lektorenaufstandes darstellen, sowie der chronologische Ablauf des Lektorenaufstandes folgen. Hierbei sind die beiden Chroniken aus jeweiliger Sicht der Lektoren4 und des Verlagsleiters Siegfried Unseld5 essenzielle Literatur. Zum Ende wird das Vorhaben der Lektoren kritisch analysiert um eine Antwort auf die Frage zu geben, wie das Handeln der Lektoren zu bewerten ist.

2. Die Westdeutsche Studentenbewegung

Die Westdeutsche Studentenbewegung war eine politisch linksorientierte, gesellschaftskritische soziale Bewegung. Sie entstand, ausgehend von der Bürgerrechtsbewegung und den Protesten gegen den Vietnamkrieg in den USA, parallel zu anderen Studentenprotesten in Westeuropa und Asien, welche aufgrund ihrer ähnlichen Ziele und des des Höhepunkts ihres Protestpotenzials um das Jahr 1968 auch als 68er-Bewegung zusammengefasst werden. Im Folgenden wird aufgezeigt, welche ökonomischen und kulturellen Entwicklungen Voraussetzung für die Entstehung der Westdeutschen Studentenbewegung war respektive sie begünstigte und welche Forderungen von der Studentenbewegung aufgrund der veränderten gesellschaftlichen Verhältnisse gestellt wurden.

2.1 Gesellschaftliche Tendenzen

Die 60er Jahre sind als ein Jahrzehnt gravierender gesellschaftlicher Transformationsprozesse zu verstehen. Mit der Nachkriegszeit endet auch die industriegesellschaftliche Epoche und geht über in die postindustrielle Gesellschaft. Die Standards der Vorkriegszeit waren zu Beginn des Wiederaufbaus als dessen Maßstab definiert, wurden jedoch durch die mit dem Wiederaufbau einhergehende Modernisierung übertroffen. Ergebnis dieses Modernisierungsprozesses war eine als neuartig und grundlegend verändert wahrgenommene Gesellschaft6, charakterisiert durch ökonomische, gesellschaftliche und kulturelle Umbrüche. Im Folgenden wird auf die zentralen Faktoren dieses Modernisierungsprozesses eingegangen, um sie im Kontext historischer Ereignisse als Voraussetzung einer gesellschaftlichen Neugestaltung zu kennzeichnen.

Das Ende des Zweiten Weltkrieges (1939-1945) initiierte eine deutlich wahrnehmbare Veränderung demographischer Verhältnisse. Auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland verzeichnete man einen starken Anstieg der Bevölkerung durch die als „Neubürger“ bezeichneten heimgekehrten Exilanten. Neben der Rückkehr verfolgter ethnischer und gesellschaftlicher Minderheiten bedeutete dies auch den Wiedereinzug politischer Orientierungen in die Gesellschaft, die in der Zeit des Nationalsozialismus‘ verboten waren. Hinzu kamen die „Übersiedler“, Menschen, welche meistens die wirtschaftlichen, aber auch die gesellschaftlich-politischen Verhältnisse in der DDR als inakzeptabel empfanden und in Erwartung besserer Lebensverhältnisse in die BRD flohen. Der als Folgeerscheinung des Zweiten Weltkriegs zu wertende Babyboom führt zu einer Verjüngung der Gesellschaft. Die seit Kriegsende kontinuierlich expandierende Volkswirtschaft war, besonders nach dem Mauerbau 1961, auf Gastarbeiter angewiesen und führte zu einem rapiden Anstieg von in der BRD lebenden Ausländern. Mit der Restabilisierung politischer Verhältnisse wurde die Voraussetzung für eine Ausdifferenzierung des politischen Spektrums geschaffen, wie sie für die Zeit der Westdeutschen Studentenbewegung beispiellos war. Darüber hinaus avancierte die BRD aufgrund der starken Einwanderung von Gastarbeitern gemäß der Kontakthypothese von Allport zum Abbau von Ressentiments gegen ethnische Minoritäten führte und die Entwicklung einer multikulturellen, toleranten und aufgeschlossenen Gesellschaft förderte Bezüglich ökonomischer Veränderungen war ein Rückgang des primären sowie die Stagnation des sekundären Sektors bei gleichzeitig starkem Anstieg des tertiären Sektors zu verzeichnen. Die Expansion des Dienstleistungssektors ist zum einen auf den generellen wirtschaftlichen Aufschwung seit der Nachkriegszeit und den Modernisierungsprozess zurückzuführen, wurde jedoch auch stark beeinflusst von der generellen Zunahme weiblicher Erwerbstätigkeit, ermöglicht durch die Einführung der Teilzeitarbeit und der Erfindung der Antibabypille 1961. Als Folge kam es zu einem gravierenden Anstieg des durchschnittlichen Nettohaushaltseinkommens, und resultierte in der Fähigkeit, „am enorm gestiegenen Konsum der neuen Wohlstandsgesellschaft, die bekanntlich fast durchgängig Arbeitslosenquoten von unter einem Prozent aufwies, teilzuhaben“, eine Umverteilung der anteiligen Ausgaben für bestimmte Konsumgüter deutete darauf hin, dass ein „tiefgreifender Wandel des gesamten Lebensstils breiter Bevölkerungsschichten“ im Gang war.7. Insgesamt konnte man eine deutliche Verbesserung der Lebensverhältnisse durch die anhaltende Modernisierung verzeichnen.

Bemerkbar machte sich diese Entwicklung zum einen in einer zuvor nie dagewesenen Verbesserung der Wohnqualität durch flächendeckende moderne Einrichtung. Die durch anhaltende Zuwanderung gestiegene Nachfrage nach Wohnungen wurde durch den ‚sozialen Wohnungsbau‘ bewältigt: Hierbei förderte der Staat den Wohnungsbau vorrangig für sozialschwache Gruppen, die den Wohnungsbedarf aus eigener finanzieller Kraft nicht decken konnten, um bedarfsgerechte Wohnverhältnisse zu gewährleisten. Folge der konstanten Ausweitung von Wohnraum war das Problem des zunehmenden Platzmangels in innenstädtischen Bereichen, was zum Anstieg des Wohnungsbaus in stadtnahen oder ehemalig landwirtschaftlich genutzten Gebieten führte. Der stetige Ausbau des Dienstleistungssektors in den städtischen Bereichen und die Distanz zwischen Wohn- und Arbeitsort resultierte im Phänomen des ‚Berufspendelns‘ und war – ebenfalls charakteristisch für die Modernisierung – ausschlaggebend für die Automobilisierung der westdeutschen Gesellschaft. Gleichzeitig kam es zu einer zunehmenden Verkürzung der Arbeitszeit, die Reduzierung von sechs auf fünf Arbeitstage ermöglichte das heute als selbstverständlich empfundene ‚lange Wochenende‘. Die tiefgreifenden Veränderungen der Wohn- und Arbeitsverhältnisse durch die demographischen und wirtschaftlichen Entwicklungen sowie wissenschaftlich-technische Errungenschaften führten, in Zusammenhang mit einem expansiven Konsumverhalten, zu einer stark ansteigenden Differenzierung von Freizeitangeboten.

Zum anderen war die ansteigende Mediennutzung und die damit einhergehende Ausbreitung von Massenmedien ebenfalls kennzeichnend für den Modernisierungsprozess – hier ist im Besonderen der Übergang vom Rundfunk zum Fernsehen als vorrangiges Medium zur Unterhaltung und Informationsbeschaffung zu nennen. Der Umbruch vom auditiven zum audiovisuellen Medium stellte dabei nicht nur eine neue Dimension der Wahrnehmung dar, durch die rasante Verbreitung des Fernsehers in den deutschen Haushalten und der (zunächst) beschränkten Programmauswahl wurden zahlreiche Gesprächs- und Diskussionsthemen generiert, was wiederum die alltägliche Kommunikation in einem zuvor unbekannten Ausmaß beeinflusste. Ungeachtet dessen steigt ebenfalls die Auflage von Tages- und Wochenzeitung, was verdeutlicht, „dass sich das mediale Verhalten ausdifferenzierte und nicht […] vom Fernsehen monopolisiert wurde.8

Unter den veränderten ökonomischen, gesellschaftlichen und kulturellen Verhältnissen wandelte sich die zentrale Bedeutung menschlicher Existenz vom Überleben zum Erleben9. Unter den verbesserten materiellen Umständen war nicht mehr die Notwendigkeit der Existenzsicherung im Bewusstsein der Menschen vordergründig. Vielmehr sollte unter diesen Umständen die als gesichert erschienene Existenz mit Erlebtem ausgefüllt werden, was das Bewusstsein für gesellschaftlich relevante Themen begünstigte.

2.2 Politisierung

Mit den tiefgreifenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen war der starke Anstieg von politischem Interesse zu verzeichnen, welche sich in stetigen Forderungen zur Reformierung der Bundesrepublik niederschlug. Diese Reformforderungen äußerten sich in einer Vielzahl von Kritikpunkten an gesellschaftlichen Zuständen. Einer der gravierendsten Kritikpunkte betraf den als defizitär wahrgenommenen Umgang mit der NS-Vergangenheit. Anstatt die Frage nach der Schuld der NS-Verbrechen zu abstrahieren, interessierte man sich nun für konkrete Verbrechen. Verschiedene Berichterstattungen über NS-Prozesse sowie Bundestagsdebatten 1960 und 1965 zur Verjährung von NS-Verbrechen deuteten auf eine „qualitative Intensivierung vergangenheitspolitischer Diskurse10 “ hin und führten zu einer konsequent antifaschistischen Haltung. Ein weiterer Kritikpunkt war das Bildungssystem. Vor dem Hintergrund des „Sputnik-Schocks“ – am 4. Oktober 1957 erreichte der erste Satellit der sowjetischen Raumfahrt den Erdorbit – wandelte sich die Wahrnehmung der BRD gegenüber des unter sowjetischer Herrschaft stehenden Ostblocks von einem militärischen zu einem wissenschaftlichen Konkurrenten. Als zu starr empfundene Strukturen des Bildungssystems der BRD wurden für den „Verlust“ des wissenschaftlichen Vorsprungs gegenüber dem Ostblock verantwortlich gemacht, was zu intensiven Forderungen nach einer umfassenden Bildungsreform führte. Verstärkt wurde diese Forderung durch die Errichtung der Mauer, da nun auch ausgebildete Facharbeiter aus der DDR wegfielen. Konkret kritisiert wurde nicht nur das als veraltet und - angesichts der gewachsenen gesellschaftlichen Anforderungen – ineffizient wirkende dreistufige Schulsystem, sondern die als ungerecht empfundene Unterrepräsentation von Kindern der unteren gesellschaftlichen Schichten sowie von Mädchen im Allgemeinen. Auch in der Hochschulpolitik wurden die Reformforderungen laut. Gegen den vom Akademischen Senat getroffenen Beschluss der Zwangsexmatrikulation – nach Fristablauf der Regelstudienzeit sollten Studenten demnach exmatrikuliert werden – bildete sich ein bundesweiter Protest. Einschränkende Genehmigungsverfahren für politische Veranstaltungen studentischer Vereine , Disziplinarverfahren gegen studentische Vertreter, Kündigungen von studentischen Hilfskräften et cetera zeigten das autoritäre Selbstverständnis der Hochschulen, dem das antiautoritäre Verhalten der Studentenbewegung gegenüber stand. Innenpolitisch von thematischer Bedeutung war zum einen die ‚Spiegel-Affäre’ am 26. Oktober 1962. Kurz zuvor, am 10. Oktober 1962, erschien ein Artikel im Spiegel, welcher die Rüstungspolitik von Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß in Frage stellte. Dem vonseiten der Justiz anerkannten Vorwurf des Landesverrats folgten mehrere Haftbefehle und die Besetzung und Durchsuchung der Räumlichkeiten. Als Folge formierten sich Studentenproteste, und andere Verlagshäuser – selbst die konservativ eingestellten – veröffentlichten negative Stellungnahmen zum Geschehenen. Die engagierte politische Beteiligung verweist auf ein neues Selbstverständnis von staatsbürgerlichen Rechten – Meinungs- und Pressefreiheit werden als unantastbares Gut einer aufgeklärten, mündigen Gesellschaft interpretiert – und Pflichten – im Falle einer Verletzung dieser als Rechte normierten Freiheiten gilt es als ebenjene Pflicht, auf den Missstand aufmerksam zu machen. Die Verteidigung der Pressefreiheit blieb weiterhin ein wichtiges Motiv der Studentenbewegung, vor allem aufgrund der parteiischen Berichte des Springer-Verlags, die sich . Während der Demonstration am 2. Juni 1967 gegen den Staatsbesuch von Schah Mohammad Pahlavi aus dem Iran ereignete sich die Ermordung Benni Ohnesorgs durch einen Polizisten., anschließend kam es zu einer„regelrechten Hetze [...] gegen die Studenten11 “ durch die Springer-Presse. Im Gegenzug verbreitete (und radikalisierte) sich die Studentenbewegung und forderte die ‚Entfaschisierung’ der Polizei.

Estermann, Monika / Lersch, Edgar: Buch, Buchhandel, Rundfunk, S. 19. Nevermann, Knut u.a.: Die 68er, S. 13.

Zum Anderen hatten die „seit Beginn der 1960er Jahre intern erörterten und im Mai 1968 verabschiedeten gesetzlichen Maßnahmen für den Fall eines staatlichen Notstandes“12 eine mobilisierende Wirkung auf die Studentenbewegung. Die damit vorgesehenen weitreichenden Grundrechtseinschränkungen stießen auf breiten Widerstand der Studentenschaft, nicht zuletzt weil diese die Notstandsgesetze auf die Forderung des damaligen Bundeskanzlers Ludwig Erhard nach einer ‚formierten Gesellschaft’ zurückführten. In diesem Zusammenhang ist der Begriff des Pluralismus zu nennen, welcher die Beobachtung einer im Differenzierungsprozess begriffenen Gesellschaft einerseits und das Gebot zur ausdrücklichen Toleranz gegenüber andersartigen Meinungen, Auffassungen und Weltanschauungen andererseits verbegrifflichen soll. Das gilt zum einen für die unterschiedlichen Motive, nach denen sich Studenten gegen die aufgeführten Themen engagierten: Liberale Positionen befürchteten eine ernsthafte Bedrohung der Grundrechte, radikaldemokratische Positionen bemühten sich um die Verwirklichung des Sozialstaats mit einhergehender Ablehnung des Konsumkapitalismus, anarchistische Positionen versuchten mit Gewaltbereitschaft revolutionäre Aufstände herbeizuführen, maoistische Positionen erklärten das politische Handeln als Maxime ihrer Protestmotive. Ebenso pluralistisch waren die Organisationsformen der Studentenbewegung. Hier sind der SHB, der LSD, der RCDS und allen voran der SDS13 zu nennen, welcher sich innerhalb der Studentenbewegung durch intensive Planung und Aufarbeitung politischer Sachthemen als aktionistische Anlaufstelle hervortat und dessen politische Attraktivität sicherlich dadurch befördert wurde, das seit dem Ausschluss des SDS seitens der SPD-Führung – bis dahin war der SDS der Hochschulverband der SPD – dieser die einzige parteiunabhängige sozialistische Hochschulorganisation darstellte. Der Begriff der ‚formierten Gesellschaft’ versuchte, diesen „Pluralismus partikularer Interessen in ein Konzept der Verantwortung gegenüber dem Ganzen“14 einzubinden, stieß aber aufgrund der damit implizierten Ausweitung staatlicher Befugnisse auf allgemeine Ablehnung. Dieser Interessenskonflikt muss im allgemeinen Zusammenhang mit der Außerparlamentarischen Opposition (APO) gesehen werden, da die gesellschaftlichen Entwicklungen auch die Anforderungen an politische Parteien veränderten: nicht ordnungspolitische Standpunkte wie in der Nachkriegszeit waren von vorrangiger Bedeutung, stattdessen ging es um die Ausarbeitung jener politischer Programmatiken, welche die Modernisierung und Reformierung der Gesellschaft zu forcieren vorgaben. Diese konzeptionelle Umstellung wurde von SPD wie CDU vorangetrieben, und die Große Koalition 1966 bedeutete eine Zusammenarbeit der großen politischen Gegensätze, begründet durch wirtschaftliche Probleme aufgrund der Rezession 1966/67. Auch wenn die Große Koalition in unterschiedlichen Politikfeldern mit Reformen begann15, befürchteten viele diesen politischen Zustand als Vorstufe in eine „manipulierte Gesellschaft und [...] totale politische Konformität“16, vor allem aufgrund des Fehlens einer parlamentarisch wirksamen Opposition und einer zur selben Zeit von der Bundesregierung in Erwägung gezogenen Wahlrechtsreform, die anstelle des Verhältniswahlrechts das Mehrheitswahlrecht einzuführen beabsichtigte. Da eine wesentliche Opposition im Parlament nicht vorhanden war, wurde die ab 1966 entstehende APO zu einem bedeutsamen Teilziel der Westdeutschen Studentenbewegung.

[...]


1 In Abgrenzung zur allgemein kritischen Perspektive als wissenschaftlicher Standard und zur Kennzeichnung als eigenes Theoriekonstrukt wird Kritische Theorie stets mit kapitalem „K“ geschrieben.

2 Nevermann, Knut u.a.: Die 68er. Von der Selbstpolitisierung der Studentenbewegung zum Wandel der Öffentlichkeit. Hamburg: VSA 2018, S. 13.

3 Schwandt, Michael: Kritische Theorie. Eine Einführung. Stuttgart: Schmetterling 2010, S. 24.

4 Boehlich, Walter. / Braun, Karlheinz.: Chronik der Lektoren. Von Suhrkamp zum Verlag der Autoren. Frankfurt a.M.: Verlag der Autoren 2011, S. 19f.

5 Vgl. Unseld, Siegfried: Chronik, Band 1: 1970. Mit den Chroniken Buchmesse 1967, Buchmesse 1968 und der Chronik eines Konflikts. Berlin: Suhrkamp Verlag, 2010.

6 Vgl. Dahrendorf, Ralf: Die neue Gesellschaft. Soziale Strukturwandlungen in der Nachkriegszeit, in: Richter, Hans W.: Bestandsaufnahme. Eine deutsche Bilanz 1962. Verlag Kurt Desch: München, 1962, S.203-220.

7 Schildt, Axel: Die 60er Jahre – eine Dekade im Schatten des Mythos ’68. In: Estermann, Monika/ Lersch, Edgar: Buch, Buchhandel, Rundfunk. 1968 und die Folgen. Harrassowitz Verlag: Wiesbaden, 2003, S. 12.

8 Estermann, Monika / Lersch, Edgar: Buch, Buchhandel, Rundfunk, S. 16.

9 Vgl. Schulze, Gerhard: Die Erlebnisgesellschaft.

10 Kultursoziologie der Gegenwart. 6. Auflage.

11 Frankfurt a.M./New York: Campus 1996, S.531.

12 Schildt, Axel / Siegfried, Detlef: Deutsche Kulturgeschichte. Die Bundesrepublik – 1945 bis zur Gegenwart. München: Hanser 2006, S. 26.

13 SHB: Sozialdemokratischer Hochschulbund; LSD: Liberaler Studentenbund Deutschlands; RCDS: Ring Christlich-Demokratischer Studenten; SDS: Sozialistischer Studentenbund Deutschlands

14 Estermann, Monika / Lersch, Edgar: Buch, Buchhandel, Rundfunk, S. 24.

15 Vgl. Thränhardt, Dietrich: Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Franfurt a.M.: Suhrkamp 1996, S. 170ff.

16 Estermann, Monika / Lersch, Edgar: Buch, Buchhandel, Rundfunk, S. 26.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Suhrkamp-Revolte und Westdeutsche Studentenbewegung
Untertitel
Gemeinsame Motive und die Relevanz der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Politikwissenschaft / Buchwissenschaft)
Note
2,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
19
Katalognummer
V903586
ISBN (eBook)
9783346192936
ISBN (Buch)
9783346192943
Sprache
Deutsch
Schlagworte
68er, Studentenbewegung, Suhrkamp Verlag
Arbeit zitieren
Felix Werner (Autor), 2020, Suhrkamp-Revolte und Westdeutsche Studentenbewegung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/903586

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