Integrationsprozesse des Standarddeutschen am Beispiel des Jiddischen und Kiezdeutschen


Hausarbeit, 2020

20 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Wortentlehnungen und ihre sprachliche Integration am Beispiel des Jiddischen

2. Das Jiddische und seine Sprecher
2.1. Das Rotwelsch
2.2. Sprachkontakt Deutsch-Jiddisch

3. Sprachkontakt Deutsch-Kiezdeutsch

4. Literaturverzeichnis

1. Wortentlehnungen und ihre sprachliche Integration am Beispiel des Jiddischen

Trotz Widerstand von Sprachpuristen ist Sprachwandel ein allgegenwärtiges Phänomen (vgl. Nübling, Duke & Szczepaniak, 2010 und Hill, 2013). Der ständige Wandel wird als ein Merkmal natürlicher Sprachen gesehen (vgl. Hill, 2013). Wortschatzwandel, also der Wandel im lexikalischen Bereich, wird laut Wegera und Waldenberger von Sprechern am bewusstesten wahrgenommen und wird somit immer wieder zum Opfer von Sprachkritik (vgl. Wegera & Waldenberger, 2012). Im Vergleich zu grammatischen Innovationen brauchen lexikalische Änderungen weniger Zeit, sich durchzusetzen (vgl. Nübling et al., 2010). Es sind folgende Formen der Veränderung im Lexikon zu verzeichnen:

''Erweiterung oder Zuwachs des Wortschatzes durch lexikalische Innovationen (neue Wörter), als Reduktion durch lexikalischen Schwund und als Umschichtungsprozesse innerhalb des Wortschatzes.'' (Wegera & Waldenberger, 2012: 211).

Wortschatzerweiterungen werden zum Teil aus dem bereits vorhandenen Wortschatz herausgeschöpft, doch weithin die meisten Erweiterungen sind auf Entlehnungen aus anderen Sprachen zurückzuführen (vgl. Wegera & Waldenberger, 2012). In Bezug auf diese Wortkategorie unterscheiden Nübling et al. (2010) zwischen die Begriffe ''Fremdwort'' und ''Lehnwort'' (Nübling et al., 2010: 139). Während Fremdwörter phonologische Schwierigkeiten für SprecherInnen des Deutschen enthalten können, gelten Lehnwörter als ''vollständig ins Deutsche integriert, dem deutschen Wortschatz also gänzlich angepasst.'' (ebd., 2010:139). In Bezug auf die jiddische Sprache, ist bei Wörtern wie Beisel oder Knast die fremde Herkunft als Jiddismus kaum noch erkennbar. Bevor solche Wörter in das Lexikon aufgenommen werden, wird aber das Durchgehen Integrationsprozessen als notwendig betrachtet (vgl. Wegera & Waldenberger, 2012). Im Folgenden wird auf solche Integrationsprozesse in Bezug auf das Jiddische eingegangen.

Dabei soll berücksichtigt werden, dass lexikalische Integrationsprozesse sich als komplex herausstellen und oft umstritten sind (vgl. Haspelmath, 2009). Dies trifft vor allem auch auf das Jiddische zu, das aufgrund ihrer Einordnung als 'Substandard' spärlich dokumentiert worden ist (vgl. Kiefer, 2004). Dazu war auch die sprachpolitische Situation ein negativer Faktor, wodurch das Jiddische als Sprache ''weder wahr- noch ernstgenommen'' wurde (Kiefer, 1991: 173). Für die Integrationsprozesse ist festzuhalten, dass es die Sicherheit beschränkt, womit die Anpassungen erklärt werden können.

Wegera & Waldenberger (2012) unterscheiden 4 Formen der Anpassung von Lexemen an das deutsche Sprachsystem und zwar die graphische, lautliche, grammatische und lexikalische Integration. Bei einer Sprache die sich einem anderen Alphabet, nämlich dem hebräischen, bedient ist es zuallererst wichtig, die graphische Integration unter die Lupe zu nehmen. Hier wurde der Austausch zwischen beiden Sprachen ständig durch die phonetische Orthographie ermöglicht. So hat das Jiddische in seiner Entstehung deutschstämmige Wörter weitgehend phonetisch geschrieben (vgl. Bin-Nun, 1972) und für die Umschreibung in das lateinische Alphabet war das Phoneminventar ebenfalls die Grundlage (vgl. Aptroot & Gruschka, 2010). Infolgedessen können Übernahmen aus dem Jiddischen über mündlichen Sprachkontakt mit Angleichung an dem deutschen Lautbestand als annehmlich betrachtet werden.

Das bringt uns zu der lautlichen Ebene und zwar zu den nicht in deutscher Sprache existierenden Laute des Jiddischen. In solchen Fällen können diese 'fremde' Laute Wegera & Waldenberger zufolge entweder in die Standardsprache fließen oder phonetisch angepasst werden (vgl. Wegera & Waldenberger, 2012). Dazu können sie von einem ähnlichen deutschen Laut ersetzt werden (vgl. ebd.). Genau das trifft bei dem entlehnten jiddischen Wort kóscher zu, was einen mit dem hebräischen Schriftzeichen ''אָ'' wiedergegebenen o-Laut enthält (vgl. Aptroot & Gruschka, 2010). In der deutschen Aussprache wird dieser Fremdlaut durch den geschlossenen [o:]-Laut realisiert, was dem ursprünglichen Klang am nächsten liegt.

(1) a. Deutsch: koscher (den jüdischen Speisegesetzen gemäß, in Ordnung). (vgl. Dudenredaktion, o. J.). Aussprache: [ko:ʃɐ]. (vgl. Mangold, 2005: 483).
b. Jiddisch: kóscher (angemessen, erlaubt). (vgl. Rosten, 2017: 323).

Ein anderes Beispiel ist das Wort Plétje, wobei 'éj' als Umsetzung des Jiddischen Schriftzeichens '' ײ '' gilt (vgl. Aptroot & Gruschka, 2010). Diese, für das Deutsche unübliche Vokalverbindung hat sich anscheinend dem deutschen Lautbestand angeglichen und ist in ''ei'' verwandelt.

(2) a. Deutsch: Pleite (Zustand der Zahlungsunfähigkeit; Bankrott, Misserfolg). (vgl. Dudenredaktion, o. J.). Aussprache: ['plaɪ̯tᵊ] (vgl. Mangold, 2005: 653).
b. Jiddisch: Pléjte (weiblicher Flüchtling, Flucht) (vgl. Lötzsch, 1992: 143).

Auf der lautlichen Ebene ist aber vor allem die große Ähnlichkeit zwischen beiden Sprachen zu betonen. So weist Kiefer nach, dass das Jiddische als germanische Sprache auch die zweite Lautverschiebung durchgemacht hat (vgl. Kiefer, 2004).

Bei der grammatischen Integration müssen Fremdwörtern zuerst ein Genus vergeben werden (vgl. Wegera & Waldenberger, 2012). Dabei ist das Genus des zu entlehnenden Substantives oder das eines im Deutschen ähnlichen Substantives richtungsweisend (vgl. ebd.). Ersteres ist bei vielen Jiddismen, das heißt Entlehnungen aus dem Jiddischen zu verzeichnen, wobei das Genus im Deutschen mit dem Jiddischen identisch ist, wie in den folgenden Beispielen:

(3) a. Deutsch: Reibach (durch Manipulation erzielter unverhältnismäßig hoher Gewinn bei einem Geschäft), maskulin. (vgl. Dudenredaktion, o. J.).
b. Rotwelsch: réwach (Zins, Einkommen, Gewinn, Profit), maksulin (vgl. Landmann, 1962: 218).

(4) a.Deutsch: Maloche (schwere Arbeit), feminin. (vgl. Dudenredaktion, o. J.).
b.Jiddisch: melóche (Handwerk, schwere Arbeit), feminin (vgl. Rosten, 2017: 383).

Auf Bedeutungsunterschiede, sowie sie in Beispiel 3 sichtbar sind, wird in Kapitel 2.1. eingegangen.

Bei der Entlehnung des Wortes másl beziehungsweise másel, das sich im deutschen Wortschatz als Massel niedergeschlagen hat, treffen beide Prinzipien zu. Es kann nach Duden sowohl, wie im Jiddischen, das maskuline Genus als auch, wie beim bedeutungsgleichen Wort Glück, das neutrale Genus verwendet werden:

(5) a. Deutsch: Massel (unverdientes, unerwartetes Glück), maskulin oder Neutrum. (vgl. Dudenredaktion, o. J.).
b. Jiddisch: másl, másel (Sternzeichen, Gestirn, Glücksstern, Glück), Neutrum (vgl. Rosten, 2017: 366).

Auf grammatisch-morphologischer Ebene lässt sich der Unterschied zum Deutschen in der Jiddischen Tendenz zur sogenannten Apokope anmerken (vgl. Kiefer, 2004). Damit ist der Wegfall von Lauten am Wortende gemeint (vgl. Wegera & Waldenberger, 2012). Bei Entlehnungen in die Standardsprache, wurde ein Auslaut hinzugefügt, wie in den folgenden Beispielen:

(6) a.Deutsch: betucht (wohlhabend, vermögend). (vgl. Dudenredaktion, o. J.).
b. Jiddisch: betuch, aus dem Hebräischen baṭuaḥ (sicher, vertrauenswürdig). (vgl. Pfeifer et al., 1993).

(7) a. Deutsch: Schmock (gesinnungsloser Journalist / Schriftsteller). (vgl. Dudenredaktion, o. J.).
b. Jiddisch: shmo (blödmann, Unglücksrabe, Sündenbock) ( vgl. Rosten, 2017: 566).

Ein definites Merkmal der Anpassung an der Nehmersprache stellt zum Schluss die lexikalische Integration dar (vgl. Wegera & Waldenberger, 2012). Dies erfolgt erst dann, wenn ''fremde Wortbildungsprodukte mithilfe indigener Wortbildungsmittel weitergebildet werden'' (Wegera & Waldenberger, 2012: 226). Das dies auch bei Jiddismen stattfindet, belegt Althaus anhand des Wortes Zoff (vgl. Althaus, 2002), was streit oder Unfrieden bedeutet (vgl. Dudenredaktion, o. J.). Das vermutlich von diesem Wort abgeleitete Zock wurde von sprachlichen Mitteln zu unter anderem Zocker, Zockerei und abzocken erweitert (vgl. Althaus, 2002).

2. Das Jiddische und seine Sprecher

Bei Entlehnungen spielen ''außersprachliche Faktoren'' eine verhältnismäßig große Rolle (Wegera & Waldenberger, 2012: 208). Dazu sind die massenhafte Übernahme von Wörtern aus dem Lateinischen im Altertrum und aus dem Französischen im 18. Jahrhundert einige historische Beispiele (vgl. ebd., 2012: 217). In beiden Fällen liegt Mehrsprachigkeit innerhalb einer Gesellschaft vor, woraus Sprachkontakt entstanden ist. Sprachkontakt ist diesbezüglich im soziolinguistischen Sinne zu verstehen, also wenn ''die Sprecher verschiedener Sprachen miteinander in Kontakt treten. Als Ort des 'Sprachkontakts' werden daher auch Gesellschaften oder Gruppen gesehen.'' (Riehl, 2014: 12). Vor allem eine Situation des lang andauernden Sprachkontakts wird als guter Nährboden für ''Massenentlehnungen'' gesehen (vgl. Munske, 2001: 10). Ein weiterer Faktor ist Munske zufolge die sogenannte Diglossie:

''Diglossie, d.h. der funktional differenzierten Zweisprachigkeit, in der die beteiligten Sprachen je eigene Verwendungsdomänen besitzen. Hier gibt es Abstufungen, die dann auch den Umfang der Entlehnungen bestimmen: etwa von der Domäne fast aller Schriftlichkeit im mittelalterlichen Latein, über das Französische als Konversationssprache des Adels im 18. Jahrhunderts […]'' (Munske, 2001: 10)

Daraus ergibt sich die Frage, warum Wörter Jiddischen Ursprungs vertraut wirken. Und das vor allem hinsichtlich des Sprachkontakts, denn es bedarf keiner weiteren Erklärung, dass die Geschichte der Juden in Deutschland von Ausgrenzung, Gewalt und Verfolgung gebrandmarkt ist (vgl. Elbogen & Sterling, 1982). Damit einhergehend wurde auch ihre Sprache sprachpolitisch bekämpft (vgl. Kiefer, 1991, 2000 und Eisenberg, 2012). Trotzdem haben Jiddische Wörter, obwohl verhältnismäßig klein (vgl. Röll, 1986), ihren festen Platz im Deutschen Wortschatz.

In diesem Teilkapitel wird dargestellt, wie der Sprachkontakt zu Entlehnungen geführt hat. Bevor wir uns weiter mit diesem Sprachkontakt befassen, sollte zuerst die Frage beantwortet werden, was das Jiddische ist. Kiefer definiert sie als:

''die Sprache der aschkenasischen Juden seit den Anfängen jüdischer Ansiedlung auf deutschsprachigem Gebiet im frühen Mittelalter bis in die Gegenwart.'' (Kiefer, 2000: 1399).

Als lebendige Sprache hat sich das Jiddische nur in Form des sogenannte Ostjiddischen bewahrt, während das Westjiddische im 19. Jahrhundert verschwunden ist (vgl. Kiefer, 1991:173). Der Wortschatz des Ostjiddischen besteht laut Bin-Nun immer noch für 70 bis 75% aus Wortmaterial deutschen Ursprungs (vgl. Bin-Nun, 1973). In meinen Beispielen werde ich mich auf das 'lebendige' Ostjiddische beziehen. Folgende Karte dient zur Illustration der sprachlichen Verbreitungsgebiete.

2.1. Das Rotwelsch

Neben der Abgrenzung vom Ostjiddischen sollte noch zwischen dem Westjiddischen und einer weiteren Sprache, dem sogenannten Rotwelschen, differenziert werden. Dies ist wichtig, weil etliche Jiddische Wörter und Ausdrücke über das Rotwelsche in die Standardsprache geflossen sind (vgl. Stern, 2000).

Das Rotwelsch, auch als Gaunersprache bekannt, definiert Kreuzer (2001:110) als die ''Sondersprache einer gesellschaftlichen Randgruppe, die Wörter aus verschiedenen Sprachen und Umfeldern übernahm.'' Landmann zufolge ging es bei den Sprechern des Rotwelschen tatsächlich um Räuberbanden, die sich ab dem späten Mittelalter als Gewerben organisierten und eine Geheimsprache benutzten, die im Deutschsprachigem Gebiet möglichst ähnlich sein sollte (vgl. Landmann, 1962). Dazu wurden unter anderem Wörter aus dem Jiddischen entlehnt, die folglich einen Bedeutungswandel untergingen (vgl. ebd.) Landmann betont, dass die Sprache ''mit Witz und Bosheit künstlich geschaffen wurde.'' (Landmann, 1962: 419).

Der Sprachkontakt, der diese Entlehnungen ermöglicht hat, geht einerseits auf den Handel zurück. Für den Verkauf der Beute hatten die Gauner ständig Kontakt mit den ebenfalls reisenden Händlern (vgl. Stern, 2000). Weil Juden in dieser Zeit alle anderen Gewerbe in Deutschland verboten wurden, waren sie in dieser Schicht überrepräsentiert (vgl. Landmann, 1962). Andererseits haben Juden, die sich ausgegrenzt fühlten, sich den Bänden angeschlossen und das Rotwelsche ergänzt (vgl. ebd.). Zu seinem Missfallen hebt Landmann hervor, dass das Jiddische in der Vergangenheit immer wieder mit dem Rotwelschen gleichgesetzt wurde (vgl. ebd.). Darüber hinaus ist es bedauerlich, dass die Umdeutungen im Rotwelschen durch das im Mittelalter angewachsene gesellschaftliche Interesse an schriftlicher Fixierung der Gaunersprache manchmal weiterverbreitet sind als die ursprünglichen Jiddischen Formen (vgl. Stern, 2000).

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Integrationsprozesse des Standarddeutschen am Beispiel des Jiddischen und Kiezdeutschen
Hochschule
Universiteit Utrecht
Note
1,7
Jahr
2020
Seiten
20
Katalognummer
V903635
ISBN (eBook)
9783346237897
ISBN (Buch)
9783346237903
Sprache
Deutsch
Schlagworte
integrationsprozesse, standarddeutschen, beispiel, jiddischen, kiezdeutschen
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Integrationsprozesse des Standarddeutschen am Beispiel des Jiddischen und Kiezdeutschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/903635

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