Das Lesen in der Antike und die Anrede an den Leser


Seminararbeit, 2008

17 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Gegenstand der Arbeit
1.2 Wissenschaftliche Untersuchungen

2. Alphabetisierung in der römischen Antike

3. Begriffsdefinition von legere:

4. Lautes Lesen:

5. Leises Lesen:

6. Exzerpte:

7. Sklaven und Freigelassene als Vorleser

8. Die Anrede an den Leser
8.1 Grabinschriften
8.2 Literatur

9. Schluss

10. Bibliographie

1. Einleitung

1.1 Gegenstand der Arbeit:

Nach einer näheren Erläuterung der damaligen Methoden zur Vermittlung von Lesefähigkeiten an einen bestimmten Personenkreis und nach der Definition von Begriffen, die uns das antike Verständnis des Lesevorgangs näher bringen sollte, und einer weiterführender Betrachtung der Umstände und Situationen in denen gelesen wurde, werde ich anhand ausgewählter Textbeispiele verschiedene Arten des Lesens darlegen und beschreiben.

Wenn wir heute einen schriftlich niedergelegten Text lesen, so kommt es auf die Situation drauf an auf welche Weise wir ihn in uns „aufnehmen“. Kaum werden wir einen Roman laut vor uns hin lesen während wir gemütlich im Bett liegen. Auch kann sich kaum einer vorstellen den Inhalt von Zeitschriften im Wartesaal einer Arztpraxis mit betonter Stimme vorzutragen.

Im Allgemeinen geht man davon aus, dass man Geschriebenes in der Antike laut gelesen hat. Fest steht, dass schon im klassischen Griechenland laut gelesen wurde. Für die archaische Zeit ist dies noch nicht belegt[1].

Angesprochen wird auch in einem eigenen Kapitel die Anrede an den Leser selbst. Welche Intension und welche Hintergründe hatten verschiedene Autoren als sie in ihren Werken direkt oder indirekt eine Zielgruppe oder ein gewisses Verfahren zur Vermittlung von Absichten anwandten? Gibt es Parallelen bei Autoren, die eine bestimmte Vorstellung von literarischer Tätigkeit hatten?

1.2 Wissenschaftliche Untersuchungen:

Da uns natürlich keine eindeutigen Beweise wie Videomitschnitte oder Tonaufnahmen vorliegen in welchem Modus sich der antike Lesevorgang in all seinen facettenreichen Varietäten vollzog, müssen einzelne Textabschnitte, die nur annähernd Informationen darüber geben, analysiert werden. Josef Balogh charakterisierte in seinem Aufsatz „Voces paginarum. Beiträge zur Geschichte des lauten Lesens und Schreibens“ von 1927[2] die Funktion, Bedeutung und Vorstellung des lauten Lesens. Eine Gegenreaktion verfasste Bernard Knox 1968 mit „Silent reading in antiquity“[3]. Viele späteren Abhandlungen, wie zum Beispiel „La lecture à Rome - Rites et pratiques“ von Emmanuelle Valette-Cagnac[4] oder „Phrasikleia“ von Jesper Svenbro[5], stützen sich im Grunde genommen auf Balogh und Knox. Für den Themenbereich „Die Anrede an den Leser“ fallen sie natürlich wieder ins Gewicht, da das Lesen hier wieder eine zentrale Rolle einnimmt. Ansonsten vertraue ich auch besonders auf Mario Citroni mit seinem Werk „Poesia e lettori in Roma antica“[6], das hervorragend die Kenntnisse über die literarische Intensionen und Methoden verschiedener Autoren wiedergibt, ja sogar ein generelles Bild des Buchwesens aus jener Zeit entwirft.

2. Alphabetisierung in der römischen Antike:

Die Alphabetisierung, also die Vermittlung der Schreib- und Lesekunst, vollzog sich ab dem 2. Jh. v. Chr. wie heute vorwiegend an Schulen, die von einem vornehmen Personenkreis besucht wurden. In der altrömischen Erziehung erfolgte dies durch den Vater (pater familias) selbst. Nach dem Besuch der Elementarschule, wo neben dem Schreiben und Lesen auch die Mathematik von einem paedagogus gelehrt wurde, konnte der höhere Unterricht eines grammaticus genossen werden. Dort wurden metrische und grammatische Grundlagen in der griechischen und lateinischen Sprache vermittelt und, im Anschluss daran, wurden die kanonischen Autoren (z.B. Vergil und Terenz) als Dichterlektüre behandelt. Diese Schulform verbreitete sich auch in die römischen Provinzen, während sich in Rom zeitweise über zwanzig dieser Schultypen zeugen lassen. Die folgende Ausbildung beim Rhetor beinhaltete verschiedene Übungen (z.B. Suasorien als fingierte Beratungsmomente), die zur kunstvollen und wirksamen Ausreifung der sprachlichen Redefertigkeiten dienen sollten. Höchstes Ansehen genossen die Rhetoren-Schulen in Rom aber auch in Mailand, wo berühmte Rhetoren ihren Wirkungskreis besaßen[7]. Quintilian beschreibt in der Institutio oratoria einen Vorschlag, der die Wichtigkeit eines lauten Lesevorganges beschreibt: Nam mihi cum facilius, tum etiam multo videtur magis utile, facto silentio unum aliquem (quod ipsum imperari per vices optimum est) constituere lectorem, ut protinus pronuntiationi quoque adsuescant[8]. Offensichtlich wird hier, dass das Vorlesen eines Textes nicht nur der akustischen Wahrnehmung, sondern auch als eine Übung der rhetorischen Fähigkeiten dient (hier wohl Grundlagen in jungen Jahren).

3. Begriffsdefinition von legere:

Zunächst soll nun eine Auslegung des lateinischen Wortes für „lesen“ (legere) erfolgen. Legere ist das wohl geläufigste Wort für „lesen“ in lateinischen Texten[9]. In erster Linie, die eigentliche Bedeutung betrachtend, bedeutet es soviel wie „sammeln“ oder „auflesen“. Varro gibt eine für uns wichtige Definition, indem er in seinem Werk De lingua latina (6,66) schreibt: Legere dictum, quod leguntur ab oculis litterae […][10]. Diese Interpretation beschreibt eine optische Wahrnehmung der aufgeschriebenen Buchstaben, die dann in einem weiteren Schritt – analysiert und dechiffriert – über die Stimme wiedergegeben werden[11]. Somit kann man sagen, dass die Stimme als ein Hilfsmittel zur Wiedergabe des Geschriebenen dient. Auf diesen Punkt wird später noch ausführlicher eingegangen. Anderen Theorien folgend, handelt es sich um eine Weiterentwicklung und „Latinisierung“ des griechischen Wortes λεγειν (legein). Herodot und andere verwendeten den Begriff επιλεγεσθαι (epilégesthai). J. Svenbro erläutert anhand einer Wortanalyse die Bedeutung und kommt zum Schluss, dass hiermit ein Lesevorgang ausgedrückt werden kann[12].

[...]


[1] Vgl. J. Svenbro, Phrasikleia, Anthropologie des Lesens im alten Griechenland, München 2005, S. 49.

[2] J. Balogh, Voces paginarum, Beiträge zur Geschichte des lauten Lesens und Schreibens, in: Philologus 82, S.84 – 109 und 202 – 240, 1927.

[3] B. M. W. Knox, Silent reading in antiquity, Greek, Roman and Byzantine Studies, 9, S. 421 – 435, 1968.

[4] E. Valette-Cagnac, La lecture à Rome, Rites et pratiques, Paris 1997.

[5] J. Svenbro, Phrasikleia, Anthropologie des Lesens im alten Griechenland, München 2005.

[6] M. Citroni, Poesia e lettori in Roma antica, Forme della comunicazione letteraria, Rom 1995.

[7] Vgl. Der Neue Pauly, hg v. H. Cacik / H. Schneider, s. v. Schule, 1996 - 2007.

[8] Quintilian, Institutio oratoria 2,5,6. Denn mir erscheint es leichter, auch viel nützlicher, jeweils, wenn es still geworden ist, einen Schüler – den man am besten der Reihe nach auswählt – als Vorleser zu bestimmen, damit die Schüler sich gleich an den Vortrag/Aussprache gewöhnen.

[9] Vgl. Valette-Cagnac S.20.

[10] Man sagt “legere“ (lesen), weil die Buchstaben mit den Augen „aufgesammelt“ werden […]. Des weiteren gibt Varro in den folgenden Zeilen weitere Begriffe und ihren Ursprung an, die von dem Wortstamm des Verbums legere abgeleitet werden können. Somit gibt uns schon ein antiker Autor einen Gedanken wieder, der zeigt, wie man in damaligen Zeiten über wichtige Sinnzusammenhänge dachte.

[11] Vgl. Valette-Cagnac S.20.

[12] „Die Grundbedeutung des Verbs epi-légein ist „etw. (epi-) zu etw. sagen, dazusagen“. Légein oder lógos (Verbalsubstantiv von légein) ist etwas, das wie ein Kommentar oder eine Reflexion einer Tatsache oder einer Handlung angeführt (epi-) wird. Dadurch erklärt sich, daß das Medium epi-légesthai „lesen“ bedeuten kann: Lesen wird verstanden als klangvoller lógos, der sich einer stummen, ohne ihn defizienten Schrift anfügt.“ Svenbro S. 62.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Das Lesen in der Antike und die Anrede an den Leser
Hochschule
Universität Augsburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
17
Katalognummer
V90364
ISBN (eBook)
9783638047418
ISBN (Buch)
9783638943680
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lesen, Antike, Anrede, Leser
Arbeit zitieren
Markus Rinner (Autor), 2008, Das Lesen in der Antike und die Anrede an den Leser, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90364

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