Die Selbstverständlichkeit der alltäglichen Dingwelt in Kafkas "Die Verwandlung"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

23 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Wirklichkeit

3. Die Dinge in Franz Kafkas Die Verwandlung
3.1 Der Raum
3.1.1 Die Türen: Grenzen der Gefangenschaft
3.1.2 Das Fenster: Scheinbare Freiheit
3.2 Die Möbel
3.2.1 Das Bett
3.2.2 Das Kanapee
3.2.3 Das Bild
3.3 Die Kleidung
3.4 Das Geld
3.5 Die Nahrung

4. Fazit

5. Anhang

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“[1] Mit diesem ersten Satz einer der wohl bekanntesten Erzählungen von Franz Kafka, Die Verwandlung, wird der Rezipient gleich mit dem grotesken Realitätskonflikt der Situation konfrontiert.

Gregor Samsa erwacht aus „unruhigen Träumen“, die Realität scheint allerdings während des Schlafes zu einer kafkaesken, alptraumhaften Wirklichkeit geworden zu sein.

Zu Erforschen bietet die Erzählung eine Menge spannender Themen. Nicht nur die Beziehungen in der Familie, die ja sehr häufig auch psychoanalytisch untersucht wurden, auch die Kommunikation und das Thema Zeit sind von großer Bedeutung.

Ein sehr aufschlussreicher Aspekt ist jedoch auch die Dingwelt, die in der Literatur allgegenwärtig ist, in der Literaturwissenschaft dagegen meist vernachlässigt wird. Jegliche Art von Gegenständen und Dingen kommen überall in der Literatur vor. Meistens findet man es zu alltäglich, jeder kennt Tische, Stühle oder auch ein Kanapee. Oft beschränkt man sich bei Lektüre und Interpretation auf Außergewöhnliches, Neues oder Auffallendes. Ein Autor aber, sei es bewusst oder unbewusst, erwähnt ja diese Dinge, sie sind also von Bedeutung. Er könnte sie auch weglassen, wenn sie unwichtig wären. Die Behauptung, sie seien nur der Vorstellbarkeit halber vorhanden, wäre voreilig und falsch, wie die folgende Analyse zeigen wird.

In Kafkas Die Verwandlung spielen die Dinge, die Einrichtungsgegenstände, Lebensmittel und Kleidung, eine wichtige Rolle. Sie lassen Gregors Zimmer alltäglich aussehen, so wie er es gewohnt war vor seiner Verwandlung. Dieser Schein des „Normalen“, trotz der Verwandlung in ein Ungeziefer, führt zu einer unheimlichen Stimmung, von der man nicht genau sagen kann, woher sie kommt.

In der gesamten Erzählung spielt die eigentlich gewöhnliche Umgebung eine seltsame, aber nicht zu verachtende Rolle. Zudem sind die Dinge auch für Gregor Samsa selbst bedeutend, da er in seinem Zimmer eingesperrt ist und eine, zum Teil fetische, Beziehung zu Möbeln und Einrichtungsgegenständen, wie beispielsweise zu dem Bild einer Frau, aufbaut.

Die folgende Arbeit versucht den Blick von der Wirklichkeit der Geschehnisse auf die Dinge in Franz Kafkas Die Verwandlung zu fokussieren. Beispielhaft bringt die Analyse deswegen das Augenmerk auf die quantitativ und qualitativ wichtigsten Dinge.

Dabei werden die verschiedenen Dinge aufgezeigt und deren Wirkung auf Gregor Samsa, sowie den Rezipienten untersucht.

2. Die Wirklichkeit

Gregor Samsa erwacht in seinem gewohnten Menschenzimmer als Ungeziefer verwandelt. Mit der ausdrücklichen Erkenntnis „Es war kein Traum.“[2] wird dem Leser suggeriert, jetzt handle es sich um die Wirklichkeit. Man vermutet Gregor erwacht aus Träumen, nun findet alles tatsächlich statt. „Trotzdem wäre es voreilig zu behaupten, der Erzähler verweise damit das Geschehen eindeutig in die Welt des wachen Tagesbewußtseins. Wir wären dazu nur berechtigt, wenn wir ihm eine auktoriale Erzählhaltung nachweisen könnten.“[3] Da wir die Situation nur aus der Sicht Gregors Bewusstsein geschildert bekommen, und daher eine personale Erzählperspektive vorliegt, könnte es auch sein, dass Gregor nur träumt, er würde erwachen.

Der Konflikt zwischen der Wirklichkeit der alltäglichen Umgebung und der Unmöglichkeit der Situation erwecken ein Gefühl der Unheimlichkeit. Diese Inkongruenz verursacht unbehagliche, unnatürliche und beängstigende Emotionen beim Leser, der die Geschehnisse nicht richtig einordnen kann. Die Beschreibung des Raumes lässt auf ein gewöhnlich eingerichtetes Zimmer schließen, das wenig Geheimnisvolles hat. „Dadurch, daß das Schreckliche alltäglich wird, wird das Alltägliche schrecklich.“[4] Das irreale, surreale oder bedrohliche Empfinden, das der Leser verspürt, beruht also nicht auf der Erscheinung des Raumes oder der Umgebung. Vielmehr liegt dieses Gefühl an der Verzerrung der Wirklichkeit durch die Verwandlung, welche nichts Zauberhaftes, nichts Phantastisches an sich hat. Das Geschehen erinnert eher an eine schreckliche Situation eines Alptraums, die nur durch Aufwachen beendet werden kann. Doch da es sich ja in Gregors Bewusstsein nicht um einen Traum handelt, und es auch keine Zauberei ist, bei der die Möglichkeit bestünde, sich entzaubern zu lassen, kann er nicht gerettet werden; die Situation kann für ihn nur mit dem Tod enden.

Gregor selbst nimmt die Situation als Wirklichkeit wahr, ist jedoch wenig über die Verwandlung überrascht und empfindet das Geschehen nicht als surreal. Seine Gedanken sind immer noch menschlicher Natur: Er denkt an die Plage seines Berufes und an seinen Chef. Als der Prokurist zu ihm nach Hause kommt, stellt er sich vor, dem Prokuristen könne ja etwas Ähnliches passieren, als sei die Verwandlung nur eine unpassende Situation, wie eine Krankheit etwa, die rein zufällig ihn getroffen habe. Gregor macht sich daraufhin auch Gedanken, dass er unbedingt aufstehen müsse, um zu arbeiten: „Zunächst wollte er ruhig und ungestört aufstehen, sich anziehen und vor allem frühstücken“[5]. Da er „normal“ denken kann, möchte er auch handeln, wie er es gewohnt ist. Jedoch ist seine Beweglichkeit durch den neuen Körper noch eingeschränkt. Auch ist durch die veränderte Anatomie das Sprechen nicht wie gewohnt möglich. Gregor kann sich selbst sprechen hören, und nimmt dabei ein „nicht zu unterdrückendes, schmerzliches Piepsen“[6] wahr, von dem er aber überzeugt ist, es sei nur ein Vorbote einer Erkältung, was bei Reisenden ja nichts Ungewöhnliches sei. Im Laufe des Geschehens stellt sich jedoch heraus, dass die Menschen, also seine Familie und der Prokurist, ihn nicht verstehen können. Gregor akzeptiert seine Käfergestalt und im Verlauf der Erzählung befindet er sich mit seiner Physis immer mehr im Einklang und lernt mit seinem Körper umzugehen und scheint seine neue Gestalt zu akzeptieren: Er bezeichnet den Tag seiner Verwandlung auch als den ersten Tag seines neuen Lebens.[7]

3. Die Dinge in Franz Kafkas Die Verwandlung

Die Wichtigkeit der Dinge in literarischen Werken wird in der Literaturwissenschaft sehr häufig vernachlässigt. Jegliche Gegenstände stehen nicht etwa für die Banalitäten des Alltags, denn sie spielen in Leben der Menschen eine nicht zu unterschätzende Rolle. In der Literatur werden die Dinge seit jeher genannt und auch sehr ausführlich beschrieben. Die Autoren geben den Dingen also eine bestimmte Rolle, indem sie sie in ihr Werk integrieren. Wenn sie unwichtig wären, könnten sie auf die Beschreibungen der Gegenstände verzichten. Die Dinge bilden elementare Dimensionen der Wirklichkeit ab und erschaffen in der Literatur eine soclhe, in die sich der Leser hineinversetzen kann.

Die Menschen glauben oft, sie leben in „ihrer“, der von Menschen gesteuerten Welt, jedoch ist diese geprägt und beeinflusst von der Dingwelt. Menschen leben mit Dingen zusammen, haben Beziehungen zu ihnen und sind sogar abhängig von bestimmten Gegenständen. Auch fetische, libidinöse oder semiotische Beziehungen der Menschen zu Dingen können entstehen.

Die Dingwelt beeinflusst außerdem das menschliche Verhalten, Dinge werden regelrecht zu Akteuren; zu Subjekten, die nicht nur auf der Mikro-, sondern auch auf der Makroebene Macht auf die Menschen ausüben. Technische Artefakte prägen in der heutigen Gesellschaft soziale Beziehungen und Individuen.[8]

Wie wichtig die Dinge in Kafkas Die Verwandlung sind, ist schon allein aus der Tatsache zu erkennen, wie häufig die Gegenstände namentlich genannt werden. Um dies zu verdeutlichen, hier eine Aufzählung: Das Wort Tür kommt 98 Mal vor, Bett 36 Mal, Fenster 26 Mal, Tisch 28 Mal, Boden 22 Mal (dazu sechs Mal Teppich), Sessel und Kanapee 20 Mal (dazu drei Mal Stuhl und zwei Mal Sofa), Möbel 15 Mal, sowie Schlüssel und Kasten je zwölf Mal. Aber auch das Zimmer wird 134 die Wohnung 27 Mal genannt.[9]

Auch der Fetisch hat in Die Verwandlung eine nicht zu vernachlässigende Bedeutung. Fetisch bezeichnet die Verehrung von Gegenständen, die in Vertretung für menschliche Kontakte oder Beziehungen stehen. Da Gregor weder innerhalb, noch außerhalb seiner Familie freundschaftliche oder gar sexuelle Verbindungen zu haben scheint, nehmen die Gegenstände eine wichtige Rolle ein. Beispielsweise verlagert er den Wunsch nach Liebe und Geborgenheit auf ein ausgeschnittenes Bild einer Frau aus einer Illustrierten und sein Ledersofa.

Die Dinge sind also keineswegs zu vernachlässigen, erst recht nicht in der Literaturwissenschaft.

[...]


[1] Kafka, Franz: Die Verwandlung. Oxforder Quarthefte. Historisch-Kritische Ausgabe. Faksimile-Edition. Hg. v. Roland Reuß in Zusammenarbeit mit Peter Staengle, Basel; Frankfurt am Main: Stroemfeld 2003, Heft 4. S. 23

[2] Ebd., S. 23

[3] Fiechter, Hans Fiechter, Hans Paul: Kafkas fiktionaler Raum. Erlangen: Palm und Enke 1980, S. 125

[4] Ebd., S. 123

[5] Kafka, Franz: Die Verwandlung. Oxforder Quarthefte. Historisch-Kritische Ausgabe. Faksimile-Edition. Hg. v. Roland Reuß in Zusammenarbeit mit Peter Staengle, Basel; Frankfurt am Main: Stroemfeld 2003, Heft 4. S. 27

[6] Ebd. S., 26

[7] Ebd., S. 66

[8] Steiner, Uwe: Die Materialität der Kultur. Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung „Theoretische Grundlagen der interdisziplinären Kulturwissenschaften“ am 12. 07.2006

[9] Eigene Zählungen, siehe Anhang

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Selbstverständlichkeit der alltäglichen Dingwelt in Kafkas "Die Verwandlung"
Hochschule
Universität Mannheim
Veranstaltung
Franz Kafka
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
23
Katalognummer
V90371
ISBN (eBook)
9783638072168
ISBN (Buch)
9783640108954
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Selbstverständlichkeit, Dingwelt, Kafkas, Verwandlung, Franz, Kafka
Arbeit zitieren
Lena Gast (Autor), 2006, Die Selbstverständlichkeit der alltäglichen Dingwelt in Kafkas "Die Verwandlung", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90371

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