Kiezdeutsch. Ein multiperspektivischer Einblick in einen neuen deutschen Dialekt


Hausarbeit, 2020

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Methodologisches Vorgehen

2. Begriffserklärung ,Kiezdeutsch‘
2.1 Begriffsgeschichte

3. Kiezdeutsch-Sprecher/innen
3.1 Dialekt, Soziolekt oder Ethnolekt

4 Grammatische Eigenheiten und Innovationen
4.1 Präpositions- und artikellose Lokalangaben
4.2 Funktionsverbgefüge
4.3 Neue Verkürzungen
4.4 Fazit

5 Identitätsbildende Funktion

6. Kiezsprache als internationales Phänomen

7 Rezeption von Kiezdeutsch im öffentlichen Diskurs: „Not a German Dialect?“
7.1 Fazit

8. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Kiezdeutsch ist nicht etwas, an dem Jugendliche deutscher Herkunft nur als Trittbrettfahrer beteiligt sind, oder gar, wie ich kürzlich las, eine „Sondersprache nicht oder nur unzureichend assimilierter junger türkischstämmiger Jugendlicher, die mittlerweile von deutschen Jugendlichen nachgeahmt wird“, sondern Kiezdeutsch hat sich gemeinsam unter Jugendlichen türkischer, arabischer, deutscher, bosnischer, ... Herkunft entwickelt — eine erfolgreiche sprachliche Koproduktion.“ (Wiese, 2012, S.14).

Einleitend zu der folgenden Arbeit soll obiges Zitat aus Heike Wieses Werk „Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht.“ eine interessante Kontroverse zum Thema Kiezdeutsch näherbringen. Wiese, Professorin für Deutsche Sprache der Gegenwart an der Humboldt-Universität zu Berlin, hat in ihrer Position am dortigen Lehrstuhl für „Deutsch in Multilingualen Kontexten“, in ihren Publikationen das sprachliche Phänomen „ Kiezdeutsch “ kritisch als eine Varietät des Deutschen analysiert, und sich dabei mit typischen Klischeevorstellungen auseinandergesetzt.

Sie vertritt die Auffassung, dass es sich bei Kiezdeutsch um einen typisch deutschen Dialekt handele, der mit seinen sprachlichen Eigenheiten fest in der deutschen Grammatik verankert ist. Diese würden von den Sprecher/innen korrekt erkannt und systematisch angewandt. Allerdings ist diese Meinung in der öffentlichen Diskussion oft starker Kritik ausgesetzt.1 Einige Sprachforscher, wie zum Beispiel Uwe Hinrichs (2013), dementieren Wieses These und bezeichnen Kiezdeutsch als „Pidgin“ oder „Soziolekt“2, zumal diese Ausdrücke eher mit niedrigeren sozialen Klassen assoziiert werden. Kiezdeutsch wird der Status eines Dialekts aberkannt und soll demnach eine vereinfachte, reduzierte Form des Deutschen darstellen, die seinen multilingualen Sprecher/innen den alltäglichen Umgang miteinander erleichtert.

Gegenstand der vorliegenden Arbeit soll es sein, einen multiperspektivischen Einblick in das Kiezdeutsche zu gewähren. In Form einer sprachwissenschaftlichen Betrachtungsweise soll unter Berücksichtigung grammatikalischer Eigenheiten, Kiezdeutsch als sprachliches Phänomen analysiert werden. Es soll unter anderem geklärt werden, inwieweit öffentliche Sichtweise und sprachliche Wirklichkeit konvergieren bzw. divergieren. Um herauszufinden, welche identitätsbildende Funktion der Gebrauch von Kiez-Sprachen mit sich zu bringen vermag, wird Kiez-Sprache im Vergleich mit Forschung zum Thema in anderen Ländern, als internationales Phänomen behandelt. Auberdem soll sich der Frage angenommen werden, ob es sich beim Kiezdeutschen um eine defizitäre und reduzierte Form des Deutschen, oder tatsächlich um eine „Varietät des Deutschen“3 handelt. Die Analyse stützt sich hauptsächlich auf die Literatur von Heike Wiese: Neben zahlreichen Aufsätzen und Publikationen in Zeitschriften, dient insbesondere ihre Monographie „Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht.“ als Grundlage dieser Arbeit.

1.1 Methodologisches Vorgehen

Im Folgenden werden das methodologische Vorgehen und die erbrachten Analyseleistungen näher erläutert.

In Abschnitt 2-4 habe ich einleitend die wichtigsten Informationen zu Kiezdeutsch (Begriffserklärung, Sprecher, welche Art von Varietät, grammatische Besonderheiten) durch Bezugnahme auf Literatur von Wiese, zusammengefasst.

Meine Ausgangsannahme bezüglich der Motive für den Gebrauch von Kiezdeutsch war, dass dieser einen signifikanten Teil zur Identität der Sprecher beiträgt. Um nun die Hauptanalyse zu leisten, führe ich auf, welche soziokulturellen Funktionen Jugendsprachen überhaupt mit sich zu bringen vermögen. Explizit erkläre ich in Abschnitt 5 das Phänomen des Crossing, da Rampton bei seiner Analyse eben hauptsächlich auf die identitätsbildende Funktion eingegangen ist. Die Bezugnahme zu Crossing bietet auberdem einen ersten Einblick in eine Studie aus einem anderen Land.

Die nachfolgende Gegenüberstellung der internationalen Phänomene soll dabei helfen, Kiezdeutsch als sozial und regional definierten Dialekt, und nicht als eigene Sprache zu verstehen. In Abschnitt 6 habe ich Studien zum Phänomen Kiezsprachen aus skandinavischen und anderen europäischen Ländern mit Kiezdeutsch verglichen. Die aufgeführten Studien eignen sich deshalb gut für eine Gegenüberstellung, weil die diesbezüglichen Forschungsergebnisse vergleichbar sind, mit den in Abschnitt 3 und 4 zusammengefassten Informationen zum Kiezdeutschen. Bei der Gegenüberstellung dieser international vergleichbaren Phänomene wird deutlich, dass Kiezsprachen, entgegen der öffentlichen Meinung, weder die Integrationsunfähigkeit, noch mangelnde Sprachkompetenz bedeuten. Die Tatsache, dass Kiezsprachen international in multiethnischen Gebieten entstehen, zeigt deutlich, dass es keine willkürliche Entscheidung der Sprecher ist, diese Sprachen zu verwenden oder zu bilden. Vielmehr ist es ein elementarer Bestandteil ihrer Identität. Durch multilinguale Kompetenzen der Sprecher entstehen kreative Neubildungen, die in der Grammatik der jeweiligen Majoritätssprache verankert sind. Durch Aufzeigen ihrer Gemeinsamkeiten, versuche ich deutlich zu machen, dass Kiezsprachen natürliche Phänomene sind. Diese Erkenntnis hilft dabei zu verstehen, dass Kiezsprachen keine Bedrohung für Standardvarietäten sind. Denn wenn dasselbe Phänomen in zahlreichen Ländern zu beobachten ist, kann man für das Kiezdeutsche nicht mehr sagen, dass es eine von türkischen oder arabischen Migranten absichtlich gebildete Sprache ist. Die Annahme, dass Kiezdeutschsprecher durch ihren Sprachgebrauch ihre Abneigung gegenüber dem Standarddeutschen ausdrücken, macht durch den Vergleich keinen Sinn. Die Gegenüberstellung der internationalen Studien unterstützt die neutrale Betrachtung von Kiezdeutsch und stellt emotionale Bewertungen in den Hintergrund.

Ferner habe ich versucht herauszufinden, ob die negative Rezeption von Kiezdeutsch gerechtfertigt ist. Mit Texas German, habe ich einen positiv bewerteten deutschen Dialekt mit Kiezdeutsch verglichen. Beide Dialekte weisen sehr ähnliche Charakteristika auf, und bieten somit eine hervorragende Möglichkeit, die Berechtigung der jeweils gegenteiligen Rezeptionen zu analysieren.

2. Begriffserklärung ,Kiezdeutsch‘

Wiese beschreibt Kiezdeutsch als einen „Sprachgebrauch im Deutschen, der sich unter Jugendlichen in Wohnvierteln wie Berlin-Kreuzberg entwickelt hat, in denen viele mehrsprachige Sprecher/innen leben [...] Kiezdeutsch ist aber natürlich nicht auf Kreuzberg beschränkt, sondern tritt überall dort in Deutschland auf, wo Menschen unterschiedlicher Herkunft und mit unterschiedlichen Erst- und/oder Zweitsprachen zusammenleben, das heiBt grundsätzlich in multiethnischen Wohngebieten“ (Wiese, 2012, 13).

Die Bezeichnung Kiezdeutsch wird hierbei bewusst gewählt und grenzt sich deutlich von Begriffen wie Türkendeutsch ab, um eine ethnische Eingrenzung zu vermeiden und zu verdeutlichen, dass Kiezdeutsch „nicht nur von Sprecher/inne/n einer bestimmten Herkunft gesprochen wird“.4 Dieser Ausdruck betont auBerdem, dass es sich um eine informelle, alltagssprachliche Varietät des Deutschen handelt, die im alltäglichen Wohngebiet, Kiez, gesprochen wird. Signifikant hierbei ist, dass Kiezdeutsch als Koproduktion von multiethnischen Sprecher/innen der Mehrheitsgesellschaft entstanden ist. Es handelt sich nicht um Sprechweisen von Migrant/innen, die später von deutschen Muttersprachlern in ihren Sprachgebrauch aufgenommen wurden, denn Kiezdeutschsprecher erwerben Deutsch schon im frühen Kindheitsalter, entweder als Muttersprache, oder als Zweitsprache neben ihrer Muttersprache.

2.1 Begriffsgeschichte

Zu Beginn der Diskussion über diese Jugendsprache in den 1990er Jahren, etablierte sich der Ausdruck Kanak Sprak, unter anderem durch Interviewsammlungen des Schriftstellers Feridun Zaimoglu (1995).

Beide Begriffskomponenten stellen jedoch unabhängig voneinander betrachtet, rein semantisch eine negative Bewertung dieses Sprachgebrauchs dar. Denn einerseits leitet sich Kanak Sprak aus der pejorativen Bezeichnung Kanacke ab, welcher ähnlich wie das in afroamerikanischen Kontexten benutzte Nigger, eine Beleidigung bestimmter ethnischer Gruppen darstellt5. Somit wird die ethnische Zugehörigkeit der Sprecher/innen auf Migranten turkischer oder arabischer Herkunft eingegrenzt, und dem Sprachgebrauch eine Assoziation mit Marginalisation zugewiesen.6 Andererseits wird mit dem Ausdruck Sprak, dieser Jugendsprache die Verwandtschaft zum Deutschen aberkannt, eine Andersartigkeit des Sprechens hervorgehoben und der Status einer eigenen Sprache zugeschrieben.7

Zaimoglu hat mit seiner ursprünglichen Intention der positiven Umdeutung von Kanak, keinen Erfolg im öffentlichen Diskurs erzielt, die xenophobische Assoziation besteht bis heute.8 Kiezdeutsch soll eine neutrale Begriffsalternative bieten, denn wie bereits festgehalten, werden mit dieser Bezeichnung derartige Bedeutungs- oder Wertungsaspekte vermieden.

3. Kiezdeutsch-Sprecher/innen

Wie bereits in Abschnitt 2 beschrieben, dient der Ausdruck Kiezdeutsch dazu, eine bestimmte ethnische Eingrenzung der Sprecher/innen zu verhindern. Dabei stellt sich die Frage, nach welchen Kriterien die Sprecher/innen passender eingegrenzt werden können.

„In der öffentlichen Wahrnehmung tritt der „typische Kiezdeutschsprecher“ oft klischeehaft als männlicher Jugendlicher türkischer Herkunft auf, möglichst in aggressiver Pose“.(Wiese, 2012, 14) Tatsächlich aber wird Kiezdeutsch herkunftsübergreifend von Jugendlichen mit Migrationshintergrund, aber auch von deutschen Jugendlichen, von Jungen ebenso wie von Mädchen oder jungen Frauen gesprochen.9 Der Gebrauch ist dabei meist auf in-group -Situationen beschränkt10. Durch den multiethnischen Kontakt zwischen den Migrant/innen, mit ihren jeweiligen Ethnolekten, und den Sprechern der Majoritätssprache, können sich über einen längeren Zeitraum hinweg urbane Dialekte herausbilden, die Eigenschaften und Bildungsmuster verschiedenster Sprachen umfassen und als Lingua franca, also als Verkehrssprache unterschiedlicher Sprachgemeinschaften, dienen. Ihre Verwendung kann sogar in die Majoritätssprache einflieben, wie es das New Yorker Englisch unter dem Einfluss polnischer und deutscher Ethnolekte beweist. Im Gegensatz zu urbanen Dialekten wird Kiezdeutsch allerdings ausschlieblich von Jugendlichen gesprochen und ist auf bestimmte soziale Gruppen und Kontexte beschränkt.11 Kiezdeutsch bildet ein Register der Sprecher, je nach Situation passen sie ihren Sprachgebrauch an. Während in einigen Situationen Kiezdeutschgebrauch erwünscht ist und beispielsweise der Gebrauch des Standarddeutschen in peer-group-Kontexten als befremdlich empfunden wird, wird er in anderen Situationen, wie in Gesprächen mit Eltern oder Lehrern, gemieden. Kiezdeutschsprecher verfügen über Registerkompetenz, und beherrschen das Standarddeutsche neben weiteren Dialekten.

Somit stellt sich die Frage, welcher Art von Variation Kiezdeutsch entspricht. Handelt es sich um einen Dialekt, Ethnolekt oder Soziolekt und welche Kriterien sind charakteristisch für Kiezdeutschsprecher?

3.1 Dialekt, Soziolekt oder Ethnolekt

Wiese bezeichnet Kiezdeutsch schon im Titel ihres Werks als Dialekt. Ein Dialekt wird als örtlich oder landschaftlich begrenzte sprachliche Sonderform definiert und ist somit eine regionale Variante einer Sprache.12 Kiezdeutsch wird in bestimmten Wohngebieten gesprochen, nämlich überall da, wo die Bevölkerung durch einen hohen Anteil von Migranten ausgezeichnet ist. Diese Wohngebiete sind zwar nicht einer bestimmten regionalen Gegend zugeordnet, jedoch trotzdem räumlich bestimmt. Ein Soziolekt hingegen, wird als Sprachgebrauch einer Gruppe verstanden. Diese Gruppen unterscheiden sich durch ein oder mehrere gemeinsame Merkmale von anderen Gruppen. Derartige Merkmale können die soziale Schicht, Beruf, Geschlecht oder Alter sein.13 Der Begriff Dialekt kann aber auch sogenannte verlikale Bestimmungen miteinbeziehen, auber der geographischen Eingrenzung der Sprechergemeinschaft, demnach auch durch soziale Faktoren bedingte Sprachvarietäten, die typisch für bestimmte soziale Gruppen sind.14 Kategorien wie Alter, Geschlecht oder Migrationshintergrund erweisen sich jedoch als nicht ausreichend zuverlässige Faktoren um die Sprechergemeinschaft zu charakterisieren. Obwohl Kiezdeutsch vorwiegend von Jugendlichen gesprochen wird, kann es auch von älteren Sprechern in Peer-Group-Kontexten genutzt werden.15

Wie einleitend erwähnt, und im weiteren Verlauf dieser Arbeit noch genauer ausgeführt wird, werden Kiezdeutschsprecher in der öffentlichen Diskussion vorwiegend mit Bildungsferne und sozialer Benachteiligung assoziiert. Finanzielle Sicherheit durch Berufserfolge und Aufstiegschancen sind in Deutschland, wie etwa von PISA-Studien belegt, stark von sozialer und ethnischer Herkunft abhängig.16 Somit sind Wohngebiete mit einem hohen Bevölkerungsanteil nicht-deutscher Herkunft typischerweise sozial benachteiligt, und werden von niedrigem Durchschnittseinkommen und hoher Arbeitslosigkeit geprägt. Allerdings bedeutet dies nicht, dass Kiezdeutsch nur von Jugendlichen einer sozialen Schicht gesprochen wird. Kiezdeutsch wird schichtenübergreifend, von Gymnasiasten ebenso wie von Schüler/innen anderer Schulformen, von mono- wie von polylingualen Sprecher/innen gesprochen:

„Kiezdeutsch ist nach den bisherigen Befunden an soziale Gruppen gebunden, die durch eine sprachliche und kulturelle Mischung geprägt sind, wie sie urbane Wohngebiete heute charakterisiert. [...] Es ist diese sprachliche Vielfalt als Merkmal der Gruppe insgesamt, die ausschlaggebend fur Kiezdeutsch ist, nicht so sehr mehrsprachige Kompetenzen, Zuwanderungsgeschichte oder die oft damit verknupfte soziale Schicht einzelner Sprecher/innen [.].“ (Wiese, 2018, 6)

Die sprachliche Vielfalt als Merkmal der Gruppe lässt sich als, fur Kiezdeutschsprecher charakteristisches Hauptmerkmal zusammenfassen, was den Gedanken eines Ethnolekts nahelegt. Ethnolekte sind Varietäten einer Sprache, die von Menschen einer bestimmten ethnischen Zugehörigkeit gesprochen werden.17 Kiezdeutsch könnte man demnach als Multiethnolekt bezeichnen, da es dem Sprachgebrauch Jugendlicher verschiedener Ethnien entspricht. Wiese bezieht diese Charakteristik in ihrer Bezeichnung multiethnischer Dialekt 18 , mit in die Klassifikation des Kiezdeutschen ein. Kiezdeutsch ist somit ein sozial und regional definierter Dialekt.

4. Grammatische Eigenheiten und Innovationen

Wiese dementiert die öffentliche Meinung, es handele sich bei Kiezdeutsch um eine Mischsprache, die weniger auf Regeln der deutschen Standardsprache basiert, sondern vielmehr eine aus fremdsprachlichen Einflussen gebildete, eigene Sprache ist. Sie argumentiert damit, dass Kiezdeutsch zwar lexikalische Entlehnungen aus Fremdsprachen enthält, diese aber den Regeln der deutschen Grammatik gemäb verwendet werden. Auberdem werden Fremdwörter lautlich an die Standardsprache angepasst.19 Die Verankerung des Kiezdeutschen im deutschen Sprachsystem soll im Folgenden durch Aufzeigen einiger grammatischer Neuerungen verdeutlicht werden.

4.1 Präpositions- und artikellose Lokalangaben

Lokalangaben wie „Wir sind Kotti“, „Gehst du heute Viktoriapark?“ und „Ich bin Schule“ sind typisch fur Kiezdeutsch. Was bei erster Betrachtung als falsches Deutsch erscheint, lässt sich jedoch auch in schriftlichen Texten wiederfinden. So berichtet der Tagesspiegel uber S-Bahnausfälle wie folgt: „Sie [die zum Ersatz eingesetzten Regionalzüge, H.W.] fahren aber nicht alle Stationen an, sondern halten nur Hauptbahnhof, FriedrichstraBe und Alexanderplatz.“20

Die im Rahmen eines Grammatikseminars unter Wieses Leitung erfassten Daten zeigen deutlich, dass zumindest im Kontext von Haltestellen des öffentlichen Nahverkehrs, Ortsangaben immer ohne Präposition und Artikel gebildet werden. In der gesprochenen Sprache scheint die Verwendung von Präposition und Artikel in derartigen Kontexten, ungrammatisch zu sein.21 Kiezdeutsch weitet den Verwendungsbereich von bloBen Nominalphrasen auf andere Kontexte, wie Zeitangaben, aus: „Ich werde zweiter Mai fünfzehn.“22 Hierbei wird eine Konstruktion generalisiert, die auf grammatischen Regeln basiert und einem bestehenden Muster der deutschen Standardvarietät folgt, jedoch sonst nur kontextbeschränkt verwendet wird.

Den Einwand, dass derartige Konstruktionen analog der türkischen Grammatik ins Kiezdeutsche übernommen wurden, entkräftet Wiese damit, dass Präpositionen im Türkischen als Suffix an das Nomen herantreten. Die Lokalangaben müssten demnach statt als „Schule“, der türkischen Bildung gemäB, „Schule-in“ oder mit türkischem Suffix „Schule-da“ realisiert werden.23 Kiezdeutsch wird zwar von türkischen, aber ebenso von arabischen, deutschen, bosnischen [...] Jugendlichen gesprochen, was den Einfluss des Türkischen unplausibel erschienen lässt. Wiese hält die Tatsache, dass diese Konstruktion auch auBerhalb von Kiezdeutsch auftritt, für einen Beweis der Verankerung von Kiezdeutsch in der deutschen Grammatik.

4.2 Funktionsverbgefüge

BloBe Nominalphrasen treten aber auch im Zusammenhang mit hochfrequenten, semantisch gebleichten Verben auf, insbesondere haben, machen und sein, wie der populäre Satz „Ich mach dich Messer“ (Wiese, 2006) belegt. Die Nominalphrase ist dabei sowohl semantisch als auch syntaktisch eng mit dem Kopf des gebleichten Verbs verbunden. Die Verbindung von Verb und Nomen fordert hier keinen Dativ mehr, sondern einen Akkusativ und dient lediglich dazu, eine Aktionsart anzuzeigen.24 Das Nomen wiederum ist morpho-syntaktisch stark reduziert, da Artikel und Kasusmarkierungen fehlen, jedoch wird es durch das voll flektierende Verb grammatisch in den Satz integriert. Diese Reduktion stellt ein produktives Verfahren zur Umschreibung von lexikalisierten Wörtern dar, da diese nicht mehr explizit genannt werden müssen, sondern ihre Bedeutung kontextuell abgeleitet werden kann.

[...]


1 Die negative Rezeption des Kiezdeutschen wird in Wiese (2014) ausführlich behandelt.

2 Vgl. Hinrichs, 2013, 151

3 Vgl. Wiese, 2012, 15

4 Vgl. Wiese, 2012, 16

5 Vgl. Wiese, 2006, 246

6 Vgl. Wiese, 2014, 343 f.

7 Vgl. Androutsopoulos, 2007, 126

8 Vgl. Wiese, 2014, 343

9 Vgl. Wiese, 2012, 14

10 Vgl. Wiese, 2006, 248

11 Vgl. Wiese, 2006, 250

12 Vgl. Duden, Fremdwörterbuch Bd. 5

13 Vgl. Sinner, 2014, 143

14 Vgl. Wiese, 2012, 129

15 Vgl. Wiese, 2018, 4

16 Vgl. Wiese, 2018, 5

17 Vgl. Siegel, 2018, 5

18 Vgl. Wiese, 2012, 131

19 Vgl. Wiese, 2012, 41

20 Vgl. Wiese, 2012, 54

21 Vgl. Wiese, 2012, 56

22 Vgl. Wiese, 2012, 57

23 Vgl. Wiese, 2012, 57

24 Vgl. Wiese 2009, 794

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Kiezdeutsch. Ein multiperspektivischer Einblick in einen neuen deutschen Dialekt
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
16
Katalognummer
V904097
ISBN (eBook)
9783346198150
ISBN (Buch)
9783346198167
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kiezdeutsch, Soziolekt, Ethnolekt, Crossing
Arbeit zitieren
Michelle Paul (Autor), 2020, Kiezdeutsch. Ein multiperspektivischer Einblick in einen neuen deutschen Dialekt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/904097

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