Die Macht der Gruppe 47 in der politischen und literarischen Öffentlichkeit

Oder wurde die Gruppe 47 ihrer politischen Verantwortung gerecht?


Hausarbeit, 2004

23 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Der politische Ansatz

Sprachrodung

Konflikt mit den Ordnungshütern

Vom Ruf zur Gruppe 47- eine Übergangslösung?

Selbstdarstellung der Gruppe 47

Politischer Wandel zur Literatur

Von der politischen Publizistik zur literarischen Werkstatt

Das Publikum der Nachkriegszeit

„Falscher Kompromiss?“

Eskapismus?

Psychologische Ansätze als Begründung für die Politikflucht

Exkurs in die Politik

Erreichte die Gruppe ihr Ziel?

Gruppe 47 = Gruppe 47 1962?

Das Aus

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

Seit dem Bestehen der modernen menschlichen Zivilisation ist es die Aufgabe der Intellektuellen gewesen, Verantwortung für die Gesellschaft und ihre Moral zu tragen. Sie sind dazu berufen, Werte und Wahrheiten hochzuhalten oder neu zu installieren, wenn diese verloren gehen, auf Veränderungen und Problematiken vorzubereiten und entsprechend Lösungen zu suchen. Die politische Meinungsbildung der Bürger bedarf einer Richtungsgebung, genauso wie die Politik auf die Legitimation durch Intellektuelle angewiesen bleibt.

Im Folgenden möchte sich meine Ausarbeitung damit beschäftigen, inwieweit eine bestimmte Gruppe Intellektueller, nämlich die Gruppe 47, ihrer politischen Verantwortung für die Weisung und Unterstützung der Bevölkerung im Deutschland des Wiederaufbaus gerecht wurde.

Der erste Teil meiner Arbeit untersucht zunächst die Ausgangssituation und den politischen Ansatz der Gruppe 47, und versucht dann, unter Berücksichtigung der Rahmenbedingungen, zu erläutern, wie aus einer politischen eine literarische Gruppe werden konnte und worin sie ihre politische Aufgabenstellung sah.

Im zweiten Teil befasse ich mich zum einen mit den Reaktionen des deutschen Publikums auf die Vorgehensweise und Haltung der Gruppe, und erörtere ob, und in wieweit, sie ihre politische Verantwortung wahrnahm.

Mein Interesse liegt hierbei an einer möglichst umfassenden Darstellung des Themas, weshalb sowohl Mitglieder als auch Kritiker der Gruppe zu Wort kommen.

Der politische Ansatz

Eigentlich begann alles mit der Arbeit einiger Schriftsteller an der Zeitschrift „der Ruf“ unter der Leitung von Hans Werner Richter und Alfred Andersch. Es handelte sich hierbei um die Idee eines „politisch-intellektuellen, eingreifenden Organs der „Jungen Generation““[1], die den Anspruch erhob, den demokratisch- sozialistischen Neubeginn Deutschlands, politisch und literarisch mitzugestalten.

Sie sahen sich der Aufgabe gewachsen, den Zeitgeist zu gestalten und die politische Meinungsbildung der Bürger in die richtige Richtung zu lenken. Dabei sah die BRD sich mit den Konsequenzen ihrer Vergangenheit konfrontiert, denn es galt die Verantwortung für das dritte Reich zu tragen, und dennoch als deutscher Teilstaat, der nicht an seine historischen Wurzeln vor `33 anknüpfen konnte, ein neues Selbstverständnis zu entwickeln.

Ihre Legitimation sah die „Junge Generation“ in den bitteren Erfahrungen mit Faschismus und Krieg, die nach ihrer Aussage ihr Wirklichkeitsbewusstsein in dem Maße geprägt hatten, dass sie gegen falsche historische Versprechen immun sei. Ihrer kritischen und wachsamen Haltung gemäß, bezeichneten sie sich selbst als „nüchterne Generation“. Ferner begründete sie ihr Recht auf Mitgestaltung der BRD dadurch, dass sie, als „verratene Generation“, nicht durch ein Mitwirken am Faschismus beteiligt gewesen sei, sondern im Gegenteil einen von den Vätern „geopferte Generation“ sein.

Sprachrodung

Die „Junge Generation“ erkannt das Faschismus- Erbe früh als ein Sprachproblem an, dass es zu bereinigen galt- sie stellten sich zur Aufgabe, das gesellschaftliche Bewusstsein zu entrümpeln, sich der schön-schreiberischen Elemente zu

entledigen und so zu einer neuen politischen und literarischen Sprache zu gelangen. Sie machten sich die Methode der Bestandsaufnahme zu eigen, und wollten die Wahrheit verbreiten- beides um den Preis der verklärenden Poesie.

Allerdings wurde ihrem optimistischem Drängen, nun alles besser zu machen, ein jähes Ende beschert: durch den administrativen Lizenzentzug im April 1947.

Konflikt mit den Ordnungshütern

Der Besatzungsmacht war das politische Aufbegehren, das ein Gegenmodell zur verordneten „Re-education[2] als fremdgelenkter, übergestülpter Pädagogik war, schon lange ein Dorn im Auge gewesen. Zwar lag die Demokratisierung aller politischen Institutionen auch in ihren Interesse, und sie teilte die Meinung, dass die Aufgabe der Erneuerung Deutschlands auf kontrollierte Weise der politisch- publizistischen Intelligenz zu fallen sollte, aber sie wollte auch das politische Wertebewusstsein der Bevölkerung verändern. Zu den Grundfesten des Re-education- Programms zählte dabei die These von der Kollektivschuld- man vertraute zwar auf das Gelingen einer breit angelegten Entnazifizierung, die sowohl Bildungswesen als auch Massenmedien umfasste, aber möglichst unpolemisch und unpolitisch-neutral sein sollte.

Eine selbstständige, deutsche demokratische Elitenbildung in modifizierter, politisch „gereinigter“ Form, die zudem nicht die Kollektivschuldthese teilte, erschien ihr suspekt.

Diese Haltung rief große Enttäuschung bei den Schriftstellern und Lesern hervor, da es „sozialistischen Hoffnungen auf einen grundlegenden ökonomischen und politischen Neuaufbau Deutschlands nur wenig entgegenkam und die demokratischen Traditionen in Deutschland kaum berücksichtigte.“[3]

Als der Ruf versuchte, sich politischer zu äussern, in dem er über den deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus berichtete, und erste Überlegungen über eine Vermittlerrolle Deutschlands zwischen den alliierten Mächten anstellte, wurde der Konflikt mit offener Pressezensur beantwortet. Die Auseinandersetzungen führten zur Opposition der Ruf-Redakteure, die sich durch Geschlossenheit, geistiges Profil und die Schärfe einer unabhängigen Diktion gegenüber den Besatzungsmächten auszeichnete, was ihnen bei den linksgerichteten Intellektuellen und Studenten nur noch mehr Bedeutung einbrachte. Sie verurteilten die, ihrer Ansicht nach, heuchlerische Umerziehung und die Besatzungsdemokratie, und „brandmarkten. die Politik der Sieger als vorgestrig, als kolonialistisch und als menschenunwürdig, kurz: als uneuropäisch. Zugleich aber erteilten sie (...) den Revisionisten unter ihren Landsleuten ebenso deutliche Abfuhren.“[4]

Die offen ausgesprochene Kritik an der Besatzungspolitik, brachte der Ruf-Redaktion aber erneut Probleme mit den Amerikanischen Militärbehörden ein, weshalb sie zunächst im März verwarnt wurde, und schon einen Monat später das Verbot zur Publikation ihrer zu unabhängigen Zeitschrift erhielt, da sich keine „Besserung“ abgezeichnet hatte. Als Grund wurden „nihilistische Tendenzen“ angegeben.

Vom Ruf zur Gruppe 47- eine Übergangslösung?

Hans Werner Richter und Alfred Andersch, die vehement den sich ausbreitenden Opportunismus gegenüber den Besatzungsmächten und dem Bürgertum scharf verurteilt hatten, mussten dem Druck schliesslich nachgeben und schieden im April 1947 aus der Redaktion aus.

Die junge Generation um Richter und Andersch, ihrer Publikationsmöglichkeit beraubt, sah sich nun wenig Möglichkeiten gegenüber, denn ihre „Bewegungsfreiheit bestand nur theoretisch, nicht technisch“[5], wie sie am eigenem Leibe erfahren hatten. Die Aussichten, wieder eine politische Zeitung zu gründen, waren gering, da sie hierfür wieder eine Lizenz der amerikanischen Militärregierung benötigen würden, was sich selbst am Versuch der literarisch-satirischen Zeitschrift „Skorpion“ bestätigte.

Die Gruppe von Schriftstellern musste sich nicht nur um bürokratische Hürden sorgen, sie sah sich und ihre Generation sowohl der amerikanischen Besatzungsmacht, als auch der älteren Generationen unterlegen. Sie verfügte über keinerlei politische Praxis oder machtpolitische Erfahrung, um sich mit den Alten messen zu können und sah sich folglich einer Identitätskrise gegenüber, in der es zunächst zu klären galt, wer diese junge Generation denn sei.

Die Schriftsteller hatten zwar keine Zeitschrift mehr, konnten sich aber zumindest in Gesprächen und Diskussionen austauschen, die zu dem Zeitpunkt den einzigen Kommunikationspunkt darstellten, das eine literarische Öffentlichkeit nicht vorhanden war.

Sie setzten sich zum Ziel, den Generationen- und Gruppengeist von `47 aufrechtzuerhalten- allerdings war ihrer Meinung „Generation“ als politisches Programm nicht mehr wirksam, zu gross waren die Skepsis und das Misstrauen gegenüber der Politik und jeglichen Parolen, die aus diesem Genre kamen. Das blosse Dazugehören zu einer Generation war nicht mehr Grund genug, um eine Sache zu unterstützen- Inhalte mussten her! Jedoch suchte man die nicht in der Politik. Man entschloss sich, seine politische Selbstdefinition aufzugeben, und an Stelle ihrer eine literarische zu entwickeln.

Der Kampf um eine Fortsetzung ihrer Plattform, hatte wie von selbst eine neue Bewegung initiiert- man traf sich weiter: so forcierte sich aus der amerikanischen Zensur die „Gruppe 47“.

Selbstdarstellung der Gruppe 47

Die „Mitglieder“ der Gruppe 47 hatten sich als informelle Gruppe zusammengefunden, die soziale Homogenität durch ein generationsspezifisches Bewusstsein von Zeitgenossenschaft und Interesse teilten und die literarischen Sozialisationsprozesse vorantreiben wollten. Als Feinde von Ideologien und Organisation sahen sie, geprägt von ihrer Zeit, keine Anknüpfmöglichkeiten nach hinten und suchten deshalb einen literarischen Neuanfang.

Werkstattcharakter erhielt die Gruppe durch ihre sozialen Erweiterungen, wenn Richter Einladungen an Kritiker, Publizisten oder Lektoren schickte.

Kennzeichnend für die Gruppe 47 ist, dass sie sich nie als Gesamtheit äusserte, also nie die Aufgabe übernahm, eine Gemeinschaftsaussage über öffentliche Themen zu machen, die publik gemacht wurde. Stets liess sie sich nicht auf eine Äusserung festlegen, unterstrich, dass es sich bei Statements Einzelner nur um Einzelaussagen und keine Gruppenaussage handele, und behielt sich so immer die Möglichkeit, entsprechende Festlegungen und Behauptungen der Medien zu dementieren. Politisch zeichnete sie also vor allem aus, dass sie keine Farbe bekannte.

Genauso verhielt es sich mit der Literatur: die Gruppe 47 praktizierte einen nahezu grenzenlosen Pluralismus und wollte auf keinen Fall als ein literarische Schule gelten, die die Autoren in irgendeiner Stilrichtung prägte. Und umgekehrt war es auch nicht so, dass die vielen verschiedenen Schriftsteller die Gruppe in irgendeine Richtung lenkten. Anfangs hatte sich zwar eine Tendenz zum harten Kahlschlag- Realismus abgezeichnet, aber diese Art des Schreibens wurde für die Gruppe nie verbindlich, im Gegenteil, man war stolz auf die Vielfalt. „Die Gruppe ist ästhetisch eine erstaunlichrer Vielfrass, dem schlechterdings alles zu schmecken scheint und alles verdaulich ist.“[6] Das führte mitunter dazu, dass die einzelnen Autoren sich literarisch nicht viel zu sagen hatten.

Nach aussen wollte die Gruppe gerne als „gelebte Demokratie“ erscheinen, aber Richters Rolle, als nicht gewähltes und nicht abwählbares absolutes Oberhaupt, der einzig und allein befähigt war, Einladungen zu erteilen, lässt an den hierarchischen Zügen innerhalb der Gruppe keinen Zweifel.

Politischer Wandel zur Literatur

Politisch engagierte Publizisten gründeten also die Gruppe 47, die sich zum Ziel setzte, das literarische Leben in Deutschland wieder zu intensivieren. Wie kam es dazu, dass in einer Zeit der politischen Neugestaltung und des Umbruch, eine Reihe von Intellektuellen mit politischer Vorgeschichte, der Politik den Rücken zukehrten, und sich stattdessen mit dem Aufbau der Literatur befassten, ohne dabei jegliche politischen Strukturen auf ihre Gruppe übertrugen, ja sich gänzlich apolitisch zeigten? Hans Werner Richter gab folgende Antwort: „Was die Generation, die aus dem Krieg zurückkam, vorfand, war ein Vakuum, in dem sie sich selbst helfen musste und zu helfen versuchte. Nur aus dieser Situation ist das Entstehen und die Arbeit der Gruppe 47, sind ihre Spielregeln, ihre Methoden und die Form ihres so antiorganisatorischen Zusammenhalts erklärbar.“[7]

Die Gruppe 47 wollte sich, entgegen der Haltung der praktischen Politiker, zunächst selbst zur Demokratie erziehen, und war der Überzeugung, dass zuerst demokratische Eliten gebildet werden müssten, die sich dann der Umerziehung der Massen annehmen könnten.

Dieser Wandel hin zur Literatur geschah aber nicht ganz freiwillig, wie selbst Richter einräumte: „Auch dieses junge Deutschland, geboren aus einem politischen Impuls mit revolutionären Zielen und weiträumigen europäischen Aspekten, wurde in das Gebiet der Literatur verwiesen oder abgedrängt oder begab sich selbst aus Ohnmacht und frühzeitiger Resignation freiwillig in dieses Gebiet.“[8] Ob es sich um eine Verweisung der Besatzungsmächte, ein Abdrängen einer Gegenbewegung oder eine selbstgewählte „Flucht“ handelt, wird in den folgenden Punkten erörtert werden.

[...]


[1] Friedhelm Kröll, Gruppe 47, Stuttgart 1979, S 18

[2] Heinz Ludwig Arnold, Die Gruppe 47- ein kritischer Grundriß, München 1980, S.14

[3] Heinz Ludwig Arnold, Die Gruppe 47- ein kritischer Grundriß, München 1980, S.15

[4] Heinz Friedrich, Das Jahr 47, In: Almanach der Gruppe 47 1947-1962, Glückstadt/ Elbe 1962, S.17

[5] Hans Werner Richter, Wie entstand und was war die Gruppe 47?, In: Hans Werner Richter und die Gruppe 47, München 1979, S.72

[6] Rolf Schroers, Meine deutsche Frage. Politische und literarische Vermessungen 1961-1979, Stuttgart 1979, S.130

[7] Hans Werner Richter, Brief an den Herausgeber, In: Auβerdem, München 1967, S. 7

[8] Hans Werner Richter, Fünfzehn Jahre, In: Almanach der Gruppe 47 1947-1962, Glückstadt/ Elbe 1962, S. 11

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Macht der Gruppe 47 in der politischen und literarischen Öffentlichkeit
Untertitel
Oder wurde die Gruppe 47 ihrer politischen Verantwortung gerecht?
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)  (Literaturwissenschaftliches Institut)
Veranstaltung
Proseminar: Die Gruppe 47
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
23
Katalognummer
V90416
ISBN (eBook)
9783638045155
ISBN (Buch)
9783640180936
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Macht, Gruppe, Proseminar
Arbeit zitieren
Jannina Gaidell (Autor), 2004, Die Macht der Gruppe 47 in der politischen und literarischen Öffentlichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90416

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Macht der Gruppe 47 in der politischen und literarischen Öffentlichkeit



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden