Einleitung Seit dem Bestehen der modernen menschlichen Zivilisation ist es die Aufgabe der Intellektuellen gewesen, Verantwortung für die Gesellschaft und ihre Moral zu tragen. Sie sind dazu berufen, Werte und Wahrheiten hochzuhalten oder neu zu installieren, wenn diese verloren gehen, auf Veränderungen und Problematiken vorzubereiten und entsprechend Lösungen zu suchen. Die politische Meinungsbildung der Bürger bedarf einer Richtungsgebung, genauso wie die Politik auf die Legitimation durch Intellektuelle angewiesen bleibt Im Folgenden möchte sich meine Ausarbeitung damit beschäftigen, inwieweit eine bestimmte Gruppe Intellektueller, nämlich die Gruppe 47, ihrer politischen Verantwortung für die Weisung und Unterstützung der Bevölkerung im Deutschland des Wiederaufbaus gerecht wurde. Der erste Teil meiner Arbeit untersucht zunächst die Ausgangssituation und den politischen Ansatz der Gruppe 47, und versucht dann, unter Berücksichtigung der Rahmenbedingungen, zu erläutern, wie aus einer politischen eine literarische Gruppe werden konnte und worin sie ihre politische Aufgabenstellung sah. Im zweiten Teil befasse ich mich zum einen mit den Reaktionen des deutschen Publikums auf die Vorgehensweise und Haltung der Gruppe, und erörtere ob, und in wieweit, sie ihre politische Verantwortung wahrnahm. Mein Interesse liegt hierbei an einer möglichst umfassenden Darstellung des Themas, weshalb sowohl Mitglieder als auch Kritiker der Gruppe zu Wort kommen. Der politische Ansatz Eigentlich begann alles mit der Arbeit einiger Schriftsteller an der Zeitschrift „der Ruf“ unter der Leitung von Hans Werner Richter und Alfred Andersch. Es handelte sich hierbei um die Idee eines „politisch-intellektuellen, eingreifenden Organs der „Jungen Generation““ , die den Anspruch erhob, den demokratisch- sozialistischen Neubeginn Deutschlands, politisch und literarisch mitzugestalten. Sie sahen sich der Aufgabe gewachsen, den Zeitgeist zu gestalten und die politische Meinungsbildung der Bürger in die richtige Richtung zu lenken. Dabei sah die BRD sich mit den Konsequenzen ihrer Vergangenheit konfrontiert, denn es galt die Verantwortung für das dritte Reich zu tragen, und dennoch als deutscher Teilstaat, der nicht an seine historischen Wurzeln vor `33 anknüpfen konnte, ein neues Selbstverständnis zu entwickeln. Ihre Legitimation sah die „Junge Generation“ in den bitteren Erfahrungen mit Faschismus und Krieg, die nach ihrer Aussage ihr Wirklichkeitsbewusstsein in dem Maße geprägt hatten, dass sie gegen falsche historische Versprechen immun sei. Ihrer kritischen und wachsamen Haltung gemäß, bezeichneten sie sich selbst als „nüchterne Generation“. Ferner begründete sie ihr Recht auf Mitgestaltung der BRD dadurch, dass sie, als „verratene Generation“, nicht durch ein Mitwirken am Faschismus beteiligt gewesen sei, sondern im Gegenteil einen von den Vätern „geopferte Generation“ sein.
Sprachrodung Die „Junge Generation“ erkannt das Faschismus- Erbe früh als ein Sprachproblem an, dass es zu bereinigen galt- sie stellten sich zur Aufgabe, das gesellschaftliche Bewusstsein zu entrümpeln, sich der schönschreiberischen Elemente zu entledigen und so zu einer neuen politischen und literarischen Sprache zu gelangen. Sie machten sich die Methode der Bestandsaufnahme zu eigen, und wollten die Wahrheit verbreiten- beides um den Preis der verklärenden Poesie
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Der politische Ansatz
Sprachrodung
Konflikt mit den Ordnungshütern
Vom Ruf zur Gruppe 47- eine Übergangslösung?
Selbstdarstellung der Gruppe 47
Politischer Wandel zur Literatur
Von der politischen Publizistik zur literarischen Werkstatt
Das Publikum der Nachkriegszeit
„Falscher Kompromiss?“
Eskapismus?
Psychologische Ansätze als Begründung für die Politikflucht
Exkurs in die Politik
Erreichte die Gruppe ihr Ziel?
Gruppe 47 = Gruppe 47 1962?
Das Aus
Schluss
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das politische Wirken und die literarische Rolle der Gruppe 47 im Nachkriegsdeutschland und analysiert kritisch, ob und inwieweit die Gruppe ihrer gesellschaftlichen und politischen Verantwortung für den Wiederaufbau gerecht wurde.
- Entwicklung vom politisch engagierten „Ruf“ zur literarischen Gruppe 47
- Analyse des Selbstverständnisses als „nüchterne“ und „verratene Generation“
- Konflikt zwischen politischem Anspruch und der tatsächlichen literarischen Praxis
- Rezeption der Gruppe durch das deutsche Nachkriegspublikum
- Diskussion über Eskapismus und politische Inkompetenz der Intellektuellen
Auszug aus dem Buch
Politischer Wandel zur Literatur
Politisch engagierte Publizisten gründeten also die Gruppe 47, die sich zum Ziel setzte, das literarische Leben in Deutschland wieder zu intensivieren. Wie kam es dazu, dass in einer Zeit der politischen Neugestaltung und des Umbruch, eine Reihe von Intellektuellen mit politischer Vorgeschichte, der Politik den Rücken zukehrten, und sich stattdessen mit dem Aufbau der Literatur befassten, ohne dabei jegliche politischen Strukturen auf ihre Gruppe übertrugen, ja sich gänzlich apolitisch zeigten? Hans Werner Richter gab folgende Antwort: „Was die Generation, die aus dem Krieg zurückkam, vorfand, war ein Vakuum, in dem sie sich selbst helfen musste und zu helfen versuchte. Nur aus dieser Situation ist das Entstehen und die Arbeit der Gruppe 47, sind ihre Spielregeln, ihre Methoden und die Form ihres so antiorganisatorischen Zusammenhalts erklärbar.“7
Die Gruppe 47 wollte sich, entgegen der Haltung der praktischen Politiker, zunächst selbst zur Demokratie erziehen, und war der Überzeugung, dass zuerst demokratische Eliten gebildet werden müssten, die sich dann der Umerziehung der Massen annehmen könnten. Dieser Wandel hin zur Literatur geschah aber nicht ganz freiwillig, wie selbst Richter einräumte: „Auch dieses junge Deutschland, geboren aus einem politischen Impuls mit revolutionären Zielen und weiträumigen europäischen Aspekten, wurde in das Gebiet der Literatur verwiesen oder abgedrängt oder begab sich selbst aus Ohnmacht und frühzeitiger Resignation freiwillig in dieses Gebiet.“8 Ob es sich um eine Verweisung der Besatzungsmächte, ein Abdrängen einer Gegenbewegung oder eine selbstgewählte „Flucht“ handelt, wird in den folgenden Punkten erörtert werden.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Umreißt die moralische Verpflichtung von Intellektuellen und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der politischen Verantwortung der Gruppe 47 im Nachkriegsdeutschland.
Der politische Ansatz: Beschreibt die Anfänge der Gruppe in der Zeitschrift „der Ruf“ und den Wunsch, den demokratisch-sozialistischen Neubeginn Deutschlands aktiv mitzugestalten.
Sprachrodung: Erläutert den Anspruch der „Jungen Generation“, das gesellschaftliche Bewusstsein durch eine Bereinigung der Sprache von ideologischen Altlasten zu erneuern.
Konflikt mit den Ordnungshütern: Analysiert die Spannungen mit der Besatzungsmacht, die eine unpolitische „Re-education“ anstrebte und die Gruppe 47 als Bedrohung wahrnahm.
Vom Ruf zur Gruppe 47- eine Übergangslösung?: Dokumentiert das Ende der Zeitschrift „der Ruf“ und die erzwungene Abkehr der Autoren von der direkten politischen Publizistik hin zu informellen Treffen.
Selbstdarstellung der Gruppe 47: Beleuchtet den Werkstattcharakter, die informelle Organisation und den bewussten Verzicht auf kollektive Stellungnahmen.
Politischer Wandel zur Literatur: Beschreibt den Übergang von einem politischen Anspruch hin zur ausschließlichen Konzentration auf literarische Arbeit.
Von der politischen Publizistik zur literarischen Werkstatt: Diskutiert die Notwendigkeit des literarischen Neuanfangs und das Ausbleiben einer politisch wirksamen Literatur.
Das Publikum der Nachkriegszeit: Untersucht das Missverhältnis zwischen dem Anspruch der Autoren und den tatsächlichen Bedürfnissen der deutschen Gesellschaft.
„Falscher Kompromiss?“: Kritisiert die Haltung der Gruppe als „nachgeholte Résistance“, die ästhetischen Widerstand leistete, ohne politische Konsequenzen zu ziehen.
Eskapismus?: Hinterfragt das Ausbleiben einer aktiven politischen Rolle und den Vorwurf der realitätsfernen, selbstbezogenen Literatur.
Psychologische Ansätze als Begründung für die Politikflucht: Setzt das Verhältnis zu Exilanten ins Verhältnis zur innerdeutschen Situation und analysiert die metaphorische Sprachverwendung.
Exkurs in die Politik: Analysiert erfolglose Versuche der Gruppe, politisch einzugreifen, wie den „Grünwalder Kreis“ oder das Treffen mit Willy Brandt.
Erreichte die Gruppe ihr Ziel?: Reflektiert kritisch über das Auseinanderdriften von ursprünglichem Anspruch und tatsächlicher Wirkung.
Gruppe 47 = Gruppe 47 1962?: Beschreibt den Wandel der Gruppe zur etablierten Macht im literarischen Markt und den Verlust der ursprünglichen soziologischen Basis.
Das Aus: Zieht Bilanz über das Ende der Gruppe, der ein Mangel an konkreten Lösungsvorschlägen und politischer Orientierung vorgeworfen wird.
Schluss: Fasst zusammen, dass die Gruppe zwar den literarischen Markt prägte, jedoch die Chance auf eine nachhaltige politische Einflussnahme aus Bequemlichkeit und Selbstbezogenheit verspielte.
Schlüsselwörter
Gruppe 47, Hans Werner Richter, Nachkriegsliteratur, politische Verantwortung, Demokratisierung, Literaturkritik, Wiederaufbau, Trümmerliteratur, Engagement, intellektuelle Elite, Sprachrodung, Re-education, Bundesrepublik Deutschland, literarische Öffentlichkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Hausarbeit untersucht die politische Rolle und den Einfluss der Gruppe 47 im Deutschland des Wiederaufbaus sowie deren Wandlung von einer politisch motivierten Initiative zu einer literarischen Institution.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Die Schwerpunkte liegen auf dem Verhältnis von Literatur und Politik, dem Selbstverständnis der Gruppe, ihrer Interaktion mit der Besatzungsmacht und ihrem Versagen bei der politischen Orientierung der Bevölkerung.
Was ist die zentrale Forschungsfrage?
Die zentrale Frage ist, ob die Gruppe 47 ihrer politischen Verantwortung gerecht wurde oder sich durch eine ästhetische Flucht in die Literatur der notwendigen Auseinandersetzung mit der Gesellschaft entzog.
Welche methodische Vorgehensweise wurde gewählt?
Die Arbeit stützt sich auf eine Analyse von zeitgenössischen Quellen, Literaturkritiken, Aussagen von Mitgliedern der Gruppe sowie die kritische Aufarbeitung der historischen Zusammenhänge der Nachkriegszeit.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die chronologische Entwicklung der Gruppe, beginnend bei den Wurzeln im „Ruf“ über die Konflikte mit der Besatzungsmacht bis hin zur institutionellen Etablierung und dem letztendlichen Scheitern am eigenen politischen Anspruch.
Welche Schlüsselbegriffe prägen den Text?
Wichtige Begriffe sind „nachgeholte Résistance“, „Sprachrodung“, „Demokratisierung“, „Restauration“, „Eskapismus“ und „Monopolisierung des Literaturmarktes“.
Welche Rolle spielte Hans Werner Richter?
Richter fungierte als absolutistisches Oberhaupt der Gruppe, der die inhaltliche und organisatorische Ausrichtung kontrollierte, jedoch laut Arbeit an der eigenen politischen Unerfahrenheit scheiterte.
Warum wird die Gruppe 47 oft kritisiert?
Kritiker werfen der Gruppe vor, sich hinter einer unpolitischen, ästhetischen Fassade versteckt zu haben, anstatt dem Volk bei der Bewältigung der Vergangenheit und dem demokratischen Aufbau konkrete Orientierung zu bieten.
- Citation du texte
- Jannina Gaidell (Auteur), 2004, Die Macht der Gruppe 47 in der politischen und literarischen Öffentlichkeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90416