Joseph Conrads Literaturverständnis am Beispiel von "The Lagoon"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
18 Seiten, Note: 2+

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Philosophie und Literaturansatz Conrads
2.1 Conrads Weltbild
2.2 Conrads Prämissen für das Funktionieren von Literatur
2.3 Der literarische Ansatz Conrads

3. Conrads Erzähltechnik am Beispiel von „The Lagoon“
3.1 Einführung zu „The Lagoon“
3.2 Die Erzählsituation in „The Lagoon“
3.3 Funktionen der beiden Erzählinstanzen in „The Lagoon“

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis
Primärliteratur
Sekundärliteratur

1. Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit soll Joseph Conrads Literaturverständnis vor dem Hintergrund seiner Weltanschauung und Bewusstseinskonzeption skizziert werden. Eine gute Kenntnis seines literarischen Ansatzes ist hilfreich, um Besonderheiten seines Werks, zum Beispiel seine innovativen, impressionistischen Erzählmuster oder Leitmotive, wie Isolation oder „darkness“, zu erfassen.

Zum besseren Verständnis seines Literaturansatzes werden als erstes der historische Kontext des 19. Jahrhunderts und die damaligen philosophischen Diskurse umrissen, um Joseph Conrads Weltbild zu erklären. Zentrale Fragen werden hierbei sein, warum Conrads Verständnis der menschlichen Existenz so pessimistisch geprägt ist und welche Rolle seine Bewusstseinskonzeption für sein Weltbild spielt.

Von besonderer Wichtigkeit für das Verständnis von Conrads Prosa ist weiterhin sein Wahrheitsbegriff. Zusammen mit seinen Prämissen für das Funktionieren von literarischer Kommunikation soll dieser erläutert werden. Darauf aufbauend kann dann schließlich Conrads Literaturverständnis nachvollzogen werden. Besondere Aufmerksamkeit dabei seinen literarischen Zielsetzungen und theoretischen Ansätzen zu deren Verwirklichung. Bezüglich des Literaturverständnisses sind die wichtigsten Fragen, wie der Künstler es nach Conrads Ansicht schaffen kann, seine subjektive Vision allgemeingültig zu machen und welche Bedeutung der Evozierung von Sinneseindrücken dabei zukommt.

Abschließend soll Conrads Literaturansatz exemplarisch anhand der Kurzgeschichte „The Lagoon“ skizziert werden. Die Analyse der Erzählsituation bildet hierbei den Schwerpunkt, da sie in ihrer Eigenschaft als konstitutives Gattungsmerkmal narrativer Texte ein zentrales Element der Erzähltextanalyse darstellt (Nünning 2001: 105). Grundlage der Erzähltextanalyse in dieser Hausarbeit sind die Kategorien, Modelle und Erkenntnisse der strukturalistisch ausgerichteten Narratologie mit Schwerpunkt „discourse“ (Nünning 2001: 104-121).

2. Philosophie und Literaturansatz Conrads

2.1 Conrads Weltbild

Im viktorianischen fin de siècle, als Joseph Conrad seine ersten Werke veröffentlicht, erreicht die Akzentverlagerung von mittelalterlicher Religiosität und Gottesgläubigkeit zum modernen Vertrauen in die Wissenschaft ihre finale Phase. Die Naturwissenschaften haben im 19. Jahrhundert bei den intellektuellen Eliten an Einfluss gewonnen und prägen ein trostloses Weltbild, in welchem die Erlösungsversprechungen der Religion ihre Glaubwürdigkeit einbüßen. Schon im 18. Jahrhundert hat Newton anhand der Astronomie von Copernicus, Kepler und Galilei gezeigt, dass nicht Gott das Universum lenkt, sondern mechanische Gesetze, die in mathematischen Formeln wiedergegeben werden (Pettersson 1982: 24).

Nicht nur die Religion wird durch die Wissenschaft in Frage gestellt, sondern auch die Möglichkeit einer objektiv erkennbaren Welt. Zuerst wurde durch die Wissenschaft die Erkenntnismöglichkeit des Individuums unterstrichen und damit die subjektive Wahrnehmung aufgewertet. Doch dann zweifelt man an der Fähigkeit des Menschen, objektive Wahrheiten auf Basis von Sinneseindrücken festzustellen. Dieser epistemologische Skeptizismus in der Tradition von John Lockes Essay concerning Human Understanding von 1690, in welchem Wissen als „Summe von Sinneseindrücken“ beschrieben wird, kennzeichnet die philosophischen Diskurse schon ab dem 18. Jahrhundert (Pettersson 1982: 23).

Der historische Kontext des 19. Jahrhunderts ist hilfreich, um Joseph Conrads Weltbild und sein pessimistisches Verständnis von menschlicher Existenz zu verstehen. Seine Philosophie ist geprägt vom Glauben an die Abwesenheit eines göttlichen Orientierungszentrums und den erkenntnistheoretischen Problemen des Solipsismus (Pettersson 1982: 24). Auch er verneint die Existenz eines Schöpfers, wie Torsten Pettersson ausführt:

Conrad assumes no intelligent creative and sustaining principle in the universe. The world, in his view, has come into existence by accident and goes on functioning mechanically. (Pettersson 1982: 25)

An die Stelle des Schöpfers tritt für Conrad eine, wie er es nennt, „knitting machine“, die das Universum mechanisch „zusammenknüpft“ (ebd.). Daraus folgt, dass der Mensch nicht mehr die Krönung der Schöpfung, sondern nur Nebenprodukt dieses Prozesses ist. Privilegiert ist der Mensch für Conrad trotzdem, jedoch in negativer Hinsicht, da er mit einem Bewusstsein ausgestattet ist, das einzigartig im Universum und zugleich die Ursache aller menschlichen Beschwerden ist (ebd.).

What makes mankind tragic is not that they are victims of nature, it is that they are conscious of it. To be part of the animal kingdom under the conditions of this earth is very well – but as soon as you know your slavery [,] the pain, the anger, the strife – the tragedy begins. (Conrad zitiert nach Petterson 1982: 26.)

Der Mensch befindet sich hiernach in einer Welt ohne Hoffnung auf Erlösung und ist sich dessen vollkommen bewusst. Dieser Sachverhalt stellt für Conrad einen wichtigen Aspekt des „menschlichen Dilemmas“ dar (Pettersson 1982: 27).

Ein weiterer Aspekt der menschlichen Zwickmühle ergibt sich aus Conrads epistemologischen Skeptizismus. Letzterer steigert sich laut Petterson in Momenten der Verzweiflung bis hin zu extremen Solipsismus, wonach die Welt überhaupt nicht existent, sondern nur ein Konstrukt des menschlichen Bewusstseins ist (ebd.). In einem seiner Briefe thematisiert Joseph Conrad diese Problematik:

All is illusion – the words written, the mind at which they are aimed, the truth they are intended to express, the hands that will hold the paper, the eyes that will glance at the lines. Every image floats vaguely in a sea of doubt – and the doubt itself is lost in an unexplored universe of incertitudes. (Conrad zitiert nach Petterson 1982: 29)

Dieser epistemologische Skeptizismus hat zur Konsequenz, dass er zwischen „facts and truth“ unterscheidet. Fakten existieren für Conrad unabhängig vom menschlichen Bewusstsein in der materiellen Welt, Wahrheiten hingegen sind subjektive Bezüge auf Fakten, die das Bewusstsein erstellt (Pettersson 1982: 35). Kann es also für Joseph Conrad eine objektive Wahrheit nach platonischem Ideal geben, die für alle gilt?

Schwer wiegt nicht nur, dass das menschliche Bewusstsein von der materiellen Außenwelt abgeschnitten ist, auch der Rest der Menschheit scheint unerreichbar. Eben auf dieser Isolation beruht nach Conrads Vorstellungen die Zwickmühle des Menschen, die die zwischenmenschliche Kommunikation, also auch das Funktionieren von Sprache und Literatur, unmöglich zu machen scheint (Pettersson 1982: 28).

Conrads Philosophie und sein literarisches Schaffen scheinen unvereinbar. Der Sinn von Literatur als einseitige Kommunikation zwischen Autor und Leser ist fraglich. Warum hinterlässt Joseph Conrad der Nachwelt dennoch ein so umfangreiches literarisches Oeuvre? Wie überwand er den Widerspruch von menschlicher Isolation und Funktionieren von Literatur? Im folgenden Teil wird Conrads Ausweg aus dieser Problematik erörtert.

2.2 Conrads Prämissen für das Funktionieren von Literatur

Die Konzepte „solidarity“ und temperament“ sind Conrads Versuch einer theoretischen Basis für literarische Kommunikation. Conrad glaubt, dass das Bewusstsein Wahrheit auf Basis der Wahrnehmung der materiellen Außenwelt ableitet. Hierbei spielen psychologische Grundeigenschaften eine wichtige Rolle, die alle Menschen über kulturelle Grenzen hinweg teilen und von Conrad unter dem Begriff „temperament“ zusammengefasst werden (Pettersson 1982: 36). Da sich die Eindrücke, Bewusstseinsprozesse und Gefühle aller Menschen gleichen, gibt es auch Gemeinsamkeiten im Bezug auf ihre subjektiv konstruierten Wahrheiten. Auf diesen Gemeinsamkeiten beruht die zwischenmenschliche „solidarity“. Aus diesem Grund kann es für Conrad einerseits subjektive Wahrheiten und andererseits intersubjektiv geltende, psychologische Standards geben (ebd.). Letztere bedingen das Funktionieren von Literatur, stiften „solidarity, that knits together the loneliness of innumerable hearts“, wie Conrad es nennt (Conrad 1897: 4), und mildern somit die Totalität menschlicher Isolation. Folglich existiert durch „temperament“ eine gemeinsame Schnittmenge zwischen Sender und Empfänger in der literarischen Kommunikation (Pettersson 1982: 44). Dennoch wird der Widerspruch zwischen menschlicher Isolation und dem Funktionieren von Literatur nie ganz aufgelöst: „This sense of isolation is counterbalanced by an insistence on human solidarity – counterbalanced but never eliminated“ (Pettersson 1982: 29). Dieser Widerspruch und seine Versuche, die Isolation zu überwinden, prägen Joseph Conrads Literaturansatz.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Joseph Conrads Literaturverständnis am Beispiel von "The Lagoon"
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Anglistik)
Veranstaltung
"Joseph Conrad"
Note
2+
Autor
Jahr
2007
Seiten
18
Katalognummer
V90455
ISBN (eBook)
9783638047586
ISBN (Buch)
9783638944168
Dateigröße
420 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar des Professors: "Der Verfasser widmet sich einer anspruchsvollen Fragestellung. [...] Die Interpretation von "The Lagoon" ist [...] hervorragend gelungen: transparent, präzise, innovativ. voll gut (2+)"
Schlagworte
Joseph, Conrads, Literaturverständnis, Beispiel, Lagoon, Conrad
Arbeit zitieren
Yann Martin (Autor), 2007, Joseph Conrads Literaturverständnis am Beispiel von "The Lagoon", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90455

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