Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Staatenbildung in Somaliland. Im Folgenden werden Statebuilding Strategien dargestellt und eine umfassende Analyse des Statebuilding-Prozesses in Somaliland erstellt.
Seit dem Ende des Kalten Krieges und dem sicherheitspolitischen Paradigmenwechsel nach dem 11. September 2001 werden zerfallene Staaten zunehmend als Bedrohung für die internationale Sicherheit wahrgenommen und der Fokus in den Programmen internationaler Organisationen, wie der UN, wurde zunehmend auf den Wiederaufbau staatlicher Institutionen gelegt. Als Lösung dieses Problems und zur Neutralisierung der Bedrohung ist das Konzept des Statebuilding entstanden, das darauf abzielt durch internationale Unterstützung Staaten wiederaufzubauen. Ein Ziel der Statebuilding-Interventionen in Form von Friedensmissionen ist bis heute Somalia, das seit dem Staatszerfall 1991 als Prototyp eines "failed state" beschrieben wird, da die Regierung gestürzt wurde und folglich Sicherheit sowie die Grundversorgung der eigenen Bevölkerung nicht mehr gewährleisten konnte.
Diese Interventionen haben allerdings bis zum heutigen Tage nur wenig konkrete Ergebnisse hervorgebracht: zwar fungiert Somalia auf dem Failed State Index seit 2017 nur noch auf Platz zwei hinter Jemen, jedoch stellen Piraterie und die islamistische Miliz Al-Shabaab eine erhebliche Bedrohung für die Sicherheit der Bevölkerung dar. Im Norden des Landes, in den Grenzen des ehemaligen Protektorats Britisch-Somaliland, hat sich seit der Sezession 1991 allerdings ein De-Facto Staat gebildet, der eigene Sicherheitskräfte, eine eigene Währung und ein aus zwei Kammern bestehendes Regierungssystem besitzt. Die Republik Somaliland hat durch lokal finanzierte Versöhnungskonferenzen einer eigenen nationalen Identität und der Integration von Clanstrukturen in die Regierung einen Statebuilding-Prozess eingeleitet. Dieser, in der Literatur immer wieder hervorgehobene, "Erfolg" im Statebuilding steht in scharfem Kontrast zum seit 1991 wiederholten Scheitern der internationalen Versuche, in Somalia durch einen Top-Down Ansatz eine effektive Regierung aufzubauen. Dabei wird versucht, die dominierenden politischen AkteurInnen eines Konflikts zu identifizieren und sie an den Verhandlungstisch zu bringen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hintergrund: Friedensprozess und Statebuilding in Somaliland
3. Forschungsstand: Ansätze des Statebuilding
3.1 Liberalization First
3.2 Institutionalization First
3.3 Security First
3.4 Civil Society First
3.5 Anwendbarkeit der Strategien in Somaliland
4. Methodisches Vorgehen
5. Fallstudie: Statebuilding in Somaliland
5.1 Integration von Clanstrukturen in das politische System
5.2 Somali National Movement (SMN) und nationale Identität
5.3 Lokale Finanzierung und wirtschaftliche Infrastruktur
5.4 Konflikte zur Regelstandardisierung und -konsolidierung
5.5 Nicht-Anerkennung und internationale Normen
5.6 Rolle der Diaspora
6. Chancen und Grenzen eines Bottom-Up Entwicklungsansatzes
7. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den Statebuilding-Prozess in Somaliland, um zu analysieren, wie sich dort eine De-Facto-Staatlichkeit bilden konnte und welche Chancen sowie Grenzen ein Bottom-Up Ansatz gegenüber klassischen, extern gesteuerten Modellen aufweist.
- Analyse von Bottom-Up versus Top-Down Statebuilding-Strategien
- Bedeutung von Clanstrukturen und traditioneller Governance
- Einfluss der lokalen Finanzierung und des Privatsektors
- Rolle der Diaspora im Staatsaufbau
- Wechselwirkung zwischen nationaler Identität und Staatlichkeit
Auszug aus dem Buch
5.1 Integration von Clanstrukturen in das politische System
Ein wichtiger Faktor auf dem Weg zum De-Facto Staat stellen die Clans und somit das sozio-politische System Somalilands dar. In der somalischen Gesellschaft ist die wichtigste Identitätseinheit die Clanzugehörigkeit. Diese verwandtschaftlichen Beziehungen sind das Zentrum des somalischen Lebens: der Clan bietet nicht nur eine Grundlage für die Identität, sondern übernimmt auch die kollektive Verantwortung für seine Mitglieder, ihre Verluste und ihre Sicherheit.
In Somaliland gibt es verschiedene Clans, aber eine Mehrzahl bildet der Isaaq-Clan, der auch das Somali National Movement (SNM) dominiert (Abbildung 3). Nicht zuletzt aufgrund der Dominanz dieses einzigen Clans fiel es in Somaliland leichter als beispielsweise in Somalia, einen Staat aufzubauen und zu konsolidieren.
Traditionelle Werte und Brauchtum haben den Statebuilding-Prozess insofern beeinflusst, als dass der Staat wie er heute in Somaliland existiert, auf Grundlage der Vermittlung zwischen Clans durch sogenannte Guurti (Ältestenräte) und deren spätere Institutionalisierung entstanden ist. Die Guurti sind einerseits ein Element der Tradition Somalilands und auf der lokalen Ebene angesiedelt, andererseits wurden sie im Laufe des Versöhnungsprozesses auch auf nationaler Ebene eingesetzt und später als zweite Kammer institutionalisiert. Die Clan-Ältesten spielten nicht nur eine Rolle beim Konfliktmanagement, sondern ebenfalls bei der Anwendung des Gewohnheitsrechts (xeer) und bei politischen Auseinandersetzungen. Sie werden deshalb in der Literatur als ein Schlüsselfaktor für den Statebuilding-Prozess Somalilands angesehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Thema Statebuilding, die Ausgangslage in Somalia und Somaliland sowie die Forschungsfrage der Arbeit.
2. Hintergrund: Friedensprozess und Statebuilding in Somaliland: Überblick über die historische Entwicklung Somalilands ab 1991 und die Phasen des Staatsaufbaus durch Versöhnungskonferenzen.
3. Forschungsstand: Ansätze des Statebuilding: Theoretische Einordnung verschiedener Statebuilding-Strategien wie Liberalization First, Institutionalization First, Security First und Civil Society First.
4. Methodisches Vorgehen: Beschreibung der induktiven Analyse mittels Literatur- und Quellenanalyse zur Untersuchung des Statebuilding-Prozesses.
5. Fallstudie: Statebuilding in Somaliland: Detaillierte Analyse der Einflussfaktoren wie Clanstrukturen, das Somali National Movement, lokale Finanzierung, Konfliktdynamiken, internationale Anerkennung und die Rolle der Diaspora.
6. Chancen und Grenzen eines Bottom-Up Entwicklungsansatzes: Evaluation der Ergebnisse und Vergleich zwischen Bottom-Up und Top-Down Ansätzen im somaliländischen Kontext.
7. Zusammenfassung: Synthese der Ergebnisse und Fazit zum Statebuilding-Modell Somalilands.
Schlüsselwörter
Statebuilding, Somaliland, Bottom-Up, Clanstrukturen, Guurti, De-Facto-Staat, Friedensprozess, Diaspora, Legitimität, Nationale Identität, Institutionenaufbau, Lokale Finanzierung, Konfliktmanagement, Staatsaufbau, Governance.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das somaliländische Modell des Staatsaufbaus, das sich durch einen Bottom-Up Ansatz auszeichnet, und vergleicht dieses mit klassischen, international geprägten Statebuilding-Strategien.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Rolle von traditionellen Clanstrukturen, die Bedeutung der Diaspora, die Auswirkungen lokaler Wirtschaftsfinanzierung und die Entstehung einer nationalen Identität im Kontext eines De-Facto-Staates.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet: Wie konnte sich in Somaliland eine De-Facto-Staatlichkeit herausbilden und welche Chancen und Grenzen zeigt dieser Bottom-Up Statebuilding-Prozess gegenüber klassischen Ansätzen auf?
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine induktive Analyse basierend auf einer Literatur- und Quellenanalyse, um den Statebuilding-Prozess in Somaliland zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Übersicht der Statebuilding-Ansätze und eine detaillierte Fallstudie zu den Faktoren, die den Staatsaufbau in Somaliland maßgeblich beeinflusst haben.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Schlüsselwörtern gehören Statebuilding, Somaliland, Bottom-Up-Ansatz, Clan-Governance, De-Facto-Staat, lokale Legitimität und Diaspora-Engagement.
Welche Rolle spielen die Guurti im somaliländischen Staatsaufbau?
Die Guurti (Ältestenräte) fungieren als wichtiges Bindeglied zwischen traditioneller Clan-Governance und modernen staatlichen Institutionen, was dem Staat vor Ort hohe Legitimität verleiht.
Warum ist das Beispiel Somaliland für die internationale Politik interessant?
Somaliland dient als interessantes Fallbeispiel für eine funktionierende De-Facto-Staatlichkeit, die trotz fehlender internationaler Anerkennung durch interne Bottom-Up Prozesse und eigene Ressourcen eine bemerkenswerte Stabilität erreicht hat.
- Citation du texte
- Judith Kiene (Auteur), 2020, Statebuilding von unten. Chancen und Grenzen eines Bottom-Up Entwicklungsansatzes am Beispiel Somaliland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/904848