Wahrheit und Werte. Über den Umgang mit grundlegenden philosophischen und ethischen Fragen der Gegenwart


Bachelorarbeit, 2018

35 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Zeitgenössiche Moraldebatten
Moralischer Radikalismus
Is, Ought
Detaillierte Fakt-Wert Darstellung
Moralisches Beispielargument
Historisch-kulturelle Wahrheit

Metaphysik
Definition
Unendlichkeit
Substanzen und Ousia

Kognitive Verzerrungen
Evolutionäre Aspekte kognitiver Verzerrungen
Dopaminrausch und Physiognomie
Der Bestätigungsfehler
Ignorance Survey

Rhetorische Überzeugung und Wahrheit
Dialektik
Eristik
Allgemeinheit einer Meinung
Sturheit
Piries logische Irrtümer
Semantik, Alltagssprache, literarische Stilmittel

Fake News
Überzeugung
Höflichkeit und verlerntes Streiten

Resümee

Literaturnachweise

Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit wissenschaftlicher und unwissenschaftlicher Wahrheit. Sie ist in vier Teile gegliedert.1

Im ersten Teil wird auf den derzeitigen Zustand moralischer Debatten und deren Anspruch auf Schlüssigkeit und Wahrheit, und die Geschichte der Wahrheit eingegangen. Im nächsten Teil wird die Möglichkeit einer metaphysischen Begründung für Wahrheit nach Aristoteles untersucht. Weiters wird metaphysische Wahrheit mit Rhetorik, Dialektik und Eristik, kognitiven Verzerrungen und logischen Irrtümern abgeglichen. Wahrheit ist 2018 aktueller denn je, auch wenn es widersprüchlich und zeitabhängig klingt. Die Frage, wie Fake News funktionieren und wie Streit stattfinden kann, wird untersucht.

Zeitgenössiche Moraldebatten

Moralischer Radikalismus

Ist man moralischer Radikalist, scheint die Hypothese, mögliche Lösungen für moralische Debatten in Erwägung zu ziehen, absonderlich, befremdlich, kurios, skurril oder verschroben. Man ist sich über seine moralischen Voraussetzungen sicher, braucht sie nicht beweisend rechtfertigen, kann mit ihnen anprangern und denunzieren. Je radikaler, desto weniger bespricht oder duldet man Alternativen. Den moralischen Radikalisten steht die postmodern-moralisch höchste individuelle Meinungs- Entscheidungsfreiheit zur Verfügung. Die einzige Autorität, die die Moral besitzt, ist die, die ihr Individuen geben. Das Individuum wird somit seine eigene finale Autorität im extremsten und allgemeingültigsten Sinn2. Seine Sprache ist insofern geordnet. Das ist die vorerst vorherrschende finale individualistische Konzeption von moralischer Wahrheit. Moral ist möglicherweise so hart umkämpft, weil sie ein Metathema ihrer selbst ist. Gestritten wird mit Leidenschaft und wenig Ratio und Logik (Kognitive Verzerrungen, Politik, etc.) auch in anderen Bereichen und Wissenschaften, aber in keiner wird über die Regeln des Streites an sich und die Regeln aller, auBerdem privater, Bereiche debattiert. (Die Implikationen einer Veränderung hier wären global enorm).

Kann man wirklich schon von moralischem Pluralismus reden, wenn keine moralischen Grundannahmen und auch sonst keine gemeinsame Basis vorhanden ist?

Behandeln wir moralische Argumente gleichzeitig als rationale Übung schlagkräftigeren SchlieBens (Logik) und als bloBe Behauptung, die einfach nur ausgdrückt wird (Rhetorik, Dialektik, Demagogie)? Inkommensurabilität (Unvergleichbarkeit von Stoffen mit Messwerten wegen fehlender zum Vergleich geeigneter Eigenschaften) oder überindividuelle Allgemeingültikeit. Eine paradoxe Atmosphäre zeitgenössischer moralischer Meinungsverschiedenheiten.

Willkürliche Antagonismen oder Anpruch auf objektive Gültigkeit?

Der Lösungsversuch moralischer Argumente drückt ein Streben aus, (wieder?) rationaler/ eindeutiger rational in diesen Bereichen zu werden, als nur rhetorisch Kräfte zu messen.

Is, Ought

David Hume bemerkte, dass moralisch-religiöse3 Schriften, die er las, von beschreibenden moralischen "Ist-Zuständen" plötzlich zu moralischen "Sollens-Ansprüchen" wechselten. Sie seien nicht logisch auseinander folgend und insofern unbegründet. Harris kritisiert Hume mit einem Argument von Dennett; Woraus sonst soll ein Sollen entstehen, wenn nicht aus einem Ist-Zustand der Natur und einem Naturalismus? Sam Harris, ein weit in den Medien bekannter und geschätzter atheistischer Moralphilosoph und Neuropsychologe, geht davon aus, dass sich keine Wissenschaft selber komplett rechtfertigen kann (z.B. Das System basiert auf einer unbegründeten Annahme, einige Axiome sind falsch, oder, dass es fundamentale Fragen gibt, die das System nicht beantworten kann). Ein Ziel (proper concern) reicht nach Harris aus, um wissenschaftlich zu studieren und so den Fortschritt zu fördern. Gelegentlich stellen sich Annahmen als falsch heraus und müssen aktualisiert werden.4 5 (vgl. auBerdem auch das Konzept der "Brute Facts") Alle Argumente gegen eine moralische Wissenschaft und moralische Wahrheit können genauso gegen Wissenschaft und wissenschaftliche Wahrheit angewandt werden6, sie sind also insofern schwache, oder selbstnegierende Argumente. Gegenargumente werden genannt7 8. Objektive Behauotungen über subjektive Erfahrungen sind seiner Meinung nach möglich.

Detaillierte Fakt-Wert Darstellung

Intention, Zweck und Grund des Handelns sind wissenschaftlich unmessbar und unbeschreibbar geworden. "X glaubt p" hat eine interne "(soziale) Komplexität", die schwer bis unmöglich mit der mechanistischen Methode auf wahr/falsch reduzierbar ist und somit nicht ausschlieBlich mit Prädikatenkalkül aussagbar ist, wie es z.B. die Physik ist. Es ist also schwer für mechanistisch- faktenbasierte Wahrheit wiederholbare wissenschaftliche Fakten über z.B. Gerechtigkeit oder Liebe zu finden.

AuBerdem würde dieses "wahr/falsch-Konzept" von "X glaubt p" zu viele (unsagbar viele) bestreitbare und zweifelhafte Fälle enthalten, um die Art von empirischen Beweisstücken zu liefern, mit der man Regeln und Gesetze aufstellen kann. "x glaubt p" kann die From von regelähnlichen Verallgemeinerungen wie in Mathematik, Physik und Chemie nicht annehmen9.

Moralisches Beispielargument

A argumentiert gegen Krieg damit, dass Krieg nie gerecht sein kann und das sicherlich Unschuldige mit hineingezogen werden. B hält dagegen, dass Krieg eine Frage des Erfolges und des Überlebens ist. A kommt mit B nie zu einer Einigung, was Gerechtigkeit oder kriegerischen Erfolg betrifft, und sie einigen sich meist nicht, welches wichtiger ist: Überleben oder Unschuldige verschonen? (Selbst wenn sie beide das selbe Thema behandeln einigen sie sich auf nichts, sondern versuchen sich zu überzeugen, dass es anders ist)

Rhetorische Art der Gesprächsführung und konzeptuelle Inkommensuarbilität (wie vergleicht man Gleichheit mit Freiheit? Welches ist besser oder wertvoller? Welches ist besser in dem spezifischen Kontext des Beispielgesprächs?). Darunter liegen potenziell noch gröBere Unterschiede in Ansichten über menschliche Natur, Moral und wie man Logik zum Überzeugen und SchlieBen benutzt.

Innerhalb einer Beispielmoralphilosophie ist die Verbindung zwischen Fakt und Wert aufgrund der Bedeutung und der allgemeinen moralischen Verwendung enthymematisch (also mit unausgesprochenen Prämissen) etabliert.

AuBerhalb dieser Beispielmoralphilosophie wirken Aussagen bloB wie willkürliche Befehle. Sie sind normative Behauptungen, keine logischen Beweise.

Die verbreitete Meinung ist, es gibt keine allgemeingültigen Definitionen moralisch aufgeladener Begriffe (Gerechtigkeit, Freiheit, ...) (in rhetorischen Überzeugungsreden), obwohl diese Begriffe laufend benutzt werden. Es folgt nur Uneinigkeit und Unentscheidbarkeit. Es gibt kein übergreifendes moralisches Vokabular mit gemeinsamem Bedeutungsinhalt zwischen unterschiedlichen Moralphilosophien. Dieser konzeptuelle Wahrheitskonflikt aktueller moralischen Debatten ist mittlerweile tief in der Gesellschaft und Gesprächskultur verankert, obwohl er nicht immer da war.

Historisch-kulturelle Wahrheit

Wahrheit wurde über die Jahrhunderte geformt, so wie Sprache, aber es gibt und gab zu jedem Zeitpunkt eine geformte (in dem westlichen Kulturkreis, auf dessen Geschichte ich eingehe. In anderen Kulturkreisen gab es sehr wahrscheinlich andere geformte Wahrheiten.)

Paul Hoyningen-Huene hat die Geschichte der Wissenschaftstheorie folgend gegliedert10: Von der Antike (Plato, Aristoteles Tugenddethik und Metaphysik) bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts wird Wissenschaft verstanden als absolut sicheres Wissen. Die Sicherheit des wissenschaftlichen Wissens wird durch seine Ableitung (Deduktion) aus evidenten Axiomen, deren Wahrheit aus ihnen selbst folgt (ähnlich, aber wegen Kants Kritik an Aristoteles' Metaphysik, nicht gleich den synthetischen Urteilen ap priori), etabliert.

Die zweite Phase 17. Jhdt. bis Mitte/Ende 19. Jhdt. stimmt mit der behaupteten absoluten Sicherheit des wissenschaftlichen Wissens überein, es werden jedoch zur Etablierung nicht mehr nur ausschlieBlich deduktive Schlüsse, sondern allgemeiner "die wissenschaftliche Methode" zugelassen, was insbesondere induktive Verfahren umfasst.

Die dritte Phase Ende 19. Jhdt. bis spätes 20. Jhdt. stimmt noch in der wissenschaftliche Methode zur Gewinnung wissenschaftlichen Wissens überein. Die Behauptung absolut sicheren Wissens wird (möglicherweise wegen starkem Einfluss der Induktion) aufgegeben, es wird jetzt als "fallibel", nicht endgültig und daher prinzipiell revidierbar angesehen Spätes 20. Jhdt. bis heute; Die wissenschaftlichen Methode als strikt bindendes Regelwerk wird (von Wissenschaft selbst und der breiten Öffentlichkeit) in Frage gestellt. Die allgemeine Frage, was das wissenschaftliche Wissen im Kontrast zu anderen Wissensarten eigentlich auszeichnet erhält erneute Aktualität. "Wir können eigentlich nichts wissen" ist das Credo (vgl. Platons Dialog Theaitetos, der in letzter Zeit neue Brisanz und Aktualität erlangt).

Moralische Konzepte oder Ethiken waren Teile gröBerer kultureller Theorien und Praktiken (Ethiken, Metaphysiken, Weltbilder), (MacIntyre). Die Bedeutung hat sich, auch wenn sie möglicherweise nur stellenweise definiert war, in den Jahrhunderten verändert. Tugend, Gerechtigkeit, Frömmigkeit, Demut und auch Sollen. Bis heute gibt es anscheinend keine historisch-philosophische Schrift, die diese Konzepte gesamt und in ihrem Werden, von dem Ausgangskontext bis zum heutigen Zeitpunkt, erfasst hat11.

Menschen sind Erben einer Vielzahl gut intergrierter Moralphilosophien: z.B. des Aristotelismus, primitive christliche Einfachheit, der puristische Ethik, der aristokratische Ethik des Konsums, und der Traditionen der Demokratie und des Sozialismus. In jeder von ihnen gibt es eigene unterschiedliche vorgeschlagene Ziele, Gründe, Regeln und Tugenden, aber sie weichen in de Art zu definieren, und was sie als Wahrheit verstehen, voneinander ab.

Z.B. Kant, Hume, Diderot (alle lebten zur selben Zeit) stimmen in etwa überein, was ihre Meinung über Moral betrifft. Das könnte mit ihrer gemeinsamen christlichen Vergangenheit zu tun haben. Kant's and Kierkegaard's Lutheran, Hume's Presbyterian, Diderot's Jansenist-influenced Catholic. AuBerdem stimmen sie noch überein, was rationale Rechtfertigung von Moral sei.

Können wir sie als Mitwirkende einer zeitlosen Debatte über Moral betrachten, wenn sie Wahrheit und Fakten unterschiedlich betrachten und definieren?

Marx ähnelt Hegel und den englischen Idealisten darin, einen durch die Moral vorausgesetzten gemeinschaftlichen Rahmen zu sehen; anders als sie, sieht er, dass der gemeinschaftliche Rahmen nicht mehr existiert; und er fährt damit fort, die ganze Situation als eine zu charakterisieren, in der das Moralisieren keine wirkliche Rolle mehr spielen kann, um soziale Differenzen beizulegen. Es kann nur ein Versuch sein, sich auf eine Autorität zu berufen, die nicht mehr existiert, und die Sanktionen sozialen Drucks zu maskieren.

Bacon hat den Empirismus geprägt, indem er von Metaphysik abriet und stattdessen dazu aufforderte Fakten zu sammeln. Der Beobachter kann an Fakten direkt herantreten und sie verstehen, scheinbar ohne theoretische Interpretation oder Metaphysik zu benötigen.

Das ist ein bis heute anhaltender Fehler. Die Wahrnehmung der Beobachter benötigt Theorien und Konzepte. Ohne Konzepte sind Beobachter blind, sagte Kant einmal beinahe. Wenn all unsere Erfahrung nur sinnlich beschrieben wird, dann sind wir in einer uninterpretierbaren Welt, in der nichts mit Theorien verstanden werden kann12.

Empirismus war eine kulturelle Innovation des späten 17. und 18 Jhdts. Er wurde begründet als eine Art Allheilmittel für die epistemologischen Krise des 17. Jhdts. (unter anderem Positivismus, Glorious Revolution, französische Revolution/Enlightenment) Es sollte nichts mehr in der eigenen Wahrnehmung geben, dass nicht empirisch erfahrbar ist. Religiöse oder metaphysische Annahmen, selbst wenn sie logisch schienen, sind empirisch, also sinnlich, nicht nachweisbar und gelten somit als unwissenschaftlich13.

Dass es nur sinnlich Wahrnehmbares Wahres gibt, dass empirisch überprüfbar ist, wird heutzutage selten in Frage gestellt.

Aristoteles' Ethik und Politik (zusammen mit der De Anima) sind ebenso Abhandlungen darüber, wie menschliches Handeln zu erklären und zu verstehen ist, und welche Taten normativ zu tun sind. Der moderne Unterschied zwischen Moral und Sozialwissenschaften kommt in Aristoteles' Philosophie nicht vor, genausowenig wie der Fakt-Wert Dualismus.

Er definierte menschliches Handeln teleologisch in einer Hierarchie des Guten und der Zwecke. Das inkludiert Informationen darüber, was für Menschen wertvoll ist. Für die Antike und das Mittelalter waren Mechanismen (Dinge, die vonstatten gingen) effiziente Ursachen in einer Welt, die letztlich in Bezug auf die Endursachen verstanden wurde.

Die Ziele, zu denen Menschen als Glieder einer solchen Gattung sich bewegen, werden von ihnen als Güter aufgefaBt, und ihre Bewegung zu verschiedenen Gütern hin oder von ihnen weg ist mit Tugenden und Laster, und den Formen von praktischen Überlegungen, die sie verwenden zu erklären.

In der Tat kann innerhalb des aristotelischen Rahmens die eine Aufgabe nicht erledigt werden, ohne die andere zu entladen. Der moderne Gegensatz zwischen der Sphäre der Moral einerseits und der Sphäre der Geisteswissenschaften andererseits ist dem Aristotelismus völlig fremd, weil ihm, wie wir bereits genannt, auch die moderne Tatsache-Wert-Unterscheidung fremd ist.

Ein aristotelischer Bericht darüber, was am Verstehen menschlichen Verhaltens beteiligt ist, beinhaltet einen unzerstörabren Verweis auf solche Dinge (Ängste, Glauben, Dinge) und deshalb ist es nicht überraschend, dass jeder Versuch, menschliches Verhalten in Bezug auf mechanische Erklärung zu verstehen, dem Aristotelismus entgegenstehen muss. Die Tatsache/Fakt- Unterscheidung gegenüber dem Menschen wird somit im Übergang von der aristotelischen zur mechanistischen Sichtweise transformiert.

Die mechanistische Erklärung hat im Gegensatz keine Referenz zum Guten oder zu Zwecken, die am Ende stattfinden sollen, oder sich dort befinden können. Fakten über gutes Verhalten sind die Gedanken über diese Fakten selbst, sie können, wie erläutert wurde, per se keine normativen wissenschaftlichen Ansprüche auf Werte stellen und es können keine Fakten darüber gegeben werden, was wertvoll für Menschen ist.

Konzepte wie: Intention, Zweck und Grund des Handelns sind von der Definition des Guten oder der Tugend getrennt worden und wurden der Subdisziplin der Ethik übergeben. Physiologische und physische Mechanismen erklärten danach Aktionen.

Kant erkannte eine Inkompatibilität zwischen - er nannte sie unmöglichen - moralischen Imperativen und mechanistischen Erklärungen. Moralische Befehle müssen Kant nach, vom Standpunkt der mechanischen Wissenschaft unerklärbar und unverständlich sein.

Fakten wurden wertfrei. Das was ist, hat keine aristotelische Erklärung und Beurteilung. Das was ist, wurde fremd zu dem, was aristotelisch sein sollte. So kam es zu einer Trennung des "ist" und des "sollte".

Im 17. und 18 Jhdt wurde somit Aristoteles' Verständnis aus der Wissenschaft und protestantischer und janseistischer Theologie verstoBen und abgewiesen. Was weggeschnitten wurde, waren unter anderem metaphysische und tugendethische Welterklärungen. Die Metaphysik war den Denkern vielleicht empirisch und logisch zu unnachweisbar.

Sie verlieBen sich danach mehr auf Fakten und Erfahrung, anstatt auf Erklärungen und Deduktionen.

In dieser philosophischen "Bewegung" entstand die Aufklärung. Was Aristoteles für sie anscheinend vernebelte und verwirrte, konnten die Aufklärer klar sehen. Es war ein Übergang von einer metaphysischen Interpretation zu einer anderen, die sich nicht als solche verstehen will. Es gibt keine Fakten darüber, was wertvoll ist. Erklärung sowie Bewertung ändern ihren Charakter als Ergebnis dieser Scheidung zwischen "ist" und "sollen".

Metaphysik

Definition

Wissenschaftliche Definitionen werden in der Regel dann gefordert, wenn Hypothesen und Theorien aufgestellt oder Modelle konstruiert werden, die von anderen Wissenschaftlern nachvollzogen und diskutiert werden können sollen. Um den Kriterien der Intersubjektivität zu genügen, soll hierbei Einvernehmen über die Bedeutung der verwendeten Begriffe erzielt werden.

Ich möchte hier nur minimal auf die Explikationsmethode und ihre Verfahren, die etymologische, induktive, lexikalische Methode, eingehen.

Bei der etymologische Methode sollen Ausdrücke in Bestandteile zerlegt werden und der Sinn in ihrer Herkunftssprache analysiert werden. Daraus dann wiederum ein übergreifender Sinn des Ausdrucks definiert werden.

Die induktive Methode ist ein Vergleich vieler Anwendungsfälle der Ausdrücke - was man alles mit den Ausdrücken "tun" könnte. Er wird auch "sokratische Methode" genannt, diese Benennung ist allerdings problematisch, da sie in der philosophiegeschichtlichen Terminologie nicht nur die Induktion beinhaltet.

Lexikonmethoden sind systematische Hilfsmittel für das Auffinden eines Sprachmaterials.

„Die eine ist, das ganze Lexikon durchzugehen, und sich alle relevant scheinenden Wörter zu notieren; das nimmt gar nicht so viel Zeit in Anspruch, wie vielleicht viele annehmen. Die andere ist, mit einer ziemlich weit gefaBten Auswahl von offensichtlich relevanten Wörtern anzufangen und im Lexikon jeden einzelnen nachzuschlagen. Es wird sich dabei herausstellen, daB in den Erklärungen der verschiedenen Bedeutungen eines jeden Ausdrucks eine überraschende Anzahl anderer, zwar verwandter, aber natürlich oft nicht synonymer Ausdrücke vorkommt. Dann schlagen wir wieder unter jedem dieser Ausdrücke nach und erweitern somit unseren Bestand durch die jeweils gegebenen »Definitionen«. Wenn wir so ein wenig weitergemacht haben, so wird sich im allgemeinen ergeben, daB sich der »Familienkreis« zu schlieBen beginnt, bis er zuletzt vollständig ist und wir nur noch auf Wiederholungen stoBen. Diese Methode hat den Vorteil, die Ausdrücke in geeignete Gruppen zusammenzufassen. Aber natürlich wird ein Gutteil davon abhängen, wie umfassend die anfängliche Auswahl gewesen ist.“14

So entstanden auch die Big 5, die bis heute weitläufig in der Psychologie verwendet werden. Weiters wird derÜbergang zu anderen Wortarten untersucht. Könnte die Psychologie moralische oder moralisch konnotierte Begriffe, wie Tugend lexikalisch definieren, oder hat sie sie sogar schon so definiert?

Es reicht nicht für eine Definition, wenn Bezeichnung und Begriff zusammenfallen, sonst müssten Bezeichnungen Definitionen sein15.

Philosophie sucht Wahrheit. Ziel der Theorie ist die Wahrheit, Ziel der Praxis ist Anwendung.

Beides muss funktionieren und schlüssig sein. Wenn man den Grund von etwas weiB, dann kennt man die Wahrheit über es. Je mehr etwas Grund für andere Dinge ist, desto klarer stellt sich sein Begriff dar; Feuer ist der Grund für Wärme in vielen Dingen. Die Dinge, die ewig sind und tiefste Gründe für die meisten Dinge sind, müssten die meiste Wahrheit enthalten. Sie sind der Grund, dass andere Dinge wahr sind. Die Abstufung bis zum grundlegensten Grund ist MaB für den Grad der Wahrheit16.

In der Topik werden die allgemeinen Sätzen beschrieben, die durch Wahrscheinlichkeiten erschlossen werden: den Definitionen, sowie ihre Zulässigkeit und die Unzulässigkeit von verschiedenen Arten des Beweisschlusses. Diese Vorgehensweise wird als Hilfsmittel für das (fruchtbare) wissenschaftliche Streitgespräch (Dialektik) vorgestellt.

Auf Klassifikation beruhende Definition besteht aus nichts weiter als mindestens zwei Bestimmungen: der Gattung, die als oberste bezeichnet wird, und den unterscheidenden Merkmalen, von denen mindestens eines genannt sein muss. So ist in dem Ausdruck: »lebendes Wesen mit zwei Beinen« Lebewesen die Gattung und das andere das unterscheidende Merkmal. Der letzte, oder letztbekannte, Unterschied entspricht dem Wesen des Gegenstandes, weil er alle Unterschiede in sich enthält. Die Defintion ist also die Bezeichnung aufgrund des letzten der unterscheidenden Merkmale17. Substanzen/Essenzen sind das, das Dinge in Kategorien gemeinsam haben. Ohne dieses Gemeinsame könnten sie nicht Mitglied dieser Kategorie sein.

[...]


1 In ePubs gibt es kein festes Seitenlayout. Fehlende Seitenzahlen sind durch Kapitelangaben ersetzt. In vergleichbarer Weise geht man mit Gesetzestexten um, wo auch keine Seitenzahlen sondern Paragraphen zur Lokalisierung der zitierten Stelle verwendet werden. Auch im Werk von z.B. Kant oder Aristoteles, wo die Bekkerzählung nicht angegeben war. Zur genaueren Lokalisierung verwende ich auch, wo es sich nicht vermeiden lässt, die internen FuBnoten und Absätze der Werke, wo Seitenzahlen unmöglich sind. Aus Gründen der Lesbarkeit wird darauf verzichtet, geschlechtsspezifische Formulierungen zu verwenden. Soweit personenbezogene Bezeichnungen nur in männlicher Form angeführt sind, beziehen sie sich auf Männer und Frauen in gleicher Weise.

2 MacIntyre, Alasdair (1998) A Short History Of Ethics: A History of Moral Philosophy from the Homeric Age to the Twentieth Century (Second edition) London, UK, Routledge & Kegan Paul Ltd., S.168

3 Harris, Sam (2010) The Moral Landscape: How Science Can Determine Human Values, New York, USA, Simon & Schuster, Inc., (ePub) Kapitel: Notes (Addendum), Introduction: The Moral Landscape, 13. FuBnote

4 ebd. Chapter 1: MORAL TRUTH, nach FuBnote 17

5 ebd. Kapitel: Notes (Addendum), Chapter 1: Moral Truth, FuBnote 21

6 ebd. Kapitel: Notes (Addendum), Chapter 1: Moral Truth, FuBnote 16

7 ebd. Introduction: Facts and Values, nach 16.FuBnote

8 ebd. Kapitel: Notes (Addendum), Chapter 1: Moral Truth, FuBnote 20

9 MacIntyre, Alasdair (2007). After Virtue: A Study in Moral Theory (Third edition) Notre Dame, Indiana 46556, USA, Gerald Duckworth & Co. Ltd., (ePub) Chapter 7: ‘Fact', Explanation and Expertise, nach FuBnote 17

10 Paul Hoyningen-Huene: Systematicity: The Nature of Science. Oxford University Press, 2. Aufl. 2015, S. 2-6.

11 MacIntyre, Alasdair (2007). After Virtue: A Study in Moral Theory (Third edition) Notre Dame, USA, Gerald Duckworth & Co. Ltd., (ePub) Chapter 2: The Nature of Moral Disagreement Today and the Claims of Emotivism, Absatz beginnt mit: "A third salient characteristic..."

12 MacIntyre (2007) Chapter 7: ‘Fact', Explanation and Expertise, vgl. Absatz 1 und 2

13 ebd., vgl. Absatz 3

14 John L. Austin: Ein Plädoyer für Entschuldigungen. In: Analytische Handlungstheorie. Band 1. Handlungsbeschreibungen. (Hrsg.: G. Meggle). Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1985, 8-42, hier S. 22

15 Aristoteles (1907) Metaphysik, Ins Deutsche übertragen von Adolf Lasson, Jena: Eugen Diederichs, (ePub) vgl IV. Teil: Das begriffliche Wesen: 2. Der Wesensbegriff der Substanz und des Akzidentellen: Absatz 3

16 ebd., Erste Abteilung: Die Hauptstü>

17 ebd., IV. Teil: Das begriffliche Wesen: 4. Die Definition: vgl. Absatz beginnt mit: "Wir müssen zuerst..."

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Wahrheit und Werte. Über den Umgang mit grundlegenden philosophischen und ethischen Fragen der Gegenwart
Hochschule
Universität Wien
Note
1
Autor
Jahr
2018
Seiten
35
Katalognummer
V904877
ISBN (eBook)
9783346198068
ISBN (Buch)
9783346198075
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wahrheit Werte
Arbeit zitieren
Moritz Wondratsch (Autor), 2018, Wahrheit und Werte. Über den Umgang mit grundlegenden philosophischen und ethischen Fragen der Gegenwart, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/904877

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