Die Frauenfigur Lunete und die paradoxe Figurenkonstellation im "Iwein" von Hartmann von Aue


Hausarbeit, 2015

24 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Ausgangskonflikt
1.1.Iweins und Laudines gegenseitige Abhängigkeit
1.2. Iweins und Laudines gegenseitige Unerreichbarkeit
1.3.Lunete als Bindeglied

2. Endkonflikt
2.1.Iwein und Laudines gegenseitige Bedrohung
2.2.Zuspitzung der Widersprüchlichkeiten
2.3.Lunete als Konfliktlöserin

3. Lunete als höfische Figur
3.1.Lunete als Trägerin höfischer Werte
3.2.Lunete als Bewahrerin höfischer Werte

4. Lunete als Schachfigur des Erzählers

Conclusio

Literaturverzeichnis

Einleitung

Iwein, ein ruhmreicher Ritter der Artusrunde, findet sich, gefangen in einer fremden Burg, dem Hass der ansässigen Burgherrin und dem Zorn des Burgvolkes ausgeliefert. Wenig später heiratet ihn ebendiese Burgherrin, Laudine, und macht ihn damit auch noch zum Herrscher über ihren Besitz und das Volk. All das arrangiert ausgerechnet die engste Vertraute der Burgherrin, ihre Zofe Lunete, die damit sowohl Iwein als auch ihre Herrin aus großer Not rettet. Doch damit nicht genug, nachdem durch die Hochzeit zunächst eine ideale Situation für alle Beteiligten hergestellt ist, verliert Iwein die Gunst seiner Gemahlin wieder und erntet erneut ihren Zorn. Nach einem fordernden Weg des Helden, der ihn durch mehrere Abenteuer führt, gelingt eine Wiedervereinigung mit Laudine abermals nur durch das Eingreifen der Zofe.

Mit Lunete wird im höfischen Roman Iwein Hartmanns von Aue1 eine Figur präsentiert, an der sich die germanistische Forschung abarbeitet. Ihre Funktion für den Roman wurde dabei genauso kontrovers diskutiert, wie ihr Charakter unterschiedlichste Bewertungen erfahren hat. CARNE sieht in Lunete eine Vermittlerin, Richterin und Versöhnerin,2 die zeitweise als Symbol für Iweins Schuld eine Aufforderung zur ritterlichen Tat darstelle.3 SCHUSKY betont, dass neben den Funktionen der Vertrauten, Beschützerin und Vermittlerin, auch die der schalkhaften, listigen Dienerin deutlich ausgestaltet sei.3 Als bewusst unhöfischer Kontrast zu den Wertvorstellungen des Artushofes4 sei Lunete, nach ZUTT, die Lenkerin der Handlungen Laudines und Iweins, die diese von höfischem Verhalten abbringe.6 Von BRAUNAGEL wird sie gar als alter ego Laudines gesehen,5 als sozialethische Kontollinstanz für Iwein, sowie als der Geschichte treibende Kraft im Hintergrund.8

DIMPEL spricht Lunete die weibliche Hauptrolle des Romans zu, den eigentlichen Aktivposten.6 Während CARNE und BRAUNAGEL den Charakter Lunetes durchwegs positiv werten, sie als Idealbild weiblicher Tugenden10 und moralethische Leitgestalt7 sehen, stellt SCHUSKY ihrer grundsätzlich positiven Wertung die Lesart der überlegenen Intrigantin hinzu.8 Ein, gemessen an den Werten des Hofes, negatives Bild zeichnet ZUTT, die Lunetes unhövescheit in den Vordergrund stellt,9 und auch DIMPEL relativiert die positive Sichtweise auf Lunete, indem er ihr Verhalten mit Eigennutz begründet.10 Einigkeit herrscht in der Forschung bezüglich Lunetes herausragender Rolle und Wichtigkeit für den Roman.

Die vorliegende Arbeit soll einen Zugriff auf die Funktion der scheinbar widersprüchlichen Figur Lunete bieten, der einen neuen Blickwinkel auf die Bewertung ihres Charakters erlaubt. Es soll gezeigt werden, dass Lunete eine konsistent höfische Figur ist, durch deren geschickten Einsatz der Erzähler das widersprüchliche Abhängigkeitsverhältnis zwischen Iwein und Laudine in eine Partnerschaft als Landesherrscher auflöst. Dazu soll im ersten Kapitel, bezogen auf den Ausgangskonflikt, die gegenseitige Abhängigkeit Iweins und Laudines aufgewiesen werden. Im Anschluss soll die Paradoxie dieses

Abhängigkeitsverhältnisses herausgearbeitet werden, um dann zu zeigen, wie es sich durch Lunetes Handeln in eine glückliche Ehegemeinschaft wandelt. Dabei soll auch Lunetes eigene Verstrickung in die Abhängigkeiten dargestellt werden. Das zweite Kapitel soll, nun bezogen auf den Endkonflikt, in gleicher Reihenfolge das Fortbestehen der inzwischen zur Bedrohung gewordenen Abhängigkeiten, die darin liegende Paradoxie und die Auflösung durch Lunete aufzeigen. Dass Lunete den ganzen Roman über eine ungebrochen höfische Figur ist, soll im dritten Kapitel zunächst anhand der höfischen Tugenden, die Lunete selbst verkörpert, aufgezeigt werden, und anschließend von der Darstellung Lunetes als Bewahrerin der höfischen Tugenden anderer Figuren gestützt werden. Im letzten Kapitel sollen die

Ergebnisse der vorausgehenden Abschnitte genutzt werden, um die Intention hinter Lunetes Handeln auf der Erzählerebene zu verorten und sie damit als Instrument des Erzählers zur Vermittlung zwischen Iwein und Laudine zu identifizieren.

Die Arbeit legt dem Roman das Leitthema der Schwierigkeit, Artusritterschaft und Landesherrschaft zu vereinen, zugrunde, wobei das Ende, das einen Artusritter als glücklichen Landesherrn zeigt, als zu erstrebender Sollzustand angesehen wird.

1. Ausgangskonflikt

Im Folgenden soll besonders auf die Szenenfolge von Iweins Gefangenschaft bis zur Hochzeit mit Laudine eingegangen werden. Iwein erlebt Kalogrenants Aventiure nach, ist im Gegenteil zu diesem aber dem Quellenverteidiger im Kampf überlegen. Als Askalon, der Quellenverteidiger, tödlich verwundet in seine Burg fliehen will, setzt Iwein ihm nach, aus Angst davor, ohne Zeugnis für seinen Sieg am Artushof verspottet zu werden. Askalon entkommt ihm knapp und Iwein ist in einem Vorraum zur Burg gefangen. In dieser Situation kommt eine Magd zu ihm in den Raum, von der er erfährt, dass er den Burgherren getötet hat und das Burgvolk nun auf Rache aus ist. Die Magd erklärt jedoch, dass Iwein ihr bei einer vergangenen Reise an den Artushof dort als Einziger den Gruß erwiesen hat, und sie ihm deshalb in seiner aussichtlosen Lage helfen wolle. Sie gibt Iwein einen Ring der ihn unsichtbar macht, sodass er vom aufgebrachten Burgvolk nicht gefunden wird, und sorgt für seine Bewirtung. Der unsichtbare Iwein trifft auf die Gattin des erschlagenen Königs, Laudine, und entbrennt in Minne zu ihr. Als die Magd Iwein die Flucht ermöglicht, er aber ablehnt, durchschaut sie sein Motiv und bemüht sich nun darum ihn zum Herrn über die Burg zu machen. Als engste Vertraute der Königin vermittelt sie nun zwischen ihr und Iwein. Schließlich stimmt Laudine einer Heirat mit Iwein zu und er wird Burgherr. Wenig später kann er die Quelle erfolgreich gegen den Artushof verteidigen, der, unwissend um Iweins Verbleib, ebenfalls nach Rache für Kalogrenant suchend, an die Quelle gekommen ist. Iwein bekommt vom Artushof für den Erwerb von Frau und Land êre zugesprochen, und auch Laudines Ansehen wird durch die Bewirtung Königs Artus´ gesteigert.

An diesem Handlungsabschnitt soll gezeigt werden, dass Iwein und Laudine nach dem Tod Askalons völlig voneinander Abhängig sind, weil sie jeweils die Einzigen sind, die die Not des anderen tilgen können. Gleichzeitig bestehen für die beiden unüberwindbare Hindernisse sich einander anzunähern. Lunetes Wirken, das zur Lösung dieses Konflikts führt, soll erläutert werden, und anschließend sollen, unter Einbezug der Fristversäumnis Iweins und des weiteren Geschicks Lunetes, die Konsequenzen, die sich daraus für sie ergeben, verdeutlicht werden.

1.1.Iweins und Laudines gegenseitige Abhängigkeit

Jeden Ausweg von einem slegetor versperrt vorfindend, ist Iwein als Gefangener (Vv, 112329) grundsätzlich dem Herrscher der fremden Burg ausgeliefert. Wenige Verse später erfährt man durch Lunete vom Tod Askalons und dem Rachegelüst der Burgherrin und des Volkes (Vv. 1159-68). Damit ist Iweins Leben unmittelbar in Gefahr. Sein Leben wird objektiv durch den Ring Lunetes vorerst geschützt, doch ist für Iwein der Mangel eines Zeugnisses (eines schînlichen ding [ ] V. 1526) des Sieges über Askalon schlimmer als die Auslieferung in der Gefangenschaft (Vv. 1130-34).

Bis hierhin ist Iwein von Laudine lediglich aufgrund ihrer Funktion als Burgherrin abhängig. Das ändert sich, nachdem Iwein sie zu sehen bekommt, denn beim Anblick der trauernden Witwe entbrennt in Iwein die Minne zu ihr (Vv. 1331-39). Im Zustand der tödlichen Verwundung durch die Minne (Vv.1544-47) sieht Iwein sich verloren, wenn er nicht auch ihre Minne gewinnen sollte (Vv. 1646-53). Der Held sieht sich nun also drei Nöten ausgesetzt: Seine Leben ist durch den Rachewunsch Laudines und des Burgvolkes bedroht, er braucht einen Siegesbeweis um vor dem Artushof nicht dem Spott ausgesetzt zu sein (Vv. 1530-33), und die Minne der Dame, diu im zu tôde was gehaz (V. 1543), ist für ihn überlebenswichtig geworden.

Schon vor Laudines erstem Auftritt, wird bei Kalogrenants Aventiure-Erzählung die Angreifbarkeit ihres Landes durch die Quelle offenbar, und damit auch die Notwendigkeit zur Verteidigung. Neben dem Wald, mitsamt seinen Vögeln und dem Wild, als Teil des Besitzes (Vv. 717-19), steht auch eine wohlhabende Burg (Vv. 1135-44) mitsamt dem Gesinde auf dem Spiel. Wie aus dem Dialog mit Lunete hervorgeht, ist unter Laudines Volk kein geeigneter Verteidiger zu finden (Vv. 1844-53). Der materielle Besitz selbst scheint einen von außen kommenden Helden zu fordern, der ihn verteidigt, da auch die Gewalt an der Quelle von außen ausgelöst wird, und kein Ritter aus dem ingesinde zur Verfügung steht.11 Aus der Information Lunetes, dass der Artushof in kurzer Zeit an der Quelle erscheinen wird (Vv. 1834-53), geht hervor, dass nicht nur eilig ein Landesverteidiger gefunden werden muss, sondern dieser auch noch die Qualität besitzen muss, es im Kampf mit einem Artusritter aufnehmen zu können. Da Askalon mit Kalogrenant einen Artusritter besiegen konnte, muss Laudine wissen, dass der Ritter, der ihren Gatten erschlagen hat, qualitativ zur Verteidigung der Quelle geeignet ist. Nachdem sie Askalon bis zu dessen Tod für den vortrefflichsten aller Ritter gehalten hat (Vv. 1808-10), muss sie den Mörder ihres Gatten auch für den einzigen ebenbürtigen Verteidiger halten. Objektiv gesehen ist Iwein schon deshalb ein würdiger Kontrahent, weil er selbst ein Artusritter ist, und zwar der Einzige, der gerade nicht die Absicht hat, die Quelle anzugreifen. Auch hat sich schon am Ausbleiben des Grußes der Abgesandten Laudines gezeigt, dass kein anderer Artusritter sich für die Belange des Laudinereichs interessiert. Da Laudine als Frau selbst nicht zur Verteidigung in der Lage ist (Vv. 2058-61), besteht ihre größte Not darin, bis zum Eintreffen des Artushofes einen starken Ritter finden zu müssen, der ihren Besitz und damit ihr Ansehen verteidigt.

Weil allein Laudine Iwein aus seiner Not retten kann, wie auch nur Iwein zu Laudines Rettung in Betracht kommt,12 besteht für sie eine gegenseitige Abhängigkeit voneinander.

1.2. Iweins und Laudines gegenseitige Unerreichbarkeit

Iweins Leben ist durch den unsichtbar machenden Ring eigentlich schon gerettet, als er in Minne zu Laudine fällt. Dabei spielt ihr nach außen getragenes Leid eine erhebliche Rolle:

Swâ ir der lîp blôzer schein, da ersach sî der her Îwein: dâ was ir hâr und ir lîch sô gar dem wunsche gelîch daz im ir minne verkêrten die sinne, daz er sîn selbes gar vergaz und daz vil kûme versaz sô sî sich roufte unde sluoc. (Vv. 1331-39)

Was die Minne hervorruft, ist der Anblick ihres entblößten Körpers, an den Stellen an denen Sie ihre Kleidung aus Trauer zerrissen hat. Die starke Trauer, die der Tod ihres Gatten in ihr auslöst, demonstriert außerdem ihre triuwe zu ihm. Über den Tod hinaus fühlt sie sich ihm zu Treue verpflichtet, sodass sie Besitz und Leben aufzugeben wünscht, um weiterhin mit ihm vereint sein zu können (Vv. 1462-65). Hieran lässt sich ihr stæter moute ablesen, der für einen Artusritter eine nützliche Eigenschaft an Frauen darstellt, wie sich später an Gaweins Rat an Iwein heraustellt (Vv. 2890-93). Mit der Trauer, die mit dem Hass auf den Mörder Askalons einhergeht, und der an den Tag gelegten triuwe, die Laudine anderen Männern gegenüber verschließt, stellen also die Entstehungsgründe für Iweins Minne zu Laudine, und damit der Abhängigkeit von ihr, gleichzeitig die Gründe dar, die eine Vereinigung mit ihr unmöglich machen. Die Hinderungsgründe werden verstärkt durch die Wechselwirkung ihrer Eigenschaften mit ihrem Ansehen in der Öffentlichkeit, hier in Form ihres Gesindes gegeben, durch das sie sich als Herrscherin legitimieren muss. Auch ihr Gesinde sinnt auf Rache für Askalon und erwartet Treue gegenüber ihrem Gatten.

Aus Laudines Perspektive ist es die sterke und die vrümekeit Iweins, derer sie zur Verteidigung ihres Landes nun am nötigsten bedarf. Diese Eigenschaften hat Iwein aber eben dadurch gezeigt, dass er ihr den König erschlagen hat, was es ihr verbietet eine positive Beziehung zu ihm zu unterhalten. Weiterhin sorgt Iweins vrümekeit dafür, dass er nicht kampflos aus der Burg zu fliehen bereit ist. Ein Kampf gegen das weit überzählige Burgvolk würde allerdings Iweins Tod bedeuten.

Die Paradoxie der Situation, in der sich Iwein und Laudine damit befinden, besteht also darin, dass die Abhängigkeit des Einen vom Anderen dieselben Gründe hat, die sie einander unerreichbar werden lassen.

1.3.Lunete als Bindeglied

1.3.1. Lunete als Konfliktlöserin

Gerade als Iwein erkennt, dass es zwischen den slegetoren keinen Ausweg für ihn gibt, tritt Lunete, eine rîterlîche maget (V. 1153), zu ihm in den Raum. Sie eröffnet ihm, dass er Askaolon getötet hat und sich nun durch den Zorn der Burgherrin und des Gesindes in Lebensgefahr befindet (Vv. 1159-68). Dabei verortet sie sich durch die Anredeformen mînen herrn (V. 1159) für Askalon und mîner lieben vrouwen (V. 1161) für Laudine klar als Untertänige des Laudinehofs, erklärt jedoch gleich darauf, dass sie Iwein trotzdem nicht gehaz ist (V. 1179). Das Begründet sie mit der Erzählung von einem Botengang an den Artushof, bei dem ihr von niemandem Beachtung entgegengebracht worden ist, außer von Iwein, der sie sogar gegrüßt hat. Diese Ehrerweisung will sie ihm vergelten, indem sie ihm einen unsichtbar machenden Ring gibt, damit er nicht vom wütenden Burgvolk gefunden wird. Bevor sie wieder zu dem Volk zurückkehrt, heißt sie Iwein noch auf einem königlichen Bett sitzen und versorgt ihn mit Speise und Getränk (Vv. 1211-28). Durch Lunetes erstes Eingreifen in die Handlung kommt es also, dass Iwein, der nun seinem Stande angemessen versorgt ist, vorerst nicht den sicheren Tod im Kampf findet, was sein ritterliches Gemüt durchaus von ihm fordert (Vv. 1169-71).

Unsichtbar kann er nun beim vorbeiziehenden Leichenzug Laudine beobachten, woraufhin er in Minne zu ihr entbrennt. Beim nächsten Auftreten Lunetes öffnet sie ein Fenster für Iwein und ermöglicht ihm so den Blick auf die am Grab trauernde Laudine. Von deren Trauer ergriffen will Iwein sein Versteck verlassen, um zu ihr zu gehen, wovon Lunete ihn abhalten muss. Ihre Erklärung, dass er sein Leben verlieren würde, wenn er nicht auf sie höre (Vv.1490-91), macht klar: Ohne Lunete kann sich Iwein Laudine nicht annähern. Nachdem Lunete während der dritten Begegnung schließlich die Minne Iweins zu ihrer Herrin bemerkt, steht ihr der muot danach ihn zum Herrscher zu machen (Vv.1786-87). Iwein, dem selbst die Hände gebunden sind, wird jetzt die Aufgabe der Werbung um Laudine von Lunete abgenommen. Als diu næhest und diu beste (V. 1792) der Königin, legt sie ihr im Dialog die Gründe dar, die es für Laudine notwendig machen den Mörder Askalons qua Heirat zur Quellenverteidigung zu gewinnen. Auf diese Weise werden die Argumente von außen an Laudine heran getragen, deren eigene Gedanken weiterhin ausschließlich auf das treue Trauern gerichtet sind. Indem sie von einer anderen Figur mit der Idee der objektiv notwendigen Heirat konfrontiert wird, kann sie mit Empörung reagieren, womit sie ihre triuwe bekräftigt. Ihre Entscheidungsfindung, die nach dem Fortschicken Lunetes von Laudine allein vorgenommen wird, ist nun neben den faktischen Argumenten auch vom Rat ihrer Vertrauten gestützt. Da diese ihr bisher noch nie schlechten Rat zukommen lassen hat (Vv. 2019-24) und außerdem das Geschick der Herrin teilt (Vv. 1949-53), muss die angeratene Heirat für Laudine das Richtige sein. Den Namen Iweins, aus dem hervorgeht, dass Laudines Ansehen durch die Vermählung mit ihm wächst (Vv. 2109-14), erfährt sie erst nachdem ihre Entscheidung gefallen ist (Vv. 2058-72), wodurch ihr nicht der Vorwurf der Eigennützigkeit entgegengebracht werden kann.

Lunete erhält nun in ihrer Funktion als Zofe den Auftrag Iwein an den Hof holen zu lassen, was auch nur ihr möglich ist, da sie die einzige ist, die seinen wahren Aufenthaltsort kennt. Bevor sie den vorgespielten Botengang in die Wege leitet vergisst sie nicht, ihrer Zofenrolle getreu, Laudine auf den formal nötigen Einbezug der liute in die Frage der Gattenwahl hinzuweisen.

Bevor das Paar nun aufeinandertrifft, behauptet Lunete Iwein gegenüber, ihre Herrin sei über dessen Anwesenheit erzürnt, was ihn bei der Begegnung eine demütige Haltung einnehmen lässt. Diese, in Verbindung mit dem Hinweis Lunetes auf seine Schuld gegenüber Laudine, lässt ihn ihr zu Füßen fallen und um Verzeihung bitten. Die Vermittlung Lunetes lässt also, anstatt einem frohlockenden Iwein und einer heiratswilligen Laudine, einen reuigen Ritter auf eine gekränkte Dame treffen, die im Folgenden ihre Beziehung in eigener Verantwortung verhandeln können.

[...]


1 Textgrundlage dieser Arbeit ist: Hartmann von Aue: Iwein. Text der siebenten Ausgabe von G. F. Benecke, K. Lachmann und L. Wolff Übersetzung und Nachwort von Thomas Cramer. 4., überarbeitete Auflage. Berlin/New York: de Gruyter 2001.

2 Vgl. Carne, Eva-Maria: Die Frauengestalten bei Hartmann von Aue. Ihre Bedeutung im Aufbau und Gehalt der Epen. Marburg/Lahn: Elwert 1970 (= Marburger Beiträge zur Germanistik 31), S.40. 3 Ebd., S. 101.

3 Vgl. Schusky, Renate: Lunete – eine `kuplerische Dienerin´? In: Euphorion. Zeitschrift für Literaturgeschichte 71 (1977) S. 46.

4 Vgl. Zutt, Herta: Die unhöfische Lunete. In: Chevaliers errants, demoiselles et l´Autre : höfische und nachhöfische Literatur im europäischen Mittelalter. Festschrift für Xenja von Ertzdorf zum 65. Geburtstag. Hrsg. von Trude Ehlert. Göppingen: Kümmerle 1998 (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik 644), S.109. 6 Ebd., S. 120.

5 Vgl. Braunagel, Robert: Die Frau in der höfischen Epik des Hochmittelalters. Entwicklungen in der literarischen Darstellung und Ausarbeitung weiblicher Handlungsträger. Ingolstadt: Publishers Consults Ltd. 2001, S. 49. 8 Ebd., S.41.

6 Vgl. Dimpel, Friedrich Michael: Die Zofe im Fokus. Perspektivierung und Sympathiesteuerung durch Nebenfiguren vom Typus der Confidente in der höfischen Epik des hohen Mittelalters. Berlin: Erich Schmidt 2011 (= Philologische Studien und Quellen 232), S. 222. 10 Vgl. CARNE, wie in Anm. 2, S. 40, sowie BRAUNAGEL, wie in Anm. 7, S. 42.

7 Vgl. BRAUNAGEL wie in Anm. 7, S. 42.

8 Vgl. SCHUSKY, wie in Anm. 4, S. 41-45.

9 Vgl. ZUTT, wie in Anm. 5, S. 109.

10 Vgl. DIMPEL, wie in Anm. 9, S. 208.

11 Vgl. Schweier, Thomas: Feudalismus in den Artusepopöen Hartmanns von Aue? Kritik der Schriften Otto Brunners im Rahmen sozialgeschichtlicher Interpretationen. Würzburg: Königshausen & Neumann 2004. (= Epistemata. Würzburger wissenschaftliche Schriften. Reihe Literaturwissenschaft 503), S. 290. Siehe dazu auch: Zinsmeister, Elke: Literarische Welten. Personenbeziehungen in den Artusromanen Hartmanns von Aue. Frankfurt am Main: Lang 2008 (= Lateres. Texte und Studien zu Antike, Mittelalter und früher Neuzeit 6), S. 119.

12 Die Ritter des Artushofes sind die einzigen abkömmlichen Kämpfer, die im Roman erwähnt werden. Wie aus der Gründen Iweins dafür, sich heimlich vorab zur Quelle zu begeben, hervorgeht, ist mit Gawein als Herausforderer zu rechnen. Dieser erweist sich in der Episode von Guinovers Entführung als der stärkste der Artusritter, im Kampf für die Schwestern vom Schwarzen Dorn allerdings nicht stärker als Iwein. Die Behauptung ZIMMERMANNs Iwein sei nur der Argumentation Lunetes nach, nicht aber objektiv der einzige taugliche Ritter, ist also am Text nicht zu belegen. Vgl. Zimmermann, Tobias: Den Mörder des Gatten heiraten? Wie ein unmöglicher Vorschlag zur einzig möglichen Lösung wird – der Argumentationsverlauf im Dialog zwischen Lunete und Laudine in Hartmanns Iwein. In: Formen und Funktionen von Redeszenen in der mittelhochdeutschen Großepik. Hrsg. von Nine Miedema/Franz Hundsnurscher. Tübingen: Niemeyer 2007 (= Beiträge zur Dialogforschung 36), S. 222. Gleiches behauptet SCHUSKY, wie in Anm. 4, S.32.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Frauenfigur Lunete und die paradoxe Figurenkonstellation im "Iwein" von Hartmann von Aue
Hochschule
Universität Bayreuth
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
24
Katalognummer
V906263
ISBN (eBook)
9783346191809
ISBN (Buch)
9783346191816
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hartmann von Aue, Iwein, Lunete, Frauenfiguren, Laudine
Arbeit zitieren
Julien Zigan (Autor), 2015, Die Frauenfigur Lunete und die paradoxe Figurenkonstellation im "Iwein" von Hartmann von Aue, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/906263

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