Entlang von Sprachgrenzen hat es schon immer bilinguale Ehen gegeben, und somit auch zweisprachig aufwachsende Kinder. Im heutigen Zeitalter der zunehmenden Mobilität, der weltweiten Migrationsbewegungen und weltumspannenden Kommunikation steigt die Zahl der bilingualen, binationalen und bikulturellen Eheschliessungen. So leben gegenwärtigen Schätzungen zufolge in der Bundesrepublik sieben Millionen Familien, deren Mitglieder einen unterschiedlichen kulturellen, ethnischen und damit auch sprachlichen Hintergrund haben. Diese Zahl ist tendenziell immer noch steigend, und somit steigt auch die Anzahl der Kinder, die in einer zweisprachigen und bikulturellen Situation aufwachsen. In der vorliegenden Arbeit wird die Frage behandelt, inwiefern der bilinguale familiäre Hintergrund die Identitätsbildung von Kindern oder Jugendlichen beeinflusst, und zwar von Kindern und Jugendlichen, die von Geburt an zwei verschiedenen Sprachen ausgesetzt sind. Im Folgenden wird die Frage behandelt werden, inwiefern der bilinguale familiäre Hintergrund die Identitätsbildung von Kindern oder Jugendlichen beeinflusst, und zwar von Kindern und Jugendlichen, die von Geburt an zwei verschiedenen Sprachen ausgesetzt sind, deren Eltern also zwei verschiedene Muttersprachen besitzen. Dabei wird es unumgänglich sein, dem Begriff der Kultur und der kulturellen Zugehörigkeit ein grosses Gewicht beizumessen, heisst doch bilingual aufwachsen auch bikulturell aufwachsen. Es ist zwar möglich, in einer bikulturellen Situation monolingual aufzuwachsen, so beispielsweise wenn beide Elternteile Spanisch sprechen, die Mutter aber Spanierin und der Vater Chilene ist, aber es ist unter den obengenannter Voraussetzungen nicht möglich, dass ein Kind zweisprachig in einer monokulturellen familiären Umgebung aufwächst. Sprache ist Ausdrucksmittel und wichtiges Merkmal einer Kultur, und ich behaupte, dass sich „Kulturgrenzen“ eher an Sprach- als an politische Grenzen halten, man denke an das Beispiel der Kurden, aber auch an das Beispiel Schweiz: bei eidgenössischen Abstimmungen klaffen die Resultate oft in frappierender Weise entlang der Sprachgrenze zwischen französisch- und deutschsprechender Schweiz auseinander, und es ist sicherlich nicht an den Haaren herbeigezogen, dies als Ausdruck von zwei verschiedenen Kulturen zu werten.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 FRAGESTELLUNG UND THEMENEINGRENZUNG
3 DEFINITIONEN WICHTIGER GRUNDBEGRIFFE
3.1 Identität
3.2 Soziale Identität
3.3 Kulturelle Identität
3.4 Ethnische Identität
3.5 Zweisprachigkeit, Bilingualität
3.6 Arbeitsdefinitionen
4 BILINGUALITÄT ALS BÜRDE
4.1 Die Sapir-Whorf-Hypothese
4.2 Frühe Zweisprachigkeit als pathologische Erscheinung
4.3 Politisierung kultureller Unterschiede
5 IDENTITÄT ZWISCHEN ZWEI KULTUREN – BÜRDE UND CHANCE
5.1 Identitätsbildung in modernen Gesellschaften
5.2 Bi-Identität
5.3 Schwierigkeiten bei der Bildung einer bikulturellen Identität
6 BILINGUALITÄT ALS CHANCE
7 SCHLUSSFOLGERUNGEN UND AUSBLICK
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern ein bilingualer familiärer Hintergrund die Identitätsbildung von Kindern und Jugendlichen beeinflusst. Dabei wird der Frage nachgegangen, ob die doppelte sprachliche Zugehörigkeit zwingend zu Identitätskonflikten führt oder ob sie vielmehr als Chance für eine multikulturelle Handlungsfähigkeit verstanden werden kann.
- Bilingualität und Identitätsentwicklung
- Kulturelle versus ethnische Identität
- Kritische Analyse der "Pathologiehypothese"
- Die Bedeutung von Prestige und sozialem Umfeld
- Multikulturelle Handlungsfähigkeit in modernen Gesellschaften
Auszug aus dem Buch
4.2 Frühe Zweisprachigkeit als pathologische Erscheinung
In der frühen Zweisprachigkeitsforschung wurde Bilingualität als etwas Unnatürliches und die Entwicklung des Kindes Schädigendes betrachtet (Brohy 1992). Blocher (1909, S. 13), ein Schweizer Verfechter der Pathologiehypothese, ist der Meinung, dass es bei der Aneignung der Zweisprachigkeit „ohne sittliche Schädigung“ nicht abgehe. Auch Braunshausen (1928, zitiert nach Brohy 1992, S. 169) ist von der potentiell schädigenden Wirkung der frühen Zweisprachigkeit überzeugt: „...il est permis d’affirmer que les enfants intelligents seuls sont capables de supporter sans autre dommage l’épreuve du bilinguisme complet.“ Eine weitere negative Stellungnahme stammt von Müller (1966, zitiert nach Brohy 1992, S. 103): „Nach übereinstimmender Auffassung der Psychologen und Pädagogen bezahlen die meisten Zweisprachigen einen hohen Preis dafür, dass sie gleich mit zwei Muttersprachen gross werden." Auch noch 1981 schreibt Sonderegger (1981, zitiert nach Brohy 1992, S. 213): "Echter Bilingualismus (...) ist keinesfalls ein zu empfehlender Allgemeinzustand, da die Meisterung von zwei gleichwertigen Muttersprachen hohe bis höchste Sprachintelligenzansprüche stellt und nicht selten zu einer Identitätskrise führt.“
Ein anderer Ausdruck für Sondereggers „Identitätskrise“ ist Anomie. Die Verfechter der Pathologiehypothese nehmen an, dass Zweisprachigkeit zu einem Zustand der Isolation und Desorientierung, zu Verlust von Normen, Werten und Identität führen kann. „Eine anomische Person fühlt sich (...) weder in der einen noch in der anderen Kultur zu Hause und kann sich mit keiner identifizieren“ (Brohy 1992, S. 213). Eine solche Person ist unfähig „to resolve the conflicting demands made by his two cultures“ (Hamers/Blanc, 2000, S. 367). Das Gleiche drückt wohl Erikson mit seinem Bild der Identitätsdiffusion aus, welche entsteht, wenn an junge Menschen Anforderungen von verschiedensten Seiten gestellt werden, die sie nicht bewältigen können.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Die Einleitung beleuchtet die Zunahme bilingualer und binationaler Eheschließungen sowie die damit wachsende Anzahl zweisprachig aufwachsender Kinder im Kontext zunehmender Mobilität.
2 FRAGESTELLUNG UND THEMENEINGRENZUNG: Hier wird die zentrale Forschungsfrage nach dem Einfluss des bilingualen Hintergrunds auf die Identitätsbildung formuliert und die enge Verknüpfung von Sprache, Kultur und Zugehörigkeit theoretisch verortet.
3 DEFINITIONEN WICHTIGER GRUNDBEGRIFFE: In diesem Kapitel werden theoretische Konzepte wie Identität, soziale Identität, kulturelle und ethnische Identität sowie verschiedene Formen der Zweisprachigkeit definiert und für die Arbeit operationalisiert.
4 BILINGUALITÄT ALS BÜRDE: Das Kapitel analysiert kritisch ältere wissenschaftliche Ansätze, die Zweisprachigkeit mit Persönlichkeitsstörungen, Identitätskrisen und kultureller Zerrissenheit in Verbindung brachten.
5 IDENTITÄT ZWISCHEN ZWEI KULTUREN – BÜRDE UND CHANCE: Dieser Teil beleuchtet Identitätsbildung in modernen Gesellschaften, das Konzept der Bi-Identität und zeigt auf, dass Probleme oft eher aus dem sozialen Umfeld als aus der Zweisprachigkeit selbst resultieren.
6 BILINGUALITÄT ALS CHANCE: Hier werden die positiven Aspekte wie kognitive Flexibilität, Toleranz und multikulturelle Handlungsfähigkeit hervorgehoben, die durch das Aufwachsen mit zwei Sprachen gefördert werden können.
7 SCHLUSSFOLGERUNGEN UND AUSBLICK: Das Fazit stellt fest, dass Bilingualität keine zwangsläufige Belastung darstellt, sondern bei förderlichen Rahmenbedingungen eine wichtige Voraussetzung für interkulturelle Kompetenz in einer globalisierten Welt bietet.
Schlüsselwörter
Identitätsbildung, Bilingualität, Bikulturalität, Identitätsdiffusion, Anomie, Sapir-Whorf-Hypothese, moderne Identität, interkulturelle Kompetenz, multikulturelle Gesellschaft, Sprachgrenzen, Sozialprestige, Persönlichkeitsentwicklung, ethnische Identität, binationale Familien.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen einem zweisprachigen familiären Hintergrund und der Identitätsbildung von Kindern und Jugendlichen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die Schwerpunkte liegen auf den Auswirkungen von Bilingualität auf das Selbstkonzept, der Abgrenzung von kultureller und ethnischer Identität sowie der Kritik an der historischen Annahme, dass Zweisprachigkeit pathologische Auswirkungen habe.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die zentrale Frage ist, inwiefern die bilinguale Sozialisation die Identitätsbildung beeinflusst und ob sie eher eine Belastung (Bürde) oder eine Bereicherung (Chance) darstellt.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse und wertet diverse sozialwissenschaftliche Studien und qualitative Interviews aus, um die theoretischen Hypothesen zu überprüfen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Definition der Begriffe, eine kritische Auseinandersetzung mit der "Pathologiehypothese" und eine Analyse der Chancen und Herausforderungen bikultureller Identitätsentwicklung in modernen Gesellschaften.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die wichtigsten Begriffe sind Identitätsbildung, Bilingualität, Bi-Identität, Multikulturalität und soziale Anerkennung.
Welche Rolle spielt das Ansehen der Sprache (Prestige) für die Identität?
Das Prestige einer Sprache in der Umgebung spielt eine entscheidende Rolle: Sprachen mit hohem gesellschaftlichen Ansehen unterstützen eine positive Identifikation, während stigmatisierte Sprachen oder Herkünfte Identitätskonflikte provozieren können.
Führt Zweisprachigkeit zwingend zu Identitätskrisen?
Nein. Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass negative Auswirkungen nicht zwangsläufig aus der Bilingualität resultieren, sondern primär von sozialen Faktoren, gesellschaftlicher Wertschätzung und der individuellen Familiensituation abhängen.
Warum ist das "deutsch-westafrikanische" Beispiel für die Analyse relevant?
Es verdeutlicht, dass in Fällen, in denen äußere Merkmale wie die Hautfarbe stark von der Norm abweichen, Identitätskonflikte oft weniger durch die Sprache, sondern durch die Wahrnehmung der Umwelt ausgelöst werden.
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- M.A. Amanda Zwahlen (Author), 2001, Identitätsbildung bei Kindern aus bilingualen Familien, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90662