Feminismus. Ewa Partum und die Entstehung von "Self-Identification"


Hausarbeit, 2019

23 Seiten

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Forschungsstand

EwaPartumund die Entstehung von Self-Identification

Fazit

Literatur

Abbildungen

Einleitung

In der Kunstgeschichte war das Bild des Korpers auch immer das Abbild seiner sozialen Identitat. Die Geschichte, Kultur und Politik der jeweiligen Jahrhunderte (bzw. Jahrzehnte) spiegelt sich in den Abbildungen der Korper wider und zeigt gleichzeitig die gesellschaftlichen Normen und Werte der damaligen Zeit auf. Eben diese Vorgeschichte war es, die den Kunstlerinnen der 1970er Jahre in Polen den Weg fur eine feministische Auseinandersetzung mit der Kunst ebnete. Der Feminismus existierte nicht als gesellschaftliche Bewegung, denn er basierte noch auf keinen Theorien. Dennoch wurde versucht, in dieser ersten Phase feministischer Interventionen gangige Blickweisen und kulturelle Konstrukte zu relativieren und die Frau von dem patriarchalischen Mannerbild zu befreien. Eine der Vorreiterinnen dieser, in Polen neuen Bewegung, war Ewa Partum.

Partum war in den siebziger und achtziger Jahren eine der wenigen polnischen Kunstlerinnen, die ihre feministischen Ansichten offen zum Ausdruck brachte und in ihre Kunst einbezog. Jedoch wurden ihre Arbeiten in einer von Mannern dominierenden Kunstwelt immer wieder der Zensur unterworfen. Im Laufe der Jahre wurden ihre Auftritte radikaler, mit ihren offentlichen Arbeiten bezog sie klar Stellung zur Rolle der Frau im Sozialismus.

1980 stellt Ewa Partum ihre Arbeit Self-Identification in der Mala Galeria in Warschau vor. Die in der Ausstellung gezeigten Fotocollagen, in denen sie ihre nackte Prasenz an offentlichen Orten simuliert, erwecken den Eindruck, als positioniere sich die vollig entbloBte Kunstlerin tatsachlich an verschiedenen Orten in Warschau.

In der vorliegenden Arbeit soil der Begriff des Feminismus an Partums Arbeit Self-Identification naher beleuchtet werden. Dabei werden unter anderem die Entwicklung von Ewa Partum sowie einige Stationen ihres kunstlerischen Schaffens betrachtet. Urn einen groben Uberblick zu erhalten, soil auBerdem auf den bisherigen Forschungsstand rekurriert werden. Notwendig scheint an dieser Stelle auch ein kompakter Ruckblick auf das Frauenbild der siebziger Jahre in Polen. Dem folgt eine genaue Bildbeschreibung der 12 Motive. Diese Motive werden des Weiteren im Hinblick auf den Begriff des Feminismus analysiert. Den Abschluss dieser Arbeit bildet das Fazit, in dem unter anderem auch auf mogliche weitere Fragestellungen eingegangen werden soil.

Forschungsstand

2007 rief die Kunsthistorikerin Bojana Pejic ein Forschungsprojekt ins Leben, welches sich mit den Rollenbildern und geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Kunst nach 1945 beschaftigte. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchten hierbei die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Kunst Osteuropas in den ehemaligen sozialistischen Landern. Die Ergebnisse wurden im Ausstellungskatalog Gender Check1 festgehalten. Als weiterer Schritt, erschien eine deutsche Ausgabe der Texte mit dem zusatzlichen Titel Rollenbilder in der Kunst Osteuropas2 Das Projekt Gender Check wurde noch weitergefuhrt: Im Jahr 2010 fand das Symposium Gender Check-Narratives and Exhibition Practices in Wien statt.3

Die Kunsthistorikerin Lisa Tickner hat in ihrer Publikation Feminism, Art History and Sexual Difference die Herausforderungen fur den Feminismus in der Kunstgeschichte untersucht. Ihrer Auffassung nach existiert so etwas wie eine feministische Kunstgeschichte nicht. Es handele sich vielmehr urn eine feministische Problematik in der Kunstgeschichte.4

Ewa Majewska versucht sich an ihrem Text Ewa Partum or feminism that is yet to come an einer sozio-feministischen Interpretation von Partums Self-Identification. In ihrem Beitrag bezieht sie sich immer wieder auf Piotr Piotrowski und versucht seinen Ansatz zu widerlegen. Dieser merkte in seinem Buch Art and Democracy in Post-Communist Europe an, dass die Kunst von Ewa Partum nicht als feministisch betrachtet werden kann, weil ihre Kunst nicht in den feministischen Diskurs eingetaucht sei. Majewska postuliert, dass die Fotografien im Self-Identification-Zyklus viel mehr als nur den nackten Korper der Kunstlerin zeigen. Partum setze sich ihrer Meinung nach fur den Feminismus ein, aber auch fur die Gesellschaft als Ganzes und fur die Notwendigkeit systemischer Veranderungen.5

Ewa Partum und die Entstehung von Self-Identification

Ewa Partum studierte von 1963 bis 1965 an der Staatlichen Hochschule fur Bildende Kunste in Lodz, von 1965 bis 1970 schloss sie ein Studium an der Akademie der Bildenden Kunste in Warschau an. In den ersten Jahren nach ihrem Abschluss widmete sie sich der Semantik als Kunst und operierte dabei mit den weiblichen Zeichensystemen wie zum Beispiel einem Lippenstift-Alphabet. Im Jahr 1974 inszenierte Partum in Lodz eine Performance mit dem Namen Change 1974, bei der vor Publikum die Halfte ihres Gesichts in das Gesicht einer alten Frau geschminkt wurde. Die Aktion stellt einen Einschnitt in Partums Arbeiten dar. Erstmals inszeniert sie den weiblichen Korper als solches und wirft somit die Frage nach dem Feminismus in der Kunst auf. 1979 setzt Sie mit Change -My Problem is a problem of a woman ihre Arbeit fort. Live lasst sie nun nicht mehr nur das Gesicht, sondern die Halfte ihres Korpers zu einer alten Frau schminken. Wahrenddessen redet sie mit dem Publikum iiber Schonheitsoperationen und iiber das Frauenbild in der Gesellschaft. Zum Abschluss der Performance gab Partum bekannt, dass sie selbst ein Kunstwerk ist und ihren Korper zu einem Element des feministischen Diskurses macht.

Im Friihjahr 1980 eroffnete Ewa Partum eine Ausstellung mit dem Titel Self-Identification. Die Kunstlerin prasentierte eine Serie von Fotocollagen, die ihre Silhouette auf Bildern des Stadtbildes zeigt. Auf diesen ist Partum unter anderem nackt unter FuBgangern, an einer Kreuzung, neben einer Polizistin und in einer Warteschlange zu sehen. In der Galerie wurden damals nicht alle Werke des Zyklus' gezeigt - einige von ihnen wurden zensiert, unter anderem die Fotografie, auf denen Partums Figur vor dem Prasidentenpalast steht. Am Eroffnungsabend inszenierte die Kunstlerin eine Performance, bei der sie sich auszog und einen Text mit dem Titel Self-Identification vorlas. Dabei erklarte sie, dass sie weiterhin nackt in der Offentlichkeit erscheinen wurde, bis die Position der Kunstlerinnen auf dem Kunstmarkt und im institutionellen Rahmen, denen ihrer mannlichen Kollegen gleichkomme. Weiterhin erklarte sie, dass Kleidung ausschlieBlich als notwendiger Bestandteil der Kunst diene, soweit in ihren folgenden Arbeiten Kleidung getragen werde. Partum ging auch fur einen kurzen Moment aus der Galerie. In diesem Moment entstanden die Fotos neben den Hochzeitsgasten, da sich die Galerie direkt neben dem Standesamt befand. Die performance neben der Performance" wurde auBerdem in einer 50 Sekunden langen Videosequenz festgehalten.6

Wie angekundigt, performte die Kunstlerin in den folgenden Jahren uberwiegend unbekleidet. Es entstanden Arbeiten wie Women, Marriage Is Against You (Partum schneidet sich hier vor Publikum aus einem Hochzeitskleidj und Stupid Woman (Partum parodierte die Art und Weise, wie Frauen versuchen, den idealisierten Erwartungen der Manner zu entsprechen.)

Auf die Frage warum sie sich der feministischen Kunst verschrieben hatte antwortete sie:

Ich hatte damals als Kunstlerin bereits eine spezifische intellektuelle Sprache, die ich erfunden hatte, eine Kunst-Semantik. Ich hatte meine hermetische Zeit in der Kunst und konnte sie nutzen. Ich war schon formuliert. Ich wollte feministische Kunst als eine Kunstrichtung etablieren, so dass Frauen mit einer eigenen Kunst in die Kunstgeschichte eingingen. Deshalb war die Bindung an den eigenen Korper als etwas Authentisches durch nichtszuersetzen.7

Ihren letzten Nacktauftritt hatte die Kunstlerin in der Performance Flamenco in Weifi im Jahr 1992. Auch hier schnitt sie sich aus einem weifien Brautkleid bis sie nackt vor dem Publikum stand.

Polen in den siebziger Jahren

Vor dem Hintergrund des Feminismus und der damit verbundenen Fragestellung zum Werk Self-Identifikation sollte zunachst ein Blick auf den Stand der Frau sowie der Kunst in Polen geworfen werden.

Einen aufschlussreichen EinblickbietetNatali Stegmann in ihrem Essay Die Aujwertung der Familie in der Volksrepublik Polen der siebziger Jahre. Hierin beschreibt sie, wie die polnische Familie den Sozialismus uberlebte.8 Den wohl groBten Anteil daran hatten, laut Stegmann, die Frauen. Diese hatten ihre Uberlebensstrategien in Zeiten des Konsummangels perfektioniert. Frauen betrachteten das Schlangestehen vor den Lebensmittelladen, das Einkochen von Lebensmitteln und das Kleidernahen neben ihren Erwerbs- und Erziehungsaufgaben als Pflicht. Gleichzeitig kompensierten sie die Mangel der staatssozialistischen Versorgung. Ganz im Sinne von Politik und der Kirche, deren Vorstellungen sich im Laufe der siebziger Jahre immer weiter annaherten. Wenn es auch aus beiden Lagern unterschiedlich kommuniziert wurde, so lief der Standpunkt doch auf dasselbe hinaus: Sowohl Partei als auch Kirche wiesen der Frau einen Platz zu, der sie mehr an das Konstrukt Haus und Kinder band anstatt an der Teilnahme am Berufsleben.

Vor diesem Hintergrund ist es wenig uberraschend, dass der Begriff des Feminismus in Polen der siebziger Jahre noch nicht angekommen war. Jegliche Nacktheit, wie sie Ewa Partum spater prasentiere, wurde als Provokation gegen den Staat und gegen die Kirche empfunden. In den Ostblocklandern herrschte ein moralischer Konservatismus, der in Polen eine fromme Form angenommen hatte. Zensoren waren daran interessiert, politisch zweifelhafte Texte und Werke zu verbieten, die gegen die vorherrschenden kulturellen Normen verstieBen. Eben diesen Zensoren fiel auch Ewa Partum zum Opfer, als ihr verboten wurde, einige ihrer Bilder der Reihe Self-Identification auszustellen.

Laut Partums Berichten gab es in der kleinen polnischen Kunstszene „ein Klima von Heimlichtuerei, Eifersucht und Konkurrenz"9. Sie merkt an, dass ihre Kollegen ihr den Feminismus dauerhaft zum Vorwurf gemacht haben:

„Die Einstellung, auch die der Frauen, war feindlich. In Polen wird meine Kunst bis heute darum selten erwahnt, auch in der alten, klassischen Sache mochte man mich nicht als so wichtig ansehen, weil ich von doit den Schritt in den Feminismus getan habe."10

Bildbeschreibung

Die im Folgenden behandelten 12 Motive wurden vom 30. Oktober bis zum 12. Dezember 2015 in der Galerie Fricke in Berlin ausgestellt. Dabei handelt es sich urn 12 schwarz/weiB Fotografien. Diese werden von Motiv 1 bis Motiv 12 durchnummeriert. Von den 12 Motiven wurden 11 Motive auf Leinwand aufgezogen. Mit einer Ausnahme wurde das Motiv Nummer 11 auf Alu-Dibund gedruckt.

[...]


1 Vgl.Pejic, Bojana, 2009.

2 Vgl. Gender Check, 2009. 3 Vgl.Krilger2011.

4 Vgl. Tickner 1990, S. 5-36.

5 Vgl. Majewska 2015, S. 76-87.

6 Vgl. Partum 1980, das Video befmdet sich auf der Homepage des Museum of Modern Art in Warschau.

7 Vgl. Stepken2001,S. 13.

8 Vgl. Stegmann 2005, S. 526-544.

9 Vgl.Nabakowski2001,S. 121.

10 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Feminismus. Ewa Partum und die Entstehung von "Self-Identification"
Jahr
2019
Seiten
23
Katalognummer
V907190
ISBN (eBook)
9783346214591
ISBN (Buch)
9783346214607
Sprache
Deutsch
Schlagworte
entstehung, feminismus, partum, self-identification
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Feminismus. Ewa Partum und die Entstehung von "Self-Identification", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/907190

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