Phänomenologie der moralischen Verantwortlichkeit. Kritik an Harry Frankfurts "hierarchischem Modell" in Anlehnung an Maurice Merleau-Pontys Freiheitsbegriff


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Harry Frankfurt: “Hierarchisches Modell” der Willensfreiheit
2.1 Wünsche erster Stufe und Volitionen zweiter Stufe
2.2 Willensfreiheit bei Frankfurt
2.3 Moralische Verantwortlichkeit bei Frankfurt
2.4 Moralische Verantwortlichkeit und das “principle of alternate possibilities”

3 Martin Fischers zweistufiges Modell der moralischen Verantwortlichkeit
3.1 Moralische Verantwortlichkeit und “guidance control”
3.2 Moralische Verantwortlichkeit und Manipulation
3.3 Fischers Kritik an Frankfurt
3.4 Fischers Modell: Fazit

4 Merleau-Pontys Freiheitsbegriff
4.1 Freiheit und Verantwortung
4.2 Bedingungen für Verantwortlichkeit
4.3 Hinter-Gründe für unser Handeln
4.4 Vorder-Gründe für unser Handeln

5 Fazit
5.1 Phänomenologische Betrachtung von Frankfurts “hierarchischem Modell”
5.2 Phänomenologische Betrachtung von Fischers “zweistufigem” Modell
5.3 Das Phänomen der Verantwortung

6 Nachtrag: Moralische Verantwortlichkeit zum Zeitpunkt der Corona-Pandemie

7 Literaturverzeichnis
7.1 Primärliteratur
7.2 Sekundärliteratur
7.3 Internetquellen

Vorwort

Diese Arbeit entstand im Frühjahr 2020, dem Jahr, das womöglich als das “Corona-Jahr” in die Geschichtsbücher eingehen wird. Byung-Chul Han hatte leider unrecht, als er sagte, wir hätten das virale Zeitalter, in dem die Menschen in “Angst vor viraler Pandemie” leben, hinter uns gelassen (Han 2016, 7).

Einer gewöhnlichen Hausarbeit ein Vorwort voranzustellen käme mir unter “normalen” Umständen nicht in den Sinn, jedoch sind die heutigen Umstände alles andere als normal. Da es in dieser Arbeit vor allem um die Frage geht, unter welchen Umständen wir moralisch für unser Handeln verantwortlich sind, scheint es mir heute sinnvoll, die Fragestellung der Arbeit mit der aktuellen Lage zu verbinden.

Wenn wir davon ausgehen, dass mindestens ein Fünftel aller mit dem Covid-19 Virus angesteckten Menschen symptomfrei sind, wird jeder Mensch zum potentiellen Überträger (vgl. Wang 2020 und Nishiur 2020).

Das bedeutet, dass ein jeder, der sein Haus verlässt, sich nicht nur die Frage stellen muss, ob er sich der Gefahr der Ansteckung durch andere aussetzten will, sondern auch, ob er in Kauf nimmt, dass er potenziell andere ansteckt, und damit im schlimmsten Fall das Leben eines anderen Menschen aufs Spiel setzt.

Dies ist eine Situation, der die meisten in der sogenannten westlichen zivilisierten Welt lebenden Menschen noch niemals in ihrem Leben ausgesetzt waren1. Es scheint mir, dass dies auch eine Situation ist, in der die Frage nach der moralischen Verantwortlichkeit besondere Bedeutung gewinnt.

Die Arbeit wurde in großen Teilen noch vor dem großen Ausbruch fertiggestellt. Ich will und kann sie nicht umschreiben, da dies bedeuten würde, dass ich eine gänzlich andere Arbeit schreiben müsste. Einzig im Nachtrag erlaube ich es mir, die gewonnenen Erkenntnisse auf die aktuelle Situation anzuwenden. Trotzdem glaube ich, dass sie vor dem geänderten Hintergrund in einem anderen Licht erscheint.

1 Einleitung

Mithilfe von Harry Frankfurts “hierarchischem Modell” lässt sich die Frage nach der moralischen Verantwortlichkeit einer Person elegant beantworten2. Eine Person handelt laut Frankfurt moralisch verantwortlich, wenn sie dies entweder frei und/ oder freiwillig, aber nicht zwingend aus freiem Willen tut.

Frei handeln heißt für Frankfurt, dass die Person etwas will, und etwas tut, weil sie es will. Freiwillig handeln bedeutet für Frankfurt, dass die Person zu ihren Wünschen erster Stufe einen Standpunkt bezieht, also Volitionen zweiter Stufe bildet und, dass Wunsch erster Stufe und Volition zweiter Stufe in Einklang stehen. Aus freiem Willen handelt sie nur dann, wenn die Volitionen zweiter Stufe potenziell handlungswirksam werden können.

Frankfurts Beispiel für eine Person, die weder freiwillig handelt, noch einen freien Willen besitzt, ist der “unwilling addict” (vgl. Frankfurt 1971 (1988), 17 ff.). Er ist jemand, der auf der ersten Stufe sowohl den Wunsch hat Drogen zu konsumieren und somit für den Konsum verantwortlich ist, als auch jemand, der einen Wunsch hat, mit dem Drogenkonsum aufzuhören.

Außerdem identifiziert er sich auf der zweiten Wollens-Stufe entschieden mit dem Wunsch aufzuhören, was jedoch nicht ausreicht, um wirklich aufzuhören. Er nimmt “unfreiwillig” Drogen, da bei ihm Wunsch und Volition nicht in Einklang stehen und er “hat” keinen freien Willen, da er nicht in der Lage ist, etwas an dieser Situation zu ändern.

Frankfurt ist dabei der Meinung, dass es bei der Frage nach der moralischen Verantwortlichkeit einer Person keine Rolle spielt, wie sie dazu gekommen ist, sich etwas zu wünschen oder Volitionen zweiter Stufe zu bilden. Dem widerspricht John Martin Fischer, der sich ansonsten stark an Frankfurts Modell orientiert. Fischer erweitert Frankfurts Modell, indem er darauf verweist, dass auch die Vergangenheit einer Person Einfluss auf deren Entscheidungsfindungsprozess hat und somit auch bei der Frage nach deren moralischen Verantwortlichkeit zu berücksichtigen ist.

Ich bin der Meinung, dass Fischers Kritik an Frankfurts Modell zwar trifft, jedoch nicht weit genug geht. Sowohl Frankfurt als auch Fischer vertreten eine einseitig intellektualistische Position, die aus phänomenologischer Sicht nicht haltbar ist. Die freiwillige oder freie Wahl existiert als Begriff innerhalb der Frankfurt’schen Theorie. In der von uns wahrgenommenen Realität ist sie aber die absolute Ausnahme.

Wir wählen uns nicht beständig selbst, sondern lassen uns eher von einem irgendwie geneigten Geist tragen (vgl. Merleau-Ponty 1965, 497). Und statt uns für die ein oder andere Handlung oder Position zu entscheiden und reflexiv darauf Bezug zu nehmen, engagieren wir uns auf Grundlage unserer sedimentierten Geschichtlichkeit.

Inspiriert durch Merleau-Pontys Begriff der Freiheit vertrete ich die These, dass die Frage nach der moralischen Verantwortlichkeit einer Person nicht von deren Geschichte, ihrem vergangenen Engagement in der Welt und deren Leiblichkeit zu lösen ist.

Die Arbeit ist, exklusive Einleitung, in fünf Teile gegliedert und beginnt mit einer theoretischen Einführung in Frankfurts “hierarchisches Modell”. Seine kompatibilistische Position bietet vor allem den Vorteil, dass sie die Frage nach der moralischen Verantwortlichkeit vom “principle of alternate possibilities” abkoppelt.

Frankfurts Modell hat jedoch die beiden Nachteile, dass es weder Abstufungen der Verantwortlichkeit kennt noch die Geschichte einer Person berücksichtigt, wenn es um die Frage geht, ob und wie sehr eine Person für ihr Handeln verantwortlich ist.

Fischer greift diese Kritikpunkte auf und entwirft in Anlehnung an Frankfurt ein alternatives zweistufiges Modell der Verantwortlichkeit, welches moderate Verantwortlichkeit zuschreiben kann und die Geschichte einer Person berücksichtigt.

Im Anschluss an Fischers Kritik erläutere ich Merleau-Pontys phänomenologischen Freiheitsbegriff, um ihn im letzten Teil der Arbeit auf die beiden vorher behandelten handlungstheoretischen Modelle anzuwenden.

2 Harry Frankfurt: “Hierarchisches Modell” der Willensfreiheit

Harry Frankfurt entwickelt sein “hierarchisches Modell der Willensfreiheit” erstmals in dem 1971 erschienenen Aufsatz “Freedom of the Will and the Concept of a Person” (Frankfurt 1971 (1988)). In diesem Aufsatz will Frankfurt den Begriff der “Person” klären und entwirft zu diesem Zwecke ein Modell der Willensfreiheit, dass bis heute vielfach diskutiert, kritisiert und erweitert wurde (vgl. Buss und Overton 2002; McKenna und Coates 2020a, 2020b).

Für uns ist der Begriff der Person nur insofern interessant, als eine Person laut Frankfurt jemand ist, der frei und/ oder aus freiem Willen handelt und damit moralisch verantwortlich sein kann, wobei eine Person nicht zwingend einen freien Willen besitzen muss (vgl. Einleitung). Diese durchaus verwirrenden Begrifflichkeiten möchte ich, als Vorbereitung für eine Kritik an Frankfurts Modell, im Folgenden Textabschnitt klären.

2.1 Wünsche erster Stufe und Volitionen zweiter Stufe

Wie schon erwähnt, ist für Frankfurt der Begriff der Person stark mit dem der Verantwortlichkeit verwoben.

The concept of a person is not only […] the concept of a type of entity that has both first-order desires and volitions of the second order. It can also be construed as the concept of a type of entity for whom the freedom of its will may be a problem (Frankfurt 1971 (1988), 19).

Eine Person ist demnach jemand, der nicht nur Wünsche erster Stufe, sondern auch Volitionen zweiter Stufe hat, oder auch jemand, für den seine Willensfreiheit problematisch werden kann.

2.1.1 Wünsche erster Stufe

Mit Wünschen erster Stufe sind Aussagen der Form “A will x” gemeint, wobei A für den Wünschenden und x für einen speziellen Wunsch steht. Wünsche der ersten Stufe können nicht nur Menschen, sondern auch Tiere bilden.

Mein Hund Queeny ist zum Beispiel alt und will viel schlafen. Wenn ich sehe, dass er kurz davor ist zu schlafen und ihm ein Stück Salami hinhalte, springt er vom Sofa auf und isst die Salami, um sich daraufhin wieder hinzulegen. Queeny hat in diesem Fall sowohl den Wunsch zu essen, als auch den Wunsch zu schlafen.

Den effektiven Wunsch – in unserem Beispiel ist es der Wunsch die Salami zu essen – nennt Frankfurt auch den Willen (vgl. Frankfurt 1971 (1988), 14; Beebee 2013, 39).

2.1.2 Wünsche und Volitionen zweiter Stufe

Äquivalent zu der ersten Stufe kann man die zweite Stufe betrachten, wobei sich hier Wunsch3 und Wille wiederum auf einen Wunsch beziehungsweise einen Willen beziehen4. Formell haben wir es hier mit einer Aussage der Form “A will (A will x)” zu tun. Wobei Frankfurt den Willen, einen Willen zu haben, Volition nennt (vgl. Frankfurt 1971 (1988), 16).

Queeny will zwar essen und schlafen, jedoch unterstelle ich ihm, dass er nicht freiwillig handelt, wenn er nach der Salami schnappt.

Er hat kein Selbstkonzept das zum Beispiel besagt: “Ich habe in letzter Zeit ganz schön zugelegt. Das Nächste mal, wenn mir mein Herrchen wieder Salami anbietet, esse ich sie nicht und lege mich stattdessen schlafen, auch wenn die Salami noch so lecker riecht”.

Mein Hund ist demnach keine Person, da er nicht in der Lage ist, Volitionen zu bilden oder: Für meinen Hund wird seine Willensfreiheit nicht zum Problem (vgl. Frankfurt 1971 (1988), 19)

2.2 Willensfreiheit bei Frankfurt

Frankfurts Stufenmodell lässt sich nutzen, um drei Arten von Freiheit zu unterscheiden (vgl. Frankfurt 1971 (1988), 24 f.):

a) to act freely (Handlungsfreiheit):

Frankfurt spricht von Handlungsfreiheit, wo Wünsche erster Stufe Effektiv werden, das heißt, potenziell in der Lage sind, die Handlungen der Person zu bestimmen. “[A] person has done what he wanted to do, [and] did it because he wanted to do it” (Frankfurt1971 (1988), 24). Handlungsfreiheit können wir laut Frankfurt auch Tieren zuschreiben. Schließlich unterstelle ich meinem Hund Queeny, dass er die Salami essen will und dass er sie isst, weil er sie essen will.

b) to act of one’s own free will (aus freiem Willen oder “freiwillig”):

Um aus freiem Willen oder freiwillig zu handeln muss ich eine Person sein, also Volitionen zweiter Stufe besitzen. Außerdem müssen Wunsch erster Stufe und Volition zweiter Stufe in Einklang stehen.

Übertragen auf unser “Salami-Beispiel” bin ich der “willing addict” (vgl. Frankfurt 1971 (1988), 24 f.). Ich weiß erstens, dass die Billigsalami schlecht für meine Gesundheit und meine Umwelt ist, doch ich will sie weiterhin essen, weil sie so lecker ist. Ich weiß zweitens, dass ich die Salami auf einer zweiten Willens-Stufe weiterhin essen wollen will. Ich bin ein chronischer Salami-Esser und finde das gut. Ich handle in diesem Fall freiwillig, da mein Willen die Salami zu essen und meine Volitionen, es auch weiterhin zu wollen, im Einklang stehen.

c) to have a free will (Willensfreiheit):

An dieser Stelle wird es verwirrend. Laut Frankfurt ist es möglich, dass eine Person zwar aus freiem Willen handelt, so wie ich im Fall des Salamiverzehrs, aber keinen freien Willen besitzt. Damit wir einer Person Willensfreiheit zuschreiben können, müssen deren Volitionen zweiter Stufe in der Lage sein, ihren Willen zu bestimmen.

In Abgrenzung zu einer Handlung “aus freiem Willen” stehen bei dieser Person Volitionen und Willen nicht nur (zufällig) im Einklang, sondern die Person ist jederzeit in der Lage ihren Willen mit ihren Volitionen in Einklang zu bringen. Eine Umschreibung für eine Person, die einen freien Willen besitzt, lautet laut Frankfurt: “he could have done otherwise” (Frankfurt 1971 (1988), 24).

Im Bezug auf meinen Salamikonsum wäre hier also die Frage zu stellen, ob ich von heute auf morgen beschließen kann, damit aufzuhören.

2.3 Moralische Verantwortlichkeit bei Frankfurt

Das Stufenmodell brauchen wir, wenn wir unterscheiden wollen, wann jemand für etwas verantwortlich ist. Dies ist der Fall, wenn wir entweder frei (to act freely) UND/ ODER freiwillig (to act of ones own free will) handeln. Einen freien Willen müssen wir dagegen nicht zwingend besitzen. Schließlich bin ich für meinen Salamikonsum auch dann verantwortlich, wenn ich freiwillig konsumiere.

“For the assumption that a person is morally responsible for what he has done does not entail that the person was in a position to have whatever will he wanted. This assumption does entail that the person did what he did freely, or that he did it of his own free will” (Frankfurt 1971 (1988), 24).

Die Bedingung dafür, dass eine Person überhaupt moralisch verantwortlich sein kann, ist laut Frankfurt nicht, dass dieser jemand auch anders hätte handeln können, also einen freien Willen besitzt, sondern dass dieser Jemand sich mit seinen Wünschen erster Stufe identifizieren, also Volitionen bilden kann.

Damit konterkariert Frankfurt das "principle of alternate possibilities , welches besagt, dass eine Person für ihr Handeln nur dann moralisch verantwortlich ist, wenn sie auch anders hätte handeln können (vgl. Frankfurt 1969 (1988), 1). Um seine Position zu veranschaulichen gibt Frankfurt folgendes Beispiel (vgl. Frankfurt 1969 (1988), 6 f.; im Folgenden “Black & Jones 1” genannt):

Ein teuflischer Neurologe namens Black möchte, dass eine Person namens Jones etwas Bestimmtes tut, sagen wir zum Beispiel am folgenden Wahltag “Böse-Partei” wählt. Damit dies geschieht, verpflanzt Black unbemerkt eine Apparatur in Jones Gehirn, die Jones Gehirnaktivität misst und in der Lage ist, ihn dazu zu zwingen, “Böse-Partei” zu wählen, falls Jones sich am Wahltag dazu entschließt, “Gute-Partei” zu wählen.

Jones hat also gar keine andere Wahl als “Böse-Partei” zu wählen, weiß das aber nicht . Ist Jones nun moralisch für sein Handeln verantwortlich?

2.4 Moralische Verantwortlichkeit und das “principle of alternate possibilities”

Jones ist eine Person, erfüllt also die notwendige Bedingung, um moralisch verantwortlich zu sein. Die Frage ist also, ob Jones frei und/ oder freiwillig handelt. Selbst wenn Jones durch den neurologischen Eingriff Blacks faktisch keine Handlungsfreiheit besitzt, kann er laut Frankfurt freiwillig handeln. Er handelt freiwillig, wenn er die Volition zweiter Stufe besitzt, dass er die eine oder die andere Partei wählen will.

Wenn Jones also am Wahltag “Böse-Partei” weder wählen will, noch sich mit dieser Wahl identifiziert, und von Black zu der Wahl gezwungen wird, ist er für seine Wahl nicht moralisch verantwortlich. Wenn er jedoch am Wahltag entweder “Böse-Partei” wählen will und/ oder sich mit “Böse-Partei” identifiziert und “Böse-Partei” daraufhin auch wirklich wählt, ohne dass Black einzugreifen braucht, dann ist er moralisch für seine Wahl verantwortlich, auch wenn er sich in Wirklichkeit gar nicht anders hätte entscheiden können.

Der entscheidende Vorteil von Frankfurts Modell ist, dass es die Frage nach der moralischen Verantwortlichkeit vom Prinzip der alternativen Möglichkeiten trennt. Wie aus dem Beispiel mit dem Neurowissenschaftler Black und dem Wähler Jones ersichtlich ist, muss eine Person keinen freien Willen “besitzen” um frei und/ oder freiwillig handeln zu können und damit moralisch verantwortlich zu sein. Entscheidend ist, was die Person tatsächlich will und mit welchem Willen sich die Person identifiziert.

[...]


1 Womöglich ist die Gefahr, in Folge eines Verkehrsunfalls verletzt oder getötet zu werden und respektive jemanden zu verletzen oder zu töten, mit der durch den Virus vergleichbar. In jedem Fall ist die Letztere eine neue Gefahr und somit eine, die als akut empfunden wird.

2 Wenn ich mich im Folgenden auf die Werke der verschiedenen Autoren beziehe, verwende ich systematisch die beiden Begriffe Verantwortlichkeit und moralische Verantwortlichkeit synonym. Die Autoren sprechen im Kontext der Debatte um den freien Willen meist von moralischer Verantwortlichkeit, wobei mir moralische Verantwortlichkeit eine Unterkategorie von Verantwortlichkeit überhaupt zu sein scheint. Wir sprechen von moralischer Verantwortlichkeit, wenn wir Fälle beschreiben, in denen eine Person moralisch “gut” oder “schlecht” handelt, wobei man meiner Ansicht nach die These vertreten kann, dass jedes Handeln sich in “gut” und “schlecht” kategorisieren lässt. Alle meine Handlungen sind folgenreich für meine Umwelt und für alle Handlungen bin ich verantwortlich. Wenn ich mich im Supermarkt zwischen einem Apfel und einer Birne entscheiden muss, bin ich für meine Wahl verantwortlich, ohne dass wir diese in der Alltagssprache als eine moralische bezeichnen würde. Ich kenne jedoch nicht die Umstände, unter denen das Obst produziert wurde, die Transportwege, die Bezahlung der Verkäufer_Innen et cetera.

3 Ich stimme Beebees Aussage zu, dass wir in der Lebenswirklichkeit so gut wie nie einen Wunsch haben, einen gewissen Wunsch zu haben (vgl. Beebee 2013, 39). Wenn wir reflexiv auf unsere Wünsche und unseren Willen Bezug nehmen, dann wollen wir meistens auch tatsächlich etwas wollen. Ich wünsche nicht, ich wünschte Millionär zu werden, ohne es wirklich zu wollen.

4 Man kann hier die Frage stellen, warum Frankfurts hierarchiches Modell ausgerechnet zwei Stufen hat und nicht zum Beispiel drei? Auf diese Frage gibt Franfurt selbst folgende Antwort: "When a person identifies himself decisively with one of his first-order desires, this commitment ‘resounds’ throughout the potentially endless array of higher orders [...] The decisiveness of the commitment he has made means that he has decided that no further questions about his second-order volition, at any higher order, remain to be asked" (Frankfurt 1971 (1988), 21). Wenn eine Person sich "entschieden" mit einem seiner Wünsche erster Stufe identifiziert, durchbricht diese Entscheidung eine mögliche Kette von Wünschen und Volitionen höherer Stufe.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Phänomenologie der moralischen Verantwortlichkeit. Kritik an Harry Frankfurts "hierarchischem Modell" in Anlehnung an Maurice Merleau-Pontys Freiheitsbegriff
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Fakultät für Humanwissenschaften)
Veranstaltung
Masterseminar: Phänomenologie des Wollens
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
25
Katalognummer
V907256
ISBN (eBook)
9783346195098
ISBN (Buch)
9783346195104
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Phänomenologie des Wollens, Merleau-Ponty, Harry Frankfurt, Martin Fischer
Arbeit zitieren
Vladislav Shenker (Autor), 2020, Phänomenologie der moralischen Verantwortlichkeit. Kritik an Harry Frankfurts "hierarchischem Modell" in Anlehnung an Maurice Merleau-Pontys Freiheitsbegriff, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/907256

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Phänomenologie der moralischen Verantwortlichkeit. Kritik an Harry Frankfurts "hierarchischem Modell" in Anlehnung an Maurice Merleau-Pontys Freiheitsbegriff



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden