In der Arbeit geht es vor allem um die Frage, unter welchen Umständen wir moralisch für unser Handeln verantwortlich sind. Sie beginnt mit einer theoretischen Einführung in Harry Frankfurts "hierarchisches Modell". Seine kompatibilistische Position bietet vor allem den Vorteil, dass sie die Frage nach der moralischen Verantwortlichkeit vom "principle of alternate possibilities" abkoppelt.
Frankfurts Modell hat jedoch die beiden Nachteile, dass es weder Abstufungen der Verantwortlichkeit kennt, noch die Geschichte einer Person berücksichtigt, wenn es um die Frage geht, ob und wie sehr eine Person für ihr Handeln verantwortlich ist. Martin Fischer greift diese Kritikpunkte auf und entwirft in Anlehnung an Frankfurt ein alternatives zweistufiges Modell der Verantwortlichkeit, welches moderate Verantwortlichkeit zuschreiben kann und die Geschichte einer Person berücksichtigt.
Im Anschluss an Fischers Kritik erläutert der Autor Merleau-Pontys phänomenologischen Freiheitsbegriff, um ihn im letzten Teil der Arbeit auf die beiden vorher behandelten handlungstheoretischen Modelle anzuwenden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Harry Frankfurt: “Hierarchisches Modell” der Willensfreiheit
2.1 Wünsche erster Stufe und Volitionen zweiter Stufe
2.2 Willensfreiheit bei Frankfurt
2.3 Moralische Verantwortlichkeit bei Frankfurt
2.4 Moralische Verantwortlichkeit und das “principle of alternate possibilities”
3 Martin Fischers zweistufiges Modell der moralischen Verantwortlichkeit
3.1 Moralische Verantwortlichkeit und “guidance control”
3.2 Moralische Verantwortlichkeit und Manipulation
3.3 Fischers Kritik an Frankfurt
3.4 Fischers Modell: Fazit
4 Merleau-Pontys Freiheitsbegriff
4.1 Freiheit und Verantwortung
4.2 Bedingungen für Verantwortlichkeit
4.3 Hinter-Gründe für unser Handeln
4.4 Vorder-Gründe für unser Handeln
5 Fazit
5.1 Phänomenologische Betrachtung von Frankfurts “hierarchischem Modell”
5.2 Phänomenologische Betrachtung von Fischers “zweistufigem” Modell
5.3 Das Phänomen der Verantwortung
6 Nachtrag: Moralische Verantwortlichkeit zum Zeitpunkt der Corona-Pandemie
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Konzept der moralischen Verantwortlichkeit durch eine kritische Gegenüberstellung von Harry Frankfurts hierarchischem Modell und Martin Fischers zweistufigem Modell, ergänzt um die phänomenologische Perspektive von Merleau-Ponty, um die Einbettung des Handelns in Geschichte und Leiblichkeit aufzuzeigen.
- Analyse des "hierarchischen Modells" der Willensfreiheit nach Harry Frankfurt.
- Untersuchung von Martin Fischers Konzept der "guidance control" und deren historischer Dimension.
- Erarbeitung eines phänomenologischen Freiheitsbegriffs basierend auf Merleau-Ponty.
- Diskussion der Grenzen rein analytischer handlungstheoretischer Ansätze bei der Zuweisung von Verantwortung.
Auszug aus dem Buch
4.4 Vorder-Gründe für unser Handeln
All das, was wir potenziell aus dem Hintergrund nach vorne holen – zum Grund machen – können, nennt Merleau-Ponty das “Feld virtuellen Tuns” (Merleau-Ponty 1965).
Ich spiele gerne Schach und vergleiche dieses Feld daher mit einem unendlich komplexen Schachbrett. Das Schachspiel hat gewisse Regeln – einen Hintergrund – und diese Regeln eröffnen dem Spieler fast unendliche Möglichkeiten im Spiel. Wenn wir einen Zug machen, bringen wir eine bestimmte Figur in den Vordergrund der Aufmerksamkeit. Das Spiel entwickelt sich in eine gewisse Richtung und das bedeutet, dass sich beiden Spielern gewisse Folgezüge anbieten, wobei gewisse Züge zwar wahrscheinlich werden, jedoch nicht vorherbestimmt sind.
Wie jede Metapher greift die Schachmetapher, im Vergleich zu dem echten Leben, jedoch zu kurz. Im Gegensatz zum fixen Schachbrett ist unser Feld der Freiheit gleichzeitig die Bedingung für unsere Freiheit als auch durch unser Engagement gestaltbar. Hintergrund und Vordergrund stehen im Bezug auf unser Leben in einem dialektischen Verhältnis.
Frei sein oder wählen heißt, sich in der Welt, die einem Möglichkeiten anbietet, zu engagieren, beziehungsweise “von einem Engagement zu einem anderen überzugehen” (Schaupp 2003, 240).
Wenden wir das vorher Gesagte auf die Frage der Verantwortlichkeit an, dann ergibt sich, dass weder die Konsequenz der Handlung, noch der Willen allein entscheidet, inwiefern wir verantwortlich sind, sondern die Arbeit, die wir in eine Handlung stecken, sprich das Engagement (vgl. Merleau-Ponty 1964, 72 f.).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in die Fragestellung der moralischen Verantwortlichkeit und Vorstellung der behandelten theoretischen Modelle.
2 Harry Frankfurt: “Hierarchisches Modell” der Willensfreiheit: Erläuterung von Frankfurts Stufenmodell der Wünsche und der Abkopplung von alternativen Möglichkeiten.
3 Martin Fischers zweistufiges Modell der moralischen Verantwortlichkeit: Vorstellung von "guidance control" als Antwort auf die Grenzen von Frankfurts Ansatz.
4 Merleau-Pontys Freiheitsbegriff: Darstellung einer phänomenologischen Alternative, die Freiheit als durch Leiblichkeit und Geschichte bedingt versteht.
5 Fazit: Kritische Zusammenführung der analytischen Modelle mit dem phänomenologischen Ansatz.
6 Nachtrag: Moralische Verantwortlichkeit zum Zeitpunkt der Corona-Pandemie: Anwendung der gewonnenen Erkenntnisse auf die aktuelle Situation der Pandemie.
Schlüsselwörter
Moralische Verantwortlichkeit, Willensfreiheit, Harry Frankfurt, Martin Fischer, Merleau-Ponty, Hierarchisches Modell, Guidance Control, Phänomenologie, Leiblichkeit, Geschichte, Handlungsfreiheit, Prinzip der alternativen Möglichkeiten, Corona-Pandemie, Verantwortung, Engagement.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, unter welchen Bedingungen wir moralisch für unser Handeln verantwortlich sind, und kritisiert hierbei rein analytische Modelle durch eine phänomenologische Perspektive.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert sich auf die Handlungstheorie, Willensfreiheit, das Konzept der Person und die Frage der moralischen Zurechenbarkeit.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Modelle von Frankfurt und Fischer kritisch zu hinterfragen und zu zeigen, dass die Geschichte und Leiblichkeit eines Individuums für die moralische Verantwortung essenziell sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative theoretische Analyse und bringt analytische Konzepte der Willensfreiheit mit phänomenologischen Freiheitsbegriffen in einen kritischen Dialog.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert ausführlich die hierarchischen und zweistufigen Modelle von Frankfurt und Fischer sowie den Freiheitsbegriff von Merleau-Ponty.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Schlagworten gehören moralische Verantwortlichkeit, Willensfreiheit, phänomenologische Betrachtung und handlungstheoretische Modelle.
Inwiefern scheitern analytische Modelle laut dem Autor an der Realität?
Der Autor argumentiert, dass Modelle wie die von Frankfurt und Fischer die tatsächliche Komplexität menschlichen Handelns und die historische Bedingtheit des "Zur-Welt-Seins" nicht ausreichend erfassen.
Welchen Bezug stellt der Autor zur Corona-Pandemie her?
Im Nachtrag wird die Pandemie als Ausnahmesituation genutzt, um zu zeigen, dass menschliches Handeln oft mehr durch sedimentierte Gewohnheiten als durch explizite autonome Entscheidungen bestimmt ist.
- Citar trabajo
- Vladislav Shenker (Autor), 2020, Phänomenologie der moralischen Verantwortlichkeit. Kritik an Harry Frankfurts "hierarchischem Modell" in Anlehnung an Maurice Merleau-Pontys Freiheitsbegriff, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/907256