Die eugenische Bewegung in den USA


Bachelorarbeit, 2008
50 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. DIE ENTSTEHUNG IM 19. JAHRHUNDERT
2.1. Geistige Grundlagen
2.2. Soziale Grundlagen
2.3. Zur ökonomischen Argumentation
2.4. Untersuchungsmethoden und Experimente
2.4.1. Abstammungsstudien „krimineller Familien“
2.4.2. Abstammungsstudien von Gruppen
2.4.3. Bells Taubstummenstudie
2.4.4. Illegale Experimente

3. DIE ENTWICKLUNG BIS ANFANG DER 1930er JAHRE
3.1. Wichtige Protagonisten der Eugenischen Bewegung in Amerika
3.2. Organisatorisches Fundament
3.2.1. The American Breeders Association (ABA)
3.2.2. Eugenics Record Office (ERO)
3.2.3. The Race Betterment Foundation
3.2.3.1. First National Conference on Race Betterment
3.2.3.2. Second National Conference on Race Betterment
3.2.3.3. Third National Conference on Race Betterment
3.2.4. The Galton Society
3.2.5. The American Eugenics Society
3.2.6. Internationale Einbindung
3.3. Prominente Unterstützer
3.3.1. Personen
3.3.2. Institutionen
3.4. Mittel der gesellschaftlichen Etablierung
3.4.1. Gesetzgebung zu:
3.4.1.1. Eheschließung und Rasse
3.4.1.2. Sterilisation
3.4.1.3. Einwanderung
3.4.2. Wettbewerbe und Ausstellungen
3.4.2.1. Better Babies Contests
3.4.2.2. Fitter Families Contests
3.4.3. Wissensvermittlung durch Medien
3.4.3.1. Periodische Zeitschriften
3.4.3.2. Populäre Bücher
3.4.3.3. Schulbücher
3.4.3.4. Film
3.5. Widerstand gegen die Entwicklung

4. DIE ENTWICKLUNG SEIT DEN 1930er JAHREN BIS HEUTE
4.1. Einflussverlust
4.2. The Lynchburg Story
4.3. Abstieg in die Bedeutungslosigkeit ?

5. FAZIT

6. LITERATURNACHWEIS

7. ANHANG

1. EINLEITUNG

Im Oktober 1990 startete das internationale Human Genome Project (HGP). Zielsetzung war die Erforschung des menschlichen Erbgutes, ein Ziel, welches 10 Jahre später so gut wie erreicht war. Anlässlich der Bekanntgabe der nahezu kompletten Genomentschlüsselung am 26. Juni 2000 durch den amerikanischen Arzt und Forscher Craig Venter sagte der US-Präsident Bill Clinton bei einer Pressekonferenz: „Ohne Zweifel ist das die wichtigste und fantastischste Karte, die die Menschheit je erstellt hat." Viele glaubten an den Anbruch eines neuen Zeitalters. Der Traum von der Beherrschbarkeit der menschlichen Natur durch entsprechende Eingriffe in die Genstruktur war plötzlich greifbare Realität. Die Beseitigung und Vermeidung von physischen und psychischen Krankheiten und Defekten durch gentechnische Eingriffe schien mit diesem Durchbruch in absehbarer Zeit möglich zu werden.

Eine ähnlich euphorische Stimmung muss gegen Ende des 19. Jahrhunderts unter Wissenschaftlern weltweit geherrscht haben. Nach den großen naturwissenschaftlichen Entdeckungen im 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die den Prozess der Industriellen Revolution einleiteten, waren die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts und der Anfang des 20. Jahrhunderts stark geprägt durch vielfältige Entdeckungen und Erkenntnisse im Bereich der Evolutionsforschung. Wesentlich hierfür waren der böhmische Augustinermönch Gregor Mendel mit seinen Erkenntnissen über die Grundregeln der Vererbung, der Engländer Charles Darwin mit der Theorie der natürlichen Auslese von zufällig erzeugten Variationen, der Deutsche August Weismann mit der Keimplasmatheorie und der Amerikaner Thomas H. Morgan mit den Erkenntnissen über die Struktur der Chromosome bei der Taufliege Drosophila.

Durch die „Wiederentdeckung“ der Mendelschen Forschungserkenntnisse Anfang des 20. Jahrhunderts wurden in verschiedenen Ländern neue Forschungsaktivitäten ausgelöst, so auch in Amerika. Hier waren es vor allem William E. Castle und Charles B. Davenport, die sich als erste mit Humangenetik auf Basis der Mendelschen Erkenntnisse befassten. Während Castle jedoch „never had shown any zeal for legislation or the other ´practical` aspects of the subject“ [1] , war Davenport jemand (Harvard Absolvent, promovierter Zoologe und Professor in Chicago), der mit großem Engagement, Sendungsbewusstsein, organisatorischem Geschick und Talent zum Auftreiben finanzieller Mittel eine eugenische Organisation schuf, die zum Nukleus einer landesweiten Bewegung wurde. Davenport war überzeugt davon, dass nicht nur äußere Merkmale vererbbar seien, sondern ebenso Verhaltensmerkmale. Die große Debatte über die den Menschen prägenden Einflüsse – Erbanlagen oder Umwelt („nature or nurture“) - wurde zur damaligen Zeit und im Licht der neu gewonnenen „wissenschaftlichen“ Erkenntnisse mehrheitlich mit „Erbanlagen“ beantwortet.

Thema, Ziel und Aufbau der Arbeit

Das Thema der Arbeit ist die eugenische Bewegung in den USA. Der Schwerpunkt liegt dabei nicht auf der Erklärung der Etablierung von Eugenik als „Wissenschaft“ im Sinne einer Verbesserung der menschlichen Rasse oder der detaillierten Darstellung von Programmen, um dies zu erreichen, sondern auf der gesellschaftlichen Bewegung, ihrer Entstehung, Etablierung und ihrem Niedergang.

Ziel der Arbeit ist es, deutlich zu machen, dass es sich bei der eugenischen Bewegung in den USA primär um eine elitäre Weltanschauung handelte, eine geistige Strömung, die weit über simplen Sozialdarwinismus hinausging. Die Definition von Krankheiten, wie zum Beispiel feeble-mindedness [2] , erfolgte nicht nur auf rein biologischer Basis, sondern auch sozialer Basis mit der Zielsetzung einer Lösung für die Unterschichtenproblematik, die es bereits gab, und deren starkes Anwachsen man befürchtete.

Hier ergibt sich ein Bezug auf antike Wurzeln. Ähnlich wie bereits Platon es im 5. Buch der Politeia empfahl, wollte man durch gezielte Konzentration auf die „besseren“ Elemente der Gesellschaft eine insgesamt bessere Gesellschaft schaffen.

Die in vielen Quellen angeführten finanziellen Argumente, die auch in einem großen Teil der Sekundärliteratur referiert werden, erscheinen dagegen eher als ein propagandistisches Mittel mit dem Zweck, die eugenischen Themen auch in breiten Bevölkerungsschichten populär zu machen.

Nicht detailliert eingegangen wird in der vorliegenden Arbeit auf die europäischen Wurzeln der eugenischen Bewegung und die internationalen Verbindungen, die in vielfältiger Weise bestanden, mit Ausnahme der International Congresses of Eugenics.

Die Arbeit ist folgendermaßen strukturiert: nach der Einleitung mit Bemerkungen zur Thematik, Zielsetzung und Eingrenzung der Arbeit wird in einem ersten Hauptteil die Entstehung der Bewegung im 19. Jahrhundert untersucht. Die geistigen und sozialen Hintergründe der Bewegung werden dargelegt, und es werden Experimente und Untersuchungen mit eugenischem Hintergrund, die es bereits in dieser Periode gab, exemplarisch aufgelistet.

In einem zweiten Hauptteil werden dann Aufschwung und Blütezeit der Bewegung von Anfang des 20. Jahrhunderts bis zirka 1930 näher beleuchtet, ihre organisatorische Verankerung sowie prominente Unterstützer und Geldgeber. Die gesetzlichen Grundlagen sowie die Mittel und Methoden der gesellschaftlichen Etablierung werden im Detail vorgestellt, aber auch die durchaus vorhandenen gesellschaftlichen Gegenbewegungen.

Im dritten Hauptteil wird die weitere Entwicklung im restlichen 20. Jahrhundert untersucht. Es werden Gründe für den Niedergang der Bewegung aufgezeigt und die zeitlichen Zusammenhänge dieser Entwicklung, sowie die heutige Situation der eugenischen Bewegung in Amerika.

Abschließend folgen Fazit, Literaturnachweis und ein Anhang mit Kurzinformationen zu den aufgeführten Autoren und einigen Beispielen zu Ausstellungsexponaten.

Quellenlage, Literatur und Stand der Forschung

Die Quellenlage zur Thematik ist überaus reichhaltig. Im Internet gibt es vielfältige Zugriffsmöglichkeiten auf Originalquellen. Besonders hervorzuheben unter den vielen amerikanischen Online-Archiven auf nationaler und auf bundesstaatlicher Ebene, die eine Darstellung der Geschichte der Eugenik in Amerika bieten, sind:

- das Cold Spring Harbor Image Archive on the American Eugenics Movement [3]

(www.EugenicsArchive.org), sowie

- die Genetics Collections [4] der American Philosophical Society

(www.amphilsoc.org).

Sie enthalten Hunderte von Originaldokumenten, Publikationen und Fotografien; diese sind zu einem großen Teil im Faksimile online abrufbar. Aber auch die folgenden digitalen Archive bieten umfangreiche Informationen zur eugenischen Bewegung und Zugriff auf Originaldokumente: das Indiana University Library Digital Archive, das Vermont Eugenics Survey and Library Office sowie die Truman University mit Unterlagen zu H. H. Laughlin.

Daneben gibt es im englischsprachigen Raum eine kaum überschaubare Anzahl von Veröffentlichungen zu der Thematik. Wichtige Standardwerke, wenn auch bereits etwas älteren Erscheinungsdatums, sind: Mark Haller: Eugenics - Hereditarian Attitudes in American Thought (für die Arbeit wurde die überarbeitete Ausgabe von 1984 verwendet, die Erstausgabe erschien jedoch bereits 1963), Daniel Pickens: Eugenics and the Progressives (1968), Kenneth Ludmerer: Genetics and American Society. A Historical Appraisal (1972), Allan Chase: The Legacy of Malthus: The Social Costs of the New Scientific Racism (1977) und Daniel Kevles: In the name of Eugenics (1985).

Seit Beginn der neunziger Jahre erschienen diverse Monographien zu der Thematik. Die wichtigsten sind von Phillip R. Reilly: The Surgical Solution (1991), Stefan Kühl: The Nazi Connection (1994), William H. Tucker: The Science and Politics of Racial Research (1994), Edward J. Larson: Sex, Race, and Science (1995), Diane B. Paul: Controlling Human Heredity (1995), Alexandra M. Stern: Eugenic Nation. Faults and Frontiers of Better Breeding in Modern America [2005], Martin Pernick: The Black Stork. Eugenics and the Death of “Defective” Babies in American Medicine and Motion Pictures Since 1915 (1996), Marouf A. Hasian: The Rethoric of Eugenics in Anglo-American Thought (1996), R. Dowbiggin: Keeping America Sane: Psychiatry and Eugenics in the United States and Canada 1880 -1940 (1997), Nicole H. Rafter: Creating Born Criminals: Biological Theories of Crime and Eugenics (1997), Stephen Selden: Inheriting Shame (1999), Nancy L. Gallagher: Breeding Better Vermonters, Wendy Kline: Building a Better Race (2001) sowie Elof Carlson: The Unfit, History of a bad idea (2001). Im deutschsprachigen Raum ist noch erwähnenswert das Buch von Stefan Kühl: Die Internationale der Rassisten (1997). [5]

Eine populäre Monographie jüngsten Datums von Edwin Black, War against the weak, Eugenics and America´s campaign to create a master race (2004) wurde im Rahmen der Literaturrecherche mit ausgewertet, fand jedoch im Text keinen Niederschlag. Sie vermittelt Fakten korrekt, ist aber in ihrem Ansatz, ihren Formulierungen und ihren Schlussfolgerungen eher populärwissenschaftlich - journalistisch aufgebaut. [6]

Neben Monographien gibt es eine Vielzahl von veröffentlichten Aufsätzen zu der Thematik. Der neueste Forschungsstand wird reflektiert in einem Sonderheft des Public Historian aus dem August 2007, in dem in diversen Aufsätzen unterschiedliche Aspekte unter neuesten Forschungsgesichtspunkten beleuchtet werden.

2. DIE ENTSTEHUNG IM 19. JAHRHUNDERT

Das 19. Jahrhundert war geprägt von zahlreichen Erfindungen und Entdeckungen in Wissenschaft und Technik. Das war unter anderem eine Folge liberaler Denkhaltungen als Folge der französischen Revolution, die bisherige Denkbarrieren aufhob. Die neue Freiheit des Denkens und Forschens fand auch Niederschlag in Theorien und Gedanken zur Entwicklung des menschlichen Geschlechts. Besonders in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es zu neuen Erkenntnissen in Bezug auf die Vererbung von Eigenschaften, die in Konsequenz erst die Entstehung eugenischen Gedankenguts ermöglichten.

Als Entdecker der Grundprinzipien von Vererbung gilt der Augustinermönch Gregor Mendel, der Prinzipien der Vererbung von Eigenschaften am Beispiel von Erbsen untersucht hatte und seine Erkenntnisse am 8. Februar 1865 unter dem Titel Versuche über Pflanzenhybriden zunächst dem Brünner Naturforschenden Verein vorstellte. Die Veröffentlichung erfolgte erstmals 1866. Seine Erkenntnisse gerieten dann aber einige Jahrzehnte in Vergessenheit, bis sie Anfang des 20. Jahrhunderts - unabhängig voneinander - durch Hugo de Vries, Karl Erich Correns und Erich Tschermak wieder entdeckt wurden.

Charles Darwin ging mit seinem Werk über die Entstehung der Arten [7] einen Schritt weiter und schaffte die Basis für weitergehende Überlegungen. In seinem Werk über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl schrieb er ausführlich über die natürliche Situation und ihre Konsequenzen ohne Zivilisation und verglich dies mit dem Zustand innerhalb einer zivilisierten Gesellschaft. [8] Die daraus zu ziehende Schlussfolgerung war deutlich: die Zivilisation erschwert diese natürliche Zuchtwahl. Seine Gedanken wurden in den Folgejahren von vielen aufgegriffen und konsequent weitergedacht. Gunter Mann sagte dazu: „In Darwins Werk sind bereits eugenische Gedanken embryonal angelegt.“ [9] Bei Junker und Paul heißt es: „Schwieriger ist es, die Einstellung von Darwin zur Eugenik zu bestimmen. Er war, das wird an mehreren Stellen deutlich, grundsätzlich eugenischen Gedanken gegenüber positiv eingestellt.“ [10]

2.1. Geistige Grundlagen

Vor allem die Erkenntnisse folgender Wissenschaftler waren maßgebliche Grundlage für die Entstehung eugenischen Gedankenguts in Amerika:

Francis Galton und der Begriff der Eugenik

Francis Galton, ein Vetter Darwins, beschäftigte sich intensiv mit Fragen der Vererbungslehre. Mendels Erkenntnisse über die Vererbung von äußeren Merkmalen übertrug er auf menschliches Verhalten und Denkvermögen. Er führte erstmals den Begriff der Eugenik ein, in seinem Werk Inquiries into Human Faculty and its Development. [11] Der Begriff stammt aus dem Griechischen (εύγενής) und bedeutet „edel geboren, von guter Art“. Galton bezog dies auf „von guter Abstammung, mit guten Erbeigenschaften“.

Es ging Galton um eine „genetische Verbesserung“ der Menschheit. Er definierte 1904 Eugenik wie folgt: “Eugenics is the science which deals with all influences that improve the inborn qualities of a race; also with those that develop them to the utmost advantage.“ [12]

Galton verstand den Begriff der Eugenik vorwiegend positiv, das heißt im Sinne von Anreizen zur möglichst häufigen Vermehrung besonders geeigneter Personen, und nicht im negativen Sinne einer Verhinderung / Erschwerung der Vermehrung von Personen mit negativen Merkmalen.

Er hatte mit einer empirischen Untersuchung der britischen Oberklasse aufgezeigt, dass viele ihrer Mitglieder miteinander verwandt waren. Seine erste Schlussfolgerung daraus war, dass berühmte Familien mehr überdurchschnittlich begabte Nachkommen hatten als normale Familien und dass dies wahrscheinlich auf der Vererbung von Talent und Charakter beruhe. Gleichzeitig fand er durch seine Untersuchungen heraus, dass die Geburtenrate in diesen Familien geringer war als in der normalen Bevölkerung.

Seine zweite, erheblich brisantere Schlussfolgerung war, man könne dementsprechend die Gesellschaft insgesamt verbessern, wenn man die Fertilität der „besseren“ Teile der Gesellschaft erhöhe, dagegen die Geburtenrate der Unterschichten mit einem höheren Anteil „minderwertiger Individuen“ verringere. [13]

Herbert Spencer und die Idee des Sozialdarwinismus

Der liberale britische Philosoph und Soziologe Herbert Spencer prägte den Begriff Survival of the Fittest. Er ging davon aus, dass in „normalen“ menschlichen Gesellschaften immer nur die Stärksten überleben und somit eine natürliche Selektion stattfinde, was in Konsequenz zur permanenten Verbesserung der Gesellschaft führe. Er lehnte dementsprechend jeden Eingriff des Staates ab, weil dies die Evolution störe. Ähnlich wie Adam Smith mit seiner Theorie der „unsichtbaren Hand“ zur Marktsteuerung sah Spencer in der unsichtbaren Hand der Evolution das Mittel, welches langfristig am besten zum Überleben des Organismus beitrage. Spencer war mit seinen Ideen sehr wirkungsmächtig und hat auch die Entwicklung eugenischen Gedankenguts in Amerika maßgeblich beeinflusst.

August Weismann und die Keimplasmatheorie

Der deutsche Arzt und Zoologe befasste sich nach einer Augenkrankheit, die ihn zu mehr theoretischer Arbeit zwang, mit den Fragen der Evolution durch natürliche Auslese sowie der materiellen Grundlage der Vererbung und ihren Entwicklungsmechanismen. Er stellte als erster die Frage nach dem Unterschied zwischen Zelle und Zellkern und fand die Antwort darauf. Mit seiner Theorie des unveränderlichen Germplasmas als Träger der Erbinformationen veränderte er die Sichtweise der Wissenschaft dramatisch, welche bisher eher vom Lamarckismus und seiner Sichtweise einer Anpassung und Veränderungsmöglichkeit durch Umwelteinflüsse geprägt war. Nach Weismann hatten Personen mit defektem Germplasma (= negativen Eigenschaften) keine Aussicht auf Verbesserung, und entsprechend wären ihre Nachkommen mit ähnlichen Defekten behaftet. [14]

Moritz Benedikt u. a. : Erkenntnisse der Kriminalanthropologie

Untersuchungen von Kriminellen auf physische und psychische Defekte in den 1880er Jahren von Benedikt, Dawson, Lambroso, Morel, Wilmarth und anderen [15] führten zu der Überzeugung, dass vieler dieser Anomalien hochgradig erblich bedingt seien, vor allem auch diejenigen im sexuellen Bereich.

Im gleichen Zeitraum publizierte Henry M. Boies sein Werk Prisoners and Paupers, indem er auf einen alarmierenden Anstieg der Kriminalitätsrate in den USA hinwies (von einem Verhältnis 1 zu 3500 in 1850 auf 1 zu 786 in 1890). [16] Wenn dem so war, und gleichzeitig die Erkenntnisse der Kriminalanthropologen zutrafen, dann war eine Behandlung von Kriminellen mittels Korrektur durch operative Eingriffe beziehungsweise durch Verhinderung der Vermehrung ein gebotenes Mittel zum Schutz der Gesellschaft.

Thomas H. Morgan und die Erforschung der Drosophila Fliege

Dem amerikanischen Zoologen und Biologen Thomas H. Morgan gelang es, die Gene als Träger der geschlechtsgebundenen Erbanlagen an bestimmten Stellen der Chromosomen zu lokalisieren. 1911 veröffentlichte er die erste Chromosomenkarte. Damit bewies er die Richtigkeit der Theorien Gregor Mendels auch in Bezug auf Lebewesen. Für seine Arbeiten erhielt er 1933 den Nobelpreis für Medizin.

2.2. Soziale Grundlagen

Die Periode nach Ende des amerikanischen Bürgerkriegs im Jahre 1865 bis Ende des 19. Jahrhunderts war gekennzeichnet durch starkes wirtschaftliches Wachstum und durch großes Bevölkerungswachstum, aber auch durch vielfältige Probleme. Zwar war die Sklaverei als Ergebnis des Bürgerkrieges offiziell aufgehoben, aber dennoch kam es häufig zu vielfältigen Rassekonflikten, vor allem im Süden. Die großen Einwanderungswellen (über 12 Mio. Einwanderer zwischen 1870 und 1900) führten zu einem rapiden Anstieg der Einwohnerzahl in den Städten und einer Diversifizierung der Bevölkerung durch eine zunehmende Anzahl von Ethnien und Religionen. Trotz stark zunehmender Industrialisierung gab es ökonomische Probleme. Die Masse der für die Industrialisierung benötigten Arbeitskräfte stammte aus der Gruppe der neuen Einwanderer sowie aus abgewanderter Landbevölkerung, die in die Städte drängte. Diese wurden zu niedrigen Löhnen - und zum Teil nicht das gesamte Jahr über - beschäftigt, was zu Arbeitslosigkeit führte. Slums entstanden.

Man versuchte die sozialen Probleme durch almshouses (Versorgungsanstalten / Armenhäuser) in den Griff zu bekommen, die der Aufnahme gesellschaftlicher Problemfälle dienten. Hier wurden mittellose Betagte, aber auch Alkoholabhängige, Vagabunden, Waisen sowie geistig und körperlich Kranke unter einem Dach zusammengefasst.

Schon bald erkannte man jedoch die Notwendigkeit separater Einrichtungen für die unterschiedlichen Gruppierungen. Es wurden spezielle Einrichtungen geschaffen wie Erziehungsanstalten für Jugendliche, Entzugseinrichtungen für Alkoholkranke und Anstalten für geistig Kranke, Schwachsinnige und auch Epileptiker. Hauptamtliche Mitarbeiter kümmerten sich um die Insassen. Neue Berufszweige entstanden: Sozialarbeiter und Mediziner, die sich mit Psyche und Physis dieser Personengruppen beschäftigten, die Ursachen für Fehlentwicklungen zu ergründen versuchten, und sich hierüber in neu gegründeten Organisationen wissenschaftlich austauschten [17] . Aus diesen Kreisen, speziell den Leitern von Heimen für Personen mit geistigen Defekten (feeble-minded) kamen die ersten Theorien und Anstöße für die eugenische Bewegung. Sehr früh schon vermutete man Erblichkeit als Hauptfaktor bei diesen Personen, auch auf Grund diverser Studien an Insassen in Heimen, deren Familiengeschichten diese Ansicht stützten.

2.3. Zur ökonomischen Argumentation

In vielen Werken der Sekundärliteratur werden ökonomische Begründungen als eine der Triebfedern der eugenischen Bewegung angeführt. Man kann diesen Eindruck leicht bekommen. Bereits Davenport ging in seinem Buch Heredity in Relation to Eugenics direkt am Anfang darauf ein:

„It is a reproach to our intelligence that we […] should have to support about half a million insane, feeble-minded, epileptic, blind and deaf, 80,000 prisoners and 100,000 paupers at a cost of over 100 million per year.” [18]

Burke und Castaneda sehen eine solche Intention speziell bei den kalifornischen Wirtschaftsmillionären und Eugenikunterstützern Gosney und Goethe. Sie führen in einer Fußnote auch Gallagher, Kevles und Schoen als Beleg für die ökonomische These an. [19]

Kevles gibt in der Tat auf Seite 72 die Meinung eines Reporters der Yale Review von 1913 wieder, der davon spricht „ support of these defectives have become a veritable burden upon the taxpaying community…“. Er führt auch an, dass die American Eugenics Society die Belastung einer Durchschnittsfamilie mit ca. $ 500 ansetzt „to cover crime cost“. Jedoch sagt er auch deutlich, dass seiner Meinung nach Eugenik mehr ein Ausdruck der sozialen Ängste war, als dass sie auf ökonomischen Ängsten beruhte. [20]

Auch Paul führt in ihrem Buch Controlling Human Heredity 1865 to the Present an, dass Kostenargumente bei den eugenischen Zielsetzungen der AES eine Rolle gespielt haben. Sie zitiert aus einer Schrift der AES von 1926 mit dem Titel A Eugenics Catechism, in dem in Frage und Antwortform die Kosten thematisiert werden:

“Q. How much does segregation cost?

A. It has been estimated that to have segregated the original “Jukes” for life would have cost the State of New York about $ 25,000.

Q. Is that real saving?

A. Yes. It has been estimated that the State of New York, up to 1916 spent over $ 2,000,000 on the descendants of these people.

Q. How much would it have cost to sterilize the original Jukes pair? A. Less than $ 150.“ [21]

Gleichwohl darf bezweifelt werden, dass die Kostenargumentation ein Hauptmotiv von Eugenikern war. Sicherlich wurde sie mit angeführt, und es kann sein, dass mit wirtschaftlich schlechter werdenden Zeiten, etwa zur Weltwirtschaftskrise, dieser Argumentation mehr Bedeutung zukam [22] . Insgesamt muss man jedoch feststellen, dass in den Äußerungen führender Personen der eugenischen Bewegung (mit Ausnahme von Davenport) und in „wissenschaftlichen“ Beiträgen zu Eugenik diese Argumente keine dominierende Rolle spielten. Sie waren eher verbreitet in publikumsorientierten Veröffentlichungen, wie dem oben genannten Eugenics Catechism und auf Ausstellungen mit hohem Publikumskontakt.

Daraus kann man schließen, dass sie mehr der Zielsetzung dienten, der breiten Masse der Bevölkerung ein zusätzliches Argument zu geben.

2.4. Untersuchungsmethoden und Experimente

Eugenik war keine eindeutig definierte, etablierte Wissenschaft, die auf empirische Daten und standardisierte Untersuchungsmethoden zurückgreifen konnte. Erst mit zunehmender organisatorischer Struktur wurden Untersuchungsfelder und Methoden standardisiert. Deren wissenschaftlicher Wert wurde allerdings auch zur damaligen Zeit bereits sowohl von den Grundannahmen als auch von der Durchführung her kontrovers diskutiert.

Eine Richtung, die vorwiegend in England stark vertreten war, beruhte in ihren Methoden auf biometrischen Vergleichen von Phänotypen und versuchte, daraus Schlüsse abzuleiten. Der Engländer Karl Pearson war der dominierende Wissenschaftler dieser Richtung. Anders als in England erlangte diese Bewegung in Amerika jedoch keine große Bedeutung. [23]

[...]


[1] So sein ehemaliger Student, Prof. Reed. Reed 2005, S. 283, 287.

[2] feeblemindedness = "a state of mental defect existing from birth or from an early age and due to

incomplete or abnormal development in consequence of which the person affected is incapable of performing his duties as a member of society in the position of life to which he is born." Popenoe 1915, S. 32.

[3] Gegründet und veröffentlicht als digitales Archiv 1998. Die Dokumente und Exponate stammen von der American Philosophical Society Library, dem Rockefeller University Archive Center, den Truman State University Archives und den Cold Spring Harbor Laboratory Research Archives.

[4] Hierzu haben folgende Organisationen beigetragen: Archiv zur Geschichte der Max-Planck-Gesellschaft, Cold Spring Harbor Laboratory Archives, International Center of Photography, National Park Service, Rockefeller Archive Center, Truman State University, University at Albany, University College London, University of Tennessee, University of Virginia.

[5] Vgl. zu den aufgeführten Monographien Cullen 2007, sowie Lombardo & Dorr 2008.

[6] Patel 2005: Rezension zu Black in Sehepunkte.

[7] Darwin 1859.

[8] Darwin 1874, S 171 f.: „Unter den Wilden werden die an Körper und Geist Schwachen bald eliminiert; die Überlebenden sind gewöhnlich von kräftigster Gesundheit. Wir zivilisierten Menschen dagegen tun alles Mögliche, um diese Ausscheidung zu verhindern. Wir erbauen Heime für Idioten, Krüppel und Kranke. Wir erlassen Armengesetze, und unsere Ärzte bieten alle Geschicklichkeit auf, um das Leben der Kranken so lange als möglich zu erhalten. […] Es ist überraschend, wie bald Mangel an Sorgfalt […] zur Degeneration einer domestizierten Rasse führt; ausgenommen im Falle des Menschen selbst wird auch niemand so töricht sein, seinen schlechtesten Tieren Fortpflanzung zu gestatten.“

[9] Mann 1978, S.104.

[10] Junker & Paul 1999, Anmerkung 11.

[11] Galton 1883, S. 24. “We greatly want a brief word to express the science of improving stock, which is by no means confined to questions of judicious mating, but which, especially in the case of man, takes cognisance of all influences that tend in however remote a degree to give to the more suitable races or strains of blood a better chance of prevailing speedily over the less suitable than they otherwise would have had. The word eugenics would sufficiently express the idea.”

[12] Galton 1904, S. 35.

[13] Siehe hierzu Galton 1865, S. 157 ff., 318 ff.

[14] Siehe hierzu Mayr 1984.

[15] Siehe hierzu Haller 1984, S.41ff. sowie Carlson 2001, S.40 ff.

[16] Boies 1893, zitiert nach Carlson 2001, S. 65.

[17] Gründungsdaten: 1844 Association of Medical Superintendents of American Institutions for the Insane, 1876 Association of Medical Officers of American Institutions for Idiotic and Feeble-Minded Persons, 1884 National Prison Association, 1874 National Conference of Charities and Corrections. Siehe hierzu: Haller 1984, S.25ff. und die entsprechende Fußnote 10 zu Kapitel III.

[18] Davenport 1911, S. 4.

[19] Burke & Castaneda 2007, S. 9 f. und Fußnote 14.

[20] Kevles 1985, S. 72 f.

[21] Paul 1995, S. 82.

[22] Dies sehen auch Junker & Paul so: „ […] nach dem 1. Weltkrieg und nach der Wirtschaftskrise von 1929 rückten ökonomische Erwägungen in den Vordergrund“. Junker & Paul 1999, S. 169.

[23] Kevles 1985, S.20ff.

Ende der Leseprobe aus 50 Seiten

Details

Titel
Die eugenische Bewegung in den USA
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Bachelorarbeit
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
50
Katalognummer
V90807
ISBN (eBook)
9783638052665
ISBN (Buch)
9783640644803
Dateigröße
1001 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Herr Knoke gelingt es, dieses sperrige Thema, das Aspekte der Geistes-, Ideen-, Sozial-, Medizin- und auch der politischen Geschichte umfaßt, vollständig zu umreißen, zu überzeugenden und schlüssigen Ergebnissen zu kommen und die vorhandene Literatur eigenständig und kritisch zu bewerten. Die Arbeit ist klar und nachvollziehbar gegliedert, sie folgt präzisen Argumentationsstrukturen, Konzeption und Raumaufteilung sind vorbildlich.
Schlagworte
Bewegung, Bachelorarbeit
Arbeit zitieren
Josef Knoke (Autor), 2008, Die eugenische Bewegung in den USA, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90807

Kommentare

  • Gast am 15.3.2012

    "Ich habe einen sehr, einen wirklich außergewöhnlich guten Artikel von Josef Wilhelm Knoke mit dem Titel “Die eugenische Bewegung in den USA” gefunden, welchen ich all jenen ans Herz legen möchte, welche diesem sehr unbeachteten Thema der Eugenik etwas Zeit widmen möchten und vielleicht auch der Meinung waren oder sind, dass nur die Nationalsozialisten unter Hitler solch abstruse Gehirnakrobatik verbreiteten."
    Paul Bögle
    Bio Natur - Der Weblog

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Titel: Die eugenische Bewegung in den USA


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