Restorative Justice bedeutet wiederherstellende Gerechtigkeit. Die heilende und verarbeitende Wirkung beispielsweise eines gelungenen Täter- Opfer- Ausgleiches ist bereits statistisch nachhaltig belegt. Echte Verarbeitung im Sinne einer das erlebte Trauma einbeziehenden Realität anstelle einer dieses ausgrenzenden Wahrnehmung ist mutig und nachhaltig. Diese Arbeit zeigt die Verbindung beider Themenkomplexe auf.
Um die Begriffe Trauma und Restorative Justice in einen Zusammenhang bringen zu können, müssen wir in beiden Kontexten die Gruppierung einer Opfer- und Täterschaft herausarbeiten. Das Konzept von Restorative Justice findet erstmals 1974 in Kanada Erwähnung und bedeutet eine Wiederherstellung von Gerechtigkeit in einer Ausgleichsinteraktion zwischen Täter*innen, Opfern und der Gemeinschaft im strafrechtlichen Kontext. 1989 verankerte Neuseeland das Konzept Family- Group- Conference als Methode im Jugendstrafprozessverfahren. Weitere internationale Projekte folgen. Dies geht unter anderem. auch auf die UN-Erklärung "der Grundprinzipien der Gerechtigkeit für Opfer von Straftaten und Machtmissbrauch" vom 29.11.1985 zurück.
Als ein Ergebnis dieser Erklärung fand 1990 ein von der NATO subventionierter internationaler Kongress statt, der sich mit restaurativen Umsetzungsideen beschäftigte. Auch in den USA findet Restorative Justice Anwendung. Susan L. Miller formuliert das Ziel von Restorative Justice folgendermaßen: "Restorative Justice`s focus is on correcting a harm, whereas retributive justice strives for proportionate punishment to teach an offender a lesson through some kind of suffering." In Deutschland wird vorrangig das Konzept des Täter- Opfer- Ausgleichs (TOA) umgesetzt. In der Regel findet es Anwendung bei leichteren Straftatbeständen sowie im Jugendstrafrecht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einstieg in die Begriffe Restorative Justice und Trauma
2. Traumaverarbeitung und Restorative Justice
2.1 Die Entstehung eines Traumas
2.2 Traumafolgestörungen
2.3 Darstellung unterschiedlicher Therapieansätze zur Traumaverarbeitung
2.3.1 Das Eye-Movement-Disensitization-and-Reprocessing-Verfahren (EMDR)
2.3.2 Dialektisch- behaviorale Therapie (DBT)
2.3.3 Psychodynamische Imaginative Traumatherapie (PITT)
3. Restorative Justice
3.1 Die Entstehung unseres Rechtssystems
3.2 Die Idee von Restorative Justice
3.3 Anwendungsgebiete des restaurativen Gerechtigkeitsprinzips
3.3.1 Das Verfahren des Täter- Opfer- Ausgleiches (TOA)
3.3.2 Family- Group- Conference
4. Restorative Justice - ein Konzept zur Traumaverarbeitung?
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht das Potenzial von Restorative Justice als komplementären Ansatz zur Traumaverarbeitung, indem sie die psychologischen Auswirkungen von Traumata mit den Prinzipien wiederherstellender Gerechtigkeit verknüpft, um die Selbstwirksamkeit der Betroffenen in einem partizipativen Prozess zu fördern.
- Konzeptuelle Grundlagen von Trauma und Traumafolgestörungen
- Darstellung gängiger therapeutischer Ansätze
- Historische und strukturelle Entwicklung von Rechtssystemen
- Kernprinzipien und Anwendungsbereiche von Restorative Justice
- Eignung restaurativer Verfahren zur therapeutischen Traumaheilung
Auszug aus dem Buch
Die Idee von Restorative Justice
Folgen wir den Gedanken von Howard Zehr (2010: 31), geht unser Rechtssystem primär einen retributiven Weg. In diesem Kontext werden die Bedürfnisse von Opfern ignoriert. Täter*innen werden nur partikular im Kontext des Normbruches wahrgenommen. Ein restaurativer, wiederherstellender Ansatz findet einen menschorientierten Zugang. Die zwischenmenschlichen Beziehungen sind von zentraler Bedeutung und beziehen sich nicht ausschließlich auf Personen der Opfer- oder Täter*innenschaft. Vielmehr gilt es, Personen des Lebenskontextes einzubeziehen.
Im Zentrum der Ausgleichsinteraktion stehen die Bedürfnisse der beteiligten Personen und im Ergebnis die Verantwortungsübernahme von Täter*innen. „Durch den direkten […] Austausch in einem wenig formalisierten Verfahren sollen anhaltende Lernerfolge seitens des Täters begünstigt werden- […]“(Hagemann 2011: 157). Täter*innen brauchen Hilfestellung, um sich, anders als im Tatkontext, in die Gesellschaft einzugliedern. Restorative Justice zielt nicht auf eine unterdrückende Strafatmosphäre. Vielmehr sollen Stigmatisierung und standardisierte Abwertung auf der Täter*innenseite vermieden werden. Nach Böhnisch benötigen wir für den Reframing-prozess sozial nicht anerkannter Verhaltensweisen funktionale Äquivalente, in deren Rahmen betroffene Menschen neue Bewältigung- und Handlungsmodalitäten erlernen können (vgl. Böhnisch 2019: 119-128).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einstieg in die Begriffe Restorative Justice und Trauma: Einführung in die thematischen Eckpfeiler und die Begründung der Relevanz einer gemeinsamen Betrachtung von Opfer- und Täterperspektiven.
2. Traumaverarbeitung und Restorative Justice: Analyse der neurologischen Grundlagen der Traumabildung und Vorstellung etablierter therapeutischer Verfahren zur Traumabewältigung.
3. Restorative Justice: Untersuchung der historischen Entwicklung von Rechtssystemen sowie Erläuterung der Philosophie, Anwendungsgebiete und konkreter Verfahren wie dem TOA.
4. Restorative Justice - ein Konzept zur Traumaverarbeitung?: Kritische Diskussion der Schnittmengen zwischen therapeutischem Heilungsprozess und restaurativen Gerechtigkeitsprinzipien in der Praxis.
Schlüsselwörter
Restorative Justice, Trauma, Traumaverarbeitung, Täter-Opfer-Ausgleich, Resilienz, Selbstwirksamkeit, Strafrecht, Psychotherapie, Traumafolgestörungen, Wiedergutmachung, Opferbedürfnisse, Konfliktlösung, Soziale Arbeit, Retributive Gerechtigkeit, Empowerment.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Verknüpfung von trauma-therapeutischen Ansätzen und dem Konzept der Restorative Justice, um alternative Wege der Konfliktlösung und Heilung zu beleuchten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Neurobiologie von Traumata, der historischen Entwicklung des Rechtssystems und den Prinzipien der restaurativen Gerechtigkeit.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Ziel ist es zu untersuchen, ob und wie restaurative Verfahren dazu beitragen können, die durch traumatische Ereignisse verloren gegangene Selbstwirksamkeit und Kontrolle bei Opfern wiederherzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Analyse und Aufarbeitung vorhandener Fachliteratur, Studien und Berichte aus den Bereichen Psychologie, Rechtswissenschaft und Soziologie.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil erörtert die Entstehung von Traumata, stellt diverse Therapieansätze (EMDR, DBT, PITT) vor und analysiert, wie Restorative Justice (wie der TOA) eine Alternative zum retributiven Strafsystem darstellt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Trauma, Restorative Justice, Selbstwirksamkeit, Täter-Opfer-Ausgleich und therapeutische Traumaverarbeitung.
Warum ist das "Freezing" des Gehirns für das Verständnis von Traumata so relevant?
Das Freezing ist ein biologischer Notfallmechanismus des Gehirns bei Ausweglosigkeit; das Ausbleiben adäquater Hilfe in diesem Zustand führt oft zu schwerwiegenden Traumafolgestörungen.
Welche Rolle spielt der Zorn nach Martha Nussbaum im restaurativen Prozess?
Nussbaum sieht Zorn als eine notwendige emotionale Regung an, um das eigene Unrecht anzuerkennen, Würde zu wahren und den eigentlichen Prozess der Vergebung überhaupt erst zu ermöglichen.
- Citation du texte
- Esther Rödel (Auteur), 2019, Restorative Justice als Traumaverarbeitung. Entstehung und Folgen von Trauma, Therapieansätze und die Idee hinter wiederherstellender Gerechtigkeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/908608