Die politische Ökonomie erneuerbarer Energien in Japan. Japans Solarlobby


Bachelorarbeit, 2020

39 Seiten, Note: 1,6


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretischer Rahmen: Das sozio-technische Regime in Energiesystemen und institutioneller Wandel

3 Methode
3.1 Untersuchung der Umwelt als Makro Ebene
3.2 Untersuchung des sozio- technischen Regimes als Meso Ebene
3.3 Untersuchung der Nische als Mikro Ebene

4 Die Solarlobby aus Sicht von institutionellem Wandel innerhalb eines sozio-technischen Regimes
4.1 Beginn der Solarlobby
4.1.1 Der erste exogene Schock: die Ölkrise 1973
4.1.2 Der erste Energiewandel: Das Sunshine Programm 1974 und seine Nachfolger
4.1.3 Entstehung eines heimischen Markts für Solarenergie
4.1.4 Erstes Zwischenergebnis
4.2 Die Solarlobby in einer wachsenden, globalen Konkurrenz
4.2.1 Verlust der Marktführerschaft ab 2004
4.2.2 Einführung des ersten FIT für Solarenergie im Jahr 2009
4.2.3 Zweites Zwischenergebnis
4.3 Die Solarlobby nach Fukushima
4.3.1 Der zweite exogene Schock: die Nuklearkatastrophe von Fukushima
4.3.2 Der zweite Energiewandel: Einführung eines neuen FIT im Juli 2012
4.3.3 Die Bedeutung der Liberalisierung des Energiemarktes für Investoren und die Solarlobby
4.3.4 Kommunen und Solarenergie

5 Die Einführung des fünften strategischen Energieplans

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

DPJ Democratic Party of Japan

F&E Forschung und Entwicklung

FEPC Federation of Electric Power Companies

FIT Feed-in Tariff

IAE International Energy Agency

IRENA International Renewable Energy Agency

JPEA Japan Photovoltaic Energy Association

JREPP Japan Renewable Energy Policy Platform

LDP Liberal Democratic Party of Japan

METI Ministry of Economy, Trade and Industry

MLP Multi-Level-Perspektive

MOF Ministry of Finance/ Finanzministerium

NEDO New Energy and Industrial Technology Development Organization

REI Renewable Energy Institute

RPS Renewable Portofolio Standard

SEP Strategic Energy Plan

TEPCO Tokyo Electric Power Company

Wp Watt- Peak

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1:Kapazitäten erneuerbarer Energien in Japan; METI (2017: 4)

Abbildung 2: Förderfähige Technologien im alten und im neuen FIT (Ogimoto et al. 2013: 69)

1 Einleitung

Seit der Nuklearkatastrophe von Fukushima sieht sich Japan erneut vor großen energiepolitischen Herausforderungen. Aufgrund der kurzzeitigen Abschaltung sämtlicher Kernkraftwerke fielen plötzlich rund 30 % der erzeugten Energie weg (Moe 2016: 44). Außerdem ist Japans Stromnetz aufgrund der Insellage nicht mit anderen Ländern verbunden und daher ist es nicht möglich, auf Netze anderer Länder zurückzugreifen (METI 2018: 27). Aus diesem Grund ist Japan stark von Öl-, Kohle- und Gasimporten abhängig (METI 2018: 6). Daher sucht Japan nach Alternativen, um Energie unabhängig von Importen und Kernenergie im eigenen Land zu erzeugen. Eine dieser Alternativen ist die Solarenergie.

In dieser Arbeit wird der Fokus auf die Analyse des sozio-technischen Regimes hinter der Erzeugung von Strom aus Photovoltaikanlagen in Japan gelegt, im Folgenden als Solarenergie bezeichnet. Eine weitere Einschränkung besteht in der Auswahl der zu betrachtenden Akteure, welche zunächst auf politische Institutionen mit Bezug zur Solarenergie eingegrenzt und schließlich auf folgende drei Akteure begrenzt wurde: Die japanische Zentralregierung, die Solarindustrie und Investoren für Photovoltaikanlagen. Es wird sich im Verlauf dieser Arbeit zeigen, dass diese drei Akteure ein gemeinsames Interesse daran hatten Solarenergie zu fördern.

Auch Li und Shiroyama (2019: 3) machten diese drei Akteure für die vorherrschende Dominanz der Solarenergie unter den erneuerbaren Energien verantwortlich und bezeichneten ihre Verbindung als Solarlobby. Dieser Begriff wird in der folgenden Arbeit übernommen.

Energiesysteme sind in einen institutionellen Kontext eingebettet, der erhebliche Auswirkungen auf die Entwicklung und Veränderung des Systems hat. Die Anwendung einer Kombination aus verschiedenen Institutionstheorien kann als Interpretationsrahmen dienen, um die Faktoren zu verstehen, die den Wandel im Energiesektor vorantreiben oder einschränken und um zu untersuchen, wie sich verschiedene politische Maßnahmen auf das Energiesystem auswirken können, wenn Akteure und Institutionen auf politische Maßnahmen reagieren. Aus diesem Grund wird in dieser Arbeit die Stromerzeugung aus Photovoltaikanlagen als sozio- technische System angesehen und mittels der Multi-Level-Perspektive (MLP) analysiert. Erweitert wird diese Transformationstheorie mit der „Rational Choice“- Theorie und dem historischen Institutionalismus, um ein umfassendes Verständnis für die Entwicklung der Solarlobby und ihrer Akteure zu erhalten.

Diese Arbeit wird daher als definierende Forschung durchgeführt und versucht folgende Forschungsfrage zu begründen: Wie gelang es der Solarlobby in Japan, trotz eines Nischendaseins der Solarindustrie und weiteren widrigen Umständen, weiter fortzubestehen und sich zusammen mit der Solarindustrie zu einer einflussreichen Institution zu entwickeln? Um diese Frage zu klären, ist die Arbeit zweigeteilt. Im ersten, theoretischen Teil werden die Grundlagen für den zweiten, empirischen Teil dargelegt. Zu Beginn wird ein umfassender theoretischer Rahmen erläutert und anschließend im methodischen Teil auf den betrachteten Gegenstand dieser Arbeit angepasst. Der darauffolgende Hauptteil ist chronologisch in vier Kapitel unterteilt: Zunächst wird der Beginn der Solarindustrie in Japan erörtert, um die Entstehung der Solarlobby verstehen zu können. Daraufhin wird untersucht wie sich die entstandene Solarlobby in Zeiten wachsender, globaler Konkurrenz entwickelt hat. Im Fokus steht dabei die starke Vernetzung der einzelnen Akteure in der Solarlobby. Das nächste Kapitel untersucht welche Auswirkungen die Nuklearkatastrophe von Fukushima auf die Solarlobby hatte und welche energiepolitischen Maßnahmen eingeführt wurden. Zuletzt werden ein paar ausgewählte Deklarationen im fünften strategischen Energieplan (SEP) betrachtet und mit den zuvor festgestellten institutionellen Entwicklungen innerhalb der Solarlobby in Zusammenhang gebracht.

2 Theoretischer Rahmen: Das sozio-technische Regime in Energiesystemen und institutioneller Wandel

Nach Markard et al. (2012: 956) können Energiewirtschaften wie das der erneuerbaren Energien als sozio-technisches System aufgefasst werden. Diese Systeme bestehen aus verschiedenen Akteuren wie Unternehmen und andere Organisationen, bzw. Netzwerke von Akteuren und Institutionen, welche Regularien und Standards festlegen. Diese Akteure sind miteinander verbunden und interagieren dynamisch (Weber 2003: 159).

Im Folgenden wird ein theoretischer Rahmen für die Analyse des institutionellen Wandels innerhalb der Solarlobby geschaffen, der auf Konzepten und Ideen mehrerer institutioneller Theorien basiert.

Wandel in einem sozio- technischem Regime wird häufig bestimmt durch vorstrukturierte Entwicklungspfade und erlaubt deshalb nur eine schrittweise Entwicklung (Geels 2002: 1259f). Ein sozio-technologisches Regime stützt sich auf bereits etablierte Annahmen und Überzeugungen unter Akteuren und entscheiden, welche Technologien es weiter zu verfolgen gilt (Nelson/Winter 1977: 56f). North (1990: 91f) hat einen Zusammenhang zwischen institutionellem Wandel und Pfadabhängigkeit erkannt. Institutioneller Wandel in einem sozio-technischen Regime entsteht durch eine Ansammlung vieler kleiner Veränderungen, als durch eine gelegentliche große Veränderung. Der Prozess des institutionellen Wandels ist pfadabhängig, weil Individuen lernen, Organisationen sich entwickeln und sich Ideologien innerhalb eines Raumes aus formalen (Verfassungen, Gesetze) und informalen Regeln (Tradition, Bräuche, Verhaltensweisen, Normen) bilden. Institutionen können formale Regeln zu ihren Gunsten bilden und können somit indirekt informelle Regeln beeinflussen (Coccia 2018: 340). Roland (2004: 117) vermutet, dass Änderungen in informellen Regeln, statt Änderungen in formellen Regeln, die Haupttreiber von institutionellem Wandel sind. Er vergleicht institutionellen Wandel mit der Verschiebung tektonischer Platten, die entlang von Bruchstellen (welche für sich langsam entwickelnde Institutionen stehen) stetig Druck aufbauen, der sich plötzlich in einem "Erdbeben" entleeren kann und erhebliche Veränderungen in sich schnell entwickelnden Institutionen (z. B. in formellen Regelungen) auslösen kann.

Weiterhin erläutert North (1991: 97ff), dass Institutionen Stabilität und Sicherheit schaffen, indem sie zuvor genannte formale Regeln, wie Verhaltensweisen, Gesetze, Standards, Steuern und Subventionen, einführen. Allerdings kann dies zu technischen und institutionellen Pfadabhängigkeiten und Lock-Ins führen, was ein Hindernis für Änderungen in einem sozio-technischen Regime bedeutet. Um den Prozess der Pfadabhängigkeit eines Energiesystems verstehen zu können, muss angemerkt werden, dass eine Pfadabhängigkeit nicht nur in einer einzelnen Institution, sondern in einem Netzwerk von verschiedenen Akteuren stattfindet. Es ist schwierig, eine bestimmte Institution oder Regel zu ändern, ohne andere Institutionen zu beeinflussen. Diese Anpassungen zwischen den Institutionen verleihen einem Regime Stabilität und ermöglichen es ihm eine koordinierende Funktion zu übernehmen (Geels 2004: 904). Somit können Institutionen neue Technologien sowohl fördern als auch hemmen (Moe 2012: 261).

Neben der Neigung zur Pfadabhängigkeit werden Akteure in sozio-technischen Systemen von ihren Eigeninteressen geleitet. Kucharski und Unesaki (2018: 4) weisen auf die „Rational Choice“- Theorie hin, nach den Akteuren rational handeln und bewusst Institutionen bilden, die ihre eigenen Interessen unterstützen und durchsetzen können. Wenn eine Regel (Institution) eingeführt wird und unter den Akteuren vorherrscht, wird sie verstärkt, da die Strategie zur Einhaltung der Regel die beste Antwort für die Akteure darstellt und ein stabiles institutionelles Gleichgewicht darstellt, das nicht einfach geändert werden kann (Calvert 1995: 226f). Dieses Gleichgewicht kann durch einen exogenen Schock verändert werden, da der Schock die Transaktionsbedingungen oder die Interessen der Akteure beeinflusst (ebd. 1995: 232). Die Reaktionen der Akteure auf die Anpassung an neue Bedingungen, die durch den Schock verursacht wurden, verschieben das derzeitige institutionelle Gleichgewicht in ein neues.

Neben einem exogenen Schock behaupten einige Autoren, dass auch endogene Variablen bei einem institutionellen Wandel eine zwingende Rolle spielen (Greif/ Laitin 2004: 636). Die Autoren beschreiben einen Mechanismus des institutionellen Wandels, der nicht nur durch einen exogenen Schock, sondern auch durch endogene Variablen verursacht werden kann. Daher können exogene und endogene Aspekte als Ursachen für einen institutionellen Wandel betrachtet werden. Greif und Laitin (2004: 639) behaupten, dass Institutionen sich aufgrund endogener Prozesse, exogener Schocks und Kombinationen von beiden verändern können.

Für eine radikale Innovation benötigt es einen geschützten Raum, den Weber et al. (1999: 10) als Nische bezeichnet. Damit sich eine Nische entwickeln kann, bedarf es positiver Erwartungen in Bezug auf technologischen, ökonomischen (wachsender Markt) und sozialen Aspekten (Arbeitsplätze). Zudem bedarf es der Entstehung von neuen Netzwerken zwischen alten und neuen Akteuren. Alte Akteure werden gebraucht, um eine Nische zu erweitern, neue Akteure, um deren Entwicklung durch alternatives Know-how voranzutreiben. Alte Akteure haben allerdings oft wenig Interesse daran eine neue Technologie zu fördern, da sie als Gefahr für bereits bestehende angesehen wird. Alte Akteure nehmen oft nur aus defensiven Gründen an der Entwicklung der Nische teil (Weber et al. 1999: 18).

Für die Untersuchung eines sozio-technischen Regimes und seine Entwicklung gibt es verschiedene Konzepte (Markard et al. (2012: 955). In dieser Arbeit wird das Konzept der Multi-Level-Perspektive (MLP) herangezogen, da diese sich am besten dazu eignet langfristige transformative Veränderungen zu untersuchen. Die MLP betrachtet 3 Ebenen: Das sozio- technische "Regime" als Meso- Ebene. Es sorgt für Stabilität existierender Entwicklungen und die Entstehung neuer Pfade. Als zweite Ebene wird die Umwelt, in der das sozio-technische System eingebettet ist, betrachtet, die Makro-Ebene. Sie beinhaltet sich kaum verändernde externe Faktoren, die eine Richtung geben. Eine neue Technologie als Quelle für Entwicklung wird auf der Mikro- Ebene untersucht. Alle drei Ebenen agieren dynamisch miteinander. Sie beeinflussen und regulieren sich gegenseitig. Oft entwickelt sich eine neue Technologie innerhalb eines bereits existierenden Regelsystems. Die neue Technologie erzeugt Momentum durch die Unterstützung von Stakeholdern (Geels 2002: 1260f). Das existierende Regelsystem wird maßgeblich vom Regime auf der Meso- Ebene bestimmt. Änderungen auf dieser Ebene bestimmen also, ob eine Nische sich erfolgreich weiterentwickeln und langfristig bestehen kann (Weber et al. 1999: 19).

Vergangene Studien wie die von Moe (2012: 271f) zeigten bereits, dass Institutionen mit Bezug zur Solarenergie oftmals von Eigeninteressen geleitet werden und nicht immer den wirtschaftlich optimalen Weg wählen. Li und Shiroyama (2019: 1) gelingt es, den Nachweis zu erbringen, dass die Solarlobby in der Lage ist andere erneuerbare Energien zu unterdrücken. Tokumaru (2020: 197) stellt in seiner Fallstudie zum Programm „Kumi Umi Solar Power Plant with Resident Participation“ klar, dass ein Schlüssel für institutionellen Wandel, um nachhaltige Entwicklungsziele zu erreichen, ein institutionelles System benötigt, welches die spezifischen Gegebenheiten der Umwelt mit der Promotion von Zusammenarbeit zwischen privaten und öffentlichen Akteuren verbindet und gleichzeitig Ziele setzt, die einen dynamischen Entwicklungsprozess zwischen Akteuren fördern. Diese Arbeit verbindet die zuvor genannten Ergebnisse und erklärt aufgrund von Ursachen und Wirkungen den institutionellen Wandel der Solarlobby im sozio- technischen Regime der Solarenergie. Neben Pfadabhängigkeiten des Systems und Eigeninteressen der Akteure werden auch exogene bzw. endogene Schocks als Auslöser für institutionellem Wandel untersucht. Auf diese Weise kann ein umfassendes Verständnis für die Beantwortung der Forschungsfrage erzielt werden.

3 Methode

Auf Basis des zuvor geschilderten theoretischen Rahmens untersucht diese Arbeit die Solarlobby in Japan aus drei verschiedenen Perspektiven, um auf diese Weise ein umfassendes Verständnis der dynamischen Beziehungen verschiedener Akteure im Solarsektor zu gewinnen. Es ist interessant anzumerken, dass gleiche oder ähnliche politische Maßnahmen zur Förderung erneuerbarer Energien zu unterschiedlichen Ergebnissen innerhalb eines Landes führen können. Dies gilt auch für Solarenergie in Japan. Ein Blick auf die aktuelle Kapazität und Wachstumsrate für erneuerbare Energien in Japan liefert ein erstes Indiz für den Erfolg der Solarenergie. Seit der Einführung erster Förderprogramme hat besonders die Solarindustrie von diesen profitiert. Innerhalb von nur 10 Jahren (2005 – 2015) verfünffachte sich die durchschnittliche Wachstumsrate für die Installation von Photovoltaikanlagen, während sie für Windanlagen recht konstant blieb (Abbildung 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1:Kapazitäten erneuerbarer Energien in Japan; METI (2017: 4)

Daher gilt es zu identifizieren, welche spezifischen sozialen, historischen und institutionellen Faktoren die Solarindustrie und die in ihr agierende Solarlobby von anderen erneuerbaren Energien in Japan unterscheiden und es ihr ermöglichen trotz widriger Umstände persistent zu sein. Diese Arbeit fokussiert sich auf institutionelle Dynamiken, ausgelöst von Interaktionen zwischen Akteuren in einem sozio- technischen System. In diesem Kapitel werden die einzelnen Ebenen der MLP genauer definiert und auf die Solarlobby angewendet.

3.1 Untersuchung der Umwelt als Makro Ebene

Die Umwelt bildet ein breites exogenes Umfeld ab, das als solches außerhalb des direkten Einflusses von Regime- und Nischenakteuren liegt (Hermwille 2016: 2). In dieser Arbeit werden die Ölkrise im Jahr 1974 und die Nuklearkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011 als exogene Schocks behandelt. Es wird untersucht wie die Akteure der Meso- und Mikro Ebene auf diese Schocks reagierten und welche Veränderung sich daraus für die Struktur der Eigeninteressen ergeben.

3.2 Untersuchung des sozio- technischen Regimes als Meso Ebene

Diese Ebene besteht aus einem Komplex aus Praktiken, Fähigkeiten und Personen, welche alle in Institutionen eingebettet sind (Hermwille 2016: 2). Um Veränderungen in einem sozio- technischen Regime erklären zu können, muss zunächst das komplexe Netzwerk der Eigeninteressen aus Bürokratie, Industrie und politischen Parteien im japanischen Energiesektor erläutert werden.

Das METI (Ministry of Economy, Trade and Industry) ist der Hauptakteur in der Bürokratie, die von ihm gegründete NEDO (New Energy and Industrial Technology Development Organization) untersteht ihm direkt (Moe 2012: 262). Mit METIs starken Verbindungen zwischen der Industrie und der Bürokratie hat es großen Einfluss auf die Energiepolitik. Für fast jeden Industriezweig gibt es eine Interessengruppe innerhalb des METI. Jede Gruppe versucht, die Interessen ihrer Industrie durchzusetzen. Daher ist das METI kein neutraler Akteur und auch kein monolithischer. Die einflussreichste Gruppe im METI sind die Interessenvertreter der zehn großen, monopolartigen Stromerzeuger Japans, organisiert in der FEPC (Federation of Electric Power Companies) (Moe 2016: 58). Seit den frühen 1970er Jahren gibt es im METI auch eine Interessengruppe, welche die Solarindustrie unterstützt (Moe 2012: 262). Diese kleine Gruppe war zwar nie in der Lage eigene energiepolitische Entscheidungen anzubringen, aber sie schaffte es für gewöhnlich immer vorteilhafte Abkommen für die Solarindustrie zu sichern. Ein weiterer Akteur in der Bürokratie mit Einfluss auf die Energiepolitik ist das Finanzministerium (MOF), dessen Entscheidungen sich sogar das METI fügt (ebd.).

Der Hauptakteur in der Industrie ist die zuvor genannte FEPC. Sie waren seit je her gegen rivalisierende Stromerzeuger und setzten sich stark für die Erhaltung des Status quo ein (Moe 2016: 48).

Der bürokratische Apparat des METI hatte wiederum starke Beziehungen mit der LDP (Liberal Democratic Party of Japan), genauer gesagt der Partei und nicht der Regierung. Ähnlich wie beim METI enthält auch die LDP verschiedene rivalisierende Gruppen, wobei jede Gruppe versucht, ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Traditionell ist die LDP allerdings ein starker Befürworter von Kernenergie (Moe 2012: 262). Die LDP regiert in Japan fast unangefochten und Wahlen haben nur wenig Einfluss auf die Politik (Moe 2016: 47).

Diese Struktur der Eigeninteressen wird in der Literatur als „eisernes Dreieck“ bezeichnet (Moe 2012: 262). Der stärkste Akteur ist die Bürokratie (METI), gefolgt von der Industrie (FEPC), aber auch politische Parteien (LDP) können Einfluss ausüben. Ein System in dem die Regierung schwach, die Bürokratie außergewöhnlich stark, politisiert und wo Geschäftsbeziehungen eng sind, ist anfällig für den Missbrauch von Eigeninteressen.

Diese Arbeit wird daher gezielt energiepolitische Entscheidungen (Gesetze, Regulierungen, Ziele) mit Relevanz für die Solarenergie thematisieren und analysieren, wie es der Solarenergie möglich war, sich in diesem System aus Eigeninteressen durchzusetzen. Warum wurden diese Entscheidungen getroffen, von wem und welche Auswirkungen haben sie auf die Solarlobby?

3.3 Untersuchung der Nische als Mikro Ebene

Nischen sind Räume, in denen Netzwerke von Akteuren mit Technologien experimentieren und sich gegenseitig anpassen (Hermwille 2016: 2).

In dieser Arbeit wird die Solarenergie als Nische betrachtet. Es wird ihre Entstehung und Entwicklung anhand von Eigeninteressen aus der „Rational Choice“ Theorie und Pfadabhängigkeiten aus dem „historischen Institutionalismus“ erläutert. Es wird sich im Verlauf dieser Arbeit zeigen, dass die Solarenergie in das bestehende System aus Eigeninteressen des sozio- technischen Regimes aus der Meso Ebene passte. Aus diesem Grund konnte sich ein heimischer Markt für Solarenergie entwickeln und damit traten neue Investoren in den Markt ein, welche ihrerseits Einfluss auf energiepolitische Entscheidungen in der Meso Ebene ausübten. Die so entstehenden dynamischen Beziehungen zwischen der Meso und Mikro Ebene, welche zur Entstehung der Solarlobby führte, werden ebenfalls untersucht.

4 Die Solarlobby aus Sicht von institutionellem Wandel innerhalb eines sozio-technischen Regimes

4.1 Beginn der Solarlobby

Japan war aufgrund seiner Ressourcenknappheit und seiner Insellage schon immer von hohen Importen fossiler Brennstoffe zur Stromerzeugung, wie Erdöl und Kohle, abhängig (METI 2018: 6). Diese Abhängigkeit birgt eine Gefahr für Japans Wirtschaft, da sich steigende Preise für fossile Brennstoffe direkt auf den Strompreis auswirken und zu einer Verteuerung aller produzierten Güter führt (METI 2018: 28). Ein direkter Zukauf von Strom ist ebenfalls nicht möglich, da Japan aufgrund der Insellage an kein Stromnetz benachbarter Länder angeschlossen ist (METI 2018: 27). Dies führte zu Bedenken innerhalb der Energiesicherheit, nämlich ob immer genug Energie in Form von Strom zur Verfügung gestellt werden kann. Aus diesem Grunde wurde nach Alternativen zur Energiegewinnung aus nicht fossilen Energiequellen gesucht (METI 2018: 6).

4.1.1 Der erste exogene Schock: die Ölkrise 1973

Die Ölkrise 1973 stellt den ersten exogenen Schock dar, welcher zu einem Umdenken in Japans Energiemix führte (Kimura/ Suzuki 2006: 2f). Die japanische Regierung sah Nuklearenergie als eine mögliche Lösung aus dem Dilemma der Energiesicherheit (Moe 2016: 38; Li/ Shiroyama 2019: 6). Obwohl erneuerbare Energien somit nicht im Fokus der Energiepolitik in den 1970er Jahren standen, so hatten sie doch eine Chance, sich zu entwickeln und erste Stakeholder zu gewinnen. Unter den erneuerbaren Energien war es die Solarenergie, die am meisten Finanzierung für Forschung und Entwicklung (F&E) erwerben konnte (Li/Shiroyama 2019: 4). Im Weiteren Verlauf dieses Unterkapitels wird die gemeinsame Entstehung der Solarenergie als Nischentechnologie und der Solarlobby untersucht.

4.1.2 Der erste Energiewandel: Das Sunshine Programm 1974 und seine Nachfolger

Einer der einflussreichsten Akteure innerhalb der japanischen Zentralregierung ist das Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie, kurz METI, dessen Name vor 2001 noch Ministerium für Internationalen Handel und Industrie, kurz MITI, war (Li/Shiroyama 2019: 4). Es führte einige strategische Initiativen zur Förderung von Solarenergie ein.

Das erste davon war 1974 das Sunshine Programm (IAE 2016), welches Studien zu neuen, nicht fossilen Energien fördern sollte, darunter neben Nuklearenergie auch Solarenergie. Es folgte 1978 das Moonlight Programm, ein Programm zur Entwicklung von energiesparenden Technologien (IEA 2016). Im Jahr 1980 wurde die Verantwortung dieser Programme an die neu gegründete Organisation für die Entwicklung von neuen Energien und industriellen Technologien (NEDO) weitergegeben (DeWit/Iida 2011: 7f). Mit der Gründung der NEDO ist ein neuer Akteur in die Solarenergie eingetreten, der sogleich das Budget für F&E in Solarenergie um 200% erhöht hat (Zhu et al. 2020: 384).

1993 wurden die beiden zuvor vorgestellten Programme zum New Sunshine Programm zusammengefasst, um so eine bessere Integrierung der einzelnen Politiken innerhalb der Programme zu erreichen (Chowdhury et al 2014: 288). Im New Sunshine Programm erhielt Solarenergie nun mehr Aufmerksamkeit und unter allen erneuerbaren Energien erhielt sie die meiste finanzielle Unterstützung (IEA 2016). Diese Programme, besonders die lange Laufzeit des Sunshine Projects von 20 Jahren (Kimura/ Suzuki 2006: 15) und die Gründung der NEDO verdeutlichen den Entschluss des METI Solarenergie zu fördern und schafften einen sicheren Raum für Entwicklung.

[...]

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Die politische Ökonomie erneuerbarer Energien in Japan. Japans Solarlobby
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,6
Autor
Jahr
2020
Seiten
39
Katalognummer
V908624
ISBN (eBook)
9783346203892
ISBN (Buch)
9783346203908
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ökonomie, energien, japan, japans, solarlobby
Arbeit zitieren
Nadine Frohwerk (Autor), 2020, Die politische Ökonomie erneuerbarer Energien in Japan. Japans Solarlobby, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/908624

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