In dem „für das Spätmittelalter typische[n] Nebeneinander von Tradition und Innovation“ verfasste Konrad von Würzburg um 1260 das "Herzmaere". Mit dem Heinrich von Kempten und dem Schwanritter repräsentiert es in Konrads Oeuvre einen frühen Vertreter der „kleinepischen Untergattung [.] des sog. ‚Märe‘“, welches im 13. Jahrhundert seine Anfänge nahm und dann im 14. und 15. Jahrhundert sehr geläufig wurde. Der Tradition seiner Zeit folgend, konzipiert Konrad nahezu sein gesamtes Werk und damit auch das "Herzmaere" als lehrhaft. Dabei verbindet er – so wie auch weitere seiner zeitgenössischen Autoren – sein didaktisches Anliegen mit einer Zeitklage.
Die "luterlichiu minne" (V. 2) die "der werlte ist worden wilde" (V. 3) soll mit Hilfe der Erzählung, die exemplarisch als "bilde" (V. 4) dient, ins Gedächtnis gerufen werden. Dies untermauernd beruft sich Konrad auf von "Strâzburc meister Gotfrit" (V. 9; Meister Gotfrit von Straßburg) als prominentes literarisches Vorbild: Diejenigen, die sozusagen ‚richtige Liebe‘ praktizieren wollen, müssen "hoeren [.][,]/ sagen unde singen / von herzeclichen dingen, / [...]"
Das angekündigte Thema der wahren Liebe, also der Minne wie sie bereits bei Gottfried vorkommt, wird an die Bedingung des Leids geknüpft. In dieser ambivalenten Wechselbeziehung, die sich im Finale der Erzählung – dem Verspeisen des Herzens des Geliebten – zu einer „Ästhetisierung des Grausam-Häßlichen“ zuspitzt, entfaltet das Herzmaere eine besondere Ästhetik. Sie wird vor allem im Rahmen einer performativen Ästhetik zum Ausdruck gebracht, die ich nachfolgend aufzeige. Zunächst werde ich anknüpfend an den Begriff der „Ästhetischen Erfahrung“, wie er von Erika-Fischer-Lichte diskutiert wird, ihr damit einhergehendes Verständnis einer performativen Ästhetik darlegen. In Verbindung mit Christian Kienings mediävistischen Ansatz, wird so ein geeignetes Instrumentarium überblickt, um damit anschließend das Herzmaere auf Materialität, Ritualität und Präsenzerzeugung, und somit auch performative Ästhetik zu untersuchen. Letztlich stellt sich die Frage nach einer möglichen Verknüpfung von Erfahrungsästhetik und performativer Ästhetik in Anwendung auf einen mittelalterlichen Text.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretischer Rahmen
3. Inhalt und Motivgeschichte
4. Dimensionen der performativen Ästhetik im Herzmaere
5. Fazit
6. Literaturverzeichnis
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die ästhetischen Dimensionen in Konrad von Würzburgs „Herzmaere“ unter Anwendung theoriewissenschaftlicher Ansätze zur performativen Ästhetik und Erfahrungsästhetik. Dabei wird analysiert, wie der Text durch die Verknüpfung von Sprache, Materialität und Ritualität beim Rezipienten einen liminalen Schwellenzustand erzeugt, um die im Werk dargestellte „wahre Minne“ als transformativen Prozess erfahrbar zu machen.
- Analyse der performativen Ästhetik im mittelalterlichen Kontext
- Untersuchung der Motivgeschichte des „gegessenen Herzens“
- Interaktion zwischen Sprache, Körperlichkeit und Präsenzerzeugung
- Konzeptualisierung einer imaginären Aufführungssituation für literarische Texte
- Religiöse Aufladung und eucharistische Anspielungen im Erzählverlauf
Auszug aus dem Buch
3. Inhalt und Motivgeschichte
Wie auch Gottfried thematisiert Konrad im Rahmen einer klassischen Dreiecksgeschichte eine außereheliche Liebesbeziehung, die die bestehenden gesellschaftlichen Gesetze aufgrund ihrer starken Minne durchbricht. Es geht um einen Ritter und eine Frau, die sich intensiv lieben, obwohl die Frau bereits an einen bürgerlichen Mann vergeben ist. Der Ehemann bemerkt diese Affäre und beschließt darauf, sich mit seiner Frau von dem Ritter zu distanzieren und in Jerusalem abzusetzen. In der bevorstehenden Trennung überkommt den Ritter die Befürchtung, seine Geliebte für immer zu verlieren. Er fasst den Plan hinter her zu reisen, wird dann jedoch von ihr davon abgehalten. Stattdessen bittet sie ihn, um jeden Verdacht zu zerstreuen, bereits vor ihnen die Reise anzutreten. Dies getan, realisiert er kurz darauf, dass die Trennung seinen Tod nach sich ziehen wird. In der seelisch aufzehrenden Minnesehnsucht beauftragt er seinen Knappen, nach seinem Tod, sein Herz aus dem Leichnam zu entnehmen und dieses als Zeichen seiner Minne der Frau zu übergeben. Der Knappe befolgt diesen Auftrag, wird jedoch von dem Ehemann, der ihn zufällig aufschnappt, abgehalten. Dieser enttarnt sein Vorhaben und entreißt ihm das Herz, woraufhin er es von seinem Koch nach einem kostbaren Rezept zubereiten lässt und seiner Frau vorsetzt. Vertrauensselig verzehrt sie das entfremdete Herz und fragt anschließend ihren Gatten nach der Zubereitung. Als sie dann von ihm erfährt, dass dies das Herz ihres geliebten Ritters war, fällt sie in eine tiefe Trauer und beschließt, keine Nahrung mehr zu sich zu nehmen. Daraufhin stirbt auch sie.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung verortet das „Herzmaere“ im Kontext der spätmittelalterlichen Märengattung und führt in das didaktische Anliegen Konrads sowie die theoretische Fragestellung der Arbeit ein.
2. Theoretischer Rahmen: Dieses Kapitel erläutert die Konzepte der performativen Ästhetik und der Schwellenerfahrung nach Erika Fischer-Lichte sowie deren Anwendung auf literarische Texte.
3. Inhalt und Motivgeschichte: Es wird die Erzählstruktur der Dreiecksgeschichte dargelegt und der kulturgeschichtliche Kontext des Motivs vom „gegessenen Herzen“ beleuchtet.
4. Dimensionen der performativen Ästhetik im Herzmaere: Der Hauptteil analysiert die rituellen Aspekte, die Materialität der Sprache und die Präsenzerzeugung im Text durch die Linse der performativen Theorie.
5. Fazit: Das Fazit führt die Ergebnisse zusammen und resümiert die performative Kraft des Werks als transformativen Akt für den Rezipienten.
6. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Herzmaere, Konrad von Würzburg, performative Ästhetik, Erfahrungsästhetik, Minne, Liebestod, Schwellenerfahrung, Liminalität, Mittelalter, Märe, Präsenzerzeugung, Literaturwissenschaft, Motivgeschichte, Eucharistie, Medialität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die ästhetische Gestaltung von Konrad von Würzburgs „Herzmaere“ unter Verwendung aktueller performanztheoretischer Ansätze.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Konzepte der „wahren Liebe“ (Minne), der mittelalterlichen Zeitklage und der ästhetischen Transformation durch Sprache und Ritual.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie das Herzmaere über den bloßen Textinhalt hinaus durch Performativität beim Leser eine bewusste ästhetische und liminale Erfahrung auslöst.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung basiert primär auf den Theorien zur performativen Ästhetik von Erika Fischer-Lichte sowie mediävistischen Ansätzen zur Materialität und Performanz von Christian Kiening.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert, wie Konrad durch gezielte rhetorische Mittel, die Anlehnung an Gottfried von Straßburg und die Gestaltung von Sprechakten den Prozess der Einheitswerdung und des Leidens rituell im Text verankert.
Was charakterisiert die Arbeit inhaltlich?
Die Arbeit zeichnet sich durch die Verknüpfung von mediävistischer Philologie mit modernen ästhetischen Theorien aus.
Welche Rolle spielt das „Herz“ in der Argumentation?
Das Herz fungiert sowohl als zentrales literarisches Motiv, als auch als physisches Objekt, das in einem komplexen Prozess der Verdinglichung und Metaphorisierung die performative Ästhetik des Textes trägt.
Inwiefern beeinflusst die Eucharistie-Anspielung die Interpretation?
Die Anspielung auf die Eucharistie dient als religiös-spirituelle Aufladung des Erzählstrangs, die den Akt des Essens über eine bloße Handlung hinaus zu einem ritualisierten, ästhetisch potenzierten Ereignis macht.
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- David Gense (Author), 2017, Dimensionen der performativen Ästhetik im "Herzmaere" von Konrad von Würzburg, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/909185