Diese Seminararbeit geht auf die geschichtliche Entwicklung, beziehungsweise insbesondere auf die Entwicklung der Tibetischen Medizin zwischen dem 7. bis 8. Jahrhundert ein, da speziell in dieser Zeit andere Medizinsysteme großen Einfluss auf die Tibetische Medizin nahmen und sie in ihrer Entstehung und Entwicklung beeinflusst haben.
In Zusammenspiel und Wechselwirkung der unterschiedlichen Medizinsysteme Asiens entwickelten sich unter dem Einfluss individueller Kulturen und Religionen alle Systeme unterschiedlich und doch scheinen sie alle gewisse Ähnlichkeiten in sich zu tragen. Diese Tatsache der gegenseitigen Einflussnahme werde ich in dieser Arbeit am Beispiel der Tibetischen Medizin beleuchten.
Die Betrachtung in dieser Arbeit konzentriert sich vor allem auf die Zeit des tibetischen Großreiches (7.- 9. Jahrhundert), welche in der tibetischen Selbstwahrnehmung die Zeitepoche der „frühen Verbreitung“ des Buddhismus entspricht, denn die Regierungszeit des ersten tibetischen Herrschers König sRong bRtsan sGampo im 7. Jahrhundert markiert mit der Entstehung des Schriftsystems und der Einführung des Buddhismus in Tibet einen wichtigen Punkt in der tibetschen Geschichte und vor allem auch in Bezug auf die Entwicklung der wissenschaftlichen Medizin Tibets. Ebenfalls die Regierungszeit des Königs Khri sRong lde bRtsan spielt für die Entstehung der Tibetischen Medizin eine entscheidende Rolle, weshalb ich auch diese Zeit genauer beleuchten werde.
Die Literaturrecherche gestaltet sich in Bezug auf die Themenstellung nicht einfach, da in den meisten deutsch- oder englischsprachigen Werken über die Tibetische Medizin die Geschichte nur eine sehr untergeordnete Rolle einnimmt und dementsprechend verkürzt und plakativ wiedergegeben wird. Zum Teil habe ich hilfreiche Einführungen in die Tibetische Medizin eingesehen und verwendet, mit Beckwith (1979+1987) liegen auch weiterführende Informationen, sowohl zur Geschichte als auch zur Bedeutung der Griechischen Medizin in Tibet, vor. Des Weiteren greife ich in Bezug auf eine Beschreibung der prägenden Medizinsysteme teilweise auf einschlägige Fachliteratur zurück.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Wurzeln der Medizin in Tibet
2.1. Die vorbuddhistischen Traditionen
2.2. Die Verkündigung der Medizinlehre durch Buddha Shakyamuni
3. Das Tibetische Großreich (7. bis 9. Jahrhundert v. Chr.) und die Anfänge der wissenschaftlichen Medizin
3.1. Einführung der Schrift und des Buddhismus unter König sRong bRtsan sGampo im 7. Jahrhundert
3.1.1. König sRong bRtsan sGampo und die Medizin
3.2. Erster internationaler Medizinerkongress unter König Khri sRong lde bRtsan im 8. Jahrhundert
3.2.1. gYu-thog Yon-tan mGon-po und die “Vier Tantras”
3.2.2. Die erste medizinische Konferenz
4. Heilkundige aus fremden Ländern
4.1. „Bharadhvaja“ als Vertreter der Indischen Medizin / des Ayurveda
4.2. „Hen-weng Hang“ als Vertreter der Chinesischen Medizin
4.3. „Galenos“ als Vertreter der Griechischen Medizin
5. Fazit
6. Zitierte Literatur
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die geschichtliche Entwicklung der Tibetischen Medizin zwischen dem 7. und 8. Jahrhundert. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie interkulturelle Einflüsse und der Austausch mit anderen Medizinsystemen Asiens und Europas die Entstehung der wissenschaftlichen Medizin in Tibet während der Ära des tibetischen Großreichs maßgeblich geprägt haben.
- Historische Rahmenbedingungen des tibetischen Großreichs
- Einfluss von Buddhismus und Schriftlichkeit auf die medizinische Entwicklung
- Vergleich der Tibetischen Medizin mit Ayurveda, Chinesischer und Griechischer Medizin
- Die Rolle internationaler Gelehrter am tibetischen Königshof
- Bedeutung des ersten Medizinerkongresses für die Standardisierung
Auszug aus dem Buch
3.1.1. König sRong bRtsan sGampo und die Medizin
Die chinesische Prinzessin Wen-ch’eng, König sRong bRtsan sGampos Frau, brachte der Überlieferung zufolge aufgrund ihres Interesses am Buddhismus und an der Medizin neben ihrer buddhistischen Weltsicht auch medizinische sowie astrologische Texte aus China mit, welche ins Tibetische übersetzt wurden (Rechung 1973: 15). Viele Heilkundige aus fremden Ländern besuchten in dieser Zeit den Königshof und brachten ihre medizinischen Kenntnisse mit ein (Schwarz 1998: 22) und außerdem lud sRong bRtsan sGampo explizit folgende Ärzte auf den Hof ein: Bharadhvaja aus Indien, Hen-weng Hang aus China und „Galenos“ aus rTazig (Persien) (Rechung 1973: 15; Arja 2006a: 3), womit sich ein außergewöhnlicher, von höchster Stelle organisierter, direkter Kontakt mit Ärzten aus verschiedenen Kulturen ergab. Jeder von ihnen übersetze ein Buch ins Tibetische und aus der Diskussion der drei Ärzte wurde ein neuer medizinischer Text erschaffen, welcher Mi-hjigs-pa’i mTs’on-chha (tib.) genannt wurde, sieben Kapitel enthielt und dem König präsentiert wurde (Rechung 1973: 15: Beckwith 1979: 299). König sRong bRtsan sGampo ordnete an, dass diese drei medizinischen Systeme erforscht werden sollen (Arja 2006b: 4) und setzte sich sehr für einen systematischen Ausbau des medizinischen Wissens ein (Clifford 1984: 81).
Die Ärzte aus Indien und China kehrten in ihre Heimat zurück, Galenos (bzw. ein Vertreter der Lehren des Galen) aber blieb am Königshof, unterrichtete Medizin und wurde der Leibarzt des Königs. Er heiratete und bekam drei Söhne, welche ebenfalls Ärzte wurden und seine Tradition in drei unterschiedlichen Linien fortsetzten. (Rechung 1973: 15; Arja 2006b: 4; Beckwith 1979: 301).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Arbeit analysiert den historischen Entwicklungsprozess der Tibetischen Medizin im 7. und 8. Jahrhundert unter Berücksichtigung externer medizinischer Einflüsse.
2. Die Wurzeln der Medizin in Tibet: Dieses Kapitel beleuchtet die vorbuddhistischen, schamanisch geprägten Heiltraditionen sowie die mythologische Herleitung der Medizin durch Buddha Shakyamuni.
3. Das Tibetische Großreich (7. bis 9. Jahrhundert v. Chr.) und die Anfänge der wissenschaftlichen Medizin: Hier wird der Einfluss der Könige sRong bRtsan sGampo und Khri sRong lde bRtsan auf die Etablierung medizinischer Wissenschaften durch Schriftlichkeit und Kongresse untersucht.
4. Heilkundige aus fremden Ländern: Das Kapitel vergleicht die Ansätze der ayurvedischen, chinesischen und griechischen Medizin als prägende Fremdeinflüsse auf die tibetische Heilkunde.
5. Fazit: Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass die Tibetische Medizin nicht isoliert, sondern durch einen regen interkulturellen Austausch entstanden ist.
6. Zitierte Literatur: Auflistung aller verwendeten Quellen und Fachpublikationen.
Schlüsselwörter
Tibetische Medizin, Buddhismus, König sRong bRtsan sGampo, Ayurveda, Chinesische Medizin, Griechische Medizin, rGyud-bzhi, Medizinerkongress, Medizingeschichte, Heilkunde, Interkultureller Austausch, Konstitutionslehre, Pulsdiagnose, Schamanismus, Frühe Verbreitung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die historische Genese der Tibetischen Medizin im 7. und 8. Jahrhundert und ihren Wandel durch den Kontakt mit fremden Medizinsystemen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die Rolle der frühen tibetischen Herrscher, der Einfluss des Buddhismus auf die Medizin sowie der Austausch mit indischen, chinesischen und griechischen Gelehrten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Ursprung der wissenschaftlichen Tibetischen Medizin als Ergebnis eines interkulturellen Austauschs und nicht als isolierte Entwicklung darzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturrecherche und der Analyse historischer Quellen sowie Sekundärliteratur zur Medizingeschichte.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Wurzeln der Medizin, die Bedeutung der Regierungszeiten wichtiger Könige für den medizinischen Wissenserwerb und Vergleiche zwischen verschiedenen Medizintraditionen behandelt.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem Tibetische Medizin, Buddhismus, Interkultureller Austausch und Medizingeschichte.
Welche Bedeutung hatte der erste Medizinerkongress im Jahr 794?
Der Kongress diente dem Austausch und Vergleich zwischen tibetischen, indischen, chinesischen, persischen und anderen Heilmethoden und prägte die Theoriebildung nachhaltig.
Warum wird die Griechische Medizin in der tibetischen Literatur oft als "upper Tibetan Medicine" bezeichnet?
Dies deutet auf den tiefgreifenden, frühen Einfluss griechischer bzw. westlicher (byzantinischer) Traditionen hin, die im Gegensatz zu anderen Einflüssen mit einem speziellen Terminus belegt wurden.
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- Alexandra Schulz (Author), 2007, Über die Einflüsse auf die Entwicklung der Tibetischen Medizin im 7. und 8. Jahrhundert n. Chr., Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91046