Nimmt die gesellschaftliche Stellung eines politischen Akteurs Einfluss auf seine moralischen Handlungsmöglichkeiten? Der fiktive Fürst von Machiavelli


Hausarbeit, 2018

24 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die allgemeinen Aussagen der Kapitel XV-XVIII aus ‚Der Fürst’
2.1 Machiavellis Verständnis des Fürsten
2.1.1 Der ‚ideale’ Fürst
2.1.2 Der ‚reale’ Fürst
2.1.3 Das Ziel des Fürsten
2.2 Machiavellis Menschenbild

3. Das Abhängigkeitsverhältnis bei Machiavelli

4. Verschiedene Verstehensansätze der Problematik
4.1 Der Humanismus und der Fürstenspiegel
4.2 Ethik und Hypokrisie in der Politik
4.3 Common Morality und der Begriff der Rechtfertigung

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In den Kapiteln XV-XVIII seines Werkes Der Fürst 1 rät Machiavelli einer Person mit einer staatsführenden gesellschaftlichen Rolle zu Handlungsoptionen in einem politischen Rahmen, die auf den ersten Blick den Eindruck erwecken, sich an einem unmoralischen Verhalten zu orientieren. Zu Beginn stellt er dazu die These auf, dass aus erwünschten Handlungen unerwünschte und aus unerwünschten Handlungen erwünschte Ergebnisse für den Akteur resultieren können. Deswegen sei es für ein Staatsoberhaupt ratsam, wider dem Löblichen (dem Moralischen) zu handeln, um seine gesellschaftliche Position zu sichern. Hierbei bleibt allerdings unklar, ob Machiavelli die Moral als solche, nur in bestimmten Teilaspekten oder einen gänzlich anderen Aspekt kritisieren möchte.

Außerdem analysiert Machiavelli die Verhältnisse von menschlichen Charaktereigenschaf-ten in Bezug zu damit einhergehenden, moralisch bewertbaren Verhaltensweisen stark ge-bunden an einen Akteur von besonderer gesellschaftlicher Stellung. Daher stellt sich mir zudem die Hauptfrage, ob die moralischen Handlungsmöglichkeiten eines Akteurs durch seine gesellschaftliche Stellung beeinflusst werden.

Aufgrund dieser Überlegungen möchte ich mich zunächst mit den allgemeinen Aussagen der besagten Kapitel befassen und dabei Machiavellis Verständnis von einem Herrscher2 und das von ihm skizzierte Menschenbild untersuchen, um herauszuarbeiten, in welcher Beziehung diese Begriffe zueinander stehen, sowie woran sich Machiavellis Kritik tatsächlich richtet.

Daraufhin möchte ich andere Verstehensansätze einführen und mit der bei Machiavelli thematisierten Problematik in Verbindung setzen, um zu erarbeiten, ob die gesellschaftliche Rolle eines Akteurs Einfluss auf dessen Handlungsoptionen im Bezug zu moralischen Richtlinien nimmt, sowie ob dies sich anhand eines moraltheoretischen Ansatzes rechtfertigen lässt.

Mein Ziel ist, zu zeigen, dass es sich bei dem fiktiven Fürsten von Machiavelli um einen (ein Staatsoberhaupt widerspiegelnden) Sonderfall handelt, weil dessen gesellschaftliche Stellung seine moralischen Handlungsmöglichkeiten beeinflusst, sowie, dass Machiavellis Ratschläge moralisch nicht verwerflich sind, sondern legitim sein können.

2. Die allgemeinen Aussagen der Kapitel XV-XVIII aus ‚Der Fürst’

Um die allgemeinen Aussagen der Kapitel XV-XVIII aus Machiavellis Werk Der Fürst zu veranschaulichen, werde ich hier sein Verständnis von einem Staatsoberhaupt und daraufhin sein in diesen Kapiteln vermitteltes Menschenbild skizzieren. Ziel dabei ist, zu zeigen, dass moralische Vorstellungen in diesem Rahmen eine Rolle spielen und zu untersuchen, ob Machiavelli Kritik an diesen übt.

2.1 Machiavellis Verständnis des Fürsten

Machiavellis hier angeführte Untersuchung basiert auf der grundlegenden Annahme, dass Menschen unabhängig ihres gesellschaftlichen Ranges wünschenswerte, aber auch ungern gesehene Charaktereigenschaften zugesprochen werden können. Er hebt ebenfalls hervor, dass diese für ein Staatsoberhaupt von besonderer Relevanz seien.3 Darüber hinaus können sie dem Menschen „Tadel oder Lob eintragen”.4 Dies deutet darauf hin, dass die besagten Eigenschaften moralischen Wertungen unterliegen und moralische Vorstellungen hier somit eine zentrale Rolle spielen. Weiterhin beschreibt Machiavelli zwei unterschiedliche Typen von Herrschern, die ich im Folgenden skizzieren möchte.

2.1.1 Der ‚ideale’ Fürst

Machiavelli strebt in diesem Aufsatz nicht an, einen ‚idealen’ Herrscher zu definieren. Dennoch fallen wiederholt Kommentare, was unter solch einem Begriff zu verstehen sei. In Anlehnung an die oben erwähnten Charaktereigenschaften formuliert er z. B.: „Ich bin mir wohl bewu[ss]t, da[ss] es nach aller Meinung das Löblichste wäre, wenn ein Herrscher von all den aufgezählten Eigenschaften nur die besäße, die für gut gelten.”5

In Betracht auf den Hinweis der moralischen Wertung dieser Eigenschaften inkludiert dies, dass das ‚ideale’ Staatsoberhaupt außerdem ein ‚idealer’ moralischer Akteur ist. Von einem Herrscher mit ausschließlich erwünschten Eigenschaften ist kaum vorstellbar, wider diese Eigenschaften und entgegen erwünschtem Verhalten zu handeln. Machiavelli sieht hier ein anderes Problem: „[J]eder Herrscher [sollte danach trachten], im Ruf der Milde und nicht in dem der Grausamkeit zu stehen. Doch mu[ss] er darauf achten, da[ss] er von der Milde keinen schlechten Gebrauch macht.”6

Die Gefahr für den ‚idealen’ Herrscher bestünde nicht darin, wider Erwarten auf eine unerwünschte Weise zu handeln. Sie sei darin begründet, dass auch erwünschte Charaktereigenschaften unerwünschte Auswirkungen haben können. Deswegen stellt Machiavelli diesem Idealbild ein anderes Herrscherbild gegenüber, welches im Bezug auf den Machterhalt realistischer und effektiver sei.7

2.1.2 Der ‚reale’ Fürst

Gleich zu Beginn verdeutlicht Machiavelli, dass er das Idealbild eines Herrschers lediglich ablehnt, weil er keine Realisierbarkeit darin sieht: Ein Staatsoberhaupt könne nicht dem Ideal entsprechen, weil es sich moralischen Vorstellungen als Wegweiser entsagen müsse. Dabei ist hervorzuheben, dass nicht die Moral selbst das Problem sei, sondern das Verhalten von anderen Menschen. Es wäre zwar wünschenswert, dass ein Herrscher entsprechend dem Idealbild handele, sei aber nicht möglich, weil zu viele andere Menschen sich nicht an moralische Richtlinien halten würden.8

Ein weiterer Grund für Machiavellis Ablehnung des Idealbilds besteht darin, dass es für einen Menschen allgemein unrealistisch wäre, nur erwünschte Charaktereigenschaften zu besitzen. Es läge in dessen Natur, neben charakterlichen Vorzügen auch Eigenschaften auf-zuweisen, die andere Menschen nicht für gut halten.9 Deswegen „[müsse] ein Herrscher so klug sein, den schlechten Ruf jener Laster zu meiden, die ihn um die Macht bringen können; und auch vor den Lastern, die seine Macht nicht in Gefahr bringen, [solle] er sich, wenn irgend möglich hüten.”10

Hier wird deutlich, dass Machiavelli zwar annimmt, ein Herrscher könne sich nicht auf die Orientierung an moralischen Richtlinien verlassen, müsse aber mit Bedacht statt schlicht entgegen dieser Orientierung handeln.

Neben den ersten zwei Gründen, die in dem von Machiavelli beschriebenen Menschenbild ruhen, nennt er einen dritten Grund dafür, weshalb die Realisierung des Idealbilds eines Herrschers nicht möglich sei. Dieser bezieht sich auf die bereits erwähnte Annahme, dass eine wohlwollende Absicht nicht zwingend zu dem erwünschten Ergebnis führen würde, während ein scheinbar unerwünschtes Verhalten zu eben diesem Ergebnis führen könne.11 Diese These erscheint zunächst paradox, bildet jedoch mitsamt dem Menschenbild das Fundament für Machiavellis Argumentation, weil es sich hierbei um seine Hauptthese handelt. Unklar ist an dieser Stelle allerdings, ob er die Moral nun doch als solche kritisiert, weil er löbliches Handeln nicht gutheißt.12

Basierend auf den oben aufgelisteten Annahmen beschreibt Machiavelli Konsequenzen für die Handlungsoptionen eines Staatsoberhauptes. Grundsätzlich stellt er dafür mehrfach eine Tugend einem Laster gegenüber, welche sich gegenseitig ausschließen. Im Anschluss argumentiert er dafür, weshalb es sinnvoll sei, sich an der lasterhaften Charaktereigenschaft zu orientieren.13 Im Vergleich stehen „Freigebigkeit und Sparsamkeit”,14 „Grausam-keit und Milde”15 und, ob ein Staatsoberhaupt sein Wort halten muss, oder es brechen darf.16 Während dieses Argumentationsverlaufes formuliert er konsequente Schlüsse, wie dass „[e]in Herrscher […] sich also um den Vorwurf der Grausamkeit nicht kümmern [dürfe], wenn er dadurch seine Untertanen in Einigkeit und Ergebenheit halten [könne].”17 Jedoch ermahnt er das Staatsoberhaupt auch hier, mit Bedacht zu handeln.18

Insgesamt klingt es, als müsse der regierende Akteur situationsbedingte Abwägungen mit-hilfe seines rationalen Verstandes treffen, um das beste Ergebnis zu erzielen.19 Machiavellis Argumentation fußt dabei weiterhin auf seiner Hauptthese, dass eine wohlwollende Absicht nicht zwingend zu dem erwünschten Ergebnis führen würde. Zudem deutet er an, dass das hier gezeigte Problem der Moral (ein Herrscher dürfe sich nicht an moralischen Richtlinien orientieren, sie aber auch nicht missachten) in Beziehung zu seinem Menschenbild steht: Er geht davon aus, dass ein regierender Akteur bis zu einem gewissen Grad grausam sein müsse, um vom Volk ernst genommen zu werden. Der Akteur dürfe aber nicht so grausam sein, dass es Hass im Volk provoziert.20

In dieser Aussage versteckt sich auch die Art dieser Beziehung: Die moralischen Handlungsoptionen eines Herrschers scheinen abhängig von der moralischen Einstellung der Allgemeinheit zu sein.

Es lässt sich eine Vielzahl an weiteren Aussagen finden, die diese Annahme inkludieren. Eine lautet z. B.: „Befindet sich jedoch der Herrscher im Feld und hat eine Menge Soldaten unter seinem Kommando, dann darf er keinesfalls den Ruf der Grausamkeit scheuen[.]”21 Noch konkreter verdeutlicht es folgender Rat Machiavellis, wie ein Herrscher die Kontrolle in diesem Abhängigkeitsverhältnis zum Volk behalten könne:

Da es vom Belieben der Menschen abhängt, ob sie Zuneigung empfinden, und vom Willen des Herrschers, ob sie Furcht empfinden, darf ein kluger Herrscher sich nur auf das verlassen, worüber er zu bestimmen hat, und nicht auf das, worüber andere bestimmen. Nur soll er bemüht sein, dem Ha[ss] zu entgehen[.]22

Bisher wurde skizziert, welchen Bedingungen ein Staatsoberhaupt laut Machiavelli in seinen (moralischen) Handlungsmöglichkeiten unterliegt, sowie dass die entscheidende Bedingung dabei die Einstellung der Allgemeinheit (der entsprechenden Gesellschaft/des Volkes) sei. Nun soll die Frage, welche Absichten und Ziele sich hinter diesen Handlungen verbergen und von einem Herrscher verfolgt werden sollen, untersucht werden.

2.1.3 Das Ziel des Fürsten

Es wurde bereits gesagt, dass Machiavelli nicht die Absicht verfolgt, das Idealbild eines Herrschers zu definieren. Seine Argumentation läuft vollständig darauf hinaus, zu begründen, wie ein Herrscher sich zu verhalten habe und weshalb er sich so zu verhalten habe, um seinen gesellschaftlichen Status zu sichern. Dies drückt Machiavelli auch explizit aus:

Die Hauptsache ist, da[ss] [der Herrscher] seine Untertanen nicht auszuplündern braucht, da[ss] er sich verteidigen kann, da[ss] er nicht in Armut gerät und dadurch verächtlich wird und da[ss] er nicht gezwungen wird, raubgierig zu werden. Knauserigkeit ist jedenfalls eine Untugend, die die Herrschaft erhält. 23

Noch genauer formuliert Machiavelli an anderer Stelle: „Die Handlungen aller Menschen und besonders die eines Herrschers […] beurteilt man nach dem Enderfolg [,]”24 d. h. sein Fokus liegt unmissverständlich und zielorientiert auf den Erhalt von Ma cht.

Bis heute erfährt Machiavelli aufgrund seiner fragwürdigen Einstellung zur Moral in Bezug auf seine Ratschläge an den fiktiven Fürsten viel Kritik,25 doch lassen sich auch Positionen zugunsten von Machiavelli finden. So erklärt Schölderle beispielsweise:

Es entspricht […] sicherlich nicht den Tatsachen, Machiavelli völlige Moralblindheit zu unterstellen. Machiavelli sind ethische Kategorien keineswegs fremd. Genaugenommen [sic] greift Machiavelli die Prinzipien der Moral auch gar nicht an. Denn nicht die Moral ist Machiavellis Thema, sondern es geht ihm um das Bestehenkönnen in der Politik. Dieses Feld aber ist nicht normiert, Politik ist erfahrungsgemäß Kampf um die Macht.26

Skinner stimmt mit Schölderle darin überein, dass Machiavellis Ziel der Machterhalt eines Staatsoberhauptes ist.27 Außerdem solle es bei Machiavelli noch um einen zweiten Aspekt gehen. Der Herrscher solle nicht nur seine Macht sichern, sondern die „richtigen Qualitäten fürstlicher Herrschaft [besitzen, um so] […] Ehre, Ruhm und Prestige”28 zu erlangen.

Ritter trifft hierzu eine weitere interessante Aussage: Er argumentiert, dass Machiavellis Ratschläge an ein Staatsoberhaupt sich auf solche Entwicklungsperioden eines Staates beziehen würden, während denen es dem Staat an Stabilität mangele. Deswegen seien drastische Maßnahmen zum Erzeugen von staatlicher Ordnung und Sicherheit notwendig und Machiavellis Ratschläge legitim.29

Machiavellis eigens gewählte Beispiele zur Stärkung seiner Argumentation in den hier behandelten Kapiteln handeln von eben solchen Momenten staatlicher Instabilität und des politischen Konflikts.30

Diese Aussagen zeigen, dass Machiavelli dem Herrscher seine Ratschläge für eine erfolg-reiche Staatsführung nicht aus einer egoistischen Motivation heraus unterbreitet: Aus dem oben Aufgeführten geht hervor, dass ein Staatsoberhaupt seine Macht erhalten soll, um seine Herrschaft zu sichern. Der Fokus liegt dabei auf den Erhalt des Staates und somit auch auf dem Allgemeinwohl. Machiavellis Bestreben ist die Einführung einer effektiven und erfolgreichen Staatsführung zum Nutzen aller, die in diesem Staat leben; nicht dem Herrscher zur Macht zu verhelfen, allein um dessen Wunsch nach Macht zu tilgen.

Weiterhin trat zu Beginn die Frage auf, ob Machiavellis hier skizzierten Annahmen überhaupt moralkritisch zu verstehen seien. In Anbetracht der bisherigen Untersuchungen scheint dem nicht so. Zum einen verfolgt er mit der Überzeugung, die Umsetzung seiner Ratschläge würden einem Staat Sicherheit und Ordnung bringen, ein wünschenswertes Ziel. Zum anderen ist sein Fokus ein gänzlich anderer: „[Machiavelli] hat - und das ist seine eigentliche geniale Leistung - als erster […] die eiserne Lehre von der Notwendigkeit der Macht als Voraussetzung aller Freiheit [gelehrt].”31

Somit kritisiert Machiavelli die Moral als solche nicht. Er veranschaulicht lediglich, dass die Handlungsoptionen eines moralischen Akteurs in Konflikt zu anderen Rahmenbedingungen stehen können. Dabei verweist er wiederholt auf die Einstellung und das Verhalten anderer Menschen, wodurch ein spezifisches Menschenbild als relevanter Faktor entsteht.

2.2 Machiavellis Menschenbild

In Kapitel 2.1 zeigt sich, dass Machiavelli das Idealbild eines Staatsoberhauptes, d. i. ein (moralischer) Akteur, der nur erwünschte Charaktereigenschaften besitzt, lediglich aufgrund seines Menschenbildes ablehnt. Er nimmt an, dass die meisten Menschen überwiegend lasterhafte Eigenschaften hätten und ein idealer (nur löblich handelnder) Herr-scher sich deswegen nicht gegen sie behaupten könne:32

[D]ie Menschen [haben] weniger Scheu, gegen einen beliebten Herrscher vorzugehen als gegen einen gefürchteten; denn Liebe wird nur durch das Band der Dankbarkeit erhalten, das die Menschen infolge ihrer Schlechtigkeit bei jeder Gelegenheit aus Eigennutz zerreißen. Furcht dagegen beruht auf der Angst vor der Strafe, die den Menschen nie verlä[ss]t.33

Außerdem rät Machiavelli dem Staatsoberhaupt, dass dieser „das Eigentum anderer [nicht] antasten [dürfe]; denn die Menschen [würden] rascher den Tod ihres Vaters als den Verlust ihres väterlichen Erbes [vergessen].”34 Weiterhin sei ein Staatsoberhaupt nicht verpflichtet, seine Versprechen einzuhalten. Gegebenenfalls sei es sogar zu bevorzugen, diese zu brechen. Machiavellis Begründung besteht auch hier darin, dass er diesen Vorschlag nur aufgrund der unerwünschten Charaktereigenschaften der Menschen (des Volkes) mache.35

Dieses hier grob skizzierte Menschenbild lässt Machiavelli, wie schon gezeigt, zu dem Schluss kommen, dass ein kluger Herrscher entgegen den löblichen Charaktereigenschaften handeln solle, um dessen Macht zu erhalten. Bisher bleibt aber die Frage offen, weshalb dieses Ziel auf diesem Weg erreichbar sein soll.

Machiavelli sagt: „[D]er Pöbel hält sich immer an den Schein und den Erfolg; und in der Welt gibt es nur Pöbel.”36 - Würde ein Herrscher dem Idealbild entsprechen, bestünde laut Machiavelli aufgrund der Einstellung der Menschen eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass dieser seinen Status verlieren würde. Würde der Herrscher so handeln, wie Machiavelli es empfiehlt, würde er seinen Status sichern und das Volk ihn als Staatsoberhaupt anerkennen. Machiavellis Argumentation begründet sich weiterhin vollständig in diesem Menschenbild. Seine Kritik richtet sich somit nicht an die Moral, sondern an die Akteure.

Notwendigerweise bedeutet das von Machiavelli beschriebene Abhängigkeitsverhältnis auch, dass die Handlungsoptionen des Staatsoberhauptes sich ändern würden, sobald die moralische Einstellung der Allgemeinheit sich ändern würde. Außerdem würde Machiavellis Argumentation dessen Grundlage verlieren, wenn sein Menschenbild vorab als unwahr abgelehnt wird.37 Allerdings macht Machiavelli in dem hier untersuchten Rahmen keine expliziten Angaben dazu, weshalb dieses Abhängigkeitsverhältnis zwischen der gesell-schaftlichen Einstellung und den Handlungsoptionen eines Staatsoberhauptes a priori bestehe. Er erläutert nur, wie dies a posteriori zustande käme.38 Eine naheliegende Er-klärung wäre die Annahme, dass aus der besonderen gesellschaftlichen Stellung des Herrschers weitere Faktoren resultieren, die hier Einfluss nehmen. So trägt die Gesellschaft beispielsweise eine Erwartungshaltung an ein Staatsoberhaupt und dieser wiederum eine Verantwortung, seinem Amt und den damit einhergehenden Aufgaben und Pflichten gerecht zu werden. Das würde bedeuten, dass für den Akteur geltende moralische Richtlinien durch seine gesellschaftliche Stellung beeinflusst werden. Somit würde es sich um ein wechselwirkendes Abhängigkeitsverhältnis handeln, welches das von Machiavelli beschriebene Spannungsverhältnis zwischen Herrscher und Volk bzw. den aus ihrer Beziehung entstehenden Konflikt erklären könnte: Die Handlungsoptionen eines Staatsoberhauptes werden von den moralischen Richtlinien der Gesellschaft beeinflusst, während seine gesellschaftliche Position wiederum Einfluss darauf nimmt, inwiefern er sich an moralische Richtlinien halten kann.

[...]


1 Ich setzte mich ausschließlich mit den hier genannten Kapiteln aus dem entsprechenden Werk von Machiavelli auseinander und verwende keine weitere Literatur von ihm selbst, weil das Ziel ist, seine in diesen Kapiteln mitgeteilten Annahmen mit Hilfe anderer Autoren zu untersuchen und zu interpretieren.

2 In dem Rahmen dieser Arbeit verstehe ich Machiavellis Begriff des Herrschers wörtlich und gehe nicht davon aus, dass dieser als Sy-nonym für moralische Akteure im Allgemeinen, d. h. unabhängig ihrer gesellschaftlichen Stellung gelten kann.

3 Vgl. Niccolò Machiavelli. 2001. Der Fürst (Kap. XV-XVIII). Frankfurt/Main: Alfred Kröner Verlag, S. 63.

4 Ebd. S. 63.

5 Ebd. S. 64.

6 Ebd. S. 67.

7 Vgl. Ebd. S. 71.

8 Vgl. Ebd. S. 63.

9 Vgl. Ebd. S. 64.

10 Ebd. S. 64.

11 Vgl. Ebd. S. 64.

12 Der erste Grund für Machiavellis Ablehnen des Idealbildes eines Herrschers schien dies auszuschließen. Diese Frage soll aber, ebenso wie das Fundament für Machiavellis Argumentation, an späterer Stelle noch untersucht werden.

13 Vgl. Ebd. S. 64ff.

14 Ebd. S. 64.

15 Ebd. S. 67.

16 Vgl. Ebd. S. 71.

17 Ebd. S. 68.

18 Vgl. Ebd. S. 68.

19 Was genau Machiavellis Auffassung nach das beste Ergebnis ist, wird im Anschluss untersucht werden.

20 Vgl. Ebd. S. 69.

21 Ebd. S. 70.

22 Ebd. S. 71.

23 Ebd. S. 66. Meine Hervorhebung.

24 Ebd. S. 74.

25 Vgl. Thomas Schölderle. 2002. Das Prinzip der Macht. Glienicke/Berlin: Galda und Wilch Verlag, S. 89.

26 Ebd. S. 91.

27 Vgl. Quentin Skinner. 2004. Machiavelli zur Einführung. Hamburg: Junius Verlag GmbH, S. 49.

28 Ebd. S. 55.

29 Vgl. Gerhard Ritter. 1941. Machtstaat und Utopie. München/Berlin: Verlag von R. Oldenbourg, S. 45.

30 Vgl. Niccolò Machiavelli. 2001. Der Fürst (Kap. XV-XVIII). Frankfurt/Main: Alfred Kröner Verlag, S.62ff.

31 Gerhard Ritter. 1941. Machtstaat und Utopie. München/Berlin: Verlag von R. Oldenbourg, S. 48.

32 Vgl. Niccolò Machiavelli. 2001. Der Fürst (Kap. XV-XVIII). Frankfurt/Main: Alfred Kröner Verlag, S. 63.

33 Ebd. S. 69.

34 Ebd. S. 69.

35 Vgl. Ebd. S. 72.

36 Ebd. S. 74.

37 Für den weiteren Verlauf dieser Arbeit sollen die hier skizzierten Annahmen von Machiavelli als wahr angenommen werden, um wei-tere Untersuchungen zu erlauben. Das Ziel dieser Arbeit ist nicht, Machiavellis Bild eines Staatsoberhauptes oder der Menschen im Allgemeinen zu hinterfragen. Indem diese Bilder als gegeben angenommen werden, soll der weitere Fokus der hier angeführten Untersuchungen darauf liegen, inwieweit die Moral in diesem Rahmen eine Rolle spielt.

38 Vgl. Ebd. S. 64ff.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Nimmt die gesellschaftliche Stellung eines politischen Akteurs Einfluss auf seine moralischen Handlungsmöglichkeiten? Der fiktive Fürst von Machiavelli
Hochschule
Universität Bielefeld  (Abteilung Philosophie)
Veranstaltung
Moralkritik
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
24
Katalognummer
V911115
ISBN (eBook)
9783346232199
Sprache
Deutsch
Schlagworte
machiavelli, der fürst, ethik, ethics, politische akteure, gesellschaftliche stellung, gesellschaft, regierung, regieren, politik, moralktitik
Arbeit zitieren
Kim Ann Woodley (Autor), 2018, Nimmt die gesellschaftliche Stellung eines politischen Akteurs Einfluss auf seine moralischen Handlungsmöglichkeiten? Der fiktive Fürst von Machiavelli, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/911115

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