Freundschaft im Mittelalter - Kontrafaktur höfischer Werte in Hartmanns von Aue "Der Arme Heinrich"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

28 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Freundschaft als flexibler Begriff
1.1 Zur Etymologie
1.1.1 Literarische Freundschaften des Hochmittelalters
1.2 Höfische Werte und Rittertum
1.2.1 Curialitas
1.3 Curialitas und Freundschaftsentwürfe
1.3.1 Freundschaft zwischen Männern und Frauen

2. Hartmann von Aue
2.1 Leben
2.2 Werk
2.2 Der Arme Heinrich
2.2.1 Inhalt
2.2.2 Motive und Hintergründe
2.2.3 Freundschaft im Armen Heinrich ?
2.2.3.1 Caritas und triuwe: Die christliche Hingabe des Mädchens
2.2.3.2 Êre: Die weltliche Hingabe Heinrichs

3. Kontrafaktur höfischer Wertvorstellung
3.1 Freundschaft zwischen Mann und Frau
3.1.1 Sündenfall und Freitod
3.2 Heinrichs Scheitern in der Welt
3.2.1 Weltlicher Egoismus
3.3 Das Märtyrertum
3.4 Freundschaft und Ehe

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Ziel dieser Arbeit ist eine exemplarische Schilderung für das Hochmittelalter typischer Werte, abgelesen an der Ausgestaltung freundschaftlicher Beziehungen in der Literatur. Beispielhaft wird hier „Der Arme Heinrich“ Hartmanns von Aue behandelt, da sich an diesem Beispiel der antiken Aussatzsage wesentliche Merkmale des hochmittelalterlichen Zeitgeistes und Unterschiede zu alternativen Fassungen ablesen lassen.

Dabei soll der in vielerlei Hinsicht radikale Wandel der Gestalt und Ausprägung von Freundschaft besondere Beachtung finden, da der Begriff im Mittelalter bei weitem nicht so freizügig und pauschalisierend eingesetzt wurde wie im 21. Jahrhundert. Die Freundschaft in der Zeit von ca. 450 bis ca. 1500 war ein Konstrukt mit klar definierten Grenzen, über dessen Regeln die Wissenschaft dank der regen literarischen Aktivitäten im Hochmittelalter weitestgehend verfügt. In vielen Epen, vorwiegend aus dem Kreise der Artusrunde, werden Freundschaften, meist zwischen Rittern, geschildert. Damit bilden sie unter anderem eine Grundlage für Aussagen zum mittelalterlichen Wertesystem.

Neben der literarischen Produktion sollen auch der Autor selbst betrachtet und mögliche Interdependenzen zwischen Werk und Autor aufgezeigt werden. Als Schriftsteller im 12. Jahrhundert verfasste er zahlreiche Geschichten, aus denen sich signifikante Merkmale des Zeitgeistes und des damaligen Wertesystems herauslesen lassen. Eine intensive Betrachtung soll hier die Erzählung „Der Arme Heinrich“ finden, in der von Hartmann in Anlehnung an christliche und griechische Sagen das Schicksal des Ritters Heinrich dargelegt wird.

Anhand dieses Beispiels soll hauptsächlich die Beziehung des Ritters Heinrich zu der Tochter der Meierfamilie im Hinblick auf hochmittelalterliche Werte und Ideale herausgearbeitet werden.

Die Absicht ist die systematisierte Begründung der These, dass Hartmann von Aue ein individuelles, jedoch auf zeitgenössischen Prototypen basierendes Freundschaftskonstrukt entwirft, um an diesem höfische Werte in Frage zu stellen.

1. Freundschaft als flexibler Begriff

Begibt man sich, um zunächst einen Zugang zum Thema der Hausarbeit zu finden, auf die Suche nach einer Definition von Freundschaft, so scheint es sinnvoll Definitionen aktueller Lexika zu betrachten. Dabei fällt sofort auf, dass es eine einheitliche Bestimmung von Freundschaft nicht gibt. Hier nur zwei Möglichkeiten:

„persönliche, von Vertrauen und Zuneigung geprägte Beziehung zweier Menschen. Unter Freunden und Freundinnen gibt es oft gemeinsame Interessen und ein gemeinsames Streben nach Zielen, wie z.B. einen gemeinsamen Urlaub oder den Besuch sportlicher oder kultureller Ereignisse. Immer kann von einer starken Gefühlsbindung, einer Seelenverwandtschaft, ausgegangen werden. Einander Freund oder Freundin sein bedeutet, ehrlich und offen zueinander zu sein, füreinander da zu sein, Frohes und auch Trauriges miteinander zu teilen.“[1]

„Form sozialer Beziehungen zwischen zwei oder mehreren Partnern, die besonders durch gegenseitige Anziehung (Sympathie) und ein Verhältnis persönlichen Vertrauens bestimmt ist, in der Erfahrung gemeinsam erlebter Lebensabschnitte wurzeln kann (z.B. der Schul- oder Studienzeit) und die im Unterschied zu rein zweckbestimmten partnerschaftlichen Verbindungen auch Hilfs- und Opferbereitschaft und freiwillige Verantwortung für den anderen einschließt.“[2]

Liegen im 21. Jahrhundert mannigfache Definitionen des meist zwischenmenschlichen Konstruktes Freundschaft vor, so handelt es sich dabei um ein Phänomen der Neuzeit. Eng gekoppelt an die Entwicklung eines Staates bzw. einer Gesellschaft, spiegelt sich in der Definition bzw. der Gestalt von Freundschaft immer die herrschende

Ideologe bzw. der Zeitgeist wider. In einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft stößt der Wissenschaftler deshalb auf vielfältige Ausprägungen der freundschaftlichen Beziehung zwischen Menschen. Würden in ein paar Jahrhunderten die literarischen Zeugnisse unserer Zeit auf die Ausprägungen von Freundschaften hin untersucht werden, so böte sich sicherlich eine Fülle an unterschiedlichen Eigenschaften, die symptomatisch für typisch neuzeitliche, und besonders gegenwärtige Freundschaften wären.

Jedoch ist Freundschaft kein Phänomen der Neuzeit. Literarische Zeugnisse belegen eine Fülle fiktiver und nonfiktiver Freundschaften in den vergangenen Jahrhunderten, wobei dem Mittelalter ob der zahlreich entstandenen Geschichten zwischen dem 5. und 15. Jahrhundert, besondere Beachtung zukommt.

1.1 Zur Etymologie

Das mittelhochdeutsche Lexem vriunt, aus dessen Stamm sich unser heutiger Begriff Freund und damit auch, zumindest lexikalisch, die vriuntschaft, also Freundschaft ableiten lässt, stellt sich bei näherer Betrachtung auf der semantischen bzw. etymologischen Ebene als äußerst vielschichtig heraus. Bezeichnet man als Freund im 21. Jahrhundert einen „Partner in einer Freundschaft oder Liebesbeziehung“[3], und folgt man dabei den Definitionen, die weiter oben vorgestellt wurden[4], so kann man von der heutigen Bedeutung kaum auf die des Begriffes im Hochmittelalter schließen.

Sowohl Matthias Lexer[5] als auch die Brüder Grimm[6] stellten in Untersuchungen mittelalterlicher Literatur heraus, dass der Begriff

vriunt sowohl den Freund als auch den Verwandten einschließt. In den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde von Marc Bloch und Karl Brunner die These aufgestellt, dass es sich bei dem vriunt ausschließlich um den zur Totschlagfehde verpflichteten engsten Verwandten gehandelt hat[7]. Im engeren Sinne wurde im Mittelalter also der vriunt bezeichnend für einen Teil der Verwandtschaft, weshalb dieser Aspekt im Grunde stets mitgedacht werden muss. Damit unterscheidet sich die Bedeutung von Freundschaft von der des 21. Jahrhunderts, in dem klar zwischen den genannten Kategorien differenziert wird. In Zeiten schrumpfender Familienverbände wird die freundschaftliche Beziehung hauptsächlich zwischen nicht-verwandten Menschen praktiziert.

1.1.1 Literarische Freundschaften des Hochmittelalters

In der vorwiegend christlich geprägten Epoche von etwa 500 bis 1500 finden sich Freundschaften zwischen Menschen und Gott, zwischen Männern, und bei Hartmann sogar zwischen Mann und Frau. In diesen Varianten finden sich Spuren des mittelalterlichen Zeitgeistes, wobei dies nicht bedeuten soll, dass es nur „die“ herrschenden Gedankenströme gab. Wichtig ist es, innerhalb des europäischen Mittelalters zu differenzieren. Vor der Etablierung von Adelshöfen, als die Literatur fast ausschließlich von Mönchen in den Klöstern produziert bzw. tradiert wurde, gerieten andere Aspekte in den Fokus der Produktion als beispielsweise im Hoch- und Spätmittelalter. Die frühe literarische Phase, von 450 bis etwa 950, offenbart in ihren lateinischen und althochdeutschen Schriftzeugnissen sowohl die starke Prägung des Christentums als auch die der keltischen Mythologie. Wenn Augustinus seine Confessiones im ausgehenden 4. Jahrhunderts verfasst, so schildert er aufwendig seine Beziehung zu Gott, die Merseburger Zaubersprüche, seit 750 mündlich tradiert und im 9. Jahrhundert niedergeschrieben, die Freundschaft zwischen den germanischen Göttern Phol, Wodan und anderen. Bocaccio seinerseits wandte sich im 14. Jahrhundert literarisch griechischen Idealen zu und konstruierte Freundschaften zwischen Menschen, in denen sich diese Ideale wieder finden lassen. Summa summarum

handelt es sich bei der geistesgeschichtlichen Epoche der Stauferzeit, also etwa 1100 bis 1270, um einen Ausschnitt eines Entwicklungsprozesses, in dessen Struktur sich die Einflüsse der vorangegangenen Zeit- und Wertabschnitte erkennen lassen.

Besonders typisch geworden für das Hochmittelalter ist die „Staufische Literatur“[8]. Besonders die aus Frankreich importierte Artusepik illustriert deutlich das mit den Geschichten der Tafelrunde verknüpfte höfische Wertssystem. Ähnlich wie in der Renaissance und der Klassik geschah dies in der Absicht, die Rezipienten zu geschildertem Verhalten zu bewegen. Die staufische Literatur weist gleichermaßen eindeutig christliche Werte auf, wie sie aus der heiligen Schrift herauszulesen waren, und in Verbindung mit dem Kreuzrittertum modifizierte Anschauungen, die als weltliche Werte zu betrachten sind. Aus dieser literarischen Verknüpfung entstand ein Kanon, der gemeinhin als höfisches Wertesystem bezeichnet wird und prägend für das Hochmittelalter wurde.

1.2 Höfische Werte und Rittertum

Die höfischen Wertvorstellungen an sich stellen ein interessantes Konstrukt dar, da sich in ihnen griechische, germanische und christliche Idealita vereinen. Die Entwicklung, die diese Verknüpfung hervorgebracht hat, setzte im 12. Jahrhundert ein. Träger bzw. Repräsentant dieses Wertkonglomerates war im Hochmittelalter der Ritter.

Die Kausalität für eine derartige Genese soll zunächst kurz in einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang gebracht werden. Dabei soll die Figur des Ritters hinsichtlich seiner Ausformung und Funktion besondere Beachtung finden.

Anlässe für die Entstehung des höfischen Wertesystems sind zunächst in der Entwicklung der mittelalterlichen Gesellschaftsstruktur zu suchen. Diese war bis zum 10. Jahrhundert als aristokratischer Personenverbandstaat organisiert und wandelte sich bis zum Spätmittelalter zu einem institutionellen Territorialstaat. Während dieses Prozesses entstanden bis zum 13. Jahrhundert die Ankerpunkte der feudalen Gesellschaft, die Höfe.

Die Hauptträger der höfischen Verhaltensweisen, zu deren Befolgung sich die höfische Gesellschaft verpflichtete, waren die Ritter, der niedere Adel. Das höfische Rittertum bestand im 12. Jahrhundert nicht ausschließlich aus dem Geburtsadel, sondern setzte sich aus auch aus Adeligen und Ministerialen zusammen[9]. Festzuhalten ist, dass das Rittertum sich erst Mitte des 13. Jahrhunderts als feste, in sich geschlossene Klasse etablierte und bis dahin – theoretisch - jeder Ritter werden konnte, der die beträchtlichen finanziellen Mittel für die Ausbildung und das Material bereithielt. Grund für die Möglichkeit verschiedener Personengruppen in den Ritterstand aufzusteigen, war unter anderem die Heeresvergrößerung im Rahmen der Kreuzzüge ab dem 10. Jahrhundert.

In der Durchmischung Angehöriger verschiedener Bevölkerungsgruppen liegen auch Gestalt und Aufgabenfeld des höfischen Ritters begründet. In dem ihnen auferlegten Verhaltenskodex verbinden sich laikale und klerikale Merkmale. So ist des Ritters Aufgabe zum einen der Schutz des Reiches, zum anderen jedoch auch der Kampf für den Glauben. Neben dem Schutz von Witwen und Waisen ist der höfische Ritter auch zum Schutz der Frauen angehalten. Aus diesem Usus, abgeleitet aus dem alten Testament, ging der Frauendienst hervor, der, für einen Ritter verpflichtend, die Verbindung von „Herrschaft und Liebe, Erotik und Erziehung“[10] schafft.

Das in der Primärliteratur geschilderte Verhalten der Ritter ist als Idealverhalten zu betrachten[11]. Es kann also nicht davon ausgegangen werden, dass ein Ritter stets in vollem Umfang an dem höfischen Wertekanon orientiert handelte. Konkrete Aussagen über tatsächliches Verhalten lassen sich an dieser Stelle nicht machen.

1.2.1 Curialitas

Wichtig ist zunächst die Feststellung, dass es sich bei den höfischen Wertvorstellungen, obwohl sie geistliche Züge tragen, um ausgesprochen laikale handelt. Unter Berücksichtigung dieser Feststellung muss der höfische Ritter betrachtet werden.

Die Schilderung der Verhaltensweisen eines Ritters, der Curialitas[12], in denen sich sämtliche höfischen Ideale wieder fanden, hatte neben einer unterhaltenden Funktion eine erzieherische. Betrachtet man dies vor dem Hintergrund, dass höfische Literatur als Auftragsarbeit für die Höfe konzipiert und in diesem Rahmen auch vorgetragen wurde, so kann der belehrende Aspekt von Literatur nachvollzogen werden.

[...]


[1] Brockhaus Multimedial 2004: Freundschaft (allgemein)

[2] Brockhaus Multimedial 2004: Freundschaft (Soziologie)

[3] www.Wikipedia.de : Freund

[4] Siehe Seite 2, Kapitel 1

[5] Lexer, Matthias: Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch: in der Ausgabe letzter Hand/Matthias Lexer.- 2. Nachdr. Der 3. Aufl. Leipzig, Hirzel 1885.. Stuttgart: Hirzel 1992. S. 355 „vriunt“

[6] Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. 16 Bde. [in 32 Teilbänden]. Leipzig: S. Hirzel 1854-1960. -- Quellenverzeichnis 1971. Band 4. S. 163

[7] www.freundschaft-und-verwandtschaft.de: Diese These wird jedoch derzeit anhand der systematischen Neuklärung des Freundschaftsbegriffes des Mittelalters widerlegt.

[8] Weddige, Hilkert: Einführung in die germanistische Mediävistik. München 1987. 4. Auflage, 2001. S. 187

[9] Encarta: Rittertum

[10] Paravicini, Werner: Die ritterlich-höfische Kultur des Mittelalters. München 1994. S. 5

[11] Weddige, Hilkert: a.a.O. S. 172

[12] Paravicini, Werner: a.a.O. S. 7

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Freundschaft im Mittelalter - Kontrafaktur höfischer Werte in Hartmanns von Aue "Der Arme Heinrich"
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
28
Katalognummer
V91129
ISBN (eBook)
9783638042987
ISBN (Buch)
9783638940313
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Freundschaft, Mittelalter, Kontrafaktur, Werte, Hartmanns, Arme, Heinrich
Arbeit zitieren
Sebastian Rupp (Autor), 2006, Freundschaft im Mittelalter - Kontrafaktur höfischer Werte in Hartmanns von Aue "Der Arme Heinrich", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91129

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