Religiöse Erziehung durch Erinnerungslernen am Beispiel des Holocausts


Referat (Ausarbeitung), 2018

11 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Christliche Zugänge

3. Jüdisch-religiöse Antwortversuche

4. Was können wir von Elie Wiesel lernen?
4.1 Hören lernen: Orientierung am Zeugnis der Leidenden
4.2 Schweigen lernen: Negative Theologie
4.3 Fragen lernen

5. Veränderte Praxis nach Auschwitz
5.1 Antijudaismus als theologische und kirchliche Schuld
5.2 Erziehung nach Auschwitz
5.3 Ethik aus Erinnerung
5.4 Veränderte Christologie
5.5 Veränderte Gottesrede

6. Leitlinien für eine religiöse Erziehung
6.1 Leitlinie 1: Erneuerung des christlich-jüdischen Verhältnisses
6.2 Leitlinie 2: Keine schnellen religiösen Verstehensversuche nach Auschwitz
6.3 Leitlinie 3: Veränderung theologischer Inhalte und religiöser Praxis

Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Am 2. Dezember 2017 wurde von ein Referat zum Thema „Erinnerungslernen“ gehalten. Nunmehr folgt eine Ausarbeitung zu diesem Referat, welche sich auf die Schwerpunkte „Christliche Zugänge“, „Jüdisch-religiöse Antwortversuche“, „Was können wir von Elie Wiesel lernen?“, „Veränderte Praxis nach Auschwitz“ und „Leitlinien für eine religiöse Erziehung“ stützt.

2. Christliche Zugänge

Boschki stellt die Frage, ob der christliche Glauben und seine Reflexion die Forderungen erfüllt habe, die Metz 1979 und Friedrich-Wilhelm Marquardt 1980 erhoben haben. Die Forderungen beinhalten, keine Theologie mehr zu betreiben, die von Auschwitz unberührt bleiben könnte.1 Bei der Beantwortung dieser Frage geht er insbesondere auf Dietrich Bonhoeffer ein, dessen Haltung zur Judenfrage, Ethik und Biographie wegweisend für eine christliche Theologie nach Auschwitz ist. Bonhoeffer hat nicht nur Kirche und Theologie bereits in der Zeit des Nationalsozialismus durch die rassisch-antisemitische Ideologie herausgefordert angesehen, sondern auch seine Ethik, die eine Auseinandersetzung mit dem Nazismus beinhaltet und seine Rede von der Schuld der Kirche waren wegweisend.2

Bis sich allerdings auch die Theologie der Shoah als Herausforderung bewusst wurde, vergingen Jahre. Einige Wegweiser lassen sich jedoch trotzdem festhalten: Jüdische Gelehrte veranstalteten in den USA bereits Ende der 60er Jahre Symposien. Hier kamen insbesondere auch die theologischen Implikationen von Auschwitz zur Sprache.3 Hieraufhin wurden beispielsweise Tagungen zum Vermächtnis der Massenvernichtung organisiert, bei welchen auch christliche Vertreter involviert wurden.4

Weiterhin gab es bereits in den 50er Jahren internationale Bemühungen, das christliche Verhältnis zum Judentum neu zu erarbeiten. Die Arbeiten, auch von Laien, hatten enormen Einfluss auf die Entwicklungen im Zweiten Vatikanischen Konzil.

Nostra Aetate beklagte bereits im Jahr 1965 Judenverfolgung und Antisemitismus und regelte die christlich-jüdische Beziehung neu, indem u. a. die heilsgeschichtliche Verbundenheit zwischen Juden und Christen betont wurde.5

Allerdings erwähnt der konziliare Text in keinerlei Weise eine christliche Mitschuld an der Entstehung der Judenfeindschaft. Boschki schreibt ihm dennoch eine herausragende Stellung in der Entwicklung der Entstehung einer christlichen Theologie nach Auschwitz zu.6 Ein weiterer wichtiger Text ist Unsere Hoffnung von Metz. Dieser beinhaltet nunmehr auch die Schuldfrage verlangt eine grundlegende Neuorientierung des Verhältnisses der Christen zu den Juden.

Weiterhin wird das Freiburger interdisziplinäre Projekt der Katholisch-Theologischen Fakultät Lernrpoze ß Christen-Juden als wegweisend für die Religionsdidaktik von Boschki erklärt.7 Das Problem all dieser Wegweiser ist laut Boschki allerdings, dass die Arbeiten im Bezug zu inhaltlichen Gesichtspunkten einer christlichen Theologie nach Auschwitz affirmativ und wenig irritiert seien. Grund ist laut ihm, dass sich die Theologen viel zu wenig mit Zeugnissen und Aussagen der Opfer beschäftigten.

Er stellt abschließend fest, dass es zudem fraglich sei, ob Christen und christliche Theologen auf christliche Motive zurückgreifen dürfen, um das Leiden der Juden in Auschwitz theologisch zu verstehen.8

3. Jüdisch-religiöse Antwortversuche

Die mehrheitliche Verarbeitung des Nationalsozialismus geschah auf jüdischer Seite mehrheitlich in einer frommen, gläubigen Weise. Bahnbrechend war die Abhandlung des Rabbiners Rosenbaum Holocaust und Halacha. Rosenbaum widerspricht den sog. Holocaust-Theologien, dass die Judenvernichtung ein neuartiges, singuläres Ereignis sei, auf das die religiösen Überlieferungen des Judentums keine Erklärung habe.9

Erstens habe es Erniedrigung, Verfolgung und auch Massenmord der Juden schon sehr viel früher gegeben, allerdings nicht in solch einer Form wie die des Nationalsozialismus, und zweitens habe die Halacha längst Antworten auf die Frage, wie sich gläubige Juden in solchen Leidenssituationen verhalten sollen, geliefert. Die Halacha sie schon vor Jahrhunderten als praktische Weisung für das Handeln in solch tragischen Situationen entwickelt. 10 Auch in den Ghettos und Todeslagern war die Mehrzahl der Juden weiterhin gläubig, verfolgte die Gebote der Tora, betete und schmuggelte rituelle Speisen in die Lager, um so gut wie möglich an ihrem Glauben festzuhalten. 11 Dieses Verhalten ist in den sog. Responsen festgehalten. Die Responsen sind rabbinische Antworten (Teschuwot) auf Fragen (Sche’lot) von Gläubigen, welche die rechte Einhaltung der Halacha unter bestimmten Bedingungen betreffen.12

Die Rabbiner antworteten strikt aus den Vorgaben der überlieferten Quellen. Diese wurden in den Lagern meist auswendig zitiert. Fragen waren u. a., ob Selbstmord angesichts der Massenermordung erlaubt sei oder auch, ob eigene Kinder gerettet werden dürften, wenn dabei andere, fremde Kinder ermordet würden.13 Ebenso muss man sich mit dem Chassidismus beschäftigen, um nach jüdisch-religiösen Antwortversuchen zu suchen. Der Chassidismus beinhaltet wesentlich ein System von Lehren zur Gott- und Welterklärung auf Grundlage mystischer Spekulationen. Er lieferte einige Konzepte, wodurch die unfassbaren Ereignisse von den Opfern interpretiert und eingeordnet werden konnten.14

Folgende Ergebnisse bringt das Studium der halachischen und chassidischen Reaktionen: Die Halacha gilt für die jüdischen Opfer der Shoah als allumfassendes Lebensprinzip. Es behält seine Gültigkeit auch in extremen Leidenssituationen. Im halachischen Kontext wird die Massenvernichtung als singuläres Ereignis bestritten. Auch die Theodizee-Frage wird vermieden und an der Glaubenspraxis festgehalten. Auch die Gerechtigkeit Gottes wird nicht in Frage gestellt, vielmehr wird der Holocaust in den traditionellen Mustern der Erklärung von Leidenssituationen verstanden. Konzepte dieser Interpretationen sind u. a. die der Strafe für die Sünden des Volkes Israels. Alle Leiden, führten den Menschen näher zu Gott und müssen daher in Liebe und Demut angenommen werden, so ein zentraler Satz chassidischer Leidensmystik.

Ein weiteres Ergebnis ist, dass sich hinter dem Geschehen vielleicht sogar ein Plan Gottes verbirgt und die Leiden zur Vermeidung einer noch größeren Katastrophe dienen.15

Dies waren Gründe für die frommen Juden, trotz und gerade wegen der Massenvernichtung an ihrem Glauben festzuhalten oder ihn gar zu radikalisieren. Sie waren überzeugt davon, dass die Glaubenskraft stärker als die Macht der Nazis war.16

4. Was können wir von Elie Wiesel lernen?

Von Elie Wiesel, ein Auswitz-Überlebender, auf dessen literarisches Zeugnis die christliche Theologie zurückgreift kann folgendes gelernt werden.

4.1 Hören lernen

Orientierung am Zeugnis der Leidenden Im Mittelpunkt christlicher Theologie stehen zwar das Leiden des Menschen und seine Erlösungsbedürftigkeit, jedoch fehlt theologischer Reflexion häufig der Erfahrungsbezug zum Leiden, es bleibt zu oft „geschichtslos und gesichtslos“.17

Wie aber kann Theologie authentisch betrieben werden? Sie muss auf das Selbstzeugnis der Opfer hören, auf ihre Selbstaussagen, ihre Gottes- und Ohnmachtserfahrung, um sich dem Ursprung, der Praxis und Botschaft Jesu zu nähern.

Wichtigste Erfahrungsquelle ist die Literatur in Form von Zeugnisliteratur jeder Art. Auch wenn hier u. U. nicht von Gott gesprochen wird und keine religiösen Motive enthalten sind, sind sie von hoher Bedeutung für die Theologie, da die Leidenserfahrung gespiegelt werden. Gerade für die christliche Theologie sind die Opferzeugnisse unabdingbar, da das Christentum selbst in Auschwitz verwurzelt ist, nämlich in Form der eigenen Schuldgeschichte des Antijudaismus.18

Kurzum: Der christliche Glaube muss h ören lernen, hören auf den Schrei der Leidenden, denn dies ist das eigentliche Fundament der Beziehung zwischen Theologie und Literatur.19

4.2 Schweigen lernen: Negative Theologie

Was aber ist der nächste Schritt, nach dem Lesen der Literatur? Die Berichte der Auschwitzoper fordern zunächst keinen theologischen Diskurs, sondern ein theologisches Schweigen. Wieder einmal stellt sich die Frage, ob man überhaupt das Recht hat, auf Zeugenberichte eine Antwort zu geben.20

Auch Elie Wiesels Werk verdeutlicht, dass kein religiöses Konzept für eine Erklärung der Schoah dienlich ist. Es gibt keine Antwort auf Auschwitz.21

Es genügt ebenso nicht, von Gottes Abwesenheit zu sprechen. Vielmehr ist die Schoah nicht nur theologisch, sondern auch anthropologisch nicht zu erklären. Die Theologie bleibt hinsichtlich der Schoah insoweit immer negativ, als dass sie keine positive Deutung von Auschwitz geben kann, lediglich kann sie erklären, was Auschwitz nicht ist: das Gegenteil des Reichs Gottes.22

Christliche Theologie hat Schweigen zu lernen: Es muss auf vorschnelle theologische Besitzanzeigen und Erklärungen verzichtet werden.

4.3 Fragen lernen

Das Schweigen bedeutet allerdings in keinerlei Weise Verzicht auf die Rede von und zu Gott. Vielmehr muss der eigene Glauben hinterfragt werden, ebenso die judenfeindliche Haltung der Kirche durch die Jahrtausendwende. Erst die Anfechtung seines Glaubens, sei der Beginn eines wahren Glaubens, erklärt Wiesel. Auch die Frage an Gott selbst, die Anklage Gottes angesichts der Leiden wurde zu lange vernachlässigt.23

5. Veränderte Praxis nach Auschwitz

5.1 Antijudaismus als theologische und kirchliche Schuld

Die Schuld und Mitschuld der Kirchen an Auschwitz sind unbestreitbar. Die Schuldfrage muss in zweierlei Hinsicht aufgearbeitet werden: Es gilt, die Mitschuld und Mithilfe der Kirche bei der Massenvernichtung zu bekennen und zu rekonstruieren, damit Schlüsse für Gegenwart und Zukunft gezogen werden können. Weiterhin müssen die Ursprünge des Antijudaismus in christlicher Tradition erkannt und eliminiert werden. Kirchliche Texte müssen überarbeitet werden, damit eine Befreiung von antijudaistischer Sprache geschieht.24

5.2 Erziehung nach Auschwitz

Erziehung nach Auschwitz bedeutet vor allem, sich an Auschwitz zu erinnern und das Gedenken der Schoah wachzuhalten. Es darf weder von Kirche, noch von der Gesellschaft vergessen werden, eine Kultur der Erinnerung muss gelebt werden.25 Für die Erziehung gilt es in erster Linie allen Formen des Hasses und der Gewalt zu widersprechen und sich gegen jegliche Ausgrenzung, Folter, Armut und Unterdrückung zu positionieren.26

5.3 Ethik aus Erinnerung

Christen sollen eine Ethik aus der Kraft der Erinnerung betreiben, die immer auf Jesus Christus verwiesen ist. Er soll als Hoffnung nach Auschwitz gelten, nicht mehr allerdings als Sicherheit. Hierdurch soll auch eine uneingeschränkte Nächstenliebe entstehen, auch und vor allem im Angesicht der Realität von Auschwitz.27

5.4 Veränderte Christologie

Aktuell gibt es bedeutende Ansätze, die Rückfragen an die Christologie stellen und sich auf dem Terrain des christlich-jüdischen Gesprächs bewegen. Es muss auf jüdische Anfragen an die christliche Theologie gehört werden, diese fördern die Selbstreflexion und Selbstkritik der Christologie. Weiterhin muss sich auch der Frage gestellt werden, ob die Schoah nicht als Folge des Glaubens an Jesus Christus ist. Die Christologie muss einen Weg finden, von Christus zu sprechen, ohne das jüdische Volk zu negieren, denn die Christen haben trotz allem das Recht und sogar die Pflicht auf Christi Wiederkunft zu hoffen. Wieder ist vor allem der christlich-jüdische Dialog wichtig.28

5.5 Veränderte Gottesrede

In der Geschichte des Christentums blieb die Christologie zu lange gegenüber der Theodizeefrage unempfindlich. Diese jedoch muss unbedingt eingeklagt und hinterfragt werden. Die Gottesrede muss sich an Gott und vor allem auch gegen Gott wenden, um Theodizee bei ihm selbst einzufordern.29

[...]


1 Vgl. Reinhold Boschki, Das Schweigen Gottes in Auschwitz. Religiöse Erziehung und Religionspädagogik nach der Schoah, in: Reinhold Boschki, Franz Michael Konrad (Hg.), Ist die Vergangenheit noch ein Argument? Aspekte einer Erziehung nach Ausschwitz, Tübingen 1997, 119-160. 137.

2 Vgl. ebd.

3 Vgl. ebd.

4 Vgl. ebd. 138.

5 Vgl. ebd.

6 Vgl. ebd.

7 Vgl. ebd. 139.

8 Vgl. ebd. 141.

9 Vgl. ebd. 129.

10 Vgl. ebd.

11 Vgl. ebd.

12 Vgl. ebd.

13 Vgl. ebd. 130.

14 Vgl. ebd. 131.

15 Vgl. ebd. 131 f.

16 Vgl. ebd. 132.

17 Vgl. Reinhold Boschki, Der Schrei. Gott und Mensch im Werk von Elie Wiesel, in: Karl-Josef Kuschel (Hg.), Theologie und Literatur, Mainz ²1995, 221-241. 226.

18 Vgl. ebd.

19 Vgl. ebd.

20 Vgl. ebd. 228.

21 Vgl. ebd.

22 Vgl. ebd. 229.

23 Vgl. ebd.

24 Vgl. ebd. 230 f.

25 Vgl. ebd. 231.

26 Vgl. ebd. 232.

27 Vgl. ebd. 233.

28 Vgl. ebd. 235 f.

29 Vgl. ebd. 237 f.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Religiöse Erziehung durch Erinnerungslernen am Beispiel des Holocausts
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,3
Jahr
2018
Seiten
11
Katalognummer
V911493
ISBN (eBook)
9783346218667
ISBN (Buch)
9783346218674
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Holocaust, Juden, Shoa, Judenverfolgung, Erinnerungslernen, Ethik, Pädagogik, Katholisch, Christlich, Religion, 2.Weltkrieg
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Religiöse Erziehung durch Erinnerungslernen am Beispiel des Holocausts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/911493

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