Das Verb fungiert bekanntermaßen als Schlüsselkategorie der Struktur und Semantik von Sätzen. Zu den Modifikationen dieser Wortart zählen u.a. auch die bekannten Passivkonstruktionen. Die Deutsche Sprache beherbergt diesbezüglich eine Struktur, die in der Sprachwissenschaft als sog. bekommen-Passiv kursiert. [...]
Bei diesem noch recht „jungen“ Konstrukt handelt es sich um eine syntaktische Erscheinung in Form einer NP-Bewegung als Passivvariante mit besonderem Kasuswechsel. [...]
Innerhalb der Forschung markiert der grammatische Sachverhalt einen durchaus komplexen, umstrittenen und kontrovers diskutierten Gegenstand. So beschäftigt die Sprachwissenschaftler beispielsweise die Frage, ob es sich dabei um eine „echte“ Passivvariante handelt oder nicht. [...]
Die Intention vorliegender Arbeit ist es, zunächst im ersten Kapitel das bekommen-Passiv und dessen für den Gebrauch im System der Sprache liegende Einschränkungen als wesentlichen Bestandteil der Bildung zu untersuchen. Es soll ebenfalls anhand von Grenzfällen aufgezeigt werden, in welchen Beispielen die Konstruktion nicht konstituierbar ist.
Ausgehend von den gewonnenen Erkenntnissen zur Bildung dieses grammatischen Phänomens wird im darauf folgenden Abschnitt die sog. Grammatikalisierung problematisiert. Zielbestimmender Interessensgegenstand soll dabei die Frage sein, ob es sich bei dem bekommen-Passiv um eine vollendete grammatische Konstruktion handelt oder ob es „lediglich“ eine Art Übergangsphase markiert. [...]
Das darauffolgende Kapitel beinhaltet nähere Untersuchungen zu den zwei einzelnen „Funktionsträgern“ dieses Konstruktes respektive des Auxiliars (bekommen/erhalten/kriegen) und des Vollverbs (samt dessen Strukturierung und Unterteilung in einzelne Klassen). So erfolgt u.a. eine Beschreibung der Distributionen bzw. Kriterien, von welchen folglich die Wahl einer der drei Hilfsverbvarianten abhängt. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort
2. Formenbildung und Restriktionen
2.1 Grammatische Ebene
2.2 Syntaktische und semantische Aspekte
3. Zur Grammatikalisierung des B-Passivs
4. Betrachtungen zu den Verbklassen
4.1 Semantische Aspekte der Hilfsverben
4.2 Verbklassen
5. Zusammenfassende Schlussbemerkungen und weiterreichende Ausblicke
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht das sogenannte bekommen-Passiv in der deutschen Gegenwartssprache, um dessen morphologische und syntaktische Bildungsbedingungen, die Grammatikalisierungsprozesse sowie die Rolle der beteiligten Verbklassen detailliert zu analysieren und linguistisch einzuordnen.
- Syntaktische und morphologische Analyse des bekommen-Passivs.
- Untersuchung der Grammatikalisierung des B-Passivs anhand von Kontinuummodellen.
- Klassifizierung der beteiligten Vollverben und ihrer semantischen Rollen.
- Vergleich der Hilfsverbvarianten bekommen, kriegen und erhalten.
- Diskussion des Passivstatus im Vergleich zu anderen Passivkonstruktionen.
Auszug aus dem Buch
1. Vorwort
Das Verb fungiert bekanntermaßen als Schlüsselkategorie der Struktur und Semantik von Sätzen. Zu den Modifikationen dieser Wortart zählen u.a. auch die bekannten Passivkonstruktionen. Die Deutsche Sprache beherbergt diesbezüglich eine Struktur, die in der Sprachwissenschaft als sog. bekommen-Passiv kursiert. Koexistent zu diesem Begriff sind synonymische Bezeichnungen wie u.a. „Dativpassiv“, „Rezipientenpassiv“, „indirektes Passiv“, „B-Passiv“ oder „Adressatenpassiv“.
Bei diesem noch recht „jungen“ Konstrukt handelt es sich um eine syntaktische Erscheinung in Form einer NP-Bewegung als Passivvariante mit besonderem Kasuswechsel. Der Dativ wandelt sich dabei vom lexikalischen zum strukturell zugewiesenen. Kennzeichnend für die Bildung jener Formen ist ein morphologisch sichtbares, auxiliar verwendetes bekommen/ kriegen/erhalten und ein Partizip II des Vollverbs. Notwendige Voraussetzung stellt gleichfalls die Agentivität des B-Verbs dar, welches zumeist typischerweise zwei- bzw. dreigliedrig ist. Des Weiteren liegt ein grammatisches (zumeist belebtes) Subjekt vor, welches im Aktivsatz die Rolle eines Dativobjekts inne hat (insofern findet keine Tilgung des Akkusativobjekts statt). Am Beispiel konkretisiert, handelt es sich demnach um Konstrukte folgender Art:
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorwort: Einleitung in die Thematik des bekommen-Passivs unter Vorstellung der verschiedenen synonymen Bezeichnungen und der grundlegenden strukturellen Merkmale der Konstruktion.
2. Formenbildung und Restriktionen: Untersuchung der grammatikalischen Bildungsbedingungen, insbesondere der Umwandlung von Dativergänzungen, sowie der syntaktischen und semantischen Einschränkungen.
3. Zur Grammatikalisierung des B-Passivs: Analyse der Entwicklung des B-Passivs als Sprachwandelprozess anhand der Heine'schen Kontinuumtheorie und der damit verbundenen Ambiguität.
4. Betrachtungen zu den Verbklassen: Detaillierte Betrachtung der Hilfsverben hinsichtlich ihrer Stilebenen sowie Kategorisierung der beteiligten Vollverben in semantische Gruppen wie Geben, Nehmen oder Mitteilen.
5. Zusammenfassende Schlussbemerkungen und weiterreichende Ausblicke: Synthese der Forschungsergebnisse zur Grammatikalität der Form und Diskussion des Einzugs des bekommen-Passivs in die Standardsprache.
Schlüsselwörter
bekommen-Passiv, Dativpassiv, Grammatikalisierung, Rezipientenpassiv, Hilfsverb, Syntax, Morphologie, Diathese, Vollverb, Sprachwandel, Valenz, Geschehensperspektive, Sprachgebrauch.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der linguistischen Untersuchung des sogenannten bekommen-Passivs in der deutschen Gegenwartssprache und seiner Einordnung in das System der verbalen Diathesen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die morphosyntaktischen Bildungsregeln, der Grammatikalisierungsprozess von bekommen/kriegen/erhalten sowie die Distribution und Klassenbildung der beteiligten Vollverben.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Bildungsbedingungen und Restriktionen des bekommen-Passivs zu analysieren und zu klären, inwieweit es sich um eine voll etablierte grammatische Konstruktion handelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine deskriptive und analysierende sprachwissenschaftliche Methode angewandt, die auf der Auswertung bestehender Fachliteratur und der Untersuchung von Beispielsätzen basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der grammatikalischen Ebene, der Grammatikalisierungstheorie nach Heine sowie die kategoriale Einteilung der Verben in semantische Gruppen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Besonders prägend sind Begriffe wie Dativpassiv, Grammatikalisierung, Hilfsverb, Vollverb, Valenz und Sprachwandel.
Gibt es Unterschiede zwischen bekommen, kriegen und erhalten?
Ja, die Arbeit stellt heraus, dass diese Hilfsverben unterschiedliche Stilebenen markieren: bekommen gilt als neutral, kriegen als umgangssprachlich und erhalten als gehoben.
Ist das bekommen-Passiv auf belebte Subjekte beschränkt?
Obwohl die Konstruktion prototypischerweise belebte Subjekte bevorzugt, zeigen Beispiele aus der Forschung, dass auch unbelebte Subjekte unter bestimmten Bedingungen möglich sind.
Warum wird das bekommen-Passiv in Grammatiken oft unterschiedlich bewertet?
Die uneinheitliche Bewertung resultiert aus dem unterschiedlichen Grammatikalisierungsgrad, der von manchen Autoren als niedrig eingestuft wird, während andere den breiten Gebrauch in der Standardsprache betonen.
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- Stud. phil. Annabelle Senff (Author), 2008, Morphologie und Syntax des bekommen-Passivs in der Gegenwartssprache des Deutschen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91248