Morphologie und Syntax des bekommen-Passivs in der Gegenwartssprache des Deutschen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

24 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Formenbildung und Restriktionen
2.1 Grammatische Ebene
2.2 Syntaktische und semantische Aspekte

3. Zur Grammatikalisierung des B-Passivs

4. Betrachtungen zu den Verbklassen
4.1 Semantische Aspekte der Hilfsverben
4.2 Verbklassen

5. Zusammenfassende Schlussbemerkungen und weiterreichende Ausblicke

6. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Das Verb fungiert bekanntermaßen als Schlüsselkategorie der Struktur und Semantik von Sätzen. Zu den Modifikationen dieser Wortart zählen u.a. auch die bekannten Passiv-konstruktionen. Die Deutsche Sprache beherbergt diesbezüglich eine Struktur, die in der Sprachwissenschaft als sog. bekommen -Passiv kursiert. Koexistent zu diesem Begriff sind synonymische Bezeichnungen wie u.a. „Dativpassiv“, „Rezipientenpassiv“, „indirektes Passiv“, „B-Passiv“ oder „Adressatenpassiv“.

Bei diesem noch recht „jungen“ Konstrukt handelt es sich um eine syntaktische Erscheinung in Form einer NP-Bewegung als Passivvariante mit besonderem Kasuswechsel. Der Dativ wandelt sich dabei vom lexikalischen zum strukturell zugewiesenen. Kennzeichnend für die Bildung jener Formen ist ein morphologisch sichtbares, auxiliar verwendetes bekommen/ kriegen/erhalten und ein Partizip II des Vollverbs. Notwendige Voraussetzung stellt gleichfalls die Agentivität des B-Verbs dar, welches zumeist typischerweise zwei- bzw. dreigliedrig ist. Des Weiteren liegt ein grammatisches (zumeist belebtes) Subjekt vor, welches im Aktivsatz die Rolle eines Dativobjekts inne hat (insofern findet keine Tilgung des Akkusativ objekts statt). Am Beispiel konkretisiert, handelt es sich demnach um Konstrukte folgender Art:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Skizze von Annabelle Senff)

(01) Anna bekommt das Buch (von Sabine) geschenkt.

Innerhalb der Forschung markiert der grammatische Sachverhalt einen durchaus komplexen, umstrittenen und kontrovers diskutierten Gegenstand. So beschäftigt die Sprachwissen-schaftler beispielsweise die Frage, ob es sich dabei um eine „echte“ Passivvariante handelt oder nicht. Zifonun u.a. (1997: 1824), die Verfasser der „Grammatik der deutschen Sprache“, positionieren sich, indem sie für eine Existenz dieser Form plädieren. Sie sind der Meinung, dass die bislang vorgebrachten Argumente für die Annahme eines bekommen -Passivs überzeugender ins Gewicht fallen als jene dagegen. Deshalb sprechen sie dieser Variante die Passivzugehörigkeit zu, platzieren sie jedoch eher in der Peripherie der Konstruktion, weil hierbei nicht alle für das Passiv konstitutiven Bedingungen erfüllt sind (vgl. Zifonun u.a. 1997: 1791). Reis (1976: 72) kommt ebenfalls zu dem Schluss, dass es sich beim Dativpassiv tatsächlich um eine passivähnliche Konstruktion handelt.

Im Zentrum der Forschungsergebnisse von Helbig und Buscha (1998: 183) steht die Zuordnung des bekommen -Passivs zu den Passiv-Paraphrasen. Sie konstatieren diesbezüglich: >>Passiv-Paraphrasen sind Konkurrenzformen des Passivs, sind aktivische Formen, bei denen das Subjekt nicht das Agens ausdrückt und denen eine reguläre Passivform entspricht.<< Jener konkurrierende Status markiert eine kontrastive Koexistenz zum „vollen“ Passiv.

Die Struktur des B-Passivs unterscheidet sich vom Standardpassiv u.a. dadurch, dass sie verschiedene Beschränkungen aufweist, die sich aus der im Nachfolgenden noch zu beleuchtenden Genese ergeben.

Die Intention vorliegender Arbeit ist es, zunächst im ersten Kapitel das bekommen -Passiv und dessen für den Gebrauch im System der Sprache liegende Einschränkungen als wesentlichen Bestandteil der Bildung zu untersuchen. Es soll ebenfalls anhand von Grenzfällen aufgezeigt werden, in welchen Beispielen die Konstruktion nicht konstituierbar ist.

Ausgehend von den gewonnenen Erkenntnissen zur Bildung dieses grammatischen Phäno-mens wird im darauf folgenden Abschnitt die sog. Grammatikalisierung problematisiert. Zielbestimmender Interessensgegenstand soll dabei die Frage sein, ob es sich bei dem bekommen -Passiv um eine vollendete grammatische Konstruktion handelt oder ob es „lediglich“ eine Art Übergangsphase markiert. Jenes prozessuale Phänomen an sich ist in jedem Fall existenzberechtigt, argumentiert Heine (1993: 30): >>[Schließlich] beruht [dies] auf der menschlichen Strategie, abstrakte Begriffe mithilfe von weniger abstrakten Begriffen zu verstehen und zu bezeichnen. Diese Strategie dient nicht zuletzt dazu, […] dass lexikalische Verben wie bekommen herangezogen werden, um grammatische Funktionen zu bezeichnen, und eine grammatische Funktion wie die eines Hilfsverbs im Dativpassiv ist abstrakter als eine lexikalische Funktion wie etwa die, die bekommen als Vollverb hat.<<

Das darauffolgende Kapitel beinhaltet nähere Untersuchungen zu den zwei einzelnen „Funktionsträgern“ dieses Konstruktes respektive des Auxiliars (bekommen/erhalten/kriegen) und des Vollverbs (samt dessen Strukturierung und Unterteilung in einzelne Klassen). So erfolgt u.a. eine Beschreibung jener Distributionen[1] bzw. Kriterien, von welchen folglich die Wahl einer der drei Hilfsverbvarianten abhängt. Die Konstruktion beherbergt gewiss noch weitere Interessensgegenstände, deren Bearbeitung ebenfalls ein hohes Maß an Erkenntnis-interesse inne wohnt.

Im Rahmen des vorliegenden Beleges und einer sich zwangsläufig ergebenden Abgrenzungs-problematik soll sich jedoch auf die benannten inhaltlichen Eckpfeiler beschränkt werden. Eine Untersuchung weiterer Aspekte wird an dieser Stelle ausgeklammert, da dies den inhaltlichen Umfang der Arbeit sprengen würde und insofern nicht durch selbige geleistet werden kann.

2. Formenbildung und Restriktionen

Zum Verständnis des Aufbaus der Konstruktion des bekommen -Passivs empfiehlt es sich zunächst, deren Bildung näher zu betrachten. Das Passiv bewirkt bekanntlich die Rückstufung des Agens (und damit die Realisierung einer Umkehrung der Handlungs-perspektive in eine Geschehensperspektive), da die Verben bekommen, kriegen, erhalten die Verbalrichtung von geben umkehren. Das Dativpassiv ermöglicht nun weiterhin, die Zielrolle unter Beibehaltung der Semantik zur Nominativergänzung zu „befördern“ (das werden -Passiv erhebt im Unterschied dazu schließlich das Patiens zur Nominativergänzung). Somit wird das Dativobjekt zum Subjekt, ohne dass eine Akkusativtilgung erfolgt. Demnach kommt es also zu einem Wechsel im Thetaraster, sodass eine Theta-Absorption vorliegt. Dieser Umstand betrifft jedoch lediglich das Agens und nicht das Patiens (inneres Ziel) sowie den Rezipienten (äußeres Ziel).

2.1 Grammatische Ebene

Bei der Bildung jenes Konstrukts erfolgt dabei im Unterschied zum werden -Passiv keine Umwandlung des Akkusativobjekts, sondern eine Umwandlung des Dativobjekts, weshalb es sich beim B-Passiv um eine „dezent“ markierte Form handelt. Hinsichtlich der Restriktionen ist darauf hinzuweisen, dass zur Bildung des bekommen -Passivs ausschließlich Verben mit möglichem werden -Passiv in Frage kommen. Ausgeschlossene Verben der ersteren und gängigeren Passivform sind folglich also auch beim Dativpassiv ausgeschlossen.[2] Zifonun u.a. konstatieren dahingehend weiterhin (1997: 1824ff.), dass handlungs- oder tätigkeits-bezeichnende Verben mit personalem Dativkomplement in der Rolle des Rezipienten und mit zusätzlichem Akkusativkomplement bevorzugt ein bekommen -Passiv bilden. Da das Hauptverb ein Handlungsverb (d.h. agentivisch) sein muss, ist deshalb eine B-Passivbildung weiterhin bei folgenden Verben z.B. ausgeschlossen: behagen, zustehen, glücken, etc.

(02) *Ich bekomme von ihr ihren guten Job zugestanden.

Durch die Verkettung des Objekts mit der Subjektposition wird das ursprünglich vorhandene Agens im Passiv aus dem Valenzrahmen hinausgedrängt und erscheint maximal als Angabe in Form einer Präpositionalphrase (mit ‚von’ oder ‚durch’). Dessen Erscheinen ist insofern fakultativ.

Die Rolle des Patiens hingegen wird als Nominativergänzung auf der Subjektposition platziert, da es das Dativpassiv ermöglicht, die Zielrolle unter Beibehaltung der Semantik zu seinem neuen Status zu „befördern“. Die besagte Zielrolle tritt dabei als Handlungspartner des Agens in Erscheinung.

[...]


[1] >>[Dies umfasst die] Summe aller Umgebungen, in denen eine sprachliche Einheit vorkommt im Gegensatz zu jenen, in denen sie nicht erscheinen kann.<< (aus: © Duden - Das Fremdwörterbuch, 3. Aufl. Mannheim 2004 [CD-ROM].)

[2] Dabei handelt es sich z.B. um die sog. schulden -Gruppe (schulden, haben, bekommen, erhalten), gelingen -Gruppe (gelingen, unterlaufen, entfallen, passieren), belieben -Gruppe (fehlen, belieben, gefallen gehören, schmecken) und gleichen -Gruppe (gleichen, ähneln) (vgl. Zifonun u.a. 1997:1817).

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Morphologie und Syntax des bekommen-Passivs in der Gegenwartssprache des Deutschen
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Germanistische Sprachwissenschaft)
Veranstaltung
Verb – Morphologie und Syntax
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
24
Katalognummer
V91248
ISBN (eBook)
9783638048941
ISBN (Buch)
9783638942805
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Morphologie, Syntax, Gegenwartssprache, Deutschen, Verb
Arbeit zitieren
Stud. phil. Annabelle Senff (Autor), 2008, Morphologie und Syntax des bekommen-Passivs in der Gegenwartssprache des Deutschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91248

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