Die Religion bei Niccolò Machiavelli. Bedeutung und Verhältnis zu Religion und Kirche


Hausarbeit, 2018

10 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Das Ideal der Republik

3. Die Kirche und das Christentum

4. Religion

5. Resümee

6. Literaturverzeichnis.

1. Einleitung

Niccolò Machiavelli gilt neben Thomas Hobbes als einer der Begründer des politischen Denkens der Neuzeit. Mit Machiavellis politischem Realismus entsteht ein dezidierter Bruch zu den Vorstellungen des Mittelalters. Weg von der Frage nach dem Guten und dem Gerechten hinzu einer Regierungsform, in der Politik und Moral voneinander separiert betrachtet werden.

Die empirisch-historische Herangehensweise Niccolò Machiavellis stellt ein Novum in der damaligen Zeit dar und grenzt diesen zu Thomas Hobbes ab, der versuchte, aus Politik eine exakte Wissenschaft zu gestalten. Machiavelli hingegen bemühte sich mit seinen Werken der F ü rst1 und Discorsi2 einen praxisorientierten Ansatz zu schaffen.3

Aus der dunklen Zeit, dem kulturell verkümmerten Mittelalter, entfaltete sich die Neuzeit mit modernen Ansätzen. Innerweltliche Angelegenheiten gewannen an Relevanz, eine Hinwendung zum Diesseits sowie die Abwendung vom Jenseits waren ausschlaggebend für jene Epoche.

Des Weiteren kennzeichnete Mobilit ä t, Konkurrenz, wirtschaftliche Dynamik und okonomisches Kalkul [...] diese beginnende neue Epoche.4

Dezidiert setzte sich Machiavelli mit der Religion und der katholischen Kirche auseinander. Hier treffen viele Meinungen aufeinander, welche Rolle die Religion für Machiavelli in seinem Staaten-Konzept gespielt hat. Auf der einen Seite stehen die Vertreter der These, dass Niccolò Machiavelli heidnische Weltansichten vertrat und ein Kritiker der Kirche war. Dazu zählen unter anderem Johann Gottlieb Fichte, Leo Strauss und Quentin Skinner. Auf der anderen Seite formieren sich Vertreter der Meinung, dass Machiavelli sich von der Religion inspirieren ließ und seine republikanischen Ansichten mit religiösen Grundmotiven verschmolzen hat. 5

Auf Grund der Uneinigkeiten in der Forschung traf dieses Thema mein Interesse. Folglich lautet meine Fragestellung: Welche Bedeutung hat die Religion bei Niccolò Machiavelli?

Nach der Einleitung, im zweiten Kapitel, wird erörtert, welche Denkansätze Machiavelli verfolgte und wie er sich die ideale Republik vorstellte. Das dritte Kapitel handelt von der Kirche und dem Christentum. Es wird untersucht, welches Verhältnis Machiavelli zur Kirche und zu dem christlichen Glauben hatte. Im vierten Kapitel folgt die Betrachtung der Religion. Welche Aufgabe hatte die Religion in der idealen Republik und wie wurde sie genutzt. Das fünfte Kapitel umfasst das Resümee, in dem die Fragestellung ihre Antwort finden soll. Das sechste Kapitel bildet das Literaturverzeichnis.

2. Das Ideal der Republik

Um verstehen zu können, welche Auswirkungen und Bedeutungen die Religion für Machiavelli hatte, muss man nachvollziehen, wie er sich die ideale Republik vorstellte. In seinem politischen Realismus setzt der Einzelne seinen Lebenszweck selbst. Zuvor nahm man an, dass die Natur, eine kosmologische Weltordnung oder ein transzendentales Wesen dies übernimmt. Das Individuum nimmt demnach eine bedeutendere Rolle ein. Politisches Handeln fokussiert überwiegend den Erwerb und die Erhaltung von Macht und der Mensch ist von Grund auf schlecht, da es in seiner Natur liegt. Die pessimistische Anthropologie führt zu der Ausgangssituation, dass sich aus der Geschichte, Lehren für die aktuelle Zeit ziehen lassen, da der Mensch schon immer ein schlechtes Wesen war und daraus Kontinuitäten entstehen. Daraus resultierend lässt sich Politik am besten gestalten durch die Betrachtung der Geschichte.

Zentrale Begriffe bei Machiavelli sind: „Fortuna"(Schicksal) und „virtù"(Geschicklichkeit). Jemand, dem theoretischen Wissen zuteil ist, aber nicht weiß, wie dieses geschickt anzuwenden ist, wird Opfer seines Schicksals. Daraus resultiert eine sehr praxisbezogene Ausübung der Politik.6 Ein weiterer Kerngedanke Machiavellis ist, Politik und Moral voneinander zu trennen. Politisches Handeln muss nicht mehr an normative Grundsätze gebunden sein. Tugendhaftes Verhalten führt laut Machiavelli in der Politik zum Versagen.

Ein Herrscher muss so klug sein, den schlechten Ruf jener Laster zu meiden, die ihn um die Macht bringen konnten [...] denn wenn man alles genau betrachtet, so wird man finden, dass manches, was als Tugend gilt, zum Untergang f ü hrt, und dass manches andere, das Laster gilt, Sicherheit und Wohlstand bringt.7

Politiktheoretisch vertritt Machiavelli eine Mischverfassung. Für ihn liegt die beste Staatsform in der Verbindung von Monarchie, Aristokratie und der Volksherrschaft. So wird jede Schicht der Bevölkerung, also Fürst, Adel und das Volk eines Staates, durch politische Teilhabe besänftigt. Der Fürst soll über uneingeschränkte Macht verfügen, jedoch auch bereit sein, zu Gunsten des Allgemeinwohls auf seine Macht zu verzichten.8

Im Kreislauf der Staats- und Regierungsformen von Machiavelli ändert sich zyklisch die Herrschaftsform durch das Erben von Führungspositionen. Der Zyklus beginnt mit der Monarchie. Der Monarch wird von seinen Untergebenen geschätzt und gewählt, es herrscht geltendes Recht. Durch den Tod des Monarchen erbt der Sohn, der es nicht versteht, das Volk zu führen. Um es unter Kontrolle zu bringen wendet er Gewalt an, es entsteht eine Tyrannis ohne Recht. Nach Aufbegehren des Volkes kommt es für eine kurze Zeit zu einer Aristokratie, bei der wieder Recht gilt. Diese Generation stirbt und die nächste Generation verliert die Ehrfurcht an dieser Herrschaftsform. Daraufhin entwickelt sich die Aristokratie zu einer Oligarchie ohne geltendes Recht. Im gleichen Prinzip folgt darauf eine Volksherrschaft, dann die Anarchie und wieder eine Führerdiktatur, die zur Monarchie führt. Alle genannten Formen sind daher unheilbringend, und zwar wegen K ü rze des Lebens der drei guten, und wegen der Verderblichkeit der drei schlechten.9 Durch eine gute Gesetzgebung und Beteiligung des Fürsten, des Adels und der Bürger an der Macht, soll dies verhindert werden und eine möglichst kontinuierliche Stabilität erzeugt werden.

3. Die Kirche und das Christentum

In der Renaissance, die Wiedergeburt der Antike, kommt es zu einer Individualisierung, Rationalisierung und zur größeren Bedeutung von Naturwissenschaften. Der Buchdruck als Mittel der intellektuellen und politischen Auseinandersetzung wird erfunden. Durch die Reformation Luthers zerbricht die Einheit der christlichen. Alles dies sind Umstände, die zunehmend die Kirche und die Religion in ihrer Macht einschränkten. Nichts desto trotz spielte die Kirche und die Religion zur Zeit Machiavellis weiterhin eine entscheidende Rolle in der Gesellschaft und in der Politik.

Die Kirche und der christliche Glaube spielen demnach bei Machiavelli eine entscheidende Rolle in seinen Werken. Machiavelli, der patriotischer Italiener war, machte die Kirche für die Zerspaltung Italiens verantwortlich.

Niemals war ein Land einig und gl ü cklich, wenn nicht das ganze Land einer Republik oder einem Fursten gehorchte, [...]. Die Ursache, warum Italien sich nicht in derselben Lage befindet und nicht auch von einer Republik oder F ü rsten regiert wird, ist einzig die Kirche I...].10

Nach Machiavelli könnte ein Land niemals glücklich werden, solange der gesamte Staat nicht von einem Fürsten oder von einer Republik geführt wird. Die Kirche machte dies unmöglich, da sie zu schwach war, ganz Italien zu erobern aber zugleich anderen Fürsten verwehrte, über ganz Italien zu regieren.

Da also die Kirche nicht im Stande war, Italien zu erobern. Und nicht erlaubte, da ß es von einem anderen erobert wurde, so war sie Ursache, da ß es nicht unter ein Haupt kommen konnte, sondern unter vielen F ü rsten und Herren blieb.11

Als weiteren Kritikpunkt an der Kirche äußert sich Machiavelli über die geistlichen Fürstentümer. Laut ihm gibt es verschiedene Möglichkeiten, ein Fürstentum zu erlangen. Dies kann geschehen durch Erbe, durch Glück, durch eigene oder fremde Waffengewalt und durch Geschicklichkeit. Bei allen dieser Formen bedarf es der kontinuierlichen Erhaltung dieser Tugenden, sonst droht der Verfall der Fürstenherrschaft.12 Bei dem geistlichen Fürstentum hingegen bedarf es ebenfalls der „fortuna" und der „virtù", aber nicht der Erhaltung dieser Tugenden.

Sie beruhen n ä mlich auf althergebrachten Einrichtungen der Religion, die so m ä chtig und von solcher Natur sind, da ß sie ihre Fürsten an der Macht halten, wie diese auch immer handeln oder lebenmögen13 Obwohl diese geistlichen Fürstenherrschaften keine eigene Armee haben und sich nicht verteildigen können, werden sie nicht angegriffen. Die Bürger werden nicht richtig regiert, müssen aber trotzdem ein Teil des Staates bleiben. Dieses Beispiel Machiavellis lässt sich auf die gesamte Kirche und ihren Staat projizieren. Die Kirche hat keine eigene Armee, wird aber auf Grund der Gottesfurcht von keinem anderen Staat angegriffen und die Bürger besitzen keine Bürgertugenden oder Vaterlandsliebe, trotzdem ist der Staat stabil.

Für Machiavelli stellt dieses Phänomen ein Paradoxon dar. Zu begründen ist diese Unlogik für ihn in der außerordentlichen Macht der Kirche und dem Alter der Einrichtung. Je älter eine Einrichtung ist, desto mehr Macht kann sie auf die Bürger ausüben. Für Machiavelli aber ist die Kirche eine nicht-republikanische Einrichtung, da sie sich gegen die Freiheit der Individuen richtet.14

Die Anschuldigungen Machiavellis werden noch allumfassender. Nicht nur die Handlungen der Päpste und der geistlichen Fürstentümer sieht er als verwegen an, er geht noch weiter. Die christliche Religion versteht er als falsche Auslegung von Glauben. Für ihn ist das Christentum keine politisch nützliche Religion.

Die Religion der Alten sprach ferner nur M ä nner, bedeckt mit weltlichem Ruhme, heilig, wie Feldherrn und H ä upter der Republiken. Unsere Religion hat mehr die dem ü tigen und beschaulichen Menschen erhoben als die Tatkr ä ftigen.15

Machiavelli erkennt in der christlichen Religion nicht die Tugend der virtù". Das Christentum wendet die Menschen ab von dieser Welt, hin zum Jenseits. Daraus resultiert eine Machtlosigkeit und Gleichgültigkeit der Menschen. Um das Heil zu erreichen, müsse man lediglich das Leben über sich ergehen lassen, um danach ins Paradies zu gelangen. Demut, Verleugnung und Geringschätzung sind Wörter, mit denen Machiavelli die Auswirkungen auf das Verhalten der Gläubigen beschreibt. 16

Am Beispiel Roms spielten die Auflösung des Machtgleichgewichts zwischen den Konsuln, dem Senat und des Kaisers und die Anwerbung von fremden Söldnerheeren eine Rolle im Untergang des römischen Reiches. Machiavelli sieht hier jedoch auch hier die Schuld der Kirche. Das Christentum wurde als Staatsreligion eingeführt und sorgte dafür, dass die alte Religion vernachlässigt wurde und es dadurch zum Verfall der Tradition kam. Die schon seit Ewigkeiten existierende Institution der Religion verlor an Legitimität und verschlechterte die Stabilität des Staates. Das Reich fing langsam an zu erodieren. 17

[...]


1 Niccolò Machiavelli, Der Fürst, Stuttgart 2007.

2 Niccolò Machiavelli, Discorsi. Vom Staate, Hamburg 2017.

3 Vgl. Christian Schwaabe, Politische Theorie 1. Von Platon bis Locke, Paderborn 22007 S. 103-106.

4 Ebenda.

5 Vgl. Alessandro Pinzani, Machiavelli und die Religion. in: Brantl, Dirk/ Geiger, Rolf/ Herzberg, Stephan (Hrsg.), Philosophie, Politik und Religion. Klassische Modelle von der Antike bis zur Gegenwart 2013, 91-104.

6 Vgl. Vierecke, Andreas/ Mayerhofer Bernd/ Kohout Franz, dtv-Atlas Politik. Politische Theorie - Politische Systeme Internationale Beziehungen, München 12010. S. 39.

7 Machiavelli, Der Fürst (wie Anm. 1).

8 Vgl. Vierecke, Andreas/ Mayerhofer Bernd/ Kohout Franz, dtv-Atlas Politik (wie Anm. 6). S. 41.

9 Machiavelli, Discorsi (wie Anm. 2). S. 27.

10 Ebenda. S. 58.

11 Ebenda. S. 59.

12 Vgl. Machiavelli, Der Fürst (wie Anm. 1). S. 8-74.

13 Vgl. ebenda. S. 87-89.

14 Vgl. Pinzani, Machiavelli und die Religion (wie Anm. 5) S. 89-90.

15 Machiavelli, Discorsi (wie Anm. 2) S. 169.

16 Vgl. Henning Ottmann, Geschichte des politischen Denkens. Die Neuzeit, von Machiavelli bis zu den großen Revolutionen (3), Stuttgart 2006 S. 35-36

17 Vgl. Schwaabe, Politische Theorie 1 (wie Anm. 3). S. 120-121.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Die Religion bei Niccolò Machiavelli. Bedeutung und Verhältnis zu Religion und Kirche
Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
10
Katalognummer
V912713
ISBN (eBook)
9783346209917
ISBN (Buch)
9783346209924
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bedeutung, kirche, machiavelli, niccolò, religion, verhältnis
Arbeit zitieren
Romaeus Hover (Autor), 2018, Die Religion bei Niccolò Machiavelli. Bedeutung und Verhältnis zu Religion und Kirche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/912713

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