Nicht immer war das Nibelungenlied hauptsächlich Interessenten älterer deutscher Literatur gut bekannt. Im 18. Jahrhundert erlebte es seine Wiederentdeckung und wurde in der Folge immer mehr zu einem den Deutschen bestens geläufigen Werk. Besonders im 19. Jahrhundert sowie Dritten Reich wurde es als ideologisches Mittel benutzt, um dem deutschen Volk eine nationale Identität zu vermitteln. Nicht wenige Pädagogen, Literaten oder Politiker sahen im Nibelungenlied sogar ein Nationalepos, die Basis für eine deutsche Geschichte, und als ein solches wurde es auch mehrfach propagiert. Das Ziel zahlreicher Übersetzungen, Nachbearbeitungen und Nachdichtungen war des Öfteren die Erschaffung und Stärkung eines Nationalgefühls.
Aber ist das Nibelungenlied ein politischer Mythos? Ich zumindest stelle diese These auf. Für eine Verwendung als Solches bedurfte es allerdings entsprechender Bearbeitungen, denn als Epos in seiner Ursprungsform taugte es nicht für eine politische Instrumentalisierung. Schon in den Jahren vor der Reichsgründung 1871, vor allem aber ab dieser, lassen sich diese Bearbeitungen in einer hohen Anzahl finden.
In der vorliegenden Arbeit möchte ich vor dem Hintergrund dieser Bearbeitungen der Stoffgrundlage vor allem die Bedeutung des Nibelungenlieds für eine politische Instrumentalisierung im Deutschen Reich herausarbeiten, die im 1. Weltkrieg ihren vorläufigen Höhepunkt findet, um meine These zu untermauern. Dabei wird es immer wieder Hinweise auf widersprüchliche Auslegungen geben, die durch die zumeist propagandistisch motivierte Bearbeitung des Stoffes auftreten.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Das Nibelungenlied – ein politischer Mythos?
2.1 Funktion politischer Mythen
2.2 Eignung des Nibelungenlieds als politischer Mythos
3 Rezeptionsphasen des Nibelungenlieds
3.1 Von der Wiederentdeckung bis zur Reichsgründung
3.2 Das Nibelungenlied im Deutschen Kaiserreich
3.3 Symbolik im 1. Weltkrieg
3.3.1 Die Nibelungentreue
3.3.2 Verklärung des Krieges zur nibelungischen Notwendigkeit
3.3.3 Heldentum der Nibelungen als Perspektive einfacher Soldaten
3.3.4 Schwertsymbolik und Heldentod
3.3.5 Dolchstoßlegende und Weiterverwendung des Mythos
4 Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die Arbeit untersucht, inwiefern das Nibelungenlied als Instrument politischer Mythenbildung instrumentalisiert wurde, wobei der Fokus auf dem Zeitraum von seiner Wiederentdeckung bis zum Ersten Weltkrieg liegt. Dabei wird analysiert, wie durch gezielte Bearbeitungen und Deutungen des Epos eine nationale Identität konstruiert und eine aggressive Außenpolitik legitimiert wurde.
- Historische Entwicklung der Rezeption des Nibelungenlieds
- Funktionsweise und Analyse politischer Mythen
- Vergleich des Heldenepos mit politischen Leitfiguren wie Bismarck
- Rolle des Nibelungenlieds als propagandistisches Mittel im Ersten Weltkrieg
- Ideologische Instrumentalisierung von Begriffen wie der Nibelungentreue
Auszug aus dem Buch
Die Nibelungentreue
Die Funktion des Nibelungenlieds im 1. Weltkrieg möchte ich mit dem Begriff der Nibelungentreue einleiten. Reichskanzler Bernhard von Bülow führte diese Bezeichnung 1909 in einer Rede über die Beziehungen mit Österreich-Ungarn ein. Anlass der Rede war, dass die Öffentlichkeit die deutschen Beziehungen zu ihren Nachbarn als „Vasallenverhältnis“ deutete. Bülow widersprach:
Meine Herren, ich habe irgendwo ein höhnisches Wort gelesen, über unsere Vasallenherrschaft gegenüber Österreich-Ungarn. Das Wort ist einfältig! Es gibt hier keinen Streit um den Vortritt, wie zwischen den beiden Königinnen im Nibelungenliede; aber die Nibelungentreue wollen wir aus unserem Verhältnis zu Österreich-Ungarn nicht ausschalten, die wollen wir gegenseitig wahren.
Mit dem Jahr des Kriegsbeginns 1914 wurde die Nibelungentreue von FRANZ VON LISZT aufgegriffen. VON LISZT bezog den Begriff auf die Aventiure des Nibelungenlieds, in der Volker und Hagen im Hunnenreich Wache halten. In dieser sah er das Verhältnis beider Länder: den waffengewaltigen, stolzen Hagen interpretierte er als Deutschland, Volker repräsentierte kampfeslustig und sangesfroh Österreich-Ungarn. Das Nibelungenlied war für ihn im Zeichen des Krieges von höchster Aktualität.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in die Thematik der Rezeption und Instrumentalisierung des Nibelungenlieds in den letzten 200 Jahren.
2 Das Nibelungenlied – ein politischer Mythos?: Theoretische Herleitung und Definition von Mythen sowie Untersuchung der Eignung des Epos als politischer Mythos.
3 Rezeptionsphasen des Nibelungenlieds: Detaillierte Betrachtung der verschiedenen Phasen der Rezeption von der Wiederentdeckung über das Kaiserreich bis zum Ersten Weltkrieg.
4 Fazit: Zusammenfassende Beantwortung der Forschungsfrage und Bestätigung der These, dass das Nibelungenlied massiv politisch instrumentalisiert wurde.
Schlüsselwörter
Nibelungenlied, politischer Mythos, Nationalismus, Rezeptionsgeschichte, Nibelungentreue, Instrumentalisierung, Erster Weltkrieg, Bismarck, deutsche Identität, Propaganda, Heldenepos, Kriegsideologie, Kulturgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die politische Instrumentalisierung des Nibelungenlieds als Mittel zur Konstruktion nationaler Identität und Legitimierung politischer Ziele zwischen dem 18. Jahrhundert und dem Ersten Weltkrieg.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die Definition politischer Mythen, die Rezeptionsgeschichte des Epos, die Rolle des Heldenbildes (insbesondere Siegfried) sowie der propagandistische Einsatz des Werkes in Krisenzeiten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass das Nibelungenlied als Werkzeug zur Mythenbildung diente, um die deutsche Bevölkerung in politisch sensiblen Zeiten zu einen und zu mobilisieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Analyse der Rezeptionsgeschichte unter Anwendung von Theorien zur Mythenbildung, unter anderem basierend auf der Definition von Herfried Münkler.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Rezeptionsphasen (Kriemhild-, Siegfried- und Hagen-Phase) sowie die spezifische Symbolik, wie die Nibelungentreue und die Schwertmetaphorik im Ersten Weltkrieg.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind Nibelungenlied, politischer Mythos, Instrumentalisierung, Nibelungentreue, Nationalepos und propagandistische Wirkung.
Wie wurde die Figur Siegfried im Deutschen Kaiserreich interpretiert?
Siegfried wurde zunehmend als nationale Identifikationsfigur und Heldenideal stilisiert, wobei er in der Zeit der Reichsgründung teilweise mit Reichskanzler Bismarck gleichgesetzt wurde.
Was hat es mit dem Begriff der Nibelungentreue auf sich?
Der Begriff wurde 1909 politisch eingeführt, um die Bündnistreue zu Österreich-Ungarn zu beschwören, und während des Ersten Weltkriegs zur ideologischen Durchhalteparole erhoben.
- Arbeit zitieren
- Felix Seinsche (Autor:in), 2020, Das Nibelungenlied. Ein politischer Mythos?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/913032