Welche Relevanz hat Inklusion für die Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft?


Hausarbeit, 2020

20 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Migrationsgesellschaft

3. Modell zur gesellschaftlichen Vielfalt nach Sander
3.1. Exklusion
3.2. Separation
3.3. Integration
3.4. Inklusion

4. Irritation bei den Begrifflichkeiten in Deutschland

5. Vergleich von Integration und Inklusion in Bezug auf Menschen mit Migrationshintergrund

6. Debatte über das Absetzten des Integrationsbegriffes

7. Kritik an der Inklusion

8. Inklusion in der Sozialen Arbeit

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1.Einleitung

Im Jahr 2018 lebten in der Bundesrepublik Deutschland 20,8 Millionen Menschen mit einem Migrationshintergrund, davon 10,9 Millionen Deutsche und 9,9 Millionen Ausländer. Dies entspricht einem Anteil von 25,5 Prozent an der Gesamtbevölkerung und heißt, dass jede vierte Person in Deutschland einen Migrationshintergrund hat (Statistisches Bundesamt, 2018). Man erkennt, dass Menschen mit Migrationshintergrund einen großen Einfluss auf die Bevölkerung Deutschlands ausüben und jeder von dieser Thematik direkt/indirekt betroffen ist. Sei es durch den Freundes-/ und Bekanntenkreis oder Personen, denen wir im Alltag begegnen.

Geschichtlich gesehen, hat sich der Blick auf Menschen mit Migrationshintergrund gesellschaftlich und politisch verändert. Einhergehend von einer falschen Selbstdarstellung auf politischer Ebene in den 1990er-Jahren, dass Deutschland kein Einwanderungsland sei (Bade 1994 zitiert in Varela & Mecheril 2010). Bis hin zur Vereinfachung der Einbürgerung von Kindern deren Eltern seit 8 Jahren rechtmäßig in Deutschland leben und dem 2005 erlassenen Zuwanderungsgesetz, indem erstmals der „Integrationsbegriff in einer migrationspolitischen Gesetzgebung verwendet“ (Varela & Mecheril 2010) wurde. Trotz aller Veränderungen haben Menschen mit Migrationshintergrund in vielen Disziplinen der Partizipation am gesellschaftlichen Leben Einschränkungen, wie zum Beispiel das fehlende Recht auf Teilhabe an politischen Wahlen für Nicht-Deutsche. Für diese mangelnde Partizipation taucht immer wieder der Begriff der Inklusion auf. Inklusion wird auch oft als „optimierte und erweiterte Integration” (Sander, 2003) bezeichnet. Diese Bezeichnung stellt spätestens seit der UN-Behindertenrechtskonvention im Jahre 2009 eine hohe Relevanz in der politischen, sozialen und gesellschaftlichen Arbeit von Menschen mit Behinderung, jedoch auch für Menschen mit Migrationshintergrund, bzw. für alle Menschen dar. Aus diesem Anlass stellt sich für mich die Frage:

Welche Relevanz hat Inklusion für die Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft?

Am Anfang der Hausarbeit wird nochmals kurz die Begründung zur verwendeten Bezeichnung „Migrationsgesellschaft“ dargestellt, um so auch das im Seminar bearbeitete Thema kurz wiederzugeben und zu verstehen. Daraufhin werden die Begrifflichkeiten der Exklusion, Separation, Integration und Inklusion nach dem Modell zur gesellschaftlichen Vielfalt nach Sander (2003) definiert und erläutert, damit ein Verständnis dafür besteht. Dabei wird eine vermehrte Fokussierung auf die Termini Integration und Inklusion gelegt, da diese aktuell besonders im öffentlichen Diskurs stehen. Einhergehend wird dabei noch die Begriffsirritation von Integration und Inklusion in Deutschland und die Begründung zur Verwendung des Begriffs der Inklusion statt Integration beleuchtet. Dabei werden die Begrifflichkeiten noch in dem Kontext „Menschen mit Migrationshintergrund“ betrachtet, um diese besser in den Bezug auf die Forschungsfrage eingrenzen zu können. Der Bezug auf die Forschungsfrage wird im fünften Kapitel bearbeitet. Es beschäftigt sich mit den Unterschieden und Gemeinsamkeiten der Konzepte der Integration und Inklusion, um einen Vergleich darstellen zu können. Am Schluss wird auch Kritik an den Modellen aufgezeigt, um die Möglichkeiten zur Durchsetzung dieser Konzeptionen, sowie im Fazit die pädagogische Relevanz in der Sozialen Arbeit darzustellen.

Aus Gründen der Einfachheit und optimaler Lesbarkeit wird in der Regel auf Gender Mainstreaming in dieser Hausarbeit verzichtet. Mit den genannten Personenbezeichnungen sind stets alle Geschlechter gemeint. Ebenso wird der Begriff „Menschen mit Migrationshintergrund” größtenteils mit MmM abgekürzt

2. Migrationsgesellschaft

In dieser Hausarbeit wird der Begriff Migrationsgesellschaft anstatt von Einwanderung oder Zuwanderung verwendet, aufgrund der Erarbeitung im Seminar zum pädagogischen Blick auf eine Migrationsgesellschaft. Im Folgenden wird die Begründung genauer aufgegriffen.

Der Ausdruck der Migrationsgesellschaft geht weiter als die Begriffe Einwanderung und Zuwanderung, da Migrationsgesellschaft ein weiteres Spektrum an Wanderungsphänomenen (Mecheril, 2010) und Migrationsprozessen aufzeigt. Beziehungsweise den Formen von Migration, wie zum Beispiel die Immigration, Emigration oder Transmigration (Blank, Gögercin, Sauer & Schramkowski, 2018). Mit dem Begriff der Einwanderung wird ein politisches Stigma verbunden, dass Deutschland kein Einwanderungsland sei. Zudem wird Einwanderung oft nur auf die Immigration beschränkt (Mecheril, 2010). Die Verwendung der Bezeichnung von Zuwanderung ist auch irreführend, da Migrationsphänomene nur eingeschränkt dargestellt werden und diese Phänomene eher additiv zu dem bereits Bestehenden hinzukommen würden (ebd.). Migrationsgesellschaft symbolisiert hingegen die Folgen von Migration und das dies Auswirkungen auf alle Gesellschaftsmitglieder hat (Blank et al., 2018). Der Begriff Migration ist dementsprechend allgemeiner und es wird eine Vielfalt an gesellschaftlichen Phänomenen thematisiert. Es wird die Wirklichkeit von Ein-/ Auswanderung, Pendelmigration, Formen der Migration, Vermischung von Sprachen und kulturellen Praktiken, oder Zwischenwelten und hybride Identitäten dadurch gekennzeichnet (Mecheril, 2010).

Die Soziale Arbeit beschäftigt sich dabei insbesondere über Prozesse, Formen und Bedingungen in der Migration, aber auch um Diskurse in der Migrationsgesellschaft, wie zum Beispiel über Diversität oder Rassismus.

3. Modell zur gesellschaftlichen

Vielfalt nach Sander Sander beschrieb in seinem Modell von 2003 4 Phasen von Partizipation von Menschen in der Gesellschaft (Exklusion, Separation, Integration & Inklusion). Dabei bediente er sich vorrangig auf Kinder und Jugendliche mit Behinderung, jedoch betreffen diese Phasen/Begrifflichkeiten auch andere, bzw. alle Teilgruppen der Gesellschaft. Dabei gehen die Phasen nicht nur ineinander, sondern verlaufen auch noch heute parallel (Alicke, 2013). In der Abbildung 1 sind die Begrifflichkeiten nach der verschriftlichten Erklärung nochmals schematisch als Zeichnung zu sehen.

3.1. Exklusion

Der Duden definiert Exklusion mit „Ausschließung, Ausgrenzung“ (Exklusion, die, o.J.) und wird vom lateinischen exclusio abgeleitet (ebd.)

Exklusion beschreibt also einen systematischen Ausschluss von Menschen an gesellschaftlichen Teilbereichen aufgrund von diversen Merkmalen, die als anders an der Homogenen Mehrheit kategorisiert werden (Alicke, Eichler & Laubstein, 2015). Es ist die „Kategorisierung von Menschen aufgrund eines oder mehreren Distinktionsmerkmalen“ (Alicke, 2013, S. 244), wie z.B. die Herkunft, Religion, Weltanschauung, physische Fähigkeiten, Sexualität oder das Geschlecht und Alter. Es erfolgt eine gesellschaftliche Stigmatisierung und als Konsequenz entsteht eine Ausgrenzung an relevanten Teilbereichen bzw. die Einschränkung von Rechten. So zum Beispiel, dass Frauen damals kein Wahlrecht hatten (Alicke, 2013). Die Europäische Kommission beschreibt Exklusion 2006 als „ Prozess, durch den bestimmte Personen an den Rand der Gesellschaft gedr ä ngt und durch ihre Armut bzw. wegen unzureichender Grundfertigkeiten oder fehlender Angebote f ü r lebenslanges Lernen oder aber infolge von Diskriminierung an der vollwertigen Teilhabe gehindert werden “ .

3.2. Separation

Der Duden definiert die Separation mit einer „Absonderung oder Trennung“ (Separation, die, o.J.) und wird aus dem lateinischen „separatio = Absonderung, zu: separare, separieren“ (ebd.) abgeleitet.

Es wird in Bezug auf der politischen und gesellschaftlichen Ebene die Separation bzw. Trennung von Menschen, die nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen damit gemeint. Dadurch wird eine „Störung“ der Normalität vermieden und die homogene Gesellschaft soll so gefördert werden (Alicke, 2013). Aufgrund der Separation bilden sich eigene Sozialräume und es besteht die Möglichkeit zur Teilhabe in eigenen gesellschaftlichen Subsystemen der Separierten. Bekannte Beispiele sind die Sonderschulen für Menschen mit Behinderungen oder deren Behindertenwerkstätten (Alicke et al., 2015).

3.3. Integration

Der Duden (Integration, die, o.J.) definiert Integration bildungssprachlich mit „[Wieder]herstellung einer Einheit [aus Differenziertem]; Vervollständigung (bildungssprachlich) Einbeziehung, Eingliederung in ein größeres Ganzes” und bedeutet als soziologische Verwendung: „Verbindung einer Vielheit von einzelnen Personen oder Gruppen zu einer gesellschaftlichen und kulturellen Einheit.” Das Wort wird aus dem lateinischen „integratio = Wiederherstellung eines Ganzen ” abgeleitet. Als Synonyme werden zum Beispiel Einheit, Ganzheit, Geschlossenheit, Verbundenheit und auch Inklusion aufgezählt.

Der Integrationsbegriff hat seinen Beginn mit Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre. Ziel war es „Neue programmatische Leitbilder [und] zugleich Impuls für eine reformerische Weiterentwicklung [separierter] Systeme“ (Frühauf, 2012, S.11) zu schaffen. Dieser Ansatz arbeitet dabei mit dem sogenannten Normalisierungsprinzip, also so normal zu leben wie möglich. Somit soll die „Ermöglichung von Lebensrhythmen und –standards“(ebd.) für MmM und bei Menschen ohne Migrationshintergrund erreicht werden. Es sollen also Minderheiten in bestehende Systeme der Gesellschaft integriert werden, bzw. die „Anderen“ sollen in das „Normale“ kommen können (Alicke 2013). Dadurch soll eine Chancengleichheit der Partizipation (Alicke et al., 2015) bzw. nach Schröer (2013) eher eine Teilhabechance der MmM entstehen. Denn MmM müssen sich für eine Integration an das System Anpassen und ein aktives Tun in der Gesellschaft dafür aufbringen. Schröer spricht auch hier von einer sogenannten „Bringschuld“ der Migranten. Integration ist aber auch als die „Gleichberechtigte Teilhabe an den ökonomischen, ökologischen, sozialen und kulturellen Ressourcen der Gesellschaft zu verstehen“ (Schröer 2013, S.251). Esser (2004) unterscheidet dabei die Integration noch in zwei Ebenen: die Systemintegration und die soziale Integration. Die Systemintegration beschreibt demnach die Integration zur Partizipation von MmM an der Gesellschaft und des sozialen Gebildes. Die soziale Integration hingegen, die Beziehung der Akteure einer Gesellschaft untereinander und zur Gesellschaft.

Einhergehend soll mit der Integration auch die Selbstbestimmung gestärkt werden, also bei Entscheidungen über sich selbst, mitgehört und einbezogen zu werden. Integration dient also der Eingliederung von MmM in die Gesellschaft, um so daran zu partizipieren (Hinz, 2002). Diese Eingliederung stellt einen „Individuumszentrierten Ansatz” (Hinz, 2002, S.359) dar und zeigt dementsprechend ein „differenziertes System”(ebd.), welches je nach Merkmal, in einer Zwei-Gruppen-Theorie eingeordnet wird. Also z.B. in Ausländer, mit Aufgabe zur Assimilierung und in Deutscher (ebd.). In einer integrativen Gesellschaft „wird eine friedliche Koexistenz“ (Inklusion und Integration, o.J.) von MmM und Menschen ohne Migrationshintergrund praktiziert, bzw. von allen Menschen einer Gesellschaft. Jedoch mit einer „unsichtbaren Demarkationslinie”(ebd.) in nicht physisch getrennten Räumen.

3.4. Inklusion

Der Duden (Inklusion, die, o.J.) definiert Inklusion soziologisch mit: „das Miteinbezogensein; gleichberechtigte Teilhabe an etwas“ und stellt diesen Begriff als Gegensatz der Exklusion dar. Aus der pädagogischen Sichtweise wird Inklusion mit: „gemeinsame Erziehung behinderter und nicht behinderter Kinder in Kindergärten und [Regel]schulen“ (ebd.) definiert. Die Herkunft stammt aus dem lateinischen inclusio (=Einschließen oder Einsperren). Als Synonym wird nur Integration aufgezählt.

Nach der Definition des Dudenverlags richtet sich die Inklusion in der pädagogischen Sichtweise nur an Menschen mit Behinderung und dabei werden andere Teilgruppen wie zum Beispiel MmM komplett außen vorgelassen, diese Definition entspricht also nicht ganz dem, was zurzeit in aktuellen gesellschaftlichen Debatten über diesen Begriff thematisiert wird (Tießler-Marenda, o.J.).

Der Begriff Inklusion taucht erstmals während den Behindertenrechtsbewegungen in den 1960er Jahren auf (Alicke, 2013) und ist durch die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) in Deutschland bekannter geworden. „Daraus entwickelt sich ein gesellschaftlicher Diskurs, der über die Behindertenarbeit ausgreift“ (Schröer, 2013, S.249) und beschreibt eine Zugehörigkeit aller Menschen, sowie deren Möglichkeit zur vollständigen Teilhabe in allen Bereichen des gesellschaftlichen, politischen oder sozialen Lebens (Schröer, 2013). Schröer vergleicht den beginnenden Diskurs und der Forderung den Inklusionsbegriff, anstatt der Integration zu verwenden mit dem Umbruch in der Migrationsgesellschaft von der Ausländerpädagogik zur Interkulturellen Pädagogik in den 1970er Jahren.

Inklusion meint also ein Verschwinden vom Integrationsbegriff zu einem allgemeinen Inklusionsverständnis (Flieger & Schönwiese, 2011). Mit Inklusion soll eine „Neugestaltung der Gesellschaft in der Umwelt“ (Flieger & Schönwiese, 2011, S.30) gelingen, sodass keine Stigmatisierung von MmM besteht und es eine Anerkennung auf Unterschiedlichkeit gibt (ebd.). Sander stellt 2003 Inklusion „als optimierte und erweiterte Integration“ (S.1) dar, wobei Inklusion nicht nur ein anderer Begriff, sondern auch ein neues Modell ist (Frühauf, 2012). Dabei gehört zum Inklusionskonzept eine Veränderung der Strukturen bestehender Systeme der Gesellschaft, sowie „Öffnung der Gesellschaft und ihrer Regelsysteme und definiert die Verschiedenheit der Menschen als Normalzustand“ (Tießler-Marenda, o.J., S.4)

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Welche Relevanz hat Inklusion für die Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft?
Hochschule
Universität Siegen
Note
1,7
Autor
Jahr
2020
Seiten
20
Katalognummer
V913156
ISBN (eBook)
9783346209627
ISBN (Buch)
9783346209634
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Inklusion, Integration Migration Separation, Integration, Migration, Soziale Arbeit, Migrationspädagogik, Ausländerpädagogik, Migrationsgesellschaft, Ex, Erziehungswissenschaften, Migrationshintergrund, Ausländer, Einwanderungsland, Partizipation, Teilgruppen der Gesellschaft., Exklusion, Vergleich von Integration und Inklusion, Migrations-/ und Integrationspolitik, Kritik an der Inklusion
Arbeit zitieren
Maximilian Langhammer (Autor), 2020, Welche Relevanz hat Inklusion für die Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/913156

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