Im Jahr 1900 wurde vom Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud unter dem Titel "Die Traumdeutung" eines der umfangreichsten und komplexesten Werke veröffentlicht. Ungefähr zur selben Zeit hat die Erfindung des Mediums Film ihren Ursprung. Kurz nach der Entwicklung dieser neuen Kunstform sind bereits mehrere Filme über Träume entstanden, zum Beispiel die avantgardistischen französischen Filme der 1920er-Jahre. Obwohl sich die Kunst auch davor mit der Abbildung der Träume beschäftigt hatte, schien der Film für die Abbildung innerer Realität prädestiniert zu sein. Seit mehr als hundert Jahren experimentieren die Filmemacher und Filmemacherinnen mit Kamerabewegungen, Ton, Montagetechniken usw., um die Traumphänomene nachzuahmen und die Konzepte von Zeit und Raum zu hinterfragen.
Es entstand eine spannende Beobachtung: Die beiden Konzepte von Film und Traum weisen Unterkategorien auf, die eine düstere und bedrohliche Atmosphäre erschaffen: den Horrorfilm und den Alptraum. Bei der allgemeinen Auseinandersetzung mit diesen Begriffen ist zu folgenden Schlussfolgerungen gekommen: Die erste, allgemeine Gemeinsamkeit dieser „dunklen“ Begriffe besteht in der Verbindung mit tiefen psychischen Prozessen und dem Spiel mit negativ konnotierten Gefühlen, die zweite bezieht sich auf die bildliche Sprache, die sowohl in den Träumen generell als auch im audiovisuellen Filmmedium ihren Platz findet.
Das Ziel der Arbeit besteht im Allgemeinen darin, die Verbindungen der großen Kategorien des Alptraums, des Films und der klassischen Freud‘schen Psychoanalyse anhand dieser drei Filme zu verfolgen. Dabei handelt es sich um die doppelte Wahrnehmung: Erstens wird betrachtet, wie die Charaktere den Alptraum erleben und wie er sich anhand ihrer Stellung mithilfe von Freud‘schen psychoanalytischen und/oder kulturwissenschaftlichen Theorien erklären lässt. Zweitens wird untersucht, wie der Zuschauer den Alptraum auf dem Bildschirm wahrnimmt und welche Rolle filmische audiovisuelle Mittel dabei spielen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Horrorfilme als Medium für die Darstellung der Alpträume
3. Begründung der Filmauswahl
4. Der Nachtmahr (2015): Film der „Traumlogik“
4.1. Ausgangssituation
4.2. Der Nachtmahr und dessen Verhältnis zu Tina
4.3. Der Nachtmahr als Abjekt
4.4. Der Nachtmahr und die Psychoanalyse: das Wesen als Freud‘sches „Es“
4.5. Bezug zur Romantikepoche
5. Before I Wake (2016): Familiendrama und Mutter-Sohn-Beziehung
5.1. Codys Alpträume und Jessies Visionen: Analyse beider Traumata
5.2. Psychoanalyse: der Alptraum und das Unheimliche
6. Spuk im Hill House (2018): zwischen dem Übernatürlichen und dem Femininen
6.1. Die Figur Olivias und ihre Alpträume
6.2. Psychoanalytische Erklärung für Olivias Alpträume: Hysterie?
6.3. Die Frau als das böse Andere
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die filmische, psychoanalytische und kulturwissenschaftliche Repräsentation von Alpträumen in ausgewählten Horror-Medien. Dabei liegt der Fokus auf der Analyse der psychischen Hintergründe von Charakteren und der filmtechnischen Umsetzung dieser subjektiven Erfahrungen, um das Wechselspiel zwischen individuellen Traumata und der medialen Inszenierung zu ergründen.
- Verbindung von Horrorfilm, Alptraum und klassischer Psychoanalyse nach Freud.
- Analyse der visuellen und audiovisuellen Gestaltung zur Erzeugung von Traum-Atmosphären.
- Untersuchung von Traumata bei den Charakteren (Tina, Cody, Olivia).
- Einordnung des „Monströs-Femininen“ und die Rolle der „bösen Mutter“.
- Kontextualisierung durch kulturwissenschaftliche Theorien, etwa von Julia Kristeva oder Barbara Creed.
Auszug aus dem Buch
4. Der Nachtmahr (2015): Film der „Traumlogik“
[…] Der Nachtmahr [stellt] einen originellen, von seiner frontalen Inszenierung mit suggestiver Kameraführung und verstörender Tonspur getragenen psychologischen Horrorfilm dar. Aber Regisseur Akiz – ein Pseudonym, hinter dem sich Achim Bornhak verbirgt – hat mehr im Sinn: Der Nachtmahr lässt sich eben nicht lückenlos in wörtliche Bedeutung rückübersetzen, da bleibt ein Rest, der schon die eindeutige Kategorisierung als Horrorfilm erschwert.13
Der Nachtmahr ist ein Film von Achim Bornhak (Künstlername: AKIZ) aus dem Jahr 2015. Als kurze Beschreibung des Inhalts lässt sich Folgendes zusammenfassen: Protagonistin ist eine 17-jährige Berlinerin namens Tina, die nach einer Party von einer hässlichen Kreatur verfolgt wird. Tina versucht zunächst, den Nachtmahr loszuwerden. Doch später wird ihr die ungewöhnliche Nähe zu dem Wesen bewusst.
Bevor mit der Analyse des Films begonnen wird, werden die Dimensionen genannt, die bei diesem sowohl audiovisuellen als auch inhaltlichen Beispiel essenziell sind. Hier geht es grundsätzlich um das Hinterfragen von Traum und Realität sowie um die begriffsübergreifende Bedeutung des Alptraums. Dabei werden folgende Fragen aufgeworfen: Wie wird das Wesen des Nachtmahrs ausgefasst und in welchem Verhältnis steht der Nachtmahr zu Tina? Wie wird das Spannungsverhältnis zwischen (Alp-)Traum und (filmischer) Realität konstruiert und welche (filmischen) Mittel werden dabei benutzt? Bei der Analyse des ersten Beispiels werden einzelne Filmausschnitte, die für das Verständnis der Nachtmahr-Figur bedeutsam sind, parallel mit den angewandten audiovisuellen Techniken untersucht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Verbindung von Horrorfilm und Psychoanalyse ein und erläutert die Relevanz des Alptraums als Ausdruck verdrängter psychischer Prozesse.
2. Horrorfilme als Medium für die Darstellung der Alpträume: Dieses Kapitel definiert die zentralen Begriffe Horrorfilm und Alptraum und erörtert ihre Gemeinsamkeiten in der emotionalen und körperlichen Wahrnehmung durch den Zuschauer.
3. Begründung der Filmauswahl: Die Autorin legt die Kriterien für die Auswahl von Der Nachtmahr, Before I Wake und Spuk im Hill House fest, wobei die psychoanalytische Analysierbarkeit als zentrales Auswahlmerkmal dient.
4. Der Nachtmahr (2015): Film der „Traumlogik“: Es wird die Entstehung des Nachtmahrs als Verkörperung verdrängter Anteile der Protagonistin Tina sowie die Bedeutung der filmischen Gestaltung und psychoanalytischer Konzepte wie des „Es“ analysiert.
5. Before I Wake (2016): Familiendrama und Mutter-Sohn-Beziehung: Fokus auf das Familiendrama und die durch ein Trauma geprägte Mutter-Sohn-Beziehung, wobei der Kreuzmann als unheimliche Manifestation eines nicht verarbeiteten Verlustes gedeutet wird.
6. Spuk im Hill House (2018): zwischen dem Übernatürlichen und dem Femininen: Untersuchung der Alpträume von Olivia Crain im Kontext ihrer Rolle als Mutter und den komplexen, nicht linearen Zeitsprüngen der Serie sowie einer kritischen Hinterfragung hysterischer Symptome.
7. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass alle untersuchten Alpträume als Symptome tiefer liegender Störungen dienen und durch das Medium Film neue, vielschichtige Diskurse eröffnen.
Schlüsselwörter
Alptraum, Horrorfilm, Psychoanalyse, Traum, Unheimliches, Abjektion, Trauma, Filmwissenschaft, Weiblichkeit, Hysterie, Identität, audiovisuelle Gestaltung, Es, Nachtmahr, Repräsentation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Alpträume filmisch dargestellt werden und welche psychoanalytischen sowie kulturwissenschaftlichen Bedeutungsebenen hinter dieser Darstellung stehen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind das Aufeinandertreffen von Realität und Traum, die Psychoanalyse nach Freud, das Konzept der Abjektion sowie die filmische Konstruktion von Angst.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es, die Verbindungen der drei Kategorien – Alptraum, Film und klassische Psychoanalyse – an den drei ausgewählten Filmbeispielen nachzuverfolgen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine filmwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die durch psychoanalytische Theorien von Sigmund Freud sowie kulturwissenschaftliche Ansätze (u.a. Julia Kristeva, Barbara Creed) ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in drei große Analysen: Der Nachtmahr (Traumlogik), Before I Wake (Familiendrama) und Spuk im Hill House (Übernatürliches und Feminines).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Alptraum, Psychoanalyse, Unheimliches, Trauma, Hysterie und das monströs-feminine Bild.
Inwiefern spielt der Aspekt des „Unheimlichen“ nach Freud eine Rolle?
Der Begriff wird genutzt, um zu erklären, warum die verzerrte Darstellung der verstorbenen Mutterfiguren beim Betrachter ein Gefühl von Vertrautem und gleichzeitig Schrecklichem auslöst.
Welche Rolle spielt die visuelle Gestaltung in den Filmen?
Die Autorin betont, dass filmische Mittel wie Lichtsetzung, Farbgestaltung, Kameraperspektiven und Sounddesign entscheidend dazu beitragen, den Alptraum als körperliche und unheimliche Erfahrung für den Zuschauer nachempfindbar zu machen.
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- Maria Ovcharenko (Autor), 2020, Wie wird die Wahrnehmung der Alpträume dargestellt?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/913360