AfD und Pegida. Die Entstehung eines neuen Cleavage?

Politikwissenschaftliche Theorien zum Parteiensystemwandel


Akademische Arbeit, 2018

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Ansatze
2.1. Die Cleavage -Theorie
2.2. Neue Konfliktlinien

3. Gesellschaftlicher Kontext
3.1. Katalysatoren des Wandels
3.2. Entstehung und Ausrichtung Pegidas
3.3. Entstehung und Ausrichtung der AfD

4. Analyse

5. Fazit

6. Bibliographie

1. Einleitung

„Wir sind das Volk, wir sind das Volk“ skandiert die Menschenmenge und Deutschlandfah- nen werden geschwenkt. Die 25.000 BürgerInnen, die im Januar 2015 durch die Dresdner In- nenstadt ziehen, sehen sich als Teil einer bundes- oder gar europaweiten Bewegung. Sie ste- hen auf gegen eine vermeintliche Islamisierung der Gesellschaft und zeichnen Bedrohungs- szenarien vor dem Hintergrund der sogenannten ,Flüchtlingskrise‘ (Süddeutsche Zeitung 2015; The Guardian 2015). Unter dem Namen Pegida1 demonstrieren seit Herbst 2014 jeden Montag in Dresden und zeitweise auch in zahlreichen weiteren deutschen Stadten Menschen mit dem Ziel, nationale Werte vor einer gefühlten Überfremdung zu verteidigen und auf die wahrgenommene Gefahr aufmerksam zu machen, die vom Islam ausgehe. Auch wenn die Demonstrationen mittlerweile zahlenmaBig starke EinbuBen zu verzeichnen haben, ist Pegida noch nicht ganzlich von der Bildflache verschwunden, vielmehr kam es sogar zu einem in- formellen Schulterschluss mit der Partei ,Alternative für Deutschland‘ (AfD).2 Aufgrund des groBen Erfolges Letzterer bei Landtagswahlen im gesamten Bundesgebiet und jüngst bei der Bundestagswahl im Herbst 2017, ist die Prasenz rechten Gedankenguts in Deutschland deut- lich sichtbar geworden. Bewegt der Aufstieg rechtspopulistischer Parteien bereits seit einigen Jahren in ganz Europa die Gemüter, so zieht nun erstmals seit Ende des zweiten Weltkrieges auch in Deutschland wieder eine rechtspopulistische Partei in den Bundestag ein.

Vor dem Hintergrund der Bürgerbewegung Pegida einerseits und der Entstehung der Partei AfD andererseits, möchte ich deshalb in dieser Arbeit der Frage nachgehen, ob von der Entstehung einer neuen Konfliktlinie in unserer Gesellschaft gesprochen werden kann und inwiefern diese von der AfD in das Parteiensystem übertragen wird. Dabei vertrete ich zum einen die These, dass Pegida einer neuen Konfliktlinie zwischen NationalistInnen und Kos- mopolitInnen, im Sinne von Carmen Schmidt (2015), öffentlich Ausdruck verleiht. Zum an­deren konstatiere ich, dass die in diesem Zusammenhang von den beteiligten BürgerInnen be- nannte Reprasentationslücke durch die AfD geschlossen und die neue Konfliktlinie damit in unser Parteiensystem übertragen wurde.

Zur Klarung dieser Thesen führe ich zuerst in die von Lipset und Rokkan (1967) ent- wickelte Cleavage -Theorie ein, welche unter sogenannten Konfliktlinien Werte- und Interes- sensgegensatze sozialer Gruppen versteht, die zu einer Spaltung in der Gesellschaft führen.

Da Lipset und Rokkans Ansatz Konfliktlinien thematisiert, welche die Formierung des Partei- ensystems seit 1920 erklaren, möchte ich auBerdem neuere Konzepte einbeziehen, die jenes weiterentwickeln, indem sie neue Konfliktlinien in Bezug auf aktuelle gesellschaftliche, poli- tische, soziale und ökonomische Situationen definieren. Insbesondere werde ich dabei auf Carmen Schmidts (2015) Weiterentwicklung des Cleavage -Ansatzes und ihre vier darin her- ausgearbeiteten möglichen Konfliktlinien eingehen. Ihr Konzept soll dabei helfen, eine Ein- ordnung der AfD vorzunehmen und vor diesem Hintergrund zu beantworten, ob es sich bei der AfD um die Reprasentation einer neuen gesellschaftlichen Konfliktlinie im Parteiensys- tem handelt. Im Anschluss an die Darstellung der theoretischen Konzepte zur Einbettung der Analyse, folgt eine Betrachtung des gesellschaftlichen Ist-Zustands in Deutschland. Dazu ge- he ich auf einschneidende soziale und politische Ereignisse ein, welche möglicherweise als Katalysatoren für die Entstehung einer neuen Konfliktlinie gedient haben. Des Weiteren er- lautere ich Entstehung, Zusammensetzung und inhaltliche Ausrichtung von Pegida und AfD. Diese Informationen sind notwendig, um in der anschlieBenden Analyse zu klaren, inwiefern die Voraussetzungen für die Entstehung einer Konfliktlinie gegeben sind und ob die AfD die- se in das Parteiensystem übertragt.

2. Theoretische Ansatze

2.1. Die Cleavage -Theorie

Die bereits 1967 von Lipset und Rokkan formulierte Cleavage -Theorie gilt noch heute als ei- ne der einflussreichsten zur makrosoziologischen Erklarung von Wahlverhalten und Re- konstruktion der Entstehung von Parteiensystemen (Stifel 2018: 28). Ihr ursprüngliches Ziel war es, ein Modell zu entwickeln, mit welchem die Entstehung verschiedener westeuropai- scher Parteiensysteme mit Rückgriff auf eine historische Perspektive erklart werden kann (Lipset und Rokkan 1967: 3). Dafür gehen sie davon aus, dass in jeder Gesellschaft spezifi- sche Konfliktlinien vorliegen, entlang derer politische Willens-, und damit auch Parteienbil- dung, vonstattengeht (LpB 2012: o.S). In ihrer historischen Analyse identifizieren sie vier „critical lines of cleavages“ (Lipset und Rokkan 1967: 14). Dabei ist unter dem Begriff Cleavage oder „cleavage line“ (ebd.: 5) gemaB der englischen Übersetzung eine Kluft, im übertragenen Sinne eine Konfliktlinie zu verstehen, die sich aus konkurrierenden oder gegen- satzlichen Interessen gröBerer gesellschaftlicher Gruppen ergibt. Lipset und Rokkan liefern keine eindeutige Definition eines Cleavage, setzen jedoch voraus, dass es sich um dauerhafte Konflikte handelt, die groBe Teile der Bevölkerung betreffen und ihr Alltagsleben beeinflus- sen. Zugleich muss den Mitgliedern der einzelnen Gruppierungen die Spaltung, genauso wie die von ihnen verkörperte kollektive Identitat bewusst sein, um von einer Konfliktlinie spre- chen zu können (ebd.). Lipset und Rokkan (1967: 13) benennen vier Cleavages, die gemaB ihrer Theorie für die Entstehung westeuropaischer Parteiensysteme relevant waren und je- weils aus historischen GroBereignissen hervorgingen. Dazu zahlen die Konflikte zwischen Zentrum und Peripherie sowie Kirche und Staat, die sich aus dem Prozess der Nationenbil- dung ergeben haben. Als zweiter übergreifender Makroprozess wird die Industrialisierung an- gesehen, die zur Entstehung der beiden Konfliktlinien Stadt versus Land und Arbeit versus Kapital führte, bei denen sich Interessen von ArbeitnehmerInnen und ArbeitgeberInnen sowie von VertreterInnen des landlichen und des stadtischen Bereichs gegenüberstanden (Broschek und Schultze 2006: 26). Ein durch derartige Interessen- oder Wertgegensatze gekennzeichne- ter, gesellschaftlicher Konflikt, kann von bestehenden Parteien aufgegriffen werden oder zur Entstehung neuer Parteien führen. Dabei verstehen Lipset und Rokkan (1967: 3) eine Partei als „agent of conflict and instrument of integration“. Das heiBt, Parteien stellen Kanale dar, die gegensatzliche Interessen zu artikulieren und gleichzeitig integrativ wirken (ebd.: 4f). Die Übertragung sozialstrukturell verfestigter Interessensgegensatze in das Parteiensystem erfolgt jedoch keineswegs automatisch. Sie sind auf die Bündelung und Artikulation durch kollektive Akteure wie Verbande, soziale Bewegungen oder Gewerkschaften angewiesen (Broschek und Schultze 2006: 26). Lipset und Rokkan (1967: 27) definieren zudem vier verschiedene Schwellen („thresholds“), von denen eine solche Transformation abhangig sei. Als erste Schwelle gilt die ,Legitimation‘, die voraussetzt, dass Kritik und Protest als legitim erachtet und nicht als konspirativ abgelehnt und mit Repressionen geahndet werden. Eine zweite Vo- raussetzung stellt die ,Inkorporation‘ dar. Hier geht es darum, den AnhangerInnen der Bewe- gung dieselben politischen Partizipationsrechte zuzugestehen, wie dem Rest der Bevölkerung. Als dritte Schwelle wird die ,Reprasentation‘ definiert, die sich damit befasst, ob die Bewe- gung über eine parlamentarische Reprasentation verfügt. Als letzte Schwelle gilt die „majority power“, bei der ausschlaggebend ist, inwiefern die neue Bewegung in der Lage ist, strukturel- le Veranderungen im nationalen System hervorzurufen oder ob ihr in dieser Hinsicht Schran­ken gesetzt sind (ebd.). Aufgrund der dargestellten Hürden einer Transformation gesellschaft- licher Konflikte in eine eigene Partei, ist es durchaus wahrscheinlich, dass nicht alle latent vorhandenen Konfliktlinien in das Parteiensystem übersetzt werden. Geschieht dies jedoch, kann davon ausgegangen werden, dass sich diejenigen, die sich als Mitglieder der jeweiligen Konfliktbewegung identifizieren, bei Wahlen regelmaBig für die entstandene ,Bündnispartei‘ entscheiden. Die notwendige kollektive Identitat kann sich hierbei aus verschiedenen Fakto- ren ergeben: z.B. soziale Schicht, kulturelle Zugehörigkeit oder kollektive materielle Interes­sen (ebd.: 13). Eine solche stabile Verbindung zwischen einer Partei und der am Konflikt be- teiligten Bevölkerungsgruppe wird als „Alignment“ bezeichnet (ebd.: 5). Lipset und Rokkans Schlussfolgerung daraus war die „frozen party system“-These, gemaB der sich das Parteien- system zu Beginn des 20. Jahrhunderts formiert hat und zu einem vorlaufigen Abschluss ge- langt ist, da sich keine neuen Konfliktlinien auf parteipolitischer Ebene institutionalisieren konnten (Stifel 2018: 28). Inzwischen wird jedoch vermehrt von „De-Alignment“ gesprochen und damit auf eine Auflösung traditionaler Bindungen und wachsende Volatilitat der Wahle- rInnen angespielt (Broschek und Schultze 2006: 27). AuBerdem wird „Re-Alignment“ prog- nostiziert, da man davon ausgeht, dass neue Konfliktlinien entstehen, die das bestehende Sys­tem erganzen. In diesem Sinne identifizierte Ronald Inglehart (1977)3 eine neue Konfliktlinie zwischen Materialismus und Postmaterialismus, das heiBt zwischen einem Glauben an öko- nomisch-technologisches Wachstum gegenüber der Praferenz für Nachhaltigkeit und ökologi- sches Wirtschaften. Dieser Wertewandel habe schlieBlich zur Etablierung der Grünen geführt (LpB 2012: o.S.). Ein Wandel der Gesellschaft bedeutet damit nicht eine Auflösung aller Cleavages und das Ende der Übertragung gesellschaftlicher Konflikte in das Parteiensystem, sondern bringt vielmehr die Möglichkeit mit sich, dass sich neue Konfliktlinien etablieren, die - sofern sie alle Voraussetzungen erfüllen - ebenso in eine Partei transformiert werden kön- nen.

2.2. Neue Konfliktlinien

Vor dem Hintergrund des beobachteten ,Einfrierens‘ (freezing') der Parteiensysteme in den 1920er Jahren und ihres ,Auftauens‘ (unfreezing') in den spaten 1960er Jahren, sollte die Cleavage -Theorie als zyklisches Modell betrachtet werden, bei dem feststehende Konflikt- konstellationen in kritischen Phasen (critical juncture) aufgebrochen werden können und sich neu ausdifferenzieren (Flora 2000: 21; Schmidt 2002: 24). Ein solches Aufbrechen und Ent- stehen neuer Konfliktlinien haben seit den 1970er Jahren bis heute viele WissenschaftlerInnen untersucht und jeweils sehr ahnliche Konflikte identifiziert, diese jedoch durchweg unter- schiedlich benannt.4 Gemein ist ihnen, dass ihre neu identifizierten Cleavages in erster Linie auf Wertekonflikten basieren (Niedermayer 2009: 33). Damit folgen sie der von Inglehart (1990: 263) formulierten Annahme, beim Konflikt zwischen Materialismus und Postmateria- lismus handle es sich um ein „value cleavage“. KritikerInnen erkennen diese Wertedimension nicht als eigenes Cleavage an, sondern betonen die noch immer vorhandene Dominanz der al­ten, strukturellen Konfliktlinien (vgl. Knutsen und Scarbrough 1995). In dieser Arbeit sollen insbesondere Carmen Schmidts (2015) Überlegungen zu aktuellen Konfliktlinien betrachtet werden, da sie die von Lipset und Rokkan definierten Cleavages nicht einfach ersetzt, son- dern im Sinne neuer gesellschaftlicher Gegebenheiten weiterentwickelt. Dabei versteht sie die Cleavage -Theorie als dynamisches Entwicklungskonzept, das keinen geradlinigen Verlauf von Alignment und Dealignment voraussetzt, sondern vielmehr die Ungleichzeitigkeit gesell- schaftlicher und politischer Entwicklungen anerkennt (ebd.: 367).

Globalisierungsprozesse im Bereich der Wirtschaft haben zu wachsender ökonomi- scher Interdependenz einzelner Nationalstaaten geführt und den Neoliberalismus zum „neuen politischen Leitprinzip“ werden lassen (Schmidt 2015: 369). Der Abbau staatlicher Kontrolle, immer mehr Privatisierungen, die Öffnung der Finanzmarkte und eine Verlagerung der Pro- duktion in Billiglohnlander war ebenso die Folge wie steigende Arbeitslosigkeit in Industrie- staaten. Damit entwickelte sich ein Spannungsfeld zwischen ausdrücklichen UnterstützerIn- nen neoliberaler Strukturreformen und wohlfahrtsstaatliche Interventionen bevorzugenden KeynesiansitInnen (ebd.). Der ehemals relativ klar definierte Arbeit-Kapital-Konflikt unter- liegt einer Transformation, da sich die Zusammensetzung der Erwerbstatigen stark in Rich- tung des neuen, tertiaren Sektors verschoben hat. Beschaftigte im Dienstleistungssektor kön- nen nicht mehr in ihrer Gesamtheit gewerkschaftlich vertreten werden, da ihre Interessen, Ar- beitsbedingungen und Einkommen stark variieren. Auf der anderen Seite kommt eine interna­tionale Dimension dazu, durch die sich eine Abgrenzung zwischen transnationalen Unter- nehmen und nicht tarifvertraglich abgesicherten ArbeitnehmerInnen ergibt (ebd.: 370). Des Weiteren benennt Schmidt (2015: 374) den von Inglehart ausgearbeiteten Konflikt zwischen materiellen und post-materiellen Werten als eine Weiterentwicklung des Cleavage zwischen Kirche und Staat aufgrund seiner ideologischen Dimension und dem vorhandenen „Freund- Feind-Gegensatz“ zweier unterschiedlicher Wertesysteme (ebd.: 371). Der Ausbau des Wohl- fahrtsstaates und die Sattigung materieller Grundbedürfnisse habe verstarkte Forderungen nach nichtmateriellen Gütern, wie Umweltschutz, Gleichberechtigung oder Menschenrechten, hervorgerufen. Als letztes, und für die folgende Analyse relevantestes Cleavage benennt Schmidt den Gegensatz zwischen NationalistInnen und KosmopolitInnen. Auf der einen Seite finde eine kulturelle Öffnung aller Lander statt, neue Medien treiben einen grenzüberschrei- tenden Austausch und interkulturelle Kontakte an; Auf der anderen Seite rufe eben dieser Prozess starke Abwehrreaktionen von Menschen hervor, die ihre nationale Kultur meinen be- schützen zu müssen (ebd.: 372).

Schmidt (2015: 372) betont, dass es sich bei ihrer Darstellung zwei ökonomisch und zwei kulturell bedingter Cleavages nur um theoretisch mögliche Konflikte handelt, die in un- terschiedlichen Gesellschaften in variierender Intensitat und Reihenfolge auftreten können. AuBerdem ist sie der Meinung, dass die aufgrund von Interessen- und Wertgegensatzen neu entstehenden Parteien keineswegs automatisch sozialstrukturell klar abgrenzbare Wahler- gruppen auf sich vereinen können, sondern vielmehr eine heterogene Wahlerschaft anspre- chen müssen, die sich beispielsweise in sehr divergenten ökonomischen Situationen befindet. Aus diesem Grund erlangen Wertekonflikte eine besondere Bedeutung, da sie auch unabhan- gig von gesellschaftlicher Schicht eindeutige Polarisierungen durch die Konstruktion externer Feindbilder erlauben (ebd.: 376). Gleichzeitig wird die Etablierung neuer Parteien durch die Existenz alter Volksparteien erschwert, die in der politischen Machtstruktur fest verankert sind und die Fahigkeit besitzen, ihre Ausrichtung sozialen Veranderungen anzupassen (ebd.: 377). Erst wenn eine solche Anpassung nicht mehr in ausreichendem MaBe stattfindet und sich dementsprechend eine ideologische Lücke im Parteiensystem öffnet, kann diese Position mittels einer Parteineugründung erfolgreich besetzt werden.

3. Gesellschaftlicher Kontext

3.1. Katalysatoren des Wandels

Schmidt (2015) definiert in ihrer Analyse Prozesse der Globalisierung als maBgebliche Kata­lysatoren gesellschaftlichen Wandels auf wirtschaftlicher, kultureller und politischer Ebene. Dabei sind jedoch nicht alle Globalisierungsprozesse gleichermaBen dafür geeignet, Polarisie- rungen innerhalb der Gesellschaft wie auch in Parteiensystemen zu erklaren. In diesem Ab- schnitt sollen soziale, ökonomische und politische Ereignisse und Entwicklungen in Deutsch­land und Europa betrachtet werden, die die Herausbildung eines Cleavages zwischen kosmo- politischen und nationalistischen Einstellungen und damit auch die Entstehung rechtspopulis- tischer Parteien begründen können.

Der sich in den 1980er Jahren vollziehende Wertewandel hat zu einer Spaltung zwi- schen MaterialistInnen und PostmaterialistInnen geführt, wobei letztere sich einem Streben nach nicht-materiellen Gütern zuwandten und eine libertare Orientierung vertraten. Diese Entwicklung führte zur Entstehung der neuen Partei ,Bündnis90/ die Grünen‘ und damit zu einer Veranderung des bis dato bestehenden Parteiensystems. Zeitgleich etablierte sich jedoch keine neue Partei zur Vertretung materialistischer Interessen. Dies kann darauf zurückgeführt werden, dass materialistische Interessen zu diesem Zeitpunkt in zufriedenstellender Weise von bereits bestehenden Parteien vertreten wurden. Insgesamt kann jedoch von einer generel- len Abnahme der Polarisierung entlang ökonomischer Interessen ausgegangen und stattdessen ein Bedeutungsgewinn von Werthaltungen verzeichnet werden. Wandlungsprozesse, wie die Umstrukturierung der Wirtschaftssektoren und der rücklaufige Einfluss der Kirche, haben zu- dem dazu beigetragen, dass sich traditionelle Parteibindungen spezifischer Wahlergruppen lo- ckern (Schmidt 2015: 365).

Wichtige gesellschaftliche Ereignisse, die zu kontroversen Positionierungen und Spal- tungen innerhalb der Bevölkerung Deutschlands geführt haben, waren diverse Öffnungspro- zesse: wirtschaftlich wie kulturell, auf europaischer und überregionaler Ebene. Als negative Folgen dieser Öffnungen gilt die internationale Finanzkrise sowie seit 2009 die europaischen Staatsschulden- und Bankenkrise, bekannt als Eurokrise, im Zuge derer die Stabilitat der Wahrungsunion insgesamt in Frage gestellt wurde. Insbesondere die auf diese Krisen folgen- de Arbeitslosigkeit, führte zu wachsender Verunsicherung in den Bevölkerungen und einer steigenden Tendenz euroskeptischer Einstellungen. Die gleichzeitig voranschreitende europa- ische Integration führte in einigen Teilen der Bevölkerung zu einer wahrgenommen Bedro- hung der eigenen nationalen Identitat und damit zu Abgrenzungstendenzen und einer anti- europaischen Haltung (Kriesi 2005: 10).

Wichtige aktuelle GroBereignisse, die hierzulande die Bevölkerung emotional bewe­gen und polarisierte politische Positionierungen hervorrufen - auch von zuvor politisch indif- ferenten BürgerInnen - sind zum einen die diffuse Bedrohung durch islamistischen Terroris- mus und zum anderen die medial sehr prasente, sogenannte ,Flüchtlingskrise‘. Europaweit von PopulistInnen bemühte Feindbilder bedienen sich einer Abgrenzung gegenüber ,den An­deren‘, worunter neben Minderheiten wie Sinti und Roma nun verstarkt AuslanderInnen aus dem arabischen Raum und MuslimInnen gefasst werden. Das diffus vorhandene Unbehagen in der Bevölkerung wurde durch reale Gegebenheiten ausgelöst, wie religiös motivierte, terro­ristische Attentate und eine wachsende Anzahl Schutzsuchender in Deutschland, welche ihren Höhepunkt im Sommer 2015 erreichte (Pisoiu und Ahmed 2016: 181f). Verstarkt wurde das wahrgenommene Bedrohungsszenario durch drastische Formulierungen von Medienvertrete- rInnen, wie auch PolitikerInnen; so war von „Flüchtlingsstrom“, „islamische[m] Asyl- Tsunami“ oder Schutzsuchenden als „Testosteronbomben“ die Rede (zit. n. ebd.: 182). Zu- dem fördern Berichte von Gewalttaten und sexuellen Belastigungen durch auslandische Tater vorhandene Angste und Ressentiments, da Kriminalitat in direkten kausalen Zusammenhang mit Herkunft oder Religion gebracht wird (Frindte und Dietrich 2017: XIf).

3.2. Entstehung und Ausrichtung Pegidas

Im Herbst 2014 entstand unter dem Namen Patriotische Europaer gegen die Islamisierung des Abendlandes (Pegida) eine rechtspopulistische Bewegung, die seither jeden Montag Men- schen zu Kundgebungen und Demonstrationen auf die StraBe lockte, um gegen eine vermeint- liche Islamisierung sowie die aktuelle Asylpolitik aufzustehen (Frindte und Dietrich 2017a: XI). Gegründet wurde sie von einem Freundeskreis um den Initiator Lutz Bachmann als Re- aktion auf islamistische Anschlage und geplante Asylunterkünfte in Dresden und umliegen- den Landkreisen. Mit ihrer Benennung als Patriotische Europaer sollte verdeutlicht werden, dass die Bewegung aus der „bürgerlichen Mitte“ komme (Vorlander et al. 2016: 5f); auch die Selbstbezeichnung als „besorgte Bürger“ unterstreicht dieses Anliegen. Erfolgreich konnte das Organisationsteam in den folgenden Wochen hauptsachlich über das Soziale Netzwerk Facebook immer mehr Menschen mobilisieren, sodass die Demonstrationen an ihrem Höhe- punkt im Dezember 2014/Januar 2015 bis zu 25.000 TeilnehmerInnen erreichten (Cakir 2016: 149). Dieses explosionsartige Anwachsen der Bewegung sowie ihre Verbreitung durch Able- ger in einigen weiteren deutschen GroBstadten und zeitweise sogar im europaischen Ausland überraschte BeobachterInnen aus Politik und Zivilgesellschaft (Dietrich et al. 2017: 235). Nach Skandalen um die bis heute an der Spitze der Bewegung stehenden Gründungsfigur Bachmann5 und einer Spaltung des Organisationsteams, gingen die Teilnehmendenzahlen stark zurück; trotzdem finden bis zum jetzigen Zeitpunkt noch immer wöchentliche Demonst- rationen in Dresden statt.

Bereits kurz nach Entstehung der Bewegung durchgeführte empirische Studien6 defi- nieren durchschnittliche Teilnehmende an Pegida Demonstrationen als mannliche Personen mittleren Alters mit leicht überdurchschnittlichem Nettoeinkommen, die in familiare Struktu- ren eingebunden sind und bestatigen damit zumindest auf sozioökonomischer Ebene die The­se der bürgerlichen Mitte (Frindte und Dietrich 2017b: 76). Des Weiteren nahmen laut ARD Deutschlandtrend im Januar 2015 SympathisantInnen Pegidas ihre persönlichen Lebensum- stande als signifikant schlechter wahr, als die restliche Bevölkerung (Frindte 2017: 20).

[...]


1 Akronym für „Patriotische Europaer gegen die Islamisierung des Abendlandes“

2 Nachdem es seit Bernd Luckes Austritt aus der AfD (2014) bereits mehrere Annaherungsversuche von AfD- FunktionarInnen an Pegida gegeben hat, machte sich zuletzt im Februar 2018 der sachsische AfD-Landeschef André Poggenburg für einen Schulterschluss mit der Bewegung stark und forderte damit, den unter Frauke Pet­ry 2016 verfassten Abgrenzungsbeschluss aufzuheben (BR.de 2018).

3 In seinem 1977 erschienen Werk „Silent Revolution“ vertritt und begründet der US-amerikanische Politologe Ronald F. Inglehart seine Theorie vom gesellschaftlichen Wertewandel.

4 Hier ein kurzer Einblick in Literatur zu neuen Cleavages:h jhjhjhjhjhjhjhjhjhjhjhjhjhjhhjjkjkjk Nachdem Inglehart eine Spaltung zwischen materialistischen und post-materialistischen Werten prognostizier- te, sprachen Herbert Kitschelt (1994) sowie Flanagan und Lee (2003) von einer neuen Konfliktlinie zwischen libertarer und autoritarer Orientierung. Hooghe et al. (2002) definieren diesen Konflikt als g rün-alternativ- libertar versus traditionell-autoritar-nationalistisch. Bronschier (2010) benennt selbigen Interessengegensatz als libertar-universalistisch versus traditionalistisch-kommunitaristisch (vgl. Kriesi 2010: 683). Merkel (2017) spricht von einer Konfliktlinie zwischen kosmopolitischen GlobalisierungsgewinnerInnen und (national- chauvinistischen) kommunitaristischen GlobalisierungsverliererInnen.

5 Es wurde belastendes Text- und Fotomaterial veröffentlicht, in dem sich Bachmann unter anderem abfallig über Asylsuchende auBerte (Vorlander et al. 2016: 13).

6 Siehe dazu unter anderem: Donsbach (2015), Patzelt (2015), Rucht et al. (2015), Vorlander et al. (2015).

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
AfD und Pegida. Die Entstehung eines neuen Cleavage?
Untertitel
Politikwissenschaftliche Theorien zum Parteiensystemwandel
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
21
Katalognummer
V913380
ISBN (eBook)
9783346223807
ISBN (Buch)
9783346223814
Sprache
Deutsch
Schlagworte
pegida, entstehung, cleavage, politikwissenschaftliche, theorien, parteiensystemwandel
Arbeit zitieren
Silvana Vialova (Autor), 2018, AfD und Pegida. Die Entstehung eines neuen Cleavage?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/913380

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