Entstehung des Brexit-Diskurses anhand der Theorie strategischer Handlungsfelder

Feldtheorie als Forschungsprogramm


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Feldtheorie als Forschungsprogramm

3. A Theory of Fields (Einführung und Grundbegriffe)

4. Methodologie der Theory of fields

5. EU-Austritt Großbritanniens Feldtheoretischer Erklärungsversuch
5.1. Setting the stage: Englishness und Europaskeptizismus 1946-1961
5.2. Emerging of the national Field of european politics: 1961-1975
5.3. kurzer Überblick: Ereignisse von 1975-1993
5.4. Ausblick einer weitergehenden feldtheoretischen Analyse 1993- 2016

6. Fazit

1. Einführung

Kaum ein Ereignis prägte innerhalb der letzten Jahre die Geschichte der Europäischen Union so stark wie die Referendumsentscheidung in Großbritannien bezüglich des Verbleibens oder Verlassens der Europäischen Union. Dabei entwickelte sich vor, wie nach dem Referendum ein verwirrender Verlauf von Ereignissen, Machtverschiebungen und Handlungen von Parteien und Personen. Doch wie lässt sich die Entstehung der Europaskepsis erklären? Welchen Einfluss haben unterschiedliche Akteure? Wie lassen sich alle Ereignisse bis zur Referendumsentscheidung und danach sinnvoll miteinander verbinden? Eine Möglichkeit, um Antworten auf diese Frage zu bekommen ist die Verwendung soziologischer Theorie.

Theorien können Komplexität reduzieren. Theorien erlauben die Beschreibung, Erklärung und Prognostizierung von sozialen Vorgängen und Ereignissen in den Sozialwissenschaften. Eine gute Theorie lässt sich empirisch anwenden und erweitert die Blickwinkel und den bisherigen Erkenntnishorizont einer bestimmten Thematik. Die Anwendung von Theorie auf ein empirisches Phänomen wird das Thema dieser Arbeit sein. Es soll untersucht werden, wie sich die grundlegende Verstimmung Großbritanniens bezüglich einer europäischen Integration entwickelte. Ich werde mithilfe der Theorie der strategischen Handlungsfelder von Neil Fligstein und Doug McAdam die Entstehung des nationalen politischen Feld der EU-Befürworter und EU-Gegner in Großbritannien (im späteren Verlauf der Arbeit wird es als „national field of european politics“ bezeichnet) erklären und prognostizieren, wohin eine weitergehende feldtheoretische Analyse führen könnte. Im Fazit wird abschließend kurz reflektiert, wie der feldtheoretische Erklärungsversuch für das Verständnis der Brexithistorie hilfreich sein kann.

Für die Analyse der Ereignisse, werde ich zuerst in die Feldtheorie als Forschungsprogramm einführen, um die Besonderheiten eines feldtheoretischen Zugangs hervorzuheben. Im Anschluss daran werde ich mithilfe des Buches: „A Theory of Fields“, auf die spezifische Feldtheorie von Neil Fligstein und Doug McAdam eingehen und ihre Bestandteile und Analysewerkzeuge beschreiben und erklären. Bei der Einführung in die Theorie der strategischen Handlungsfelder werde ich mich bemühen, die Theorie verständlich und verkürzt darzustellen, aber auch gleichzeitig nah an der textlichen Vorlage zu bleiben, um Ungenauigkeiten zu vermeiden. Sobald die Grundbegriffe der Theorie und ihre Anwendbarkeit beschrieben worden sind, werde ich die Entstehung des nationalen politischen Feldes nachzeichnen und einen Ausblick für eine weitergehende feldtheoretische Analyse der Referendumsentscheidung geben.

2. Feldtheorie als Forschungsprogramm

Bevor mit der Beschreibung der spezifischen Feldtheorie Fligsteins und McAdams begonnen wird, wird allgemein in die Feldforschung eingeführt und erklärt, welche spezifischen Charakteristika feldtheoretische Analysezugänge im Allgemeinen bieten und welche Voraussetzungen für eine spezifischere feldtheoretische Analyse benötigt werden.

Zuerst lässt sich festhalten, dass ein wesentliches Charakteristikum der Feldanalyse als Forschungsprogramm, die Heterogenität der Forschungspraktiken ist. Das stellt kein Problem dar, da es sich bei der Feldforschung in erster Linie um keine Theorie, sondern um ein Forschungsprogramm handelt (Bernhard; Schmidt-Wellenburg 2012: 27-28). Sie lässt sich nicht mithilfe einer übergreifenden Theorie charakterisieren, sondern als einen „festen Kern von grundlegenden Annahmen und Hintergrundwissen mit einem flexibleren Schutzgürtel“ verstehen (Bernhard; Schmidt-Wellenburg 2012: 28). Damit ist die Verständigung auf feste Grundannahmen innerhalb eines großen Interpretationsspielraums gemeint. Das hat den Vorteil, dass zum Beispiel Diskussionen über Begrifflichkeiten nicht das Grundgerüst der Feldforschung beschädigen, sondern sich im gewaltigen Interpretationsspielraum ereignen (Bernhard; Schmidt-Wellenburg 2012: 28).

Es lassen sich grundsätzlich drei Charakteristika der Feldforschung benennen. Erstens muss zwischen Forschungskern und Forschungsspielraum unterschieden werden.

Zweitens unterliegt das Feldforschungsprogramm keinen Vollständigkeits- und Konsistenzzwängen, denn der Erkenntnisgewinn über empirische Phänomene hat Vorrang gegenüber der Bildung einer allumfassenden Theorie.

Und drittens muss sich der theoretische Forschungskern angeeignet werden, da er die Grundlage der Feldforschung darstellt (Bernhard; Schmidt-Wellenburg 2012: 29-30).

Des Weiteren wird in der Feldforschung grundlegend angenommen, dass die Wirklichkeit ein Produkt sozialer Konstruktionen ist, bei dem subjektive und objektive Faktoren zusammenspielen. Diese soziale Wirklichkeit lässt sich als eine Ansammlung von sich überlagernden, schneidenden und konkurrierenden sozialen Feldern begreifen (Bernhard; Schmidt-Wellenburg 2012: 29-30).

In der Feldforschung gibt es keinen einheitlichen Konsens über die Definition des Feldbegriffs (Bernhard; Schmidt-Wellenburg 2012: 34). Trotzdem lässt sich sagen, dass der Ausgangspunkt jeder Feldanalyse die Untersuchungseinheit „Feld“ ist. Dabei ist zu beachten, dass der Feldbegriff ein nur schwer und abstrakt beschreibbarer Terminus ist. Felder lassen sich als eine Grundgesamtheit beschreiben, durch die empirische und theoretische Phänomene ihren „Stellenwert“ gewinnen. Sie sind „Ganzheiten“, die von konkreten „Gestaltungsgesetzen“ durchzogen sind. Die Beziehung zwischen Feldern und ihren Elementen steht dabei im Mittelpunkt der Feldforschung. Mithilfe dieser Beziehung können „Veränderungen im Zustand von Elementen“ erklärt werden (Bernhard; Schmidt-Wellenburg 2012: 35). Diese Veränderungen werden als Interaktion zwischen Feldern und bestehenden Zuständen verstanden. Elemente lassen sich aufreihen, je nachdem wie stark sie den Feldkräften unterliegen. Dabei leugnet eine Nichtberücksichtigung eines Elements durch die Feldkräfte nicht seine Existenz. Das Forschungsziel resultiert dann darin zu untersuchen, welche Elemente den Feldkräften unterliegen und welche nicht. Wichtig zu beachten ist, dass ein Feld auch bestehen kann, wenn keine Elemente seiner Wirkung unterliegen (Bernhard; Schmidt-Wellenburg 2012: 35). Einfacher ausgedrückt sind soziale Felder komplexe Einheiten, die sich wandeln, neue Eigenschaften produzieren und einer spezifischen Logik unterliegen. Die Entdeckung dieses logischen Kerns, welcher Fragen zur Entstehung, Interaktion, Spezifik und Veränderung der Kräfte auf die Feldelemente erklärt, ist das Ziel der Feldforschung (Bernhard; Schmidt-Wellenburg 2012: 37).

Ein weiterer wichtiger Begriff der Feldforschung ist die „soziale Praxis.“ Praxistheorien nehmen an, dass das Soziale und Kulturelle primär als impliziertes Wissen und als implizierter Sinn existiert. Materialität gewinnt das Soziale und Kulturelle in Körpern und Dingen (Bernhard; Schmidt-Wellenburg 2012: 37). Die soziale Praxis ist zum Beispiel laut Bourdieu wichtig, um Feldkräfte analysieren zu können. Denn die Form und Verteilung sozialer Praxen sei nicht beliebig, sondern das Produkt von Feldkräften und Machtbeziehungen zwischen Akteursgruppen. Soziale Ungleichheit wird so zum Beispiel nicht von einzelnen Entscheidungen geprägt, sondern durch soziale Praxis im Alltag produziert (Bernhard; Schmidt-Wellenburg 2012: 38).

Im vorherigen Abschnitt wurde schon der Begriff „Akteur“ angesprochen, welcher ebenfalls einen wichtigen Terminus in der Feldforschung darstellt. Akteure werden als eingebettete Faktoren verstanden, die weder Feldern gegenüberstehen noch auf Rollen und rationale Entscheidungsfunktionen reduziert werden können. Vielmehr sind sie selbst eine historische sowie aktuelle kulturelle Konstruktion. Sobald Akteure dem Wirkungsbereich eines Feldes unterliegen reagieren sie in einer spezifischen Art und werden zu einem „Feldganzen.“ Ihre Bewegungen im sozialen Raum (Strategien) werden durch spezifische Eigenschaften sowie den Feldkräften beeinflusst (Bernhard; Schmidt-Wellenburg 2012: 40).

Zusammenfassend lässt sich aus diesem Kapitel festhalten, dass Feldtheorie nicht als eine unter Vollständigkeitszwängen leidende Theorie verstanden werden muss, sondern als ein Forschungsprogramm, bei dem nur ein Konsens über den Wissenskern vorliegt. Gleichzeitig wurde in diesem Kapitel in Begrifflichkeiten der Feldforschung eingeführt und das grundlegende Basisverständnis dieser offenbart. Im nächsten Schritt wird nun auf die spezifischen feldtheoretischen Definitionen Fligsteins und McAdams eingegangen.

3. A Theory of Fields

Ein Problem der Sozialwissenschaften besteht nach Fligstein und McAdam, in der nicht ausreichenden Berücksichtigung von Sozialem Wandel und Sozialer Ordnung. Mithilfe ihrer Theorie versuchen die beiden Autoren diesem Problem entgegenzutreten. Das Ziel der Theorie ist, zu erklären, wie soziale Akteure Stabilität und Wandel in „sozialen Arenen“ erreichen. Diese sozialen Arenen werden von den beiden Autoren als strategische Handlungsfelder beschrieben. Ein strategische Handlungsfeld ist eine soziale Ordnung auf der Meso-Ebene und dient als Basisstruktur für jedes politische und organisationale Leben innerhalb der Gesellschaft. Jedes Handlungsfeld ist dabei in einer größeren Umwelt eingebettet, welche selbst aus vielen Feldern besteht. Auch können Felder in Staaten eingebettet sein, die selbst auch wie strategische Handlungsfelder strukturiert sind. Die Beziehung von Feldern mit ihrer Umgebung ist dabei oftmals der Ausgangspunkt für Chancen und Herausforderungen, denen sich ein Feld stellen muss. Umstrukturierungen und Neuschaffungen von Feldern sind meistens auf destabilisierende Prozesse in der größeren Umwelt zurückzuführen. Der Kern der Theorie lässt sich auf der Mikro Ebene finden. Soziale Akteure versuchen mithilfe der „essentiellen Funktionen des Sozialen“, welche für menschliche Geselligkeit und strategisches Handeln stehen, in einem Feld eine gewisse Ordnung zu Schaffen und Aufrechtzuhalten (Fligstein; McAdam 2012: 3). Innerhalb dieser Felder konkurrieren soziale Akteure um Ressourcen und Macht (Fligstein; McAdam 2012: 5). Um Ordnung zu schaffen und aufrechtzuerhalten verfügen soziale Akteure über „social skill“ (soziale Kompetenz). Soziale Kompetenz beschreibt die Fähigkeit intersubjektive Handlungen und Gedanken zu entwickeln (Fligstein; McAdam 2012: 4).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die hier angebotene Theorie unterschiedliche Ebenen verknüpft, um sozialen Wandel und soziale Ordnung erklären zu können. Dabei gibt es eine Vielzahl an Feldern in einer größeren Umgebung (zum Beispiel einem Staat), welche untereinander um Macht und Ressourcen konkurrieren. Die Theorie lässt sich bis auf die Mikro-Ebene herunterbrechen, wodurch analysiert werden kann, wie soziale Akteure mithilfe sozialer Kompetenzen, Stabilität und Wandel innerhalb strategischer Handlungsfelder erzeugen.

Im Folgenden wird noch genauer auf die einzelnen Schlüsselelemente der Theorie eingegangen. Zuerst wird mit dem Begriff des „strategischen Handlungsfeld“ begonnen.

Strategische Handlungsfelder sind Handlungseinheiten innerhalb der Gesellschaft. Sie sind, wie schon im vorherigen Abschnitt angeschnitten, soziale Ordnungen auf der Meso-Ebene, in denen soziale Akteure miteinander interagieren. Dabei ist die Basis für diese Interaktionen ein geteiltes Verständnis über die Bedeutung des Feldes, die Beziehungen unter den Akteuren des Feldes und des legitimen Handelns (Fligstein; McAdam 2012: 9). Diese Interaktionen sind oftmals „Kämpfe“ um Vorteile. Dabei haben Akteure oftmals eine unterschiedliche Ressourcenausstattung, auf die sie für diese „Kämpfe“ zurückgreifen können (Fligstein; McAdam 2012: 10). Als stabil können Felder bezeichnet werden, in denen Akteure in der Lage sind, sich selbst und das Feld über einen langen Zeitraum zu reproduzieren. Alle kollektiven Akteure sind selbst strategische Handlungsfelder, welche in andere Felder eingebettet sind. Die Autoren visualisieren dieses Konzept mithilfe einer Metapher. Wie bei einer „russian doll“ können Felder schichtweise ineinander liegen (Fligstein; McAdam 2012: 9).

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die soziale Konstruktion von strategischen Handlungsfeldern. Sie sind sozial konstruierte Arenen und ihre Mitgliedschaft basiert eher auf subjektiven als auf objektiven Kriterien. Felder und ihre Grenzen sind nicht feststehend, sondern können sich je nach Situation verändern oder neu bilden. Sie schaffen mithilfe ihrer Akteure eigene Bedeutungsschemata und Logiken (Fligstein; McAdam 2012: 10). Diese Einverständnisse unter den Akteuren lassen sich in vier Kategorien unterteilen. Erstens gibt es ein geteiltes Verständnis darüber was in dem Feld passiert und welchen Zweck es bedient (Fligstein; McAdam 2012: 10). Zweitens gibt es in Feldern Akteure mit mehr und mit weniger Einfluss. Akteure wissen wie ihre Position im Feld gegenüber anderen Akteuren ist. Drittens gibt es ein Einverständnis über die Regeln des Feldes. Damit ist gemeint, welche Taktiken innerhalb des Feldes möglich, legitim und für andere interpretierbar sind. Und viertens verfügen individuelle und kollektive Akteure über ein Interpretationsschemata, mithilfe dem sie die Handlungen andere Akteure verstehen und sinnvoll einordnen können. Dabei ist wichtig, dass dieser Blickwinkel subjektiv und somit verfärbt ist. Akteure deuten ihre Umwelt innerhalb ihres Interpretationsschemata (Fligstein; McAdam 2012: 11).

Für die Beschreibung von Wandel und Stabilität in Feldern sind Akteure eine wichtige Kategorie. Für eine Analyse müssen sie in drei Gruppen unterteilt werden. Es gibt in Feldern meistens „Incumbents“, „Challenger“ und „Governance Units.“ Felder bestehen aus einer Komposition von Dominierenden, Dominierten und Führungseinheiten. Die Incumbents, die Dominierenden eines Feldes besitzen innerhalb des Feldes einen großen Einfluss und prägen maßgeblich die Sichtweise und Interessen der dominierenden Organisation. Aufgrund dessen ist die gesamte Struktur und Zielsetzung des Feldes auf ihre Interessen abgestimmt. Oftmals legitimiert ihr Status innerhalb des Feldes ihre Ansprüche und Bedeutung im Feld (Fligstein; McAdam 2012: 13). Im Gegensatz dazu sind die Challenger, die Dominierten nur in der Lage unprivilegierte Nischen innerhalb des Feldes zu besetzen. Sie haben oftmals wenig Einfluss auf ihre Tätigkeiten. Obwohl sie die Logik des Feldes und ihre unprivilegierte Position erkennen, präsentieren sie oftmals eine andere Sichtweise auf ihre eigene Position im Feld. Der Begriff Challenger könnte suggerieren, dass die Dominierten durchgehend in einer Revolte gegen die dominierende Gruppe stehen. Jedoch ist das häufig nicht der Fall. Denn meistens nehmen sie was ihnen das System gibt und warten auf spezielle Möglichkeiten, um die Struktur anzugreifen (Fligstein; McAdam 2012: 13). Oftmals besitzen Felder Governance Units, welche als regulative Steuerungseinheiten beschrieben werden können. Sie sorgen für die Einhaltung der Regeln und sind maßgeblich an der reibungslosen Funktion und Reproduktion der Feldstruktur beteiligt. Sie sind innerhalb des Feldes angesiedelt und unabhängig von externen staatlichen Strukturen. Da die Regeln und Feldstrukturen von den Incumbents geprägt sind, helfen die Governance Units den Incumbents maßgeblich bei der Erhaltung ihrer Dominanzstruktur. Sie entlasten die Incumbents vom Management des Feldes, Naturalisieren und legitimieren somit die Ordnung im Feld und dienen als Verbindungsglied des Feldes in die Umwelt (Fligstein; McAdam 2012: 14).

Wenn Fligstein und McAdam auf die essenziellen Funktionen des Sozialen zu sprechen kommen, meinen sie ihren Theoriebegriff „social skill“ (Fligstein; McAdam 2012: 16). Das Konzept der sozialen Kompetenz ist auf der Mikro-Ebene angesiedelt und beschreibt eine individuelle Fähigkeit, die Akteure besitzen können oder nicht. Diese Fähigkeit soll über die Population normalverteilt sein (Fligstein; McAdam 2012: 17). Mithilfe dieses mikrosoziologischen Konzepts wollen Fligstein und McAdam erklären, welche Rolle Akteure für die soziale Konstruktion des alltäglichen Lebens haben (Fligstein; McAdam 2012: 16). Dabei gehen sie davon aus, dass Akteure mithilfe von strategischem Handeln, Wandel oder Stabilität in strategischen Handlungsfeldern erzeugen. Strategisches Handeln ist der Versuch von Akteuren soziale Welten mithilfe der Kooperation von anderen zu erschaffen und zu erhalten. Die Motivation für strategisches Handeln ist der Wunsch, mithilfe des Erschaffens von Ideologien, politischen Bündnissen und Interessen, andere Akteure zu kontrollieren. Für strategisches Handeln ist laut den beiden Autoren soziale Kompetenz unverzichtbar. Durch hoch entwickelte soziale Kompetenz können Akteure oder Akteursgruppen andere Menschen und Umgebungen lesen, Handlungsrahmen vorgeben und Menschen dazu mobilisieren innerhalb dieses Rahmens aktiv zu werden. Dabei hängt es von der Rolle im Feld ab, wie sozial kompetente Akteure von ihrer Fähigkeit Gebrauch machen. Sozial kompetente Akteure der dominanten Gruppe helfen bei der Aufrechterhaltung der Dominanz und sorgen somit für eine Stabilität im Feld. In instabilen Feldern versuchen sozial kompetente Akteure andere zu mobilisieren, politische Bündnisse aufzubauen und das Feld nach ihren Vorstellungen zu organisieren (Fligstein; McAdam 2012: 17).

Ein weiter wichtiger Bestandteil der Theory of fields ist die größere Umwelt, in der Felder eingebettet sind. Diese Umwelt besteht aus einem komplexen Netz aus Feldern. Die Autoren unterteilen Felder dabei in drei binäre Gruppen. Die erste binäre Gruppe besteht aus nahen und distanzierten Feldern. Nahe Felder sind Felder, zu denen das eigene Feld Verbindungen hat und die durch die Handlungen des anderen Feldes beeinflusst werden. Distanziert sind Felder, wenn sie keine Verbindungen und keinen Einfluss auf das eigene Feld haben. Die zweite Unterscheidung wird zwischen abhängigen und unabhängigen Feldern getroffen. Abhängig ist ein Feld, wenn es durch den Einfluss eines anderen Feldes charakterisiert ist. Unabhängig ist ein Feld, wenn der eigene Einfluss auf ein Feld genauso groß ist wie der Einfluss des anderen Feldes auf sich selbst, oder es keinen Einflüssen von anderen Feldern unterliegt (Fligstein; McAdam 2012: 18). Die dritte Unterscheidung wird zwischen staatlichen und nicht staatlichen Feldern getroffen. Staatliche Akteure haben die Macht, zum Beispiel mittels Regeln die Existenzfähigkeit nichtstaatlicher Felder zu beeinflussen. Somit haben staatliche Felder die exklusive Macht, die Stabilität der meisten strategischen Handlungsfelder zu beeinflussen. Jedoch ist zu beachten, dass eine hegemoniale Auffassung von Staaten verworfen werden muss, da Staaten selbst als eine Ansammlung von Feldern beschrieben werden müssen, die nah und distanziert, sowie horizontal und vertikal zueinander positioniert sein können (Fligstein; McAdam 2012: 19). Als wichtigsten Punkt dieses Theorieteils lässt sich festhalten, dass Felder in einer größeren Umwelt und in einem Netz aus anderen Feldern eingebettet sind, zu denen sie nah/distanziert und abhängig/unabhängig sein können. Sie können sich überschneiden und ineinander liegen. Die Beziehungen von Feldern haben oftmals einen großen Einfluss auf die Stabilität in den Feldern (Fligstein; McAdam 2012: 19).

Die größere Umwelt ist ein Ausgangspunkt für viele Turbulenzen, die als exogene Schocks beschrieben werden können. Ein signifikanter Wandel in einem Feld sorgt für „Turbulenzen“ in der Umwelt, die in andere Felder einschlagen. Je nachdem wie ein Feld aufgebaut ist, kann dies zu einer Destabilisierung des Feldes führen. Das kann zu Chancen für die Challenger führen und zu einer Bedrohung für die Incumbents werden. Challenger werden versuchen, ihre Position im Feld zu verbessern, während Incumbents normalerweise gut positioniert sind, um dem Druck standzuhalten. Sie können auf eine Vielzahl von materiellen, kulturellen und politischen Ressourcen zurückgreifen. Ob ein exogener Schock einen Wandel in einem Feld herbeiführen kann, hängt erstmal von den Interpretationen der Akteure ab. Das beginnt mit der Frage, ob Challenger und Incumbents den Schock als Chance oder als Bedrohung wahrnehmen (Fligstein; McAdam 2012: 19-20). Je nachdem wie die Interpretation aussieht, kann der exogene Schock zu sozialer Konstruktion und strategischem Handeln führen. Zur Mobilisierung von kollektivem Handeln müssen die organisationalen Ressourcen genutzt werden. Diese Handlungen können innovativ und ehemals verboten sein. Wenn Challenger zum Beispiel eine Möglichkeit spüren, einen Wandel im Feld zu erzeugen, werden sie kollektives Handeln mobilisieren und Druck ausüben (Fligstein; McAdam 2012: 21).

Wenn in einem Feld Akteure versuchen mit „innovativem Handeln“ sich gegenseitig zu bearbeiten, kann von einer „Periode der Auseinandersetzung“ gesprochen werden. Solche Episoden sind von langanhaltenden streitigen Interaktionen der Akteure geprägt. Diese Episoden enthalten ein allgemeines Gefühl der Unsicherheit über die Feldstrukturen und Machtbeziehungen. Dabei ist ein Feld so lange in der „Krise“, wie das Gefühl der Unsicherheit über die Feldstruktur gegeben ist. Durch die allgegenwärtige Unsicherheit wird das Gefühl der Bedrohung verstärkt. Die Incumbents werden oftmals versuchen, mithilfe der Unterstützung der internen Führungseinheiten den ursprünglichen Status wiederherzustellen, während die Challenger ihre Chance auf eine Positionsverbesserung wittern (Fligstein; McAdam 2012: 21-22).

[...]

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Entstehung des Brexit-Diskurses anhand der Theorie strategischer Handlungsfelder
Untertitel
Feldtheorie als Forschungsprogramm
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
21
Katalognummer
V913743
ISBN (eBook)
9783346209979
ISBN (Buch)
9783346209986
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Feldtheorie, Brexit, Fligstein, Forschungsprogramm, strategische Handlungsfelder
Arbeit zitieren
Julian Borchard (Autor), 2020, Entstehung des Brexit-Diskurses anhand der Theorie strategischer Handlungsfelder, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/913743

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