Frauenstatuetten. Verbreitungsgebiet, Fundstellen und Deutungen


Seminararbeit, 2003

39 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A.
1. Sinn und Zweck der Kunstwerke
2. Verbreitungsgebiet der Statuen
3. Grundschema der Figuren

B. Fundstellen
4. Willendorf in der Wachau (Österreich)
5. Lespugue (Haute-Garonne, Frankreich)
6. Brassempouy (Département Les Landes, Frankreich)
7. Savignano sul Panàro (Provinz Emilia, Modena/Italien
8. Gönnersdorf (Deutschland)
9. Fundstellen in Europäisch-Russland
9.1 Kostjenki I-Poljakov-Station
9.2 Gagarino
9.3 Malta
9.4 Mezin

C. Deutungen
10. Fundumstände
11. Deutungs versuche
12. Kennzeichen der Sesshaftigkeit

Literaturverzeichnis

Anhang

A

1. Sinn und Zweck der Kunstwerke

In mobilen Kunst des Paläolithikums gab es neben Gegenständen für den täglichen Gebrauch drei Gruppen, die offensichtlich keinem materiellen Zweck dienten: Die Sta­tuetten, die Knochenplättchen und die gravierten oder bemalten Platten aus Stein. Die genauen Praktiken, denen die Statuetten dienten, bleiben fast gänzlich unbekannt. A· ber gerade diesen altmenschlichen Ausdrucksformen des geistigen Lebens kommt eine besondere Aussagefähigkeit zu. Denn auf solch früher Stufe der menschlichen Ent­wicklung konnte die Kunst noch nicht jene eigentümliche, entartete Abschließung er­litten haben, durch die sie auf den Kreis weniger Verstehenden beschränkt wurde. Ur­geschichtliche Kunst ist vielmehr ungeschminkte Selbstdarstellung der Geistigkeit, unmittelbarer Ausdruck der Weltanschauung und des herrschenden Lebensgefuhls.

2. Verbreitungsgebiet der Statuen

Das Verbreitungsgebiet der Figürchen erstreckt sich von Südfrankreich und Oberita­lien bis Belgien und Mähren, über Willendorf in der Wachau und südlich an Moskau vorbei über Mezin, Gagarino und Kostjenki bis Malta über einen Raum von mehr als 100 Längenkreisen. Ihnen allen ist nach Dr. Franz Hancar eine ausgeprägte Zugehö­rigkeit zur Kulturstufe des Aurignacién-Solutréen gemeinsam. Alle dieser Rundbilder bilden trotz sozusagen persönlicher Eigentümlichkeiten doch ganz auffällig eine klar begrenzte und in ihrer Erscheinungsform deutlich bestimmte Einheit.

3, Grundschema der Figuren

Die stark übertriebenen Formen der Frauenstatuetten führten zu Bezeichnungen wie „Vénus stéatopyges“ oder „fette Venusfiguren“ (Leroi-Gourhan 1982: 109), was frei­lich zutreffender, wenn auch wenige^ schmeichelhaft ist. Das Grundschema, das die weiblichen Statuetten kennzeichnet, ist die fast kreisförmige Anordnung der Brüste, des Bauches und der Schampartie. Der Rest des Körpers veijüngt sich oberhalb und unterhalb dieses Kreises, so dass der Großteil der Figur in einem Rhombus einge­schrieben werden kann (Leroi-Gourhan 1982: 110). Sie betonen übertreibend die Züge der Mütterlichkeit und die üppige Form mit dem Wunsch nach Fruchtbarkeit in Ver­bindung zu bringen ist nahe liegend (Skira 1955: 123/124). Einige sind ohne Köpfe, die meisten haben aber wohl ein Gesicht, das aber fast immer eine einheitliche Fläche ohne Augen, Mund, Ohren ist. Diese weiblichen Figuren sind rätselhaft, vielleicht noch unverständlicher als die männlichen Gestalten, die uns wenigstens die Faszinati­on, die das Tier auf den Menschen ausübt, sehen lassen (Skira 1955: 123/124). Sowohl in den westlichen wie auch in den östlichen chronologischen Abfolgen treten die Frauenfiguren mit stark vereinfachten plastischen Merkmalen im selben Zeitpunkt der kulturellen Entwicklung auf, der durch zahlreiche Übereinstimmungen des Geräte­bestandes bestimmt werden kann. Auf ihn folgt eine Phase, in der der Realismus der weiblichen Figuren den symbolischen Darstellungen weichen musste. Im Osten führte diese Entwicklung zu den Statuetten von Mezin, im Westen finden sich die entspre­chenden Symbole in den Höhlen wieder (Leroi-Gourhan 1982: 116).

Im Folgenden werden einige Hauptfimdstellen der Venusstatuetten aufgeführt und be­schrieben. Es sind dies zunächst einige Fundorte aus Österreich, Frankreich, Italien und Deutschland: Willendorf, Lespugue, Brassempouy, Savignano sul Panàro und Gönnersdorf. Daraufhin werden die osteuropäischen Fundstellen Kostjenki, Gagarino, Malta und Mezin dargestellt, die hauptsächlich durch Dr. Franz Hancar beschrieben wurden.

B. Fundstellen

4, Willendorf in der Wachau (Österreich)

Willendorf liegt am linken Donauufer der niederösterreichischen Wachau und in der Zeit um 1885 legte der dortige Bahnbau neue Fundstellen auf dem Gelände eines ehe­maligen Ziegeleibetriebes frei. Am 29. Juli 1908 begann die erste planmäßige Ausgra- bung des Naturhistorischen Museums unter der Leitung Josef Szombathys (Angeli 1989: 11). Die Ausgrabungen brachten sieben Siedlungsstellen zutage, wenn man aber vom paläolithischen Willendorf spricht, ist die Fundstelle II am Ostende des Dorfes gemeint. Die Anwesenheit des Menschen an der Stelle dürfte während einer verhält­nismäßig günstigen Klimavariante der letzten Eiszeit begonnen haben (Angeli 1989: 22). Auf Grund der klimatischen Verhältnisse dieser Zeit war das Feuer überlebens­notwendig. Die Emährungslage war hauptsächlich vom Jagdertrag abhängig und Pflanzenkost spielte nur eine untergeordnete Rolle. In der Eiszeitlandschaft konnte sich also nur eine kleine Gruppe von Menschen erhalten und musste von Zeit zu Zeit ihr Jagdrevier wechseln, brauchten also viel Lebensraum (Angeli 1989: 25).

Die Ausgrabungen in Willendorf belegen, dass der Urmensch neunmal auf die Höhe kam, denn so viele Schichten zählte man (Angeli 1989: 41). In der obersten, jüngsten Kulturschicht, konnte am 7. August 1908 ein vollkommen erhaltenes, elf Zentimeter hohes Steinfigürchen, eine fettleibige Frau darstellend, völlig unversehrt gehoben wer­den (Angeli 1989: 41).

In der ersten Beschreibung der Venus von Willendorf (Anhang: A) vom Jahre 1909 von Josef Szombathy kann man von einem Figürchen aus oolithischem feinporösem Kalkstein lesen, das an der Fundstelle II in einer Hütte nahe an einem großen Feuer­herd der Schicht neun gefunden wurde und eine überreife, nackte und dicke Frau, mit großen Milchdrüsen und mit ansehnlichem Spitzbauch aber ohne eigentliche Steato- pygie darstellte (Angeli 1989: 45). Der nackte Körper der Statuette ist architektonisch aufgebaut. Brüste, Bauch, Hüfte und Schenkel sind deutlich abgesetzt, aber eng anei­nandergefugt. Nach unten und oben verjüngen sich die Konturen zu spitz auslaufenden Unterschenkeln und einem leicht vorgeneigten Kopf mit leerem Gesicht. Farbspuren lassen erkennen, dass die ganze Figur einmal mit rotem Farbstoff bedeckt war. Das Kopfhaar ist durch einen spiralig um den größten Teil des Kopfes gelegten kunstvollen Wulst ausgedrückt, aber die Gesichtsfläche ist leer. Die Arme sind reduziert indem die Unterarme und Hände nur in flachen über die Brüste gelegten Reliefstreifen ausge­drückt sind und sich im Rumpf verlieren.

Der Verfertiger dieser Statue beherrschte die Gestalt des menschlichen Körpers künst­lerisch sehr gut, hatte es aber darauf angelegt, nur die der Fruchtbarkeit dienenden Tei­le und ihre unmittelbare Nachbarschaft in die Erscheinung zu rücken, den Rest aber zu unterdrücken (Angeli 1989: 48). Von Bekleidung oder Schmuck ist an der Figur nichts angedeutet, außer an jedem Unterarm ein grobzackiger Handgelenksring.

Einige Jahre später, 1926, wurde in Willendorf bei Krems eine zweite Frauenfigur ge­hoben. Die erste, Venus von Willendorf genannt, ist aber die Bekanntere und ist wirk­lichkeitsnaher (Kühn 1929: 252).

5. Lespugue (Haute-Garonne, Frankreich)

Die Ausgrabungen in Lespugue in Frankreich begannen im Jahre 1911. Der Ort um­fasst mehrere Fundstellen, unter anderem die Grotte des Rideaux, die Grotte des Boeufs und die Grotte des Harpons. Die Grabungen wurden ausgefuhrt durch den Gra­fen René de Saint-Périer, welcher besonders in der Grotte des Rideaux eine große An­zahl von Kunstwerken fand (Kühn 1929: 153/154). Vor allem ist Lespugue berühmt geworden durch die Frauenstatuette, die am 9. August 1922 gefunden wurde (Anhang: B). Die Statue ist aus Mammutelfenbein geschnitzt und gehört dem Aurignacién an. Die Figur wurde leider durch den Spatenstich zerschnitten, einige Teile konnten aber wieder aneinandergefugt werden (Kühn 1929: 153/154).

Die Gliederung des Körpers ist rhombisch, die horizontale Gliederung ergeben die weit ausholenden Hüften. Die kleinen Unterschenkel entsprechen genau dem Kopf, die breiten Oberschenkel den Schultern, nicht nur in ungefährem Aufbau, sondern in der­selben Linienführung. Das Zentrum bildet der Mittelteil der Hüften, auf dem die Brüs­te aufliegen (Kühn 1929: 250). Die pralle Weiblichkeit der elfenbeinfarbenen Venus von Lespugue macht wegen ihrer harmonisch geometrisierten Formen kaum den Ein­druck, als bestünde sie aus Fleisch und Blut. Sie grenzt vielmehr an eine optische Vollkommenheit, der keine figürlichen Schranken gesetzt sind (Vialou 1992: 240).

6. Brassempouy (Département Les Landes, Frankreich)

In Brassempouy wurden insgesamt sieben Elfenbeinskulpturen, fast alle Bruchstücke, aus dem Aurignacién gehoben, eine achte Skulptur ist der bekannte Kopf aus dem Magdalénien. Ein Bruchstück eines Torsos (Anhang: C/2.) ist die künstlerisch vollen­detste der Figuren von Brassempouy. Die Formung der Rückenlinie, des Gesäßes, der Hüften, der Oberschenkel und der Brüste zeigt von einem für diese frühen Zeiten stark entwickelten Sinn für die Differenzierungen der Oberfläche (Kühn 1929: 247).

Eine Ausnahme der Kunstwerke bildet der winzige Kopf einer jungen Frau aus Mam­mutelfenbein (Anhang C/l), der im 19. Jahrhundert in Brassempouy entdeckt wurde. Nase und Mund sind sehr geglückt, was uns den Eindruck von Jugend, Schönheit und weiblichen Reizen verleiht. Sie ist unter dem ungerechtfertigten Namen „Figurine mit der Kapuze“ ziemlich bekannt, da ihr sorgfältig gekämmtes Haar die Form einer Ka­puze hat (Skira 1955: 136). Ihr Gesicht ist aber kein Beweis gegen die allgemeine Voreingenommenheit jener Zeit, die gerade das Gesicht nicht darstellen will, dafür aber andere Körperteile zeigt, die wir uns verborgen denken (Skira 1955: 136).

7. Savignano sul Panàro (Provinz Emilia, Modena/Italien)

Im Jahr 1925 wurde in Italien ein wertvoller Fund gemacht, die Statuette von Savigna­no sul Panàro aus der Provinz Emilia (Anhang: D). Die Statue hat die gleiche Kopf­form wie die Skulptur von Lespugue, die gleichen starken Körperformen und die glei­che Betonung der Brüste und der Geschlechtsmerkmale. Sie hat jedoch keine so aus­gesprochene Breite in den Hüften, sie ist schmaler und lang gestreckter in ihrer Form (Kühn 1929: 194). Hier entschied sich der Künstler für eine schlichte, die Gewichte gleichmäßig verteilende Formgebung, bei der er die aufrechte Stellung des Menschen ohne jede weitere Ausschmückung nutzte (Vialou 1992: 240). Es entstand hierbei eine 22,5 Zentimeter hohe Frauenskulptur in nüchterner, kegelförmiger Symmetrie aus grün-gelbem Stein.

8, Gönnersdorf (Deutschland)

Die mit Gönnersdorf vergleichbaren Statuetten haben eine mittel- bis osteuropäische Verbreitung. Parallelen zu den Gönnersdorfer Menschendarstellungen stammen aus Mezin aus der Ukraine. Die Verhältnisse in Mezin waren denen in Gönnersdorf sehr ähnlich, denn auch hier handelt es sich um länger bewohnte Winterhäuser. In der Dar­stellungsweise scheinen die Statuetten in der Abkürzung der menschlichen Gestalt den Gravierungen vorauszueilen (Bosinski 1974: 111). Das lässt sich auch in Gönnersdorf erkennen, wo die am vollständigsten ausgeführten Statuetten zwar ausgearbeitete Brüste, jedoch keine Andeutung der Arme haben, während unter den Gravierungen noch häufiger Arm und Brust dargestellt sind (Bosinski 1974: 111).

In Gönnersdorf wurden einige Elfenbeinstatuetten und Bruchstücke gehoben. Der O- berkörper der Statuen ist meist flach (Anhang: E/l+2) und läuft oben dünn aus. Nur manchmal sind Brüste herausgearbeitet (Anhang: E/l+5). Vom Oberende zu den Brüs­ten nimmt hierbei die Dicke zu und beide Brüste sind getrennt herausgearbeitet, wobei der Einschnitt zwischen ihnen gröber gearbeitet ist (Anhang: E/l). Der Knick zwi- sehen Rücken und Gesäß ist bei Statue eins sehr markant und das dreieckige Gesäß ist jeweils im Verhältnis zum schlanken Oberkörper sehr groß (Anhang: E/l+2+9). Die Bruchstücke stellen meist das ausladende Gesäß dar, wobei Bruchstück vier in der Breite ziemlich genau auf die Abplatzstelle an der Gesäßpartie des fragmentarischen Stückes Nummer drei passt, der direkte Anschluss aber fehlt (Bosinski 1974: 46).

9, Fundstellen in Europäisch-Russland

9.1 Kostjenki I-Poljakov-Station

Die Doppelbenennung der jungpaläolithischen Siedlungsstelle erfolgte nach dem Dorf Kostjenki und nach erstem Ausgräber J.S. Poljakov (Hancar 1939/40: 89). In dem Straßendorf Kostjenki am rechten Donufer ist das Gelände mit altsteinzeitlichen Kul­turresten buchstäblich gesättigt. Die Ausgrabungen erfolgten von 1879 bis 1934. Als wichtigste Ergebnisse lieferten die Ausgrabungen in Kostjenki einen aufschlussreichen Einblick in die Wohnweise des Junpaläolithikers und verschiedene Funde von Venus- statuettchen und Tierplastiken (Hancar 1939/40: 90).

Als formvollendete Schönheit zeigt sich die 1923 durch P.O. Jefimenko innerhalb ei­ner Wohngrube aufgedeckte Frauenfigur (Anhang: G/l). Sie ist 90,5 Millimeter hoch, aber leider fehlen der Kopf und die Beine unterhalb des Knies. Die Beine zeigen noch die einstige Verschmälerung, die das Einstecken in den weichen Lehmboden ermög­lichte. Die Darstellung ist streng frontal. Stark natursichtige Züge erkennen wir in der Wiedergabe der bimenförmigen Hängebrüste, des vorgewölbten Bauches, des massi­gen Beckens, des Fettwulstes in der Kreuzgegend und der typischen Faltenbildung des fettleibigen Gesäßes (Hancar 1939/40: 93). Daneben erscheinen die Schultern und die Oberschenkel schmächtig. An den Handwurzeln deuten eingeritzte Querstriche einen Schmuck an. Auch über der Brust und in gleicher Höhe auf dem Rücken sind drei pa­rallele Waagrechte und eine Schrägstrichelung möglicherweise als Darstellung eines tätowierten Brustgürtels eingeritzt. An Feinheit der Formgebung und an Weichheit der Linienführung kommt das Statuettchen an die verwandten Figürchen aus Brassempouy und Willendorf heran (Hancar 1939/40: 94).

Das steinerne Rundbild (Anhang: G/2), das einst zweifellos mit Absicht und Gewalt in vier Stücke zertrümmert und danach offensichtlich nachlässig in die Nische geworfen worden war, ließ sich fast vollständig zusammensetzen (Hancar 1939/40: 94). Diese Statuette ist die bisher größte der russischen Venusfigürchen. Sie mutet in ihrer Aus­führung wie ein erster Entwurf an, so roh sind die Formen umrissen, was aber auch im harten Rohstoff begründet sein könnte. Das Rundbild zeigt den typisch vorgesunke­nen, gesichtslosen Kopf, den ebenso charakteristischen, massig fetten Unterleib und die Wiedergabe der Beine abermals nur bis zum Knie. Trotz der ausgebliebenen Fer­tigstellung verrät das Figürchen eine unglaublich ziel- und treffsichere Künstlerhand. Die Frauenfigürchen erwiesen sich durchwegs absichtlich zerschlagen. Es entsteht der Eindruck, dass man die Wohngrube nicht einfach verließ, sondern die Leute ihre Wohnstätte vor dem Verlassen verwüsteten und das zurückbleibende Gut zerstörten (Hancar 1939/40: 96).

9.2 Gagarino

Nördlich von Kostjenki findet sich die zweite wichtige und interessante Station des osteuropäischen Jungpaläolithikums. Wie auch Kostjenki ist Gagarino ein lang gezo­gener Straßenort am linken Ufer des Don, wo S.N. Zamjatnin 1926 die jungpaläoliti- sche Siedlungsstelle aufgedeckt und 1927/29 ausgegraben hatte (Hancar 1939/40: 98). Es zeigte sich, dass von den Fundgegenständen die wertvolleren auffallenderweise unmittelbar am Rand der Wohngrube gefunden wurden. Innerhalb der Erdhütte wur­den sechs Venusfigürchen an den Wänden gefunden, als wären sie dort sorgsam ver­wahrt oder versteckt worden. Während drei das Höchstmaß an Sorgfalt und Feinheit der Ausfertigung erreicht haben, stellen die drei anderen eher unfertige Rohformen aus Mammutstoßzahn dar (Hancar 1939/40: 104).

Das erste Figürchen (Anhang: H/l) gibt das wohlbekannte Bild der jungpaläolithi- schen Venus mit ihrer Üppigkeit der Brüste und des Unterleibs, aber ohne Anzeichen eines Fettsteißes wieder. Im Gegensatz zur Statuette von Kostjenki I sind die Oberar­me entsprechend rundlich herausgearbeitet, während die Unterarme und die Hände nicht wiedergegeben sind. Gut geformt ist der schlanke Hals, der typisch eirunde Kopf in seiner vorhängigen Haltung sowie der Kopfschmuck. Den Haaransatz kennzeichnet anscheinend eine tief umlaufende Linie; danach reihen sich keilförmige, gegen den Scheitel in Punkte übergehende Kerben in konzentrischen Kreisen. Das Figürchen durchwegs um Figürchen stehender Frauen von 3-13 Zentimeter Höhe handelt (Hancar 1939/40: 116). Sie sind fast ausnahmslos aus Mammutstoßzahn und ganz vereinzelt aus Rengeweih hergestellt. Die Sorgfalt der Ausführung und das Aussehen ist unter­schiedlich., doch lässt sich mit Gerasimov nach der dargestellten Frauenart rein äußer­lich eine Scheidung in drei Typen aufstellen (Hancar 1939/40: 116).

Für den Typus der schlanken Frau (Anhang: 1/1) ist die ausgeprägte Schmalheit der Gestalt kennzeichnend. Schmal erscheinen die Schultern und das Becken und flach erscheint die Brust. Eng liegen die dünnen Arme am lang gezogenen Rumpf an, und die schlanken, unmodellierten Beine sind unnatürlich lang. Trotz der allgemeinen Schlankheit ist ein eigenartiger Hängebauch und ein ebenfalls eigenartiger Fettansatz an den Hüften vorhanden, der die Leibmitte rückwärts hochgezogen erscheinen lässt (Hancar 1939/40. 116). Dem Typus der schlanken Frau müssen auch Figürchen zuge­zählt werden, die das Äußerste an Hagerkeit darstellen. Die üppige Frau (Anhang: 1/2) bildet den Gegensatz zum Typus der schlanken und der hageren Frau. Wenn diese Fi­gürchen auch nicht die Formfulle einer Venus von Willendorf erreichen, tritt uns die Fettleibigkeit doch offensichtlich in der betonten Breite und Rundung der Schultern, der Hüften und des Bauches entgegen. Die gesamte Gestalt zeigt eine typische Aufein- andertürmung der Körpermassen. Der dritte Typus stellt die Frau mit ebenmäßigen Körperformen (Anhang: 1/3) dar. Wir bemerken ebenmäßige Rundungen und annä­hernd natürliche Größenverhältnisse des Rumpfes, dessen Schwergewicht gegenüber dem der üppigen Frau nach oben verschoben erscheint, was ihm die plumpe Schwer­fälligkeit nimmt (Hancar 1939/40: 116).

Unabhängig von der Körpergestalt erweist sich die Darstellung des Kopfes. Es gibt hier wiederholte und unterschiedliche Gesichtsdarstellungen, um darin aber die Wie­dergabe individueller Gesichtszüge zu erkennen, erscheinen sie zu undeutlich. Als durchlaufende Kennzeichen vermerkt Gerasimov eine hohe, stark gewölbte Stirn, leicht ausgeprägte Augenbrauenbogen und eine derbe Nase mit breiten Nasenflügeln. Augen und Mund sind meist nur leicht angedeutet oder fehlen ganz (Hancar 1939/40: 117). Das Kinn ist klar ausgeprägt, tritt aber nur schwach hervor. Der Gesichtsdarstel­lung wurde offensichtlich keine große Bedeutung beigemessen, da sie nur selten genau und in den meisten Fällen nachlässig ausgefuhrt wurde oder ganz fehlt. Dem Haar da­ verblüfft durch die Weichheit der Rundung und durch eine im Hochstand der Schnitz­technik wurzelnde Sauberkeit der Ausführung (Hancar 1939/40: 104).

Das zweite Statuettchen (Anhang: H/2) ist fast unverletzt und erweist sich vom glei­chen Typus wie das erste, wenn auch die Schwere des Unterleibs dadurch verringert erscheint, als die schlanken und ausführlich modellierten Beine den Körper mehr ge­streckt erscheinen lassen (Hancar 1939/40: 104). Hier wird der Kopfputz von einem stark hervortretenden Wulst gebildet, der über die Stime hervorragt, an den Seiten aber flach verläuft. Von interessanter Eigenart sind Wiedergabe und Haltung der Arme. Während die Oberarme in natürlicher Rundung von den schmalen, abschüssigen Schultern herab unabgegliedert am Oberkörper anliegen und auch die sorgfältig ausge- fuhrten Unterarme wie leicht aufwärts gehoben über den Brüsten liegen, lösen sich die Hände von der Massigkeit des Körpers los und nähern sich frei dem Kinn. Die rechte Hand ist zwar abgebrochen, die linke ist jedoch unverletzt und ihre Gebärde völlig eindeutig erkennbar.

Während die ersten beiden Statuetten die kleine wohlbeleibte Frau wiedergeben, zeigt das dritte (Anhang: H/3) die hochgewachsene, stattliche und vollschlanke Frau, ohne aber damit von der grundsätzlichen Wiedergabe des vorgeneigten, eirunden Kopfes, der gewaltigen Hängebrüste und des stark vorgewölbten Bauches abzustehen (Hancar 1939/40: 105). Das vierte Figürchen (Anhang: H/4) ist am oberen und unteren Ende leicht beschädigt, überliefert uns aber trotz seiner Winzigkeit unverkennbar die Wesenszüge eines Frauenrundbilds, wenn auch schematischer Art, während das fünfte und sechste Statuettchen (Anhang: H/5+6) ihren Wert darin besitzen, dass sie als wohl missglückte Rohformen zusammen mit den aufgedeckten Stoßzahnabfallstücken ein­deutig die örtliche Herstellung der Figürchen bezeugen (Hancar 1939/40: 105).

[...]

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Frauenstatuetten. Verbreitungsgebiet, Fundstellen und Deutungen
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Völkerkunde und Afrikanistik)
Veranstaltung
Proseminar: Felsbildkunst und mobile Kleinkunst vom Paläolithikum bis heute
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
39
Katalognummer
V913747
ISBN (eBook)
9783346232595
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit liegt lediglich als Scan vor.
Schlagworte
frauenstatuetten, verbreitungsgebiet, fundstellen, deutungen
Arbeit zitieren
Irene Schleifer (Autor:in), 2003, Frauenstatuetten. Verbreitungsgebiet, Fundstellen und Deutungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/913747

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